Die Wiederkehr der Aids-Leugner
 | | Was sieht man, wenn man Aids mit einer Augenbinde betrachtet? |
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Noch immer gibt es Menschen, die behaupten, HIV und Aids haben nichts miteinander zu tun. Ein Psychologieprofessor geht den Motiven der Aids-Leugner von heute in einem Buch nach.
Von Christian Scheuß
Die Faktenlage ist eigentlich erdrückend. Das HI-Virus wurde inzwischen in 3D gefilmt, das Erbgut wurde entschlüsselt, die Mechanismen der Vermehrung sind verstanden, das zerstörerische Werk in der Immunabwehr ist dokumentiert, die Wirkung der Medikamente zeigt sich schon allein an der höheren Lebenserwartung der Patienten. Und dennoch gibt es immer noch Menschen, die behaupten, HIV sei harmlos und nicht der Verursacher von Aids, vielmehr löse Drogenkonsum oder sogar die antiretrovirale Therapie das Krankheitsbild aus. Wie kann das sein?
Der amerikanische Psychologieprofessor Seth Kalichman von der Universität in Connecticut hat jetzt ein Buch veröffentlicht, in dem er den Motiven der Aids-Leugner nachgeht. Er beschreibt, wo deren prominentesten Vertreter herkommen, was sie bewegt und wie gefährlich ihr Einfluss mitunter sein kann, sobald Leute ihnen Glauben schenken. Kalichman war selber in der Vergangenheit in Afrika für Aids-Präventionsprojekte unterwegs.
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Während seiner Arbeit sah er sich mit den Folgen der Haltung des früheren südafrikanischen Staatspräsidenten Thabo Mbeki konfrontiert. Mbeki ist Aids-Leugner und erklärte offiziell, HIV-Medikamente seien Gift. Das verunsicherte viele Betroffene, einige lehnten eine Behandlung ab, den Botschaften von Präventionsprojekten wurde nicht mehr geglaubt. Sogar eine New Yorker Kollegin, eine hoch gebildete Person und eine der besten Soziologinnen ihres Fachs, entpuppte sich als Verfechterin derjenigen, die "Aids überdenken" wollen, wie es verharmlosend heißt, was Kalichman geradezu erschütterte. Er beschloss, sich mit wissenschaftlichen Methoden diesem Thema zu widmen. Gefunden hat er diverse Grunde, die häufig im Charakter der Person liegen. "Einige sind einfach nur bequem, andere fasziniert oder verärgert. Wie die Person, die gerade positiv getestet wurde, und dies nicht wahrhaben will. Oder jemand, der denkt, er sollte vielleicht mal einen Test machen und Argumente dafür sucht, dies nicht tun zu müssen", erklärt der Autor gegenüber dem Magazin POZ. Es gäbe aber auch simple taktische Motive. Einige Anhänger alternativer Medizin würden die Anti-Aids-Thesen als Aufhänger für ihre Kritik an der Schulmedizin nutzen.
Kritik äußert Kalichman aber auch an der eigenen Zunft der Wissenschaftler. Man habe zu lange geschwiegen und damit den Verweigerern Raum zum Erstarken gegeben. "Die Wissenschaft hat zu lange geglaubt, wenn sie die Leugner ignoriere, würden sie verschwinden. Die HIV-Community muss ihre Rolle wahrnehmen, um deren verbreitete Falschinformationen zu bekämpfen."
Seth Kalichman, Denying AIDS: Conspiracy Theories, Pseudoscience, and Human Tragedy, 205 Seiten, Springer Verlag, Berlin 2009, ab 18,60 Euro
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