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  • 07. Oktober 2003, noch kein Kommentar

Von Dennis Klein

Schwule Musik - das ist normalerweise Marianne Rosenberg oder Elton John. Jazz hingegen würde in Homo-Tanztempeln lediglich einen laut protestierenden Sprechchor hervorrufen: "Wir wollen Kylie", hieße es dann. Diese Domäne will Michael Schiefel knacken. Der 33-jährige Berliner hat mit seinen vorangegangenen Alben "Invisible Loop" und "I don't belong" Kritiker und Publikum begeistert – ganz ohne Instrumente, nur mit Effektgeräuschen und seiner Stimme. In seinem neuen Album ist vieles anders: Er wird dezent begleitet von Piano, Gitarre und atmosphärischen Elektronik-Sounds und hat nebenbei noch sein künstlerisches Coming-out: Das Album heißt schlicht "Gay".

Für "Gay" hat sich Schiefel eine Reihe von bekannten und weniger bekannten Stücken von Ella Fitzgerald bis Portishead ausgesucht. "Wenn ein Stück emotional stimmig ist, ist es doch wurscht, ob man einen fremden Titel interpretiert oder einen eigenen", so der Musiker. Schiefel hat dem Album, in dem sich fast alles um Sehnsucht, Einsamkeit und Eifersucht dreht, tatsächlich eine sehr schwule Note gegeben: So handelt der alte Gospelsong "Get Happy" nicht mehr vom biblischen Zug durchs Rote Meer, sondern von seinem Gang zum anderen Ufer. Und der selbstbewusste Ruf "I want to be a woman" aus einem Portishead-Lied ist schnippisch, ironisch und ein klein wenig tuntig.

Für Schiefel ist das Album "Gay" natürlich ein Risiko. Er wolle sehen, ob die Gesellschaft wirklich so tolerant sei, seinen schwulen Jazz zu ertragen. Die andere Frage ist, ob die schwule Community mehr Jazz und weniger Disco-Beats toleriert. Sie sollte es auf jeden Fall versuchen, denn das Album hat gewiss einiges zu bieten, das man bei Kylie und Konsorten nicht findet.