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Mitte August finden in der Hauptstadt die 12. IAAF Leichtathletik Weltmeisterschaften statt. Der drittgrößte Sportevent der Welt könnte ein schöner Anlass für einige Sportler sein, aus dem Schrank zu kommen, hofft Clemens Glade. Für queer.de hat er einen Streifzug durch Berlins schwul-lesbische Sportszene unternommen.

Von Clemens Glade

Der August ist was für Kämpfer – nicht wegen der Schlussverkäufe, sondern wegen der 12. IAAF Leichtathletik Weltmeisterschaften und ihren 47 Wettbewerben in 24 Disziplinen, darunter Hürdenlauf, Stabhochsprung, Kugelstoß, Diskuswurf, Marathon und Zehnkampf. Die WM, nach den Olympischen Spielen und der Fußball-Weltmeisterschaft drittgrößte Sportveranstaltung der Welt, beweist: Berlin ist eine Sportstadt. Hier gibt es alles, von Fußball-WM bis Yoga-Festival – Vielfalt zählt, deswegen ist Berlin auch eine Stadt des lesbischen und schwulen Sports. Ob Euro Games 1996, unzählige Wettkämpfe und Turniere wie der Goldelsen-Cup, der vom 13. bis 15. November zum zweiten Mal stattfinden wird: Schwule und Lesben turnen fleißig mit.

Dabei ist Sport mehr als nur Bewegung, er hat eine wichtige gesellschaftliche Funktion. Dr. Ehrhart Körting, Senator für Inneres und Sport, sagt: "Berlin ist seit jeher eine weltoffene und tolerante Stadt, in der sich Menschen aus allen Teilen Europas und der Welt über Jahrhunderte niedergelassen und hier - ungeachtet Ihrer Herkunft - eine neue Heimat gefunden haben. Die Aufnahme unterschiedlicher Lebensformen und die Auseinandersetzung mit anderen Sprachen und Kulturen haben daher schon immer den Berliner Alltag geprägt und den Umgang der Menschen miteinander beeinflusst. So konnte in der Hauptstadt das bekannt offene gesellschaftliche Klima entstehen, zu dem auch der Sport einen erheblichen Anteil geleistet hat und weiter leistet."

Vor 20 Jahren war der Vereinsname "Vorspiel" noch anrüchig

Mit der vom Fitnesssenator beschworenen Toleranz war es 1986 bei Gründung des Schwulen Sportvereins Vorspiel nicht weit her. Der Berliner Leichtathletik Verband (BLV) verweigerte über Jahre hinweg die Aufnahme, da ihnen das "Vorspiel" im Namen zu anrüchig war. "Sexuelle Neigungen gehören nicht in den Titel", so der Verband. Man sah das "sportliche und gesellige Vereinsleben" gefährdet. Sogar die Gerichte wurden bemüht. Das Kammergericht Berlin entschied 1992, dass die Verbindung von "Vorspiel" und "Schwuler" eine "unsachliche, der Integration aller Leichtathleten entgegenwirkende Emotionen" bewirke.

Nur ständiger Druck aus Politik, Gesellschaft und Sport vermochte den Verband zu überzeugen und mit einem kleinen sprachlichen Trick klappte die Akzeptanz. Die schwulen Sportler änderten ihren Namen von "Vorspiel - Schwuler Sportverein" in "Vorspiel - Sportverein für Schwule und Lesben". So wurden die Worte "Vorspiel" und "schwul" "räumlich und sinngemäß" getrennt, wie der Verband schrieb und so "sind unsere Bedenken erledigt".

Es geht beim Sport eben um Bewegung – nicht nur um die körperliche. Itong, Vereinsmanagerin von Seitenwechsel FrauenLesben Sportverein e.V., sagt: "Allein die Existenz eines lesbischen Vereins war und ist Provokation." Namen sind eben nicht Schall und Rauch. Jürgen, Abteilungsleiter für Leichtathletik bei Vorspiel, sagt: "Mitglieder von Vorspiel sind oft unter den ersten Gewinnern bei Wettkämpfen. Wenn alleine der Name des Vereins in den Bestenlisten auftaucht, dann bewirkt das etwas."

Turnsenator Körting lobt die Arbeit der Vereine: "Sie fördern das Image und die Attraktivität Berlins als Sportmetropole." Jedoch ging es bei Gründung in den Achtzigern nicht um Standortmarketing. Itong sagt: "Wir wollten andere Bewegungsformen finden, wollten Räume für Frauen schaffen, ohne männliche Trainer, Hausmeister oder Zuschauer."

