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Der CSU-Politiker Norbert Geis wollte in der ARD-Sendung "Menschen bei Maischberger" den Vormarsch von Homo-Rechten stoppen – dabei wirkte er wie Kapitän Ahab auf der Jagd nach Moby Dick.

Von Dennis Klein

Der Aschaffenburger Politiker Norbert Geis ist in Deutschland der lautstärkste Bundestagsabgeordnete im Kampf gegen Homo-Rechte. Homosexualität bezeichnet er als "Fehlentwicklung", die nicht staatlicherseits sanktioniert werden darf. So war er lautstärkster Gegner des Lebenspartnerschaftsgesetzes. Volker Beck warf Geis sogar "totalitäre Anwandlungen" vor, weil der grüne Fraktionsgeschäftsführer einen Kongress in Marburg kritisiert hatte, der die "Heilung" von Schwulen propagiert (queer.de berichtete). Dieser Mann war nun am Dienstagabend zu Gast in Sandra Maischbergers Talkshow, die unter dem Titel stand: "Schwule und Lesben an die Macht".

Geis hatte hier die Rolle des kränkelnden Mahners, der die anderen Teilnehmer von seinem Lebensmodell – es lautet: Heirate eine Frau und kriege Kinder – überzeugen wollte. Dass er damit bei Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit und der Kabarettistin Maren Kroymann auf taube Ohren stößt, stört ihn nicht. Auch die Erfahrungen von zwei Homo-Paaren, die ebenfalls in der Sendung zu Gast waren, weist er gewohnheitsmäßig zurück – und spricht ihnen sogar das Recht ab, eine Familie zu sein.

"Du bist den Rest deines Lebens kriminell“

Maischberger lud unter anderem den 74-jährige John Günther ein, der darüber berichtete, wie er seine Homosexualität kurz nach Kriegsende entdeckte. "Oh Gott, du bist den Rest deines Lebens kriminell", habe er damals in seinem schwäbischen Heimatdorf gedacht. Später gab es nur wenig Möglichkeiten, andere Schwule zu treffen: "Die Polizei hatte überall Spitzel", so Günther. In schwule Kneipen zu gehen sei zur Zeit des Paragrafen 175 ein "Akt der Verzweiflung gewesen, weil man Einsamkeit nicht mehr ausgehalten hat". Doch trotz der widrigen Umstände habe er Glück gehabt und 1961 seinen Partner Alfred Kaine getroffen – seitdem seien sie füreinander da gewesen und es sei eine Genugtuung gewesen, als sie sich endlich das Ja-Wort geben konnten. Sie fordern nun die gleichen Rechte, "dass das Versteckspiel ein für alle Mal ein Ende hat".

Geis war für dieses Schicksal nur bedingt aufnahmebereit: "Ich kann den Leidensdruck nachvollziehen bis zur Abschaffung des 175", erklärte der CSU-Abgeordnete. Danach hätten Schwule und Lesben doch die gleichen Rechte gehabt, so Geis. "Ich glaube, dass die öffentliche, strukturelle Diskriminierung weg ist". Gleichzeitig sagte er dem Homo-Paar ins Gesicht, dass sie keine richtige Ehe lebten sondern lediglich eine Partnerschaft. Moderatorin Sandra Maischberger war das offensichtlich peinlich. Sie verabschiedete Günther und Kaine demonstrativ mit den Worten: "Ich darf Ihnen für die nächsten Ehejahre viel Glück wünschen."

"Rasselbande von Homosexuellen"

Der CSU-Politiker zeichnete in der 75-minütigen Sendung ein dunkles Bild von Homosexuellen: "Fuktionäre" der Homo-Bewegung legten nach Ansicht von Geis immer wieder "Aggression und Intoleranz" an den Tag, nur weil er seine politische Meinung vertrete. So sei er bei einer Wahlkampfveranstaltung von einer "Rasselbande von Homosexuellen" verbal angegriffen worden und habe bei der Debatte um Lebenspartnerschaften tausende E-Mails mit Drohungen erhalten. Die Message ist klar: Nicht Homosexuelle würden diskriminiert sondern er als Verteidiger der Ehe.

Geis: Staat gegen Stammtisch machtlos

Zwar gebe es im privaten Bereich noch "Witzeleien" gegen Homosexuelle, gab Geis zu. Maischberger hatte zuvor über die steigende Zahl der Übergriffe auf Schwule berichtet. Aber gegen den Stammtisch könne der Staat nichts ausrichten, ist sich Geis sicher.

