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Gedanken zu den Gewalttaten in München, Ansbach oder anderswo

Von Jürgen Friedenberg

Wer Wind sät, wird Sturm ernten. Wer der Jugend eine schöne Welt vorgaukelt, in der Spaß als Lebensmaxime gilt, wo Freiheit als Freibrief für rücksichtsloses Tun missverstanden wird und das Ich gottähnlich hoch über dem Wir thront, der darf sich nicht wundern, wenn manch einer sich gewaltsam nimmt, was er friedlich nicht erlangen konnte und es deshalb auch den anderen missgönnt: Anerkennung, Zuneigung, Geborgenheit.

Generationen von Schwulen und Lesben haben leidvoll erfahren - und viele erfahren es noch immer - wie weh gesellschaftliche Ausgrenzung tun kann. Findet man dann nicht Halt bei Freunden oder Heimat in unserer Family, kann sich der Schmerz in Wut und die Wut sich durchaus in Aggressionen verwandeln, die einen selbst und die Umwelt bedrohen. Außenseiter wider Willen leben gefährlich. Etliche greifen zur Flasche, zur Spritze und, wenn es ganz schlimm kommt, zum Messer, zur Pistole oder zu Brandsätzen. Sie ruinieren sich selber und, wenn sie nicht rechtzeitig Hilfe erfahren, tötet ihr Hass – womöglich nicht nur sie, sondern auch andere. Warum nur, warum?

Psychologische Erklärungsversuche mögen im Einzelfall hilfreich sein, greifen aber in aller Regel zu kurz. Denn sie verschleiern meistens die Tatsache, dass unser gesamtes Gesellschaftssystem letztlich auf Gewalt gegründet ist, ja, die Gewalt verherrlicht. Ähnlich wie in der Natur, wo nur der jeweils Stärkere überlebt, belohnt unsere Gesellschaft im Alltag nicht etwa den menschenfreundlichen, hilfsbereiten, opfermutigen Mitmenschen als den Besten, sondern den Erfolgreichsten. Allein der erzielte Erfolg zählt; wie er zustande kam, ob mit legalen oder illegalen Mitteln, wird kaum hinterfragt.

Die Ellbogengesellschaft hat sich zur Fußtrittgesellschaft fortentwickelt: Todtreten oder tot getreten werden. Wir konnten das nicht verhindern. Aber wir sollten verhindern, dass Macht in Übermacht ausartet und Gewalt in Brutalität mündet. Auch darüber wird am kommenden Sonntag abgestimmt.



13 Kommentare

#1 schwulenaktivist
  • 22.09.2009, 14:18h
  • Gewalt ist die Kehrseite bürgerlicher Sexualität. Und die Probleme sind hausgemacht sozial, nicht biologisch!
    Wir hatten in den 60er Jahren schon ähnliche Fälle, aber leider lernt diese Gesellschaft nichts, darum kommt sie immer wieder neu auf die Welt...
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#2 seb1983
  • 22.09.2009, 14:49h
  • Antwort auf #1 von schwulenaktivist
  • "Die Gesellschaft" (wunderbar abstrakter Begriff) sind auch du und ich und wir alle.
    Da die Mehrheit in den letzten Jahren auf der 100% Selbstverwirklichung ist mir doch scheißegal Welle geschwommen ist gibt es jetzt die Quittung, in den Großstädten schneller als hier auf dem Land.

    Bei mir daheim gabs noch Ärger von Passanten wenn man Abfall auf die Straße geworfen hat.
    Mit 14 besoffen auf dem Weinfest vom Lehrer erwischt? wurden die Eltern verständigt.
    Geschadet hat es nicht...
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#4 FloAnonym
  • 22.09.2009, 15:55h
  • Tja, als zahlreiche hochgebildete Menschen genau dies vorhergesagt haben, wurden sie in die Lächerlichkeit gezogen, etc.

    Und jetzt haben wir genau das! Und mittlerweile ist jedem klar: das wird noch viel schlimmer werden, wenn sich nicht jetzt schnell etwas ändert. Es gibt schon jetzt auch in manchen deutschen Städten Viertel, wo man besser nicht hingeht, aber in ein paar Jahren wird da auch die Polizei nicht mehr reingehen. Wir werden irgendwann amerikanische Zustände haben, wenn sich jetzt nichts ändert.

