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Andreas ist 42 Jahre alt, wohnt in Wilhelmshaven und arbeitet als Berufssoldat. Nach einem Flugzeugabsturz begann sein Coming-Out.

Andreas ist Rollenmodel für die Präventionskampagne "Ich weiß, was ich tu". Wir veröffentlichen hier in Auszügen seine Story. Die ganze Geschichte kann man nachlesen auf www.iwwit.de. Dort ist Andreas auch persönlich ansprechbar. Wir beginnen mit der Story an der Stelle nach einem Absturz mit einem kleinen Privatflugzeug. Er als Pilot als auch sein Fluggast überlebten ohne Schrammen. Doch das geschenkte Leben gab ihm den letzten Kick, sein Coming-Out zu wagen…

Man muss sich das so vorstellen: Das Leben fängt noch einmal völlig neu an. Das ist wie eine Neugeburt. Aber ich wusste natürlich gar nichts und hielt mich für die einzige Schwester im Verein. Das war ja auch ein Grund dafür, nicht offen damit umzugehen. Durch eine glückliche Fügung habe ich dann aber jemanden an meinem Stützpunkt kennengelernt, der eine schwul-lesbische Gruppe leitet. Ein Zivilbeschäftigter aus der Verwaltung. Ich war total schüchtern, als ich auf den zugegangen bin. Er hat mich unter seine Fittiche genommen, und heute sind wir die besten Freunde. Durch ihn bin ich auch zur AIDS-Hilfe gekommen, wo ich mich ehrenamtlich engagiere. Das war für mich natürlich auch gut, denn ich habe da Anschluss gefunden und war so schnell in der Szene drin. Schließlich habe ich da viel von den anderen erfahren, zum Beispiel, wo ich so hingehen kann.

Als offen Schwuler in der Bundeswehr

Bei der Bundeswehr lief es für mich dann auch eigentlich ziemlich gut mit dem Outing. Und da war dieser Kontakt einfach sehr wichtig. Früher wurden Schwule bei der Bundeswehr wirklich kaltgestellt, da gibt es einige ganz heftige Geschichten. Seit 2000 oder 2001 ist es ja ganz offiziell so, dass dem Dienstherrn das egal zu sein hat, ob man schwul, bi oder hetero ist. Genau in diese Zeit der Liberalisierung bin ich auch mit meinem Coming-out reingerutscht. Sicher gibt es noch viele Bereiche in der Bundeswehr, in denen es Schwule schwer haben. Da ist noch viel Murks in den Köpfen! Aber mein Umfeld hat einfach super reagiert, und meine Kollegen haben keinerlei Probleme mit mir. Wir sind als Schwule bei der Bundeswehr übrigens gut vernetzt über den "Arbeitskreis Homosexueller Angehöriger der Bundeswehr", und man kennt sich. Aber natürlich ist es nicht so, dass alle Schwulen bei der Bundeswehr offen damit umgehen. Die Gründe dafür, sich nicht zu outen, spielen sich dabei aber manchmal auch nur im Kopf ab.

Für mich ging nach dem Outing alles total schlagartig. Die ersten Treffen auf Park-plätzen, ich war viel unterwegs – auch im Kölner Raum. Ich habe alles ausprobiert und erforscht. Es war einfach genial. Die Sexualität so zu entdecken, das war, als wäre ein Knoten geplatzt. Das habe ich auch so lange gemacht, bis ich umgefallen bin. Irgendwann kam ich dann auch auf Gayromeo und habe auch dort mal die Fühler ausgestreckt. Es war sicher gut, dass ich gleich nach meinem Coming-out zur AIDS-Hilfe gefunden habe. So wusste ich gleich zu Beginn das Wesentliche und konnte das eine oder andere Risiko wahrscheinlich gut umschiffen.

Ich hatte ja so ein Bild im Kopf: Schwule – HIV – Aids. Diese Zusammenhänge kannte ich so aus der Presse. Darum hatte ich schon ein bisschen Angst. In der AIDS-Hilfe habe ich viel mitbekommen und bekam schnell mit, was man tun und ich wie ich aufpassen kann. Das war echt ein Glücksfall – ich bin so nie in die Situation gekommen, extreme Risiken einzugehen. Als ich das erste Mal bei der AIDS-Hilfe war, bin ich gleich mit ein paar Gummis da wieder rausgegangen. Und da bin ich mir bis heute treu geblieben. Ich habe immer Gummis dabei, in einer kleinen Box. Da können die in der Sauna auch gern mal komisch gucken – ich stehe dazu! Ich bin auch nicht so der Typ für den Darkroom, da ich schon gerne sehen möchte, mit wem ich es zu tun habe, aber auch sehen möchte, was passiert. Nicht dass mal einer den Gummi wieder runter macht. In der Sauna lerne ich die meisten Männer für Sex kennen. Manchmal geht auch was über GayRomeo, aber das ist recht selten. Wenn ich in Berlin bin, was häufiger mal vorkommt, dann gehe ich da auch gerne in einen bestimmten Club. Das Gute daran ist, dass da überall Kondome in großen Schalen bereitstehen. Da braucht man sich nicht groß Gedanken machen, sondern einfach nur nach rechts oder links greifen. Außerdem stehe ich auch aufs Fisten – aber nur aktiv. Da habe ich immer ein Paket mit, denn Handschuhe und Gleitgel sind Pflicht. Und natürlich rede ich auch mit meinem Gegenüber. Mit Gewalt ist da nichts, das muss ganz langsam gehen.

Ich war die Mama ohne Brust

Meine erste Beziehung lernte ich schon ziemlich bald nach meinem Coming-out kennen. Das war die ganz große Liebe, und wir haben uns schnell verpartnert. Besonders war noch, dass wir damals zu dritt gelebt haben. Er, sein Sohn und ich. Ich habe mich gefühlt wie eine Mama ohne Brust. Zwei schwule Väter – das gibt es ja nicht so häufig. Mit seinem Sohn habe ich mich aber sehr gut verstanden. Und als wir uns getrennt haben – wir waren eben doch sehr unterschiedlich –, ist er sogar bei mir geblieben. Sein Sohn lebt also immer noch hier bei mir. Inzwischen habe ich wieder einen neuen Partner. Wir führen eine offene Beziehung, und es gilt auch hier, dass es natürlich nur mit Gummi geht. Auch in meiner ersten Beziehung war das schon so. Irgendwann haben wir uns dann aber testen lassen und haben es dann in der Beziehung eben auch ohne Gummi gemacht. An monogamen Beziehungen habe ich so meine Zweifel. Da verspricht man sich etwas – und dann trifft man sich plötzlich auf dem nächsten Parkplatz. In einer offenen Beziehung braucht man sich nichts vorzumachen, wenn man wirklich offen miteinander umgeht und miteinander über die Dinge spricht. Wenn in Beziehungen nicht ehrlich miteinander umgegangen wird und wenn Scham und Eifersüchteleien da eine Rolle spielen, dann wird es eben gefährlich. Man braucht sich beim Cruisen nur mal umzuschauen, was da alles so rumläuft. Hinten noch der Kindersitz im Auto – und die Partnerin weiß sicher nichts davon. Das ist eben dieses Problem, das ich habe. Diese Tabus. Für mich ist wirklich wichtig, über Sex sprechen zu können. Da nehm ich kein Blatt vor den Mund.