Heute trainieren fast 700 Frauen 21 Sportarten wie Aquafitness oder Badminton. Bei Vorspiel halten sich rund 1.000 Frauen und Männer fit, der Verein ist damit einer der größten seiner Art in Europa.

Klischees z.B. über effeminierte Eiskunstläufer können dabei nicht bedient werden. Dirk, im Vorstand von Vorspiel, sagt: "Aus Ballett ist nichts geworden." Auch Itong sagt: "Das Klischee trifft nicht zu, die ganze Bandbreite von Frauen ist bei Seitenwechsel vertreten, natürlich spielen viele Fußball oder Basketball, aber viele machen auch Yoga oder nehmen die Gesundheitsangebote war. Es wird ein breites Angebot nachgefragt." Auch kommt es nach dem Training nicht zu Massenorgien unter der Dusche oder gemeinschaftlichen Trikotschnüffeln. "Die Leute kommen, um sich mit Gleichgesinnten fit zu halten", sagt Dirk, "wer rastet, der rostet." Itong erklärt: "Der soziale Zusammenhalt ist auch wichtig." Leichtathlet Jürgen ergänzt: "Ich bin in einem schwulen Verein, weil ich mich identifizieren können möchte mit dem Verein, für den ich antrete."

Im Amateurbereich hat sich, seit der BLV so fies foulte, einiges getan. "Wir haben vielleicht mal Schwierigkeiten mit einem Hausmeister, aber das ist schnell behoben", sagt Dirk, "wir als Verein haben keine Probleme mehr." Jürgen berichtet: "Mir sind keine offenen Anfeindungen bekannt. Selbst wenn ich an einem Volkslauf in Brandenburg teilnehme, ist es kein Problem, dass ich von einem schwulen Verein komme. Offen wird da nichts gesagt, natürlich weiß ich nicht, was hinten rum erzählt wird."

Spätestens seit Eberhard Diepgen die Schirmherrschaft für die Euro Games übernommen hatte, können sich auch Politiker ein "No Sport", wenn es um Lesben und Schwule geht, nicht mehr leisten. Nicht nur, weil es um Fragen des Marketings geht, sondern weil sich sogar Regierende hin und wieder ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst werden.

Sportevents zeigen Ausgrenzung und Intoleranz die Rote Karte

Sport sorgt also für Begegnung und so geht es bei Wettkämpfen nicht nur darum, wer mehr Tore schießt oder wer schneller rennt, sondern um die Vermittlung alternativer Lebenswelten. Der Come-Together-Cup und die Respect-Gaymes, die alljährlich im Juni stattfinden, sind daher auch eher Fußballfeste gegen Diskriminierung und Homophobie als bloßes Sportevent und zeigen Ausgrenzung und Intoleranz die Rote Karte.

Nur im Leistungssport wird mit der sexuellen Orientierung hinter dem Berg gehalten. Immerhin hat der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, Dr. Theo Zwanziger, kürzlich das Tabu gebrochen und zugesichert, dass er und der DFB jede lesbische Spielerin, jeden schwulen Spieler beim Coming-out unterstützen würden.

Wie bei der anstehenden Leichtathletik WM damit wohl umgegangen wird? 1.800 Sportlerinnen und Sportler kommen nach Berlin. Rein rechnerisch, wenn man von einem vorsichtig angesetzten Homo-Anteil von fünf Prozent ausgeht, werden also 90 Schwule und Lesben dabei sein. Ruth aus dem Büroteam von Seitenwechsel vermutet: "Als Leichtathlet kann man eher offen lesbisch sein, da gibt es ja ohnehin kaum Sponsoren." Aber genau das ist das Problem. Der Mediendirektor der WM, Stefan Theis, sagt: "Es geht um weniger Geld. Daher ist die Existenzgefährdung auch viel größer." Schwule oder lesbische Athleten sind ihm nicht bekannt. Aber er vermutet: "Athletinnen haben weniger Probleme als ihre männlichen Kollegen und heute ist es ohnehin einfacher." Vielleicht einfacher als vor zehn Jahren, aber noch immer nicht so problemlos, als dass es offen schwule Formel Eins-Rennfahrer oder offen lesbische Profifußballerinnen gäbe.

Lesben und Schwule müssen also in Verlängerung gehen, denn es gilt auch hier: nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Der (Wett-)Kampf für gleiche Rechte ist lange nicht vorbei und ist vor allem auch kein Spaziergang, sondern eher ein Marathon. Vielleicht ist der drittgrößte Sportevent der Welt ein schöner Anlass für einige Sportler, aus dem Schrank zu kommen. Daher also: auf die Plätze, fertig, los!