    Die Gründe sind klar:
    soziale Ungleichheit und Perspektivenlosigkeit sorgen für Frust. Und um den abzulassen suchen diese Leute dann andere, an denen sie ihren Frust abreagieren können. (Das sind dann oft Schwule, weil die ja schon von Teilen der Politik und des Klerus als Menschen 2. Klasse hingestellt werden.)

    Um daran etwas zu ändern, müssen einige Maßnahmen greifen:

    1. Wieder mehr soziale Gerechtigkeit!
    Solange in Deutschland Kinder hungern und gleichzeitig Manager, die ihr Unternehmen in den Ruin fahren dafür auch noch Millionen-Abfindungen bekommen, muss man sich nicht wundern, wenn die Schere immer größer wird und der Frust stetig steigt.

    2. Keine Diskriminierung!
    Solange Teile der Bevölkerung (z.B. Schwule und Lesben) politisch / juristisch diskriminiert werden, darf man sich nicht wundern, wenn genau diese vermeintlichen 'Menschen 2. Klasse' dann Opfer von Gewalt werden.

    Deshalb ist alles andere als 100%ige Gleichstellung auch indiskutabel und Almosen a la FDP bringen gar nichts.

    3. Mehr Geld für Bildung!
    Das Bildungssystem muss viel besser werden; von den Grundschulen über die weiterführenden Schulen und Berufsschulen bis hin zu Unis.

    Aber auch öffentliche Bibliotheken, Musikschulen, Jugendeinrichtungen, Sportvereine, etc. müssen stärker unterstützt werden!

    4. Mehr Aufklärung!
    Schon in den Schulen muss Homosexualität, Migration, Gewalt, etc. ein Thema sein.

    Beispiel Homosexualität: das muss ein Thema im Sexualkundeunterricht sein (was es oft immer noch nicht ist). Aber auch in anderen Fächern: in Geschichte kann man z.B. eine Unterrichtseinheit über die Verfolgung von Schwulen im dritten Reich und die Stonewall-Kämpfe, etc. machen. Im Politikunterricht etwas zur politischen Situation von Schwulen und Lesben. In den Sprachen auch mal eine Lektüre oder eine Filmanalyse, wo es um schwule oder lesbische Themen geht. Auch in Philosophie, Erdkunde, Sozialkunde, Ethik, etc. sind Unterrichtseinheiten mit GLBT-Thematik gut umsetzbar.

    5. Härtere Strafen!
    Sicherlich muss erstes Ziel die Prävention sein, aber wenn es dann schon zum äußersten gekommen ist, müssen auch adäquate Strafen her. Nicht nur als Strafe, sondern auch um die Gesellschaft zu schützen.
    Wenn z.B. ein Opfer von Gewalt getötet wurde, bleibt er tot! Oder wenn er im Rollstuhl sitzt o.ä. bleibt das so. Da kommt nicht einer nach ein paar Jahren und macht das rückgängig. Aber ein Täter bekommt nur ein paar Jahre und muss meistens selbst das nicht komplett absitzen.

    Dadurch verlieren Menschen nicht nur ihren Zweifel am Rechtsstaat, sondern es ist auch ungerecht und eine Gefahr für die Gesellschaft.

    6. Mehr Kultur!
    Das betrifft nicht nur Museen und Theater, sondern auch die Medien. Wenn z.B. Prosieben in talk talk talk vermeintlich witzige Talkshow-Ausschnitte zeigt, wo sich Leute verprügeln, dann entsteht natürlich das Gefühl, Gewalt sei cool und witzig.

    Wenn Herr Bohlen bei DSDS Leute runtermacht, dann kann man zwar sagen, dass jeder, der dahin geht weiß, was ihn erwartet und dem aus dem Weg gehen kann. Aber manche wollen das dann nachmachen und mobben z.B. Mitschüler. Der Unterschied ist, dass diese dem dann nicht aus dem Weg gehen können.

    In einer Sendung wie Jackass fügen sich Leute Schmerzen zu. Das finden dann manche witzig und wollen das dann nachmachen, allerdings wie beim sogenannten 'Happy Slapping' auf Kosten von anderen, die das nicht freiwillig machen.

    Und so gibt es Hunderte weiterer Beispiele vor allem aus dem Privatfernsehen und dem Internet, wo niedere Kultur zu solchen Phänomenen beiträgt.

