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Noch immer beherrscht der von der Polizei mit Massenverhaftungen verhinderte CSD in Moskau kurz vor dem Eurovision Song Contest die Nachrichten. Auf dieser Seite sammeln wir die neuesten Meldungen vom Montag; zuvor hatte queer.de am Samstag einen 15-Stunden-Ticker der Ereignisse und am Sonntag eine Zusammenfassung mit den neuesten Erkenntnissen gebracht.

Zusammengestellt von Norbert Blech

Die Organisatoren des Slavic Pride, Nikolai Aleksejew, Nikolai Bajew, Ira Fet und Wlad Ortanow, haben sich am Sonntag abend mit einem neuen Statement zu Wort gemeldet. Darin bedanken sie sich als erstes bei den Menschen, die am Sonntag in Berlin (s. gestern) und Straßburg (s.u.) demonstriert hatten. Die Organisatoren danken auch dem deutschen Grünen-Abgeordneten Volker Beck für seinen Einsatz beim deutschen Außenministerium; zudem verdienten Journalisten und der slowenische Vorsitz im Ministerkomitee des Europarates Lob. Im Statement hagelt es aber auch von enttäuschter Kritik:

"Wir sind extrem enttäuscht, dass die EU-Botschaften (Großbritannien, Schweden, Niederlande, Frankreich), die von den Organisatoren eingeladen waren, die Ereignisse vor Ort zu beobachten, den Schluss gezogen haben, dass sie keine Gründe für dimplomatisches Handeln fanden". Dies wolle man mit der EU-Kommission erörtern, auch, dass die weißrussische Botschaft nichts für ihre inhaftierten Staatsangehörigen unternommen hate. Ein Vertreter der britischen Botschaft habe sich für den englischen Aktivisten Peter Tatchell eingesetzt, während es keinen Vertreter Washingtons für den US-Aktivisten Andy Thayer gegeben habe.

Kritik gibt es auch an einem schwulen Teilnehmer des Eurovision Song Contest: "[Wir sind] ein wenig enttäuscht über den schwulen Teilnehmer aus den Niederlanden, Gordon, der uns erzählt hatte, dass er bei dem Pride teilnehmen will und bei einer Pressekonferenz am Donnerstag sagte, dass er sich entschieden habe, nicht teilzunehmen, weil die Organisatoren [des CSDs] ihm das gesagt hätten. Das ist in Wahrheit eine Lüge, da wir keinerlei Kontakt zu ihm hatten. Wir sind ein wenig enttäuscht, dass dieser Sänger den Slavic Pride für seine eigene PR nutzte."

Das Statement endet mit einem Ausblick: "Wir sehen Euch im nächsten Jahr in Minsk beim zweiten Slavic Gay Pride in Weißrussland (Termin noch offen) und am 29. Mai 2010 beim 5. CSD in Moskau." Am 26. Mai diesen Jahres muss sich Aleksejew wegen der Organisation eines illegalen Protests erneut vor Gericht verantworten.

Der amerikanische Aktivist Andy Thayer, der beim Versuch, ein Interview zu geben, zum zweiten Mal verhaftet worden war, und dessen Kamera noch immer bei der Polizei liegt, hat auf der Seite Gays without borders einen Augenzeugenbericht seiner Erlebnisse veröffentlicht. Der lesenswerte Bericht schildert in Text und Bildern auch die Vorbereitung der Aktivisten auf die Demo, wie man sich etwa an einem versteckten Ort außerhalb Moskaus traf, um nicht vorab verhaftet zu werden. Der Bericht gibt geradezu eine würdige Vorlage für ein Drehbuch von Dustin Lance Black ("Milk") ab. Da die Übersetzung des Textes unsere Rahmen sprengen würde, belassen wir es bei der folgenden Einschätzung von Thayer: "Der vierte jährliche Pride in Moskau war ein uneingeschränkter Erfolg. Dass seine politischen Aussagen um die Welt verbreitet wurden, wird dazu beitragen, das anti-homosexuelle Regime zu isolieren".

