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  • 09. Juni 2009
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Der Europride-Monat in Zürich endete am 6. Juni mit der politisch-bunten Parade und einem feuchtfröhlichen Straßenfest.

Von Christian Scheuß

Veranstalter von großen Events verweisen gerne auf beeindruckende Statistiken und Zahlen. Das jedoch die Mengen der georderten alkoholischen Getränke beim Europride 2009 eine so wichtige Rolle spielt, ist zumindest ungewöhnlich. "Wir haben 15.000 Flaschen Prosecco, 9.000 Flaschen Wodka, 6000 Flaschen Cachaca, jeweils 2.500 Flaschen Gin und Rum, sowie 90.000 Flaschen Cola, 30.000 Dosen Red Bull und 250.000 Dosen Bier geordert", verkündete Europride-Sprecher Michael Rüegg stolz. Verdursten sollte also keiner, und vor allem das Bier sei für die vielen Heteros gedacht, die ebenfalls recht herzlich zum schwul-lesbischen Straßenfest geladen seien, betonte Rüegg schmunzelnd vorab im Fernsehen. Brauchen die Schweizer eine Extraeinladung, um sich zu einem Straßenfest zu bewegen, dass direkt vor ihren Nasen an den zentralen Plätzen zwischen Münsterhof und Stadthaus stattfindet?

"Die besondere Betonung der Tatsache, dass alle eingeladen sind, ist wohl eher eine Reaktion auf die Kampagne einer konservativen Organisation, die den Gay Pride verhindern wollte", weiß Corine Mauch einzuordnen. Die frisch gewählte Stadtpräsidentin ist die erste offen lesbisch lebende Frau in diesen Amt, und entsprechend der große neue Politstar der Community. Ihre Wahl, die nur zufällig in den Europride-Monat fiel ist wie ein machtvolles Signal gegen die christlich-fundamentalistisch motivierte Organisation Familienlobby Schweiz (FLS), die bereits im Dezember 2008 mit 5.000 im Rathaus eingereichten Unterschriften das Event verhindern wollte. Als das nicht gelang, hoffte man auf den "Herrgott, der es richten wird". Sprich, man betete für möglichst schlechtes Wetter.

Die Stoßgebete der Christen, so schien es zunächst, sind von Petrus erhört worden, denn der Wetterbericht verkündete für den Tag der Parade am Samstag heftigen Regen. Doch die Gebetskraft der rund 50.000 Teilnehmer, die sich am frühen Nachmittag in der Innenstadt versammelten, war dann doch größer. Ein erster Regenguss endete, kurz bevor Corine Mauch mit dem Durchschneiden eines roten Bandes den Startschuss für den Tross mit 20 Wagen und 50 Gruppierungen gab. Bei Sonnenschein zog die bunte Truppe durch die Innenstadt, beobachtet von weiteren geschätzten 50.000 Zuschauern, und zumeist unbehelligt. Nur eine kleine Gruppe rechter Jugendlicher versuchte zu stören, wurde aber von der Polizei schnell abgedrängt. Und der Regen kam erst wieder, als der Umzug vorbei vor. Dann aber noch einmal kräftig.

Ein umfangreiches kulturelles und politisches Programm flankierte das internationale Event, das mit einem Budget von 300.000 Schweizer Franken (rund 200.000 Euro) gestemmt wurde. "Zwei Drittel der Summe stammt von Sponsoren, die Stadt und der Kanton gaben jeweils 50.000 Franken", zählt Mitorganisator Jürg Koller zusammen. Die gesamte Innenstadt sowie die Straßenbahnen waren mit Regenbogenfahnen beflaggt, zudem zierten rund 150 farbige Europride-Sterne Brücken und Stände des Straßenfestes. Zürich als Austragungsort gab sich alle Mühe zum 40-jährigen Jubiläum der Pride-Bewegung, wie überhaupt noch viele weitere Jubiläen der Schweizer Emanzipationsbewegung in diesem Jahr anstanden. So feierte man auch 30 Jahre "Homosexuelle Arbeitsgruppe Luzern", 20 Jahre Lesbenlokal "Tanzleila", Lesbenorganisation Schwaiz, und Studentenorganisation "zart & heftig", sowie 10 Jahre "Filmfestival "Pink Apple" und Kulturmonat "Warmer Mai".

Außerdem hat 2009 die Stiftung Stonewall 20 Jahre auf dem Buckel. Die vergibt jedes Jahr zum CSD den "Stonewall Award". Bei der diesjährigen Verleihung des mit 3.000 Franken dotierten Preises, der ehrenamtliches Engagement in der Szene auszeichnet, zeigte man sich ebenfalls geschichtsbewusst. Die Ehrung nahmen Ernst Ostertag und Röbi Rapp entgegen. Ein schwules Paar, das seit 53 Jahren zusammenlebt und das lange Zeit die Geschichte der Schweizer Schwulenbewegung aufgezeichnet und archiviert hat. Die Ergebnisse ihrer Sammelleidenschaft sind auf der Website schwulengeschichte.de für alle zugänglich gemacht worden. Ostertag und Rapp hatten Tränen in den Augen, als Sie für ihr Lebenswerk ausgezeichnet wurden.

Die vorwiegend liberale Situation, die Lesben und Schwule in Westeuropa genießen, herrscht nicht überall. Darauf wies nicht nur EU-Parlamentarier Daniel Cohn-Bendit hin, der per Videobotschaft die Teilnehmer grüßte. Eindringlich machte auch die lesbische Menschenrechtsaktivistin Mihaela Copot darauf aufmerksam. Die 34-jährige Journalistin stammt aus Moldavien und berichtete von der allgemein verheerend schlechten Situation bezüglich der Einhaltung und Gewährung von Menschenrechten in ihrem Land. Wie in einigen anderen osteuropäischen Ländern kämpft Copot im Rahmen von Amnesty International gegen Behördenwillkür, unrechtmäßige Verhaftungen und Misshandlungen, sowie die Unterdrückung von Meinungs- und Versammlungsfreiheit.

Beim Blick auf diese Brennpunkte Europas relativierte sich manches Problem, das sich während des Europride 2009 in Zürich ergab. So auch dies, dass von den georderten 250.000 Dosen Bier nur 50.000 geleert worden sind. Wegen des wechselhaften Wetters ließen sich offensichtlich nicht genügend biertrinkende heterosexuelle Männer an die Stände locken.