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Wie feiert man den Gay Pride in einem Land, in dem alles erreicht scheint? Mit dem ungewöhnlichen Motto "Hetero" lockte der Stockholm Pride am Samstag Hunderttausende an: Schwul-lesbische Anarchisten marschierten friedlich mit Soldaten – und die ganze Stadt applaudierte.

Von Micha Schulze

Man stelle sich vor, Angela Merkel würde an der CDU-Zentrale die Regenbogenfahne hissen. Unvorstellbar? Nun, in Schweden ist so etwas völlig normal: Zum Stockholm Pride hat die konservative Moderata Samlingspartiet von Regierungschef Fredrik Reinfeldt die schwul-lesbische Flagge an den Fenstern der Parteizentrale drapiert. Überhaupt kann man sich dem CSD in der schwedischen Hauptstadt nicht entziehen: Alle Busse und Bahnen sind seit einer Woche mit der Regenbogenfahne geschmückt, an vielen öffentlichen Gebäuden wie dem Königlichen Theater hängt sie sowieso.

An diesem 1. August sind es rund 500.000 Menschen, die zur Stockholmer CSD-Parade kommen – bei einer Einwohnerzahl von nur 1,2 Millionen Menschen in der gesamten Provinz. "Der Stockholm Pride ist das größte wiederkehrende Festival der Stadt", sagt Christina Guggenberger vom "Stockholm Visitors Board", das seit vielen Jahren gezielt um schwul-lesbische Touristen wirbt. Provoziert fühlt sich vom Homo-Spektakel niemand. Schon am frühen Morgen, Studen vor dem Paraden-Start, campieren Familien und Rentner mit Decke und Picknickkorb am Straßenrand, um ja einen guten Blick auf den Zug zu erhaschen.

Alles erreicht, raus auf die Straße

Wenn alles erreicht ist, geht doch niemand mehr auf die Straße – diese uralte Befürchtung manch deutscher Bewegungsschwester hat sich zumindest in Schweden ins Gegenteil verkehrt. Der Stockholm Pride wächst von Jahr zu Jahr – und das obwohl die Ehe für Schwule und Lesben geöffnet, das Adoptionsrecht seit langem kein Thema mehr ist. Selbst die parallelen Outgames in Kopenhagen und der Europride-Bonus vom Vorjahr scheinen sich nicht negativ auf die diesjährigen Besucherzahlen auszuwirken.

Claes Nyberg, Vorsitzender des Pride-Vereins, ist überzeugt, dass das CSD-Motto "Hetero" zum Erfolg beigetragen hat. Der Slogan ist nicht nur ungewöhnlich für ein schwul-lesbisches Event, sondern hat auch breite Diskussionen über Identität und Normen ausgelöst: Fags Hags und Schwule mit "Hetero-Optik" fühlen sich etwa erstmals dankend von der Community wahr genommen, Politiker begrüßen den "Schritt raus aus dem Ghetto", Bisexuelle freuen sich über den Online-Test "Wie hetero bist du" auf der Festivalhomepage. Rund 200.000 Männer und Frauen haben bereits daran teilgenommen.

Den Stockholm-Pride-Veranstaltern selbst geht es bei dem Motto vor allem um die Hinterfragung von Heteronormen im Alltag: "Weit häufiger als Heteros müssen Schwule und Lesben sich fragen, ob sie sich der Norm anpassen wollen oder nicht", erklärt Pressechefin Jessica W. Sandberg: "Ständig solche Dinge erwägen zu müssen, ist nicht nur anstrengend, sondern macht auch krank." Auf Plakaten und in TV-Sports zeigt der Stockholm Pride genau solche Alltagssituationen, in denen Schwule und Lesben den allgemeinen Erwartungen nicht entsprechen. Trotz der rechtlichen Gleichstellung.