Der 70-jährige CSU-Bundestagsabgeordnete beschäftigte die Runde dagegen mit Haarspaltereien: So erklärte er beispielsweise, dass das Merkmal "sexuelle Identität" nicht ins Grundgesetz aufgenommen werden könne, da es ein Synonym für "Geschlecht" sei. "Herr Wowereit hat eine männliche sexuelle Identität wie ich auch", warf er der verdutzten Runde entgegen. Der Rechtsexperte schien auch bei den Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts nicht mehr auf dem laufenden zu sein: So bezeichnete er die Gleichstellung von Lebenspartnerschaften mit der Ehe als "verfassungswidrig" – obwohl das Bundesverfassungsgericht erst vor zwei Wochen mitgeteilt hatte, dass verpartnerte Paare nicht grundlos gegenüber heterosexuellen Ehepaaren benachteiligt werden dürfen (queer.de berichtete).

Beim Thema Homo-Adoption verweigerte Geis die Anerkennung von allem, was nicht in sein Konzept passt: So kanzelte er eine von der ehemaligen Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) vorgestellte bayerische Studie als "nicht seriös" ab. Diese besagte, dass gleichgeschlechtliche Paare genauso gut als Eltern geeignet sind wie verschiedengeschlechtliche. Dagegen erklärte er, es gebe viele Studien, die das Gegenteil behaupteten – um welche es sich dabei handelt, sagte er nicht.

Kampfgebiet Adoptionsrecht

Auch das Paar Ingmar Zöller und Thomas Welter, das zwei in den USA adoptierte Kinder großzieht, konnte das Herz des Familienfreundes Geis nicht erwärmen. Die Beiden beklagten, dass wegen des Adoptionsverbots durch Homo-Paare in Deutschland vor allem die Kinder gefährdet seien. Nur Zöllner wurde von den deutschen Behörden das Adoptionsrecht zugesprochen, nicht aber Welter. So erhielten sie etwa beim Tod des einen Vaters keine Waisenrente. Geis zeigte sich an dieser Problematik allerdings wenig interessiert: "Vom Grundsatz her ist es richtiger, wenn Kinder Vater und Mutter erleben", warf er dem Homo-Paar entgegen.

Zum Ende der Sendung trat noch der evangelikal geprägte Psychologe Michael Gerlach auf. Die Maischberger-Redaktion hatte wohl gedacht, dass sie Geis nicht alleine in die Höhle der (Homo-)Löwen schicken könne. Gerlach vertritt die Position, dass manche Homosexuelle ihr Schwulsein ablegen und fröhlich die Frauenwelt erobern können. Er selbst habe es so gemacht, erzählt er in verwinkeltem Psychologendeutsch. Der Akademiker erklärte aber nicht, warum sich trotzdem immer noch so viele junge Männer dafür "entscheiden", schwul zu werden. Immerhin nehmen diese Jungs vor allem auf dem Land in Kauf, von ihren Klassenkameraden gehänselt, von ihren Eltern verstoßen und von ihrem Pfarrer als Sünder beschimpft zu werden.

Dem durchschnittlichen Zuschauer werden am Ende vor allem die Schicksale der beiden sympathischen Homo-Familien im Gedächtnis bleiben, die nicht dem CSD-Klischee vom Schwulen entsprechen. Insbesondere ein Bild bleibt hängen: Wie der hoch erregte Norbert Geis einem schwulen Rentner-Paar erzählt, dass ihre rund fünf Jahrzehnte andauernde Beziehung eigentlich keinen großen Wert hat. Nur ein sehr herzloser Zuschauer kann sich hier auf die Seite von Geis stellen.



159 Kommentare

#1 Good ol friendAnonym
  • 04.11.2009, 13:30h
  • Es ist ein unglaublicher Skandal, Homo-Hassern wie Geis und dann auch noch Menschen verachtenden "Homo-Heilern" im öffentlich-rechtlichen Fernsehen eine Plattform zu bieten.

    Wenn so etwas inzwischen wieder als diskutable "Meinung" hingestellt wird, dann sollte uns endlich bewusst werden, was die Stunde geschlagen hat.

    Und die Programmverantwortlichen machen sich damit einmal mehr - neben ihrer generell heterosexistischen Programmgestaltung - wesentlich mitschuldig an der massiven und wieder zunehmenden Gewalt gegen homosexuelle Menschen, insbesondere gegen die jüngeren!
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#2 Good ol friendAnonym
  • 04.11.2009, 13:37h
  • PS: Zur neuen Standardphrase "auf dem Land":

    Ich lebe nicht "auf dem Land" und kann inzwischen trotzdem nicht mehr in die Innenstadt gehen, ohne in der Nähe von Jugendlichen spätestens nach zwei Minuten "schwul"- und "Schwuchtel"-Gegröle zu hören. Man kann das gar nicht oft genug betonen, denn wenn WIR diese allgegenwärtige Gewalt im öffentlichen Raum nicht mehr wahrnehmen und endlich politisches und gesellschaftliches Handeln einfordern, WER DANN???