    Fazit:
    Es gibt viel zu tun, wenn man wirklich etwas ändern will und nicht jede Maßnahme wird jedem schmecken! Aber wenn man es nicht tut, wir die Situation immer schlimmer werden und irgendwann ist es dann zu spät um noch was zu ändern und wir haben auch hier amerikanische Zustände...
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#5 stromboliProfil
  • 22.09.2009, 16:15hberlin
  • lieber Jürgen Friedenberg,
    in deiner aufzählung der gründe rekapitulierst du die alte mär von der natur und der zwangsläufigen erkenntnis: nur der stärkere überlebt. Das ist teil aber dieser uns, von dir so hervorragend beschriebenen, siegerwelt. Aber diese welt ist eine ideologische konstruktion, die erklären soll was selbst in der natur nicht so funktioniert wie von uns dargestellt: Auch die natur ist geordnet, nicht wildes badland mit siegertypen und loosern! Und wenn man sich die ordnungen mal genauer anschaut, ist dahinter auch soziales gefüge, in der nicht nur dominaz eine überlebensmöglichkeit darstellt, sondern es gibt den sozialen verbund zum überleben. Und er ist ein verbund gegen stärkere, gegen feinde, denen man als "futter" dienen soll; wenn wir aber auf unsere arbeiterbewegung als schutzorganisation gegen den ausbeuter sehen, und sehen, wie tief diese soziale struktur gesunken ist, dann, sollten wir vieleicht doch wieder vom tierreich lernen!
    Diesen blick, wenn wir schon "natur " zitieren um unsere dummheit zu erklären, diese kompetenz die uns zunehmend fehlt, sollte, wenn schon "natur", beschrieben werden!

    Aber mal grundsätzlich dagegengehalten: die natur sollte nicht unsere richtungsangabe sein, wenn wir den sozialen blackout unserer gesellschaft beschreiben /erklären. Es ist das verkommene denkmodel vom einzeln ( hier der selbsternannte leistungsträger im neudeutsch..., dem man immer noch den volksträger vergangener zeiten heraushört !), der auf kosten anderer sich bereichern kann/darf/soll, um "ERFOLG" im leben zu haben. Mit christlicher leistungsethik verbrähmt, wird uns schon in den vorschulen eingebläut: nur der erste hat ein anrecht auf fortkommen. Und entspricht die soziale herkunft nicht der poleposition, wird man im kommenden rennen entweder hintenan bleiben oder parteivorsitzender und zukünftiger aussenminister. Über welche leichen man dabei die leiter nach oben getreten ist... ich denk da an den spruch von harald schmidt: man solle drauf achten, auf wem man beim aufstieg trete, schlieslich würde man ihnen beim abstieg wieder begegnen...

    Nicht die spassgesellschaft an sich ist das problem; das abgleiten der spassgesellschaft in eine egoismusgesellschaft ist das problem. Spass haben bedeutet nicht automatisch spass auf kosten anderer! Auch hier wiederum das missverständnis: spass wird definiert als spass auf anderer kosten; das muss so nicht sein!
    Aber bei den täglich vorgeführten looseren im prekariatsfernsehen wird diese prinzip zum rolemodel einer ganzen generation: das da einzelne beim blick in den morgentlichen spiegel eine ahnung davon bekommen was der rest der sie umgebenden von ihnen denkt erklärt die brachiale wut und deren ausbrüche. Wie der amokläufer die vereinzelte form des , nach mir die sintflut, in seiner hilflosen einsamkeit darstellt, so der gruppentäter seine wahrgenommene feigheit im gruppencrash zu verbergen sucht. Beides das selbe unreife aber auch alleingelassene individiu,. dem eine zukunft vorgegaukelt wurde. Eines haben sie gemeinsam: die erkenntnis , es gibt für sie keine zukunft! Deshalb ist ihnen letztlich auch alles egal was folgt. Was übrigens deiner these vom missverstandenen freiheit~ freibrief widerspricht. Erst wenn die hoffnung entweder das eigene chaos nicht überleben (todessehnsucht) zu können entäuscht wird , erst wenn dann der rattenschwanz an verantwortungswahrnehmung beginnt ( schuld-sühne... vieleicht auch reue), erst dann gibts eine chance auf zukunft.
    Das muss man denen zuvor vermitteln, vieleicht auch mit drastischen mitteln, um ihr scheitern im voraus zu vermeiden!
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#6 hwAnonym
  • 22.09.2009, 16:46h
  • Er versteht es noch nicht ganz, wahrscheinliche will er es nicht verstehen.
    Aber immerhin:

    "11.09.2009 (?!)