Anarchos und Soldaten marschieren friedlich zusammen

In der Parade wird erstaunlich wenig Bezug auf das "Hetero"-Motto genommen. Die 111 teilnehmenden Wagen und Fußgruppen feiern - wie überall auf der Welt - vor allem sich selbst. Die Bandbreite indes ist beindruckend: Ein Anarcho-Block folgt nur kurz hinter den schwul-lesbischen Soldaten, die in Schweden prominente lesbische Fußballerin Victoria Svensson marschiert mit, auch rosa Vegetarier und schwarzgekleidete Gothic-Fans sind zu sehen. Die homosexuellen Polizisten drücken ein Auge zu, wenn andere Paradenteilnehmer Bier aus der Dose trinken – Alkoholgenuss auf offener Straße ist in Schweden verboten.

Mehr junge Lesben und Schwule als in den Vorjahren hat Pressechefin Jessica W. Sandberg ausgemacht – und einen unerwartet hohen Zustrom bei den Diskussionen, Seminaren und Konzerten im "Pride House". Die Stadt hat ihr großes Kulturzentrum am zentralen Sergels Torg den Schwulen und Lesben unentgeltlich zur Verfügung gestellt – für Veranstaltungen zum Thema Heteronormativität, aber etwa auch für eine Fotoausstellung zm Thema "Hate Crimes", eine "Fragestunde zu Klitorissex" oder die Aufführung des Vampir-Films von Bruce LaBruce.

Gefeiert wird im völlig überfüllten "Pride Park" Tantolunden. Marc Almond tritt hier auf, Eurovision-Sieger Alexander Rybak, Haddaway, der lange Zeit in Deutschland lebte, und auch Schwedens singender Zahnarzt Dr Alban. Im Anschluss an die Parade gibt Organisator Claes Nyberg auf der Bühne den Umzug des "Pride Parks" zu einem größeren Gelände in 2010 bekannt, damit sich das Gequetsche und Geschiebe'nicht wiederholt.

Dass dann noch mehr Helfer gebraucht werden, bereitet dem Stockholm Pride kein Kopfzerbrechen: "Wir haben einen sehr großen Zustrom an Interessierten", berichtet Nyberg, der – wie alle anderen Helfer und Vorstandsmitglieder auch – keine einzige Krone für sein Engagement bekommt. Unvorstellbar in Berlin oder Köln: 700 ehrenamtlich tätige Frauen und Männern haben in diesem Jahr den Stockholm Pride möglich gemacht.

Vier davon kommen aus Deutschland.

Youtube | Stockholm-Pride-Werbefilm “Wie bist du von Heteronormen betroffen?”
Galerie:
Stockholm Pride 2009
33 Bilder


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18 Kommentare

#1 MikeAnonym
  • 02.08.2009, 01:07h
  • Von wegen kühler Norden. So etwas ist toll und geht nur mit einer menschlichen Mindestemparatur in der Gesellschaft.

    Was läuft bei uns schief ?

    Ich will sowas auch !
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#2 KurtAnonym
#3 TheoAnonym
#4 KameliendameEhemaliges Profil
  • 02.08.2009, 04:58h
  • Das ist einfach nur wunderbar...
    Und der beste Beweis dafür das es sich verdammt nochmal lohnt für Akzeptanz zu kämpfen.

    Schweden zeigt, es ist möglich...
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#5 manuelAnonym
  • 03.08.2009, 06:35h
  • Ja, an dieser Stelle bedanke ich mich für Micha Schulzes sehr gelungenen Bericht über den CSD
    in Stockholm. Er drückt angenehm unaufgeregt aus, was in der gesamten schwedischen Presse, jeweils teilweise, zu lesen war.
    Also Freude, Hoffnung und Beispiele wohin unsere "Reise" gehen sollte. Micha setzt das auch sprachlich gut um. Man will das auch, man lebt.

    Bedanken möchte ich mich hier, in Ruhe, auch bei Norbert Blech, für sein sachliches und zugleich emotionales Engagement seit dem Terror-Anschlag in Tel Aviv.

    Meldungen und Berichte des Wochenendes könnten für schwules Leben kaum gegensätzlicher sein.

