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Ein Loblieb auf die Klappe

Mit der neuen Ausstellung "Fenster zum Klo - Public Toilets & Private Affairs" von Marc Martin würdigt das Schwule Museum* Berlin die schwule Geschichte der öffentlichen Bedürfnisanstalten.

In diesen kostbaren Büdchen konnten sich unbeargwöhnt flüchtige oder intensive Beziehungen und Freundschaften entspinnen. Gewiss haben die dabei gefundenen Abwege ihre Spuren eher in den Protokollen der Sittenpolizei als in der Literatur hinterlassen. Die homosexuelle Community schämt sich ihrer wohl eher, als dass sie stolz auf sie wäre.

Und dennoch bedeuteten die sogenannten Klappen für zahlreiche Schwule, Transvestiten, Stricher und Sittenstrolche auch die Freiheit zum Abenteuer. Diese Durchgangsorte erlaubten untypische Gemeinschaften, in denen die sozialen Klassen durcheinandergerieten und sich unterschiedliche Milieus vermischten. So konnten sich in diesen "Pissbuden" alle möglichen Männer mit verfemten Wünschen näherkommen, sofern sie ihre Angst überwanden. Die öffentlichen Toileten haben Millionen Männern gute Dienste geleistet.

Obwohl diese Sichtbarkeit nur im "Untergrund" möglich war und oft als unwürdig und erniedrigend galt, zeigte sie doch immerhin, dass es so etwas wie Homosexualität überhaupt gab. Angesichts der allgemeinen Missachtung und unter dem strafenden Auge des Gesetzes drückte sich diese bis in die Achtzigerjahre mehr recht als schlecht eben dort aus, wo sie ein Schlupfloch fand.

Auf trüber Keramik oder vergilbter Ölfarbe haben sich hinter verschlossenen Türen Millionen von Graffiti angesammelt. Frei von den üblichen Regeln, ließen sie die Möglichkeit einer oder mehrerer Parallelwelten aufscheinen. Sie erzählen uns in einer rohen, zotigen Sprache von den uneingestandenen Wünschen einer ganzen Gesellschaft. Die Kreideinschriften an den Wänden der Klappen waren die Vorfahren der Kleinanzeigen, welche wiederum Grundlage für moderne Sex- und Datingapps waren. Als Anziehungspunkte für unaussprechliche Freiheiten, als Postämter für geheime Nachrichten oder als Rückzugsorte für verbotene Neigungen speicherten sie jeweils die Fantasien, die ihnen im Zentrum einer jeden Stadt und eines jeden Dorfes anvertraut wurden. Inmitten von Beleidigungen, Witzen, rassistischen Äußerungen und Laienphilosophie drücken sich trotz alledem auch Begierde und Liebe aus. Letztere sind es, die der Arbeit von Marc Martin die Richtung weisen.

Der französische Fotograf beschäftigt sich mit urbanen Phantomen im Zusammenspiel mit männlichen Vorstellungswelten. Seine Fotos entlocken den Schattenseiten ihren heimlichen Glanz. Auch seine Hinwendung zu den Klappen ist nicht ganz harmlos. In seiner Betrachtungsweise überlagern sich die Epochen. Er bevorzugt die dreckige menschliche Realität gegenüber steril anmutenden gesellschaftlichen Erwartungen. Daher begnügt er sich nicht mit den Klischees über die letzten Überbleibsel einer verlorenen Vergangenheit, sondern er haucht ihnen mit aktuellen Inszenierungen, mit Zeugenberichten, mit Anekdoten und Archivdokumenten, die er über die Jahre aufgelesen hat, neues Leben ein.

Seine aktuellen Fotos wird er zusammen mit denen anderer in Verbindung mit Zitaten verschiedener Autoren ausstellen. Den Düften der Klappen hat er bis in die Dichtung von Verlaine und Rimbaud nachgespürt. Seine Arbeit im Grenzbereich von Poesie und Pornografie legt so gerade gegenüber den jüngeren Generationen Zeugnis von einer Welt der sexuellen Begegnungen ab, die heute nahezu verschwunden ist.

Die Ausstellung "Fenster zum Klo - Public Toilets & Private Affairs" wird am Donnerstag, den 16. November um 19 Uhr im Schwulen Museum* (Lützowstraße 73, 10785 Berlin) eröffnet und ist anschließend bis zum 5. Februar 2018 dort zu sehen. Außerdem erhältlich sein wird ein Katalog, der alle von Marc Martin geführten Interviews in voller Länge enthält. (cw/pm)

Galerie:
Fenster zum Klo (17 Bilder)

-w-

#1 bogdanyAnonym
  • 15.11.2017, 11:30h
  • Ich habe in der UdSSR auf der Klappe die besten Kontakte geknüpft.
    Zu der Ausstellung werde ich UNBEDINGT kommen!
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#2 LaurentProfil
  • 15.11.2017, 11:47hMetropolregion Rhein-Neckar
  • Ich schäme mich derer sicherlich nicht. Ob man darauf stolz sein kann, ist allerdings eine andere Frage.
    Irgendwie schade, dass es fast keine mehr gibt.
    War meistens sehr geil.
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#3 queergayProfil
  • 15.11.2017, 12:04hNürnberg
  • Wenn Heteros auf Klappen Kontakte zu Frauen herstellen könnten, wären diese Orte schon längst überlaufen. Ähnliches konnte ich schon feststellen, wenn Männer-Kabinen direkt an Frauen-Kabinen angrenzen. Da gehen Heteromänner gezielt gerne hin.
    Ansonsten gibt es diese Klappen in unserer modernen Welt immer weniger. Die Technisierung schafft sie immer mehr ab.
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#4 Petrillo
  • 15.11.2017, 12:58h
  • Die Welt hat sich schon merkwürdig verändert: auf der einen Seite (relativ) offenes Leben, Ehe und gesellschaftliche Anerkennung, auf der anderen Seite eher spießige Werte, die viel von dem gekostet haben, was einmal möglich war.

    Zwar sieht man heute mit entsprechenden Apps, wo sich brünftige Männchen in der Umgebung aufhalten - zum Schuss zu kommen, ist aber dennoch sehr schwierig, insbesondere, wenn man vom schwulen Ideal-Stereotyp abweicht.

    "Früher" musste man(n) es sich zwar oft dreimal überlegen, ob man sich outete bzw. war das oft mit Risiken verbunden, das Internet, in dem man mit wenigen Klicks jede noch so perverse Fantasie befriedigen kann, gab es aber auch noch nicht.

    Dafür konnte man "damals" fast zu jeder Tag- und Nachtzeit auf eine Klappe oder in einen Park gehen und traf dort meist jemandem, mit dem man schnell oft sehr viel Spaß haben konnte!

    Statt sinnfreiem Gechatte mit Cyberwi*ern war rasch der Druck abgebaut und man konnte auch sehr nette Bekanntschaften machen und sogar Freunde finden.

    Leider sind inzwischen fast alle Klappen ersatzlos zerstört oder durch Automatenklos bzw. Sanifair-Anlagen ersetzt worden, in die Parks trauen sich auch kaum noch Leute.

    Oder kennt jemand im Rhein-Neckar-Raum bzw. zwischen Frankfurt und Stuttgart noch funktionierende und gut frequentierte Örtchen, gerne auch mit Glory-Hole?
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