Spontan-Protest in St. Petersburg

Es geht auch anders in Russland: am Sonntag haben in St. Petersburg bis zu 200 Menschen spontan für die Rechte von Lesben und Schwulen demonstriert. Die Polizei ließ die nicht angemeldete Flashmob-Demo, die sich auch auf den Internationalen Tag gegen Homophobie bezog, ohne Probleme durch die Stadt ziehen. Am Ende ließen die Teilnehmer Ballons in die Luft steigen, versehen mit Karten, die auf die Aktion hinwiesen. Auch in anderen Städten Russlands beteiligten sich Menschen an der Luftballon-Aktion, berichten russische Medien mit durchaus positiver Kommentierung. Selbst aus Tscheljabinsk in der entfernten Ural-Region wird berichtet, wie ein einzelner junger Mann mit Ballons durch die verregnete Stadt lief, darauf angesprochen wurde und die Ballons letztlich mit zwei neuen Unterstützerinnen in die Luft ließ (via Box Turtle Bulletin, dort gibt es weitere Bilder und Links). Tscheljabinsk war bis 1992 für Ausländer Sperrgebiet.

Finnische Familie in Haft

Die Zeitung "Helsingin Sanomat" berichtet, unter den Verhafteten hätte sich eine finnische Familie befunden. Tarja Koivumäki hatte sich am Samstag zusammen mit ihrer Lebenspartnerin und ihrer Tochter am ursprünglich anberaumten Treffpunkt eingefunden. Sie wurden verhaftet, nachdem ein Polizist gemeint habe: "Das sind bestimmt auch welche von denen", zitiert die Zeitung Koivumäki, die sich nicht als Aktivistin beschreibt. Die Familie sei hauptsächlich zum Eurovision Song Contest angereist, den sie am Abend auch sehen konnte.

Die-in in Straßburg

Vor dem russischen Konsulat in Straßburg haben am Sonntag rund 40 Aktivisten mit einem "Die-in" demonstriert. Die Leute legten sich auf die Straße, um auf die "Inaktivität der selbstgefälligen französischen und europäischen Institutionen" und damit deren "Komplizenschaft" aufmerksam zu machen. Man werde wieder kommen, solange nicht für "unsere Schwestern" gesorgt werde. Bereits 2007 hatte die Gruppe TransPédéGouines Straßburg an dieser Stelle demonstriert.

Deutsche Journalisten und Diplomaten

Die Ereignisse in Moskau haben eine umfassende Berichterstattung in deutschen Medien ausgelöst. Noch in der Nacht zu Sonntag hatte der Bund Lesbischer und Schwuler JournalistInnen (BLSJ) die Kollegen aufgefordert, "mit kreativen Ideen ihre Solidarität mit den russischen Homosexuellen (zu) bekunden". Die Kollegen machten ihre Arbeit lieber klassisch, mit faktenreichen Reportagen und auch vielen Kommentaren. Der queer.de-Redaktion ist bislang kein deutsches Print- oder Online-Medium bekannt, dass nicht oder ärgerlich über die Vorfälle berichtet hätte; als Beispiel für gute Berichterstattung vor Ort möchten wir die Frankfurter Rundschau erwähnen.

In der "taz" bringt der schwule Journalist Jan Feddersen einen lesenswerten Augenzeugenbericht vom Samstagvormittag. Mindestens genauso interessant ist seine Schilderung von einem anderen Ereignis: "In der deutschen Botschaft zwei Tage zuvor, als ein Empfang für die deutschen ESC-Performer Alex Christensen und Oscar Loya gegeben wird, sind auch etliche deutsche schwule Männer zu Gast. Teile des diplomatischen Korps, der eine, aus Freiburg stammend und in Deutschland verpartnert, sagt ein wenig süffisant, dass ihn dieser CSD aufrege, der sei doch ein Egoding und kein Moskauer interessiere sich dafür, hier sei eben Russland." Der schwule Journalist Stefan Niggemeier befasst sich in seinem Blog mit Wladimir Kaminer, dessen Bemerkungen in der ARD von "ausgesuchter Ekelhaftigkeit" gewesen seien.

