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  • 27. Mai 2004, noch kein Kommentar

Wie funktioniert das nur? Ein schwul-lesbischer Reiseführer ganz ohne Adressen und Szenetipps? Der Querverlag macht’s vor.

Von Micha Schulze

Die sind doch ganz schon mutig, die drei Jungs und drei Mädels vom kleinen Querverlag in Berlin (Foto links). Jetzt veröffentlichten sie ein schwul-lesbisches Reisebuch ohne eine einzige Abbildung, nicht einmal in Schwarzweiß, und ohne den obligatorischen Serviceteil. Und dann ließen sie ausgerechnet jemanden über Hongkong schreiben, der 1997 zum letzten Mal dort war – vor sieben Jahren...

Doch wer die rund 250 Seiten von "Einmal hin und quer!" gelesen hat, weiß, dass es überhaupt keine Rolle spielt, dass Axel Krämer auf dem alten Hongkonger Flughafen Kai Tak gelandet ist, der seit fünf Jahren nicht mehr geöffnet ist. Allgemeine Reiseinfos, Guides, Stadtpläne, Szenetipps und Schnäppchen-Flugpreise sind unwichtig in diesem besonderen, von Rainer Hörmann und Melanie Kopp herausgegebenen Reiseführer: Im Mittelpunkt stehen die Menschen, kleine Geschichten und Anekdoten, ganz persönliche Wahrnehmungen von 22 Autorinnen und Autoren.

Das Inhaltsverzeichnis führt vom heißen Sevilla ins Eishotel von Lappland, vom künstlichen Disneyworld in Orlando ins ewige Rom, von Lesbos nach Key West und kopfüber nach "down under". Das Autorenverzeichnis liest sich wie das "Who is who" der schwul-lesbischen Schriftstellerszene. Stephan Niederwieser und Mario Wirz haben für den "Spartacus der Literaten" ebenso ihre Koffer gepackt wie Karen-Susan Fessel und Karin Rick.

Nicht einmal acht Seiten braucht Axel Krämer, um beim Leser das besondere Hongkong-Feeling zu wecken, intensiver als jeder Baedeker- oder Marco-Polo-Guide. Der Gigantismus dieser Stadt, das Aufeinanderprallen verschiedener Kulturen, unterschiedliche Ansätze schwuler Identität - all das vereint er gekonnt in der Geschichte seiner merkwürdigen und doch so typischen Begegnung mit dem Hongkong-Chinesen Lei.

Ebenso bewegend: Ursula Stecks Blick auf die Castro Street in San Francisco. Sehr selten bekommt man eine so persönliche und doch so treffende Sicht auf das kalifornische Homo-Mekka zu lesen, mit genau der richtigen Mischung aus Faszination ob des Freiraums, Angst vor dem Ghetto und Ironie gegenüber den Schrullen im Castro-Kiez.

"Einmal hin und quer!", das ist mehr als ein unterhaltsames Wieder-Erleben eigener Erfahrungen auf Reisen. Die rundum gelungene Anthologie weckt die Reiselust auf jeder Seite und macht neugierig auf andere Kulturen und süchtig nach neuen Entdeckungen. Einen Serviceteil vermisst man dabei in keinem einzigen Beitrag: Wer hat sich nicht schon über veraltete Einträge im "Spartacus" geärgert?

Rainer Hörmann & Melanie Kopp (Hrsg.):
Einmal hin und quer! Lesbisch-schwule Reiseberichte
Querverlag, Berlin 2004, 252 Seiten