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  • 03. August 2009, noch kein Kommentar

Christian ist 37 Jahre alt, wohnt in Hamburg und arbeitet als Gebärdenkursleiter. Wie man als Gehörloser über Safer Sex und HIV spricht, das verrät er hier.

Christian ist eines der neuen Rollenmodelle für die Präventionskampagne "Ich weiß, was ich tu". Auf queer.de dokumentieren wir in Auszügen seine persönliche Geschichte, die er für das Projekt aufgeschrieben hat. Wer die ganze Story nachlesen, und mit Christian diskutieren möchte, der kann dies auf www.iwwit.de tun.

Ich bin gehörlos, schon von Geburt an. Meine Eltern können beide hören, wie eigentlich meine ganze Familie. Ich habe allerdings eine ältere Schwester, die ebenfalls gehörlos ist. Aufgewachsen bin ich in Würzburg, wo ich auch zur Schule gegangen bin. Ich bin dann ein bisschen rumgekommen, war für meine Ausbildung in München, habe in Rendsburg eine Erzieherausbildung gemacht und bin dann 1997 schließlich nach Hamburg gekommen, wo ich bis heute lebe.

Schon in der Schule wurde ich als "Schwuchtel" betitelt, und man hat mich viel gehänselt. Ich nehme einfach an, dass das an meinen Gesten und meinem Auftreten gelegen hat. Ich hatte mich ja noch gar nicht geoutet; zu dieser Zeit war das noch kein Thema für mich. Als es dann in meiner Ausbildung weiterging mit den Hänseleien, habe ich auch noch nichts gesagt. Ich war auch dort die "Tucke" oder die "Schwuchtel". Dass ich nie eine Freundin hatte, hat das natürlich noch verschlimmert. Meine Ausbildung war in so einer Art Internat, und ich weiß, dass da auch noch andere Schwule waren, die ebenfalls nicht offen damit umgegangen sind. Und es gab da auch eine ganz klare Regel: Wer irgendwie bei irgendwelchen sexuellen Experimenten erwischt wird, der fliegt raus!

Auf dem Zettel stand: "Willst du mir einen blasen?"

So im Alter zwischen 14 und 16 war mir selber eigentlich klar, dass ich auf Typen stehe. Und ich habe dann auch schon bewusst danach geguckt. Auch in der Stadt oder so habe ich immer geschaut – aber ich hatte keine Ahnung, wie ich da was anstellen sollte. Einmal war ich im Kaufhaus auf einer Toilette, und mir ist da so ein hübscher Typ aufgefallen. Wir haben nebeneinander am Urinal gestanden und haben uns angeguckt. Aber ich wusste gar nicht, was ich jetzt machen sollte. Also bin ich erst einmal wieder gegangen. Allerdings bin ich am nächsten Tag wieder hin und bin dann in eine Kabine auf dieser Toilette gegangen. Da war ein Loch, und so langsam habe ich das alles verstanden. Ich bekam dann auch aus der Nachbarkabine einen Zettel zugesteckt, auf dem stand: "Willst Du mir einen blasen?" Nachdem ich dann "Ja" auf den Zettel geschrieben habe und ihn zurückgegeben habe, sollte ich in die andere Kabine kommen. Ich hab meinen Mut zusammengenommen und bin einfach rüber. Das war dann auch ganz gut – aber danach hatte ich erst einmal so einen Fluchtimpuls und bin gleich wieder weg. So kam das mit dem Sex dann langsam ins Laufen. Das war allerdings noch die Zeit ganz ohne Analverkehr, das hat deutlich später eingesetzt.

Vor zwei Jahren habe ich dann von einem Sexpartner, den ich über das Internet kennengelernt hatte, erfahren, dass er ein positives Testergebnis bekommen hat. Ich wusste aber auch von anderen, mit denen ich mal etwas hatte, dass sie HIV- infiziert sind. Also habe ich mich dann auch testen lassen – zum ersten Mal. Als das Ergebnis dann da war, war es erst einmal nicht eindeutig. Es hätte sein können – oder aber auch eben nicht. Aber nach dem Bestätigungstest war es schließlich klar: Ich bin positiv. Das war aber gar nicht so ein richtiger Schock für mich. Ich meine, seit 14 oder 15 Jahren ist mir das Thema Aids bewusst, und ich war irgendwie relativ gefasst. Klar habe ich auch geheult – aber ich hatte gute Unterstützung. Als ich davon erfahren habe, hatte ich zum Beispiel Besuch von einem guten Freund aus Schweden, der ebenfalls infiziert ist. Das war eine große Hilfe für mich.

Seit ich weiß, dass ich HIV-positiv bin, lebe ich gesünder. Ich achte auf meine Ernährung und treibe Sport, ich gehe viel raus, fahre Fahrrad und passe mit dem Alkohol auf. Seit ein paar Monaten nehme ich jetzt auch Medikamente, und das klappt bisher wirklich super. Wenn ich heute Männer kennenlerne, dann sage ich denen nicht sofort, dass ich HIV-positiv bin. Ich schreibe das auch nicht in mein Profil im Internet. Nach meiner Wahrnehmung machen das auch nicht viele – wenn ich das mal mit der Realität vergleiche, also überlege, wer wirklich so alles positiv ist, dann denke ich wirklich, dass nur wenige das da angeben. Klar ist aber, dass ich darüber rede, wenn es ums Ficken geht. Wenn es dazu nicht kommt, dann sage ich’s auch nicht. Fest steht aber: Wenn ich ficke, dann nur mit Gummi. Ich möchte niemanden anstecken. Nach dem Test hatte ich dann auch die Frage, wie es damit ist, wenn beide positiv sind. Ich habe dann aber verstanden, dass ich auch dann nicht darauf verzichten sollte, da es verschiedene Virenstämme gibt. Einmal habe ich einen anderen Positiven kennengelernt, der wollte es unbedingt ohne Gummi tun. Ich habe ihm erklärt, wie das ist, und er wollte es dann trotzdem immer noch – für mich war aber klar: Wenn er mich bumst, dann nur mit Kondom!