    Auch wenn dies vielleicht zu Mißverständnissen führt, will ich darauf hinweisen, daß es dem Terror gelungen ist Angst und Schrecken zu vebreiten und Aufmerksamkeit in seine Richtung zu lenken.

    In den nächsten Stunden und Tagen wird Israels Community zeigen, daß sie sich nicht einschüchtern und ablenken läßt und verstärkt dort weitermachen wird, wo Nirs Menschlichkeit auf brutale Weise enden mußte.

    Bestimmt war es auch Nirs ferneres Ziel, ein Umfeld und eine Gesellschaft zu haben, in der CSDswie in Stockholm möglich sind.

    Man muß sich also nicht schämen, wenn man sich auch hier für eine freiere, sozialere und menschlichere Gesellschaft einsetzt, innerhalb der schwules Leben möglich ist, wie sie beim CSD Stockholm zum Ausdruck kommt.

    Dafür kann man schon recht billig was tun. Wählen gehen.
    Versuchen Schwarz-Gelb zu verhindern.

    Der bekennende sozialistische Senator Sanders hält den US-Bürgern vor, dass der "American Way of Life" nicht gottgegeben sei, sondern eine politische Entscheidung:

    "Wir haben uns nicht genug umgeschaut, was es an anderen sozialökonomischen Modellen in der Welt gibt", klagt er dann; in Skandinavien etwa seien alle Bürger krankenversichert und die Armutsquote liege bei "einem Bruchteil" der amerikanischen:
    "Ich finde, man sollte sich das ansehen", wird Sanders nicht müde zu sagen.

    www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,447251,00.html

    Wählen gehen. Schwarz-Gelb verhindern !
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#6 JonasAnonym
  • 03.08.2009, 11:05h
  • "Sogar die konservative Regierungspartei hisste die Regenbogenfahne."

    Ehe hierzulande die hasserfüllten Ewiggestrigen der Union mal ihren Widerstand aufgeben werden, werden wohl noch Jahrzehnte vergehen...

    Schande über die Union! Schande über die Bundeskanzlerin Angela Merkel!

    Sie sind die Hauptgründe für fortwährende Diskriminierung von Menschen, deren einziger "Fehler" es ist, zu lieben!!

    (Gut, die FDP trägt auch dazu bei, aber nur, weil sie ihr Fähnlein nach dem Wind hängt. Würde die Union die Ehe öffnen wollen, wäre die FDP auch dafür.)

    Ich hoffe, dass wir hierzulande möglichst bald skandinavische Verhältnisse bekommen (indem wir unser Wahlrecht gut nutzen)!!!
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#7 RabaukeAnonym
  • 03.08.2009, 13:20h
  • Wow.........Von "B" wie brilliant bis "G" wie genial.......fallen mir sicher noch tausende, anderer Wörter für meine Begeisterung ein. Es ist Wahnsinn, mit welcher Solidarität und Gegenseitigkeit hier, in Tolleranz und Akzeptanz die Menschen einander begegnen. Klasse!!!!!!
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#8 Karl-HeinzAnonym
  • 03.08.2009, 13:51h
  • "...Man stelle sich vor, Angela Merkel würde an der CDU-Zentrale die Regenbogenfahne hissen.
    Unvorstellbar? .."

    Gutes Bild.

    Erinnert an den schwedischen Ministerpräsidenten Olof Palme.
    Der marschierte in der ersten Reihe gegen den US-Krieg in Vietnam; gewährte allen amerikanischen Staatsbürgern in Uniform sofort Asyl, wenn sie vor diesem Völkerrechtsverbrechen flohen.
    Zur gleichen Zeit kriminalsierte hier die Bundesregierung junge kritische Staatsbürger und
    verwandelte die Straße, den alten Platz der Demokratie,
    mit Tränengas und Knüppeln zu Schlachtfeldern.

    Mit schwedischen Traditionen kann man auch Tradionalist sein.

    Man ahnt es, O. Palme, Bildmitte

    klotband.files.wordpress.com/2008/11/palmeute.jpg
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#9 Ein FreundAnonym
#10 TheoAnonym