Kahrs, Zypries und das Wahlprogramm der FDP

Nach den Grünen am Wochenende (s. vorherige Berichte) hat sich am Montag der Bundestagsabgeordnete Johannes Kahrs für die SPD zu Wort gemeldet: "Die Vorkommnisse rund um den Grand Prix d'Eurovision in Moskau vom vergangenen Wochenende verurteile ich aufs Schärfste." Der Vorfall sei "nur der letzte in einer langen Reihe, die den Eindruck verfestigt, dass in Russland eine Art staatlich gebilligte Homophobie existiert. (...) Will Russland nicht den Eindruck erwecken, dass auf diesem Gebiet massive Defizite bestünden, so hat es die Rechte von Schwulen und Lesben zu schützen und aggressive Hetzer in die Schranken zu weisen - nicht umgekehrt."

Die Schwulen und Lesben in der SPD (Schwusos) verschickten auch eine jubelnde Pressemitteilung ("Sie kam, sah und siegte") über Bundesjustizministerin Brigitte Zypries, die sich am Sonntag mit den Homo-Parteimitgliedern zum Internationalen Tag gegen Homophobie in Frankfurt traf. "Ich treffe am Donnerstag den russischen Generalstaatsanwalt - beim Mittagessenwerden wir das dann mal besprechen", soll die SPD-Ministerin versprochen haben, als sie auf die verhinderte Demonstration in Moskau angesprochen wurde.

Von CDU/CSU und FDP liegen bislang keine Statements vor. Der FDP-Bundestagsabgeordnete Michael Kauch verschickte allerdings das am Wochenende verabschiedete Wahlprogramm aus Homo-Sicht. Es enthält folgenden Satz: "Die liberale Außen- und Menschenrechtspolitik wird sich nachdrücklich für die Situation von Schwulen und Lesben in der Welt engagieren." Ferner enthält es folgenden Punkt: "Die FDP will mehr als Antidiskriminierungsgesetzgebung. Sie unterstützt daher Diversity-Strategien, um eine Kultur der Vielfalt ohne Diskriminierung zu schaffen", wozu man wissen muss, dass "mehr als" bedeutet, dass die Partei entsprechende Antidiskriminierungsgesetze im In- und Ausland ablehnt.



12 Kommentare

#1 FoXXXynessEhemaliges Profil
  • 18.05.2009, 16:53h
  • Rußland und der CSD - zwei Welten prallen hier aufeinander! Daß die Veranstaltung zerschlagen wurde, ist ein Beweis dafür, daß das Riesenland noch nicht bereit dafür ist. Ich hoffe nur, daß es im nächsten Jahr besser wird.
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#2 Chris in NeuenglandAnonym
#3 HannibalEhemaliges Profil
  • 18.05.2009, 23:13h
  • Mutter Erde weint
    denn ihre Kinder sind so blind
    Mutter Erde weint
    weil ihre Zukunft zerrinnt

    und sie ruft: "Seht mich an!
    Mein Gesicht ist voll Blut.
    Was habt Ihr mir angetan!
    Wisst Ihr denn nicht, was Ihr da tut"

    Hass in den Augen - Tötliche Disziplin
    Hilflose Tauben, die vor den Falken fliehen.....
    Wo die Kasernen sind, heult im Metall der Wind
    Es hört sich an, als ob Mutter Erde weint!

    Mutter Erde weint
    denn ihre Kinder sind so blind
    Mutter Erde weint
    weil ihre Zukunft zerrinnt

    ....und sie ruft: "Seht mich an!
    Mein Gesicht ist voll Blut...
    Was habt Ihr mir angetan!
    Wisst Ihr denn nicht, was Ihr tut!

