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Beim Eurovision Song Contest durften sie wegen eines russlandkritischen Songs nicht teilnehmen. Im queer.de-Interview berichtet die georgische Band Stephane & 3G, wie es nach dem Grand-Prix-Verbot weiterging und warum die alten Kommunisten Jazz und Schwule hassen.

Von Dennis Klein

Stephane Mgebrishvili, Nini Badurashvili, Tako Gachechiladze and Kristine Imedadze waren beim Grand Prix nicht erwünscht, weil ihr englischsprachiges Lied "We don’t want to put in" wie "We don’t want Putin" klingt – und das war auch so beabsichtigt (queer.de berichtete). Der Band hat das nicht geschadet: Sie hat im Windschatten der Berichterstattung eine Tour durch Europa gemacht und ist unter anderem in Italien, Frankreich, Polen, Österreich und England aufgetreten. Am Freitagabend (22. Mai) beenden sie ihre Europa-Tour mit einem Auftritt im Berliner Goya Club (Nollendorfplatz 5).

Frage: Wart Ihr traurig, dass Ihr nicht beim Grand Prix teilnehmen konntet?

Nini: Ja, wir wollten dieses Lied singen. Wir glauben, dass wir damit gute Chancen gehabt hätten.

Stephane: Unser Lied war anders als die normalen Grand-Prix-Lieder.

Tako: Ich glaube, wir hätten gewinnen können, aber die haben uns keine Chance gegeben. Das hat uns sehr enttäuscht.

Youtube | Das Musikvideo

Wie habt ihr vom Verbot erfahren?

Nini: Die Eurovision hat dem austragenden Fernsehsender einen schmucklosen Brief geschrieben mit dem Inhalt: Ändert den Text oder ändert die Band.

Wolltet ihr nicht den Text ändern?

Kristine: Nein, weil wir nicht denken, dass irgendetwas Gefährliches in unseren Liedern vorkommt. Nur die russische Regierung denkt, dass es ein Problem damit gibt.

Aber ihr wolltet damit eine politische Aussage gegen Putin treffen?

Nini: Das Lied dreht sich nicht um Putin. Letztes Jahr hatten wir einen Krieg mit Russland und das hat uns alle betroffen. Wir versuchen gerade ein Land aufzubauen und werden dann von außen attackiert. Da können wir kein schnulziges Liebeslied zum Contest schicken, sondern wir wollten dazu ein Statement machen. Es ging wahrlich nicht um Putin, das wäre zu viel der Ehre für ihn. Wir sehen uns auch nicht als politische Aktivisten, sondern als Musiker.

Altkanzler Schröder und Russland haben argumentiert, Georgien habe die russischen Minderheiten drangsaliert, die Moskau daraufhin beschützen musste.

Tako: (völlig verständnislos) Nein.

Stephane: Das war nur eine Provokation. Die sind mächtig, wir sind es nicht.

Kristine: Wie sollten wir einen Krieg mit Russland beginnen? Das ist eine sehr dämliche Taktik, das uns in die Schuhe schieben zu wollen.

Stephane: Wir sind doch nur ein winziges Land und die sind (wild gestikulierend) riesig.

Kristine: Wir haben gute Musik und gutes Wetter – was haben die Russen?

Nini: Da ist es immer kalt.

Stephane: Wir sind eben Patrioten!

Youtube | Der Song bei der georgischen Vorentscheidung

Aber nicht Russland hat euer Lied nicht zugelassen, sondern die Europäische Rundfunkunion (EBU), die argumentiert, dass ihr die Grand-Prix-Regeln gebrochen habt, die besagen, dass Politik im Wettbewerb nichts zu suchen hat.

Stephane: Ich glaube, wir haben keine Eurovisionsregeln gebrochen, weil unser Lied doch ein völlig harmloser Tanz-Song ist. Wir waren sehr überrascht, dass wir verboten wurden. Wir dachten, die EBU wäre eine liberale europäische Organisation. Als wir auf Tour in Europa waren, haben uns viele Leute bestätigt, dass sie das Lied lustig fanden und nicht verstanden haben, warum wir verboten worden sind.