    Krise des Konservativen
    Wie ich aus Versehen ein Linker wurde

    Sein Vater war CDU-Politiker, er selbst kiffte und lebte in einer Mao-WG - zum Linken aber wurde Matthias Matussek erst jetzt in der Krise. Denn die Konservativen führen seiner Ansicht nach einen Klassenkampf von oben: Sie zertrümmern Werte, heiligen Kaltschnäuzigkeit und öde Lifestyle-Spießerei."
    (Spiegel-online)

    Als Ratzinger in Regensburg für Bush die himmlischen Heerscharen singen ließ,
    entdeckte er allerding wie, J. Fischer u.ä. laut seinen Katholizismus....

    Aushungern und Fordern

    Reinhard Jellen 22.09.2009

    Interview mit Claudia Daseking und Solveig Koitz über die rechtswidrige Hartz IV-Sanktionspraxis. Teil 1
    Seit 2005 hat sich in Deutschland die Armut, die Kinderarmut und die Anzahl der Tafeln verdoppelt. Der Niedriglohnsektor hat sich innerhalb der letzten zwanzig Jahre gleichfalls dupliziert. Während Einkommen aus Gewinnen und Vermögen um 36 Prozent zugenommen haben, bleibt die Lohnquote mit 66,2 Prozent auf einem historischen Tiefstand: Neun Prozentpunkte unter dem Spitzenniveau von 1974.

    www.heise.de/tp/r4/artikel/31/31162/1.html


    Künftige Bundesregierung ohne Legitimation?

    Verfassungswidrige Überhangmandate machen es möglich – CDU und FDP können wahrscheinlich bereits mit 44% Stimmanteil die Regierung stellen

    www.heise.de/tp/r4/artikel/31/31174/1.html

    Arend Oetker beschrieb die Lobbytätigkeit der Atlantik-Brücke im Jahr 2002 folgendermaßen:
    „Die USA wird von 200 Familien regiert und zu denen wollen wir gute Kontakte haben.“

    de.wikipedia.org/wiki/Atlantik-Br%C3%BCcke

    Schön, dass man sich hier dann wahrscheinlich um weniger Familien intensiv kümmern muss.
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#7 axekAnonym
#8 jochenProfil
  • 22.09.2009, 21:25hmünchen
  • noch nie wurde in den medien soviel brutalität und grausamkeit gezeigt.

    es ist nicht der eine brutalo-film, den der jugendliche sieht.
    es ist nicht das eine killer-computer spiel, dass er spielt.

    es ist die regelmässige und häufige berieselung mit gewalt und der damit schleichende anschein es wäre ja doch irgendwie alltäglich und etwas normales.

    gerade bei kindern und jugendlichen ist der nachahmungstrieb noch sehr ausgeprägt.

    es ist aber sicher nur EIN baustein, der die gewaltbereitschaft bei dem ein oder anderen jugendlichen anhebt, neben drogenmissbrauch, mangelnde präsenz der eltern...und einiges mehr..
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#9 axekAnonym
#10 mezzoAnonym
  • 23.09.2009, 09:58h
  • Um mal ehrlich zu sein, ist die Sicherheit in Deutschland gestiegen. Wenn man sich die Zahlen anschaut ist vor allem München eine der sichesten Städte der Welt. Im Jahr 2008 gab es in München 3 Tötungsdelikte, in Berlin 49 und in Chicago 508. Was die Delikte in München von den anderen abhebt, ist das München einfach dieses Heileweltimage hat. Aufsehenerregend sind immer nur die Momente, wenn etwas in der Weltstadt mit Herz passiert, weil gerade die ganze Welt auf diese Stadt schaut. Das Olympiaattentat, die Bombe auf dem Oktoberfest, oder jetzt eben der Mord an Dominik Brunner kurz vor der Wiesneröffnung. Nichtsdestototz stellt sich die Frage, wie es zu diesen Gewaltexzessen kommt. Vielleicht liegt es daran, dass man Gewalt nicht mehr lernt. Früher gab es bei jedem Volksfest eine Volksfestschlägerei, es gab Wirtshausschlägereien oder Schulhofprügeleien. Mittlerweile gibt es jedoch auch in jeder Schule einen Deeskalationsbeauftragten und es kommt nicht mehr zu Rangeleien. Sobald etwas passiert wird geschlichtet und man merkt nicht mehr, was, so blöde es sich anhört, noch akzeptabel ist und wo man besser aufhört. Vielleicht liege ich mit meiner Meinung ja falsch, aber ich denke, dass wir auch eine gewisse Gewaltkultur wieder lernen müssen, um solche Exzesse zu verhindern.
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