    (Daliah Lavi - Mutter Erde weint)
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#4 anonymusAnonym
  • 19.05.2009, 00:27h
  • Was ich so grotesk finde:
    NICHT daß die Demo gewaltsam aufgelöst wurde - das war zwar entsetzlich und traurig aber es war vorhersehbar
    NICHT daß die Hetenwelt und Hetenmedien eiligst versucht haben das ganze herunter zu spielen (was ihnen leider gelungen ist)

    ICH FAND ES GROTESK DASS GUILDO HORN UND THOMAS ANDERS, DIE SELBST NICHT SCHWUL SIND, DIE EINZIGEN WAREN DIE FÜR UNS DEN MUND AUFGEMACHT HABEN UND MARK MEDLOCK VON DEM JEDER WEISS DASS ER SCHWUL IST!!!! TANZT MIT ZWEI FRAUEN IM ARM, MACHT AUF HETENLATINOLOVER UND KEIN WORT KOMMT AUS SEINEM MUND DARÜBER DASS STUNDEN VORHER ETLICHE VON SEINESGLEICHEN ZUSAMMENGEKNÜPPELT WURDEN. WELCHES GEISTIGE BEWUSSTSEIN HAT SO JEMAND!?!?!? Als ich ihn das erste mal rumturnen sah bei BohlenTV hab ich´ s geahnt ...Ein oder zwei Sätze von ihm nach seiner "Darbietung" hätten genügt aber ....
    ICH BIN FASSUNGSLOS ANGESICHTS DIESER PERVIDEN VERRENKUNG, MEDIENGEILHEIT UND RÜCKRATLOSIGKEIT DIESES MARK MEDLOCK!
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#5 herve64Profil
  • 19.05.2009, 07:52hMünchen
  • Antwort auf #1 von FoXXXyness
  • Ich schätze nur, dass das ein frommer Wunsch bleiben wird, solange sich die westliche Welt energiepolitisch von Russland abhängig macht. Kurz: ich glaube nicht, dass es besser wird. Vielmehr müssen WIR ALLE aufpassen, dass uns mit den Erdgaslieferungen nicht gleichzeitig durch die Hintertür noch Moralvorstellungen von vorgestern aufoktroyiert werden.
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#6 herve64Profil
  • 19.05.2009, 08:08hMünchen
  • Antwort auf #4 von anonymus
  • Von sich aus hat Thomas Anders übrigens nicht den Mund für uns aufgemacht. Im Gegenteil wirkte er erstmal sehr verdattert, als Guildo von sich aus das Thema angeschnitten hat und versuchte, es mit einer Bemerkung à la "Da hast du schon Recht, aber..." zu relativieren und glattzubügeln. Offenbar hatte man Angst davor, dass das die ohnehin maue Partystimmung noch weiter drückt.
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#7 Michel
  • 19.05.2009, 12:19h
  • Antwort auf #4 von anonymus
  • Oh mamacita give me your daughter...
    hahaha grööööhl, zum Wäsche bügeln? Windeln wechseln? Das weisse Pulver von der Nase pudern?

    Ach und zu Thomas Anders: er hat ja den nachfolgenden "Moskauer" dazu interviewt und nicht geschwiegen, was ich gut fand.
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#9 K.LauerAnonym
#10 FloAnonym
  • 19.05.2009, 18:03h
  • Antwort auf #4 von anonymus
  • Tja, so funktioniert das System Bohlen:
    da geht es nur um Gewinnmaximierung. Alles, was das gefährden könnte ist tabu... Und klar Meinung zu beziehen könnte nun mal einige verschrecken, also wirst Du niemals einen "Bohlen"-Künstler erleben, der sich öffentlich zu politischen, gesellschaftlichen oder anderen Themen äußern wird.
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