Die Kontroverse hat euch aber auch geholfen, da ihr jetzt eine große Europatour gemacht habt.

Tako: Es sind viele Berichte über uns geschrieben worden und viele Menschen unterstützen uns. Die PR war also doch sehr gut für uns.

Kristine: In Warschau, Amsterdam, London, Wien – überall haben wir positive Reaktionen gehört. Niemand nimmt es ernst als Anti-Putin-Song. Außer in Russland mag man uns überall.

Hattet ihr Auftritte in Russland?

Tako: Nein, dort ist es für uns derzeit zu gefährlich.

Stephane: 24 Stunden, nachdem wir die georgische Vorentscheidung gewonnen haben, hat Putins Pressesprecher uns in den Hauptnachrichten als "Hooligans" bezeichnet.

Nini: Bei Youtube haben Russen viele Drohnachrichten hinterlassen. Dort stand unter anderem: "Wenn Ihr nach Russland kommt, werden wir euch umbringen". Ich hatte wirklich Schiss! Als wir uns anfangs nach besonderen Sicherheitsmaßnahmen beim Grand Prix erkundigt haben, haben die nur gesagt: Ihr kriegt keine Extrawürste.

In Moskau ging es ja auch ohne euch zur Sache. Habt ihr auch von der Niederschlagung des CSDs gehört?

Nini: Ja, das haben wir im Fernsehen verfolgt. Das ist furchtbar, die sind da wirklich so brutal. Ich konnte meinen Augen kaum trauen.

Warum geht es dort so brutal zu?

Stephane: Die haben immer noch das alte kommunistische System dort. Viele sind stolz darauf, ihre alten Vorurteile zu pflegen. So ist auch Jazz dort verpönt. Im Prinzip herrscht dort weiter die alte Diktatur, die auch uns kontrollieren will.

Nini: Die wollen eine neue Sowjetunion gründen. Das gefährdet natürlich auch unser Land, das früher Teil der UdSSR war.

Stephane: Die Kontrolle ist dabei allumfassend, so wird das Radioprogramm in Russland zensiert. Schlechte Popsongs werden dort gefördert, aber neue Elemente oder jazzige Lieder können einem Sender schnell die Lizenz kosten. Vor diesem Hintergrund ist es für mich nicht verwunderlich, dass dort so gegen den CSD vorgegangen wird.

Wie sieht denn die Situation in Georgien aus?

Nini: Leider stecken wir in Georgien wie in Russland noch in dieser postkommunistischen Phase fest. Unsere Region ist da leider noch nicht so weit wie in Europa. Wir haben einige gute schwule Freunde, gerade in der Künstlerszene gibt es viele. Aber Schwulenbars oder -clubs kennen wir in Georgien keine. Ich hoffe, dass Schwule dort bald so viele Rechte wie bei euch im Westen haben werden.

Auf eurer Europatour habt ihr auch vor Schwulen gespielt.

Wir haben in Paris in einem Schwulenclub gespielt und in London im berühmten Tanzschuppen G-A-Y. Das war super. Wir haben den Eindruck, da gehen die Leute mehr mit unseren Liedern mit.

Habt Ihr trotz Eures Verbots den Grand Prix verfolgt?

Stephane: Ja, wir wollten ja sehen, wer unsere Gegner gewesen wären. Es war aber genau die traditionelle Eurovisions-Musik, die nicht so mein Ding ist.

Wer war euer Favorit?

Stephane: Die Britin hat mir am besten gefallen.

Tako und Kristine (gleichzeitig): Die war genial.

Nini: Ich mochte den süßen Norweger am meisten.

Wie geht’s bei euch weiter? Ein neuer Grand-Prix-Anlauf?

Stephane: Erst mal ist das nicht geplant. Wir wollen zusammenbleiben und Dance- und House-Songs machen. Das soll dann alles ganz unpolitisch werden – und auch noch besser als der Putinsong. Dieses Jahr wollen wir noch ein Album mit einem großen Label in Europa herausbringen. Da laufen gerade noch die Verhandlungen. Mit uns muss man weiterhin rechnen!

Lieder der Band können gegenwärtig bei iTunes und anderen Downloadportalen heruntergeladen werden