    Deshalb hat insbesondere die ARD nicht weiter Lügen über angeblich "nicht mehr vorhandene strukturelle Gewalt" verbreiten zu lassen und UNSERE Gebührengelder zur Salonfähigmachung von Homo-Hassern und/oder -Heilern zu verwenden!
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#3 Olaf_LEO
  • 04.11.2009, 13:42h
  • Antwort auf #1 von Good ol friend
  • Es ist ein Skandal, wenn die ARD einen konservativen Bundestagsabgeordneten einlädt? Dann gibt es täglich hunderte Skandale im deutschen Fernsehen. Deine Aussage ist einfach Blödsinn.

    Freuen wir uns doch, wie sehr dieser Geis in der Minderheit ist. Ihm einen Maulkorb zu geben, würde nur zu Solidarisierung führen. Ihn so zu zeigen, wie er ist, entlarvt ihn dagegen als senilen Schwätzer.
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#4 Good ol friendAnonym
#5 seb1983
  • 04.11.2009, 14:01h
  • Bin durch Zufall gestern auch bei der Sendung hängen geblieben. Fand es sehr gut dass Geis eingeladen wurde, er hat sich in der Sendung völlig blamiert!! Schwule Paare und Familien wurden dadurch nur gestärkt, seine Aussagen ins Gesicht der Betroffenen haben schon im Studio Empörung ausgelöst.
    Geis hat sich gestern Abend vor einem Millionenpublikum ins Abseits geredet!
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#6 LoeweBoy1987Anonym
  • 04.11.2009, 14:01h
  • Ich habe die Sendung gestern leider nicht gesehen. Mein Opa hatte mich heute morgen darauf angesprochen und hat nun ein eindeutig besseres Bild über Homosexualität. Mit meinem Outing vor rund 4 Jahren kam er erst mühsam damit klar, nach der Sendung hat es bei ihm entgültig "klick" gemacht und er beschimpfte Geis als "Verbohrter Sturkopf". Er kann mich nun verstehen und ist jetzt auch für eine vollständige Gleichstellung.

    Ich danke der ARD für die großartige Sendung, welche ein stück mehr Klischeedenken aus der Welt schaffte und dafür, dass sich Geis einmal mehr schön blamieren konnte.
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#7 tomruevelAnonym
  • 04.11.2009, 14:06h
  • Moin Gemeinde,

    nun ja, was soll man da schon erwarten.
    Herr Geis beruft sich auf längst überholte/revidierte Urteile des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahre 2002.

    Und natürlich wird munter weiter diskriminiert.
    Vom Gesetzgeber
    Das sehe ich selber jeden Monat auf meiner Bezügeabrechnung. Als verpartnerter Beamter erhalte ich weniger Bezüge als meine verheirateten Kollegen.
    Mein Partner erhält von meiner Seite keine Hinterbliebenenversorgung.

    Jedenfalls haben die Gegner des Lebenspartnerschaftergänzungsgesetzes, mit dem alles gereglt worden wäre, der Bundesrepublik einen Bärendienst erwiesen.
    Unzählige Verfahren bis in die höchsten Instanzen.

    grüsse
    tomruevel
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#8 Good ol friendAnonym
  • 04.11.2009, 14:12h
  • Antwort auf #5 von seb1983
  • Fakt ist, dass hier Homo-Heilern eine Werbe-Plattform geboten wurde und die perversen Folgen solcher Menschen verachtenden Praktiken bis hin zum Selbstmord dabei bewusst ignoriert wurden.

    Ein weiterer Erfolg für die Homo-Heiler-Bewegung, mit tatkräftiger Unterstützung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens!

    Wann lädt die ARD Hetero-Heiler in ihre Sendungen ein???

    Originaltext:

    Michael Gerlach (Diplom-Psychologe)

    "Die sexuelle Identität ist veränderbar", glaubt der Psychologe. Über zehn Jahre lebte Michael Gerlach in homosexuellen Beziehungen. Doch er begann, seine Sexualität als problematisch zu empfinden. Heute ist er mit einer Frau verheiratet. In seiner Praxis bietet der Psychologe homosexuellen Männern, die unter ihrer Orientierung leiden, eine Therapie an. Er glaubt: Schwule Männer müssen nicht schwul bleiben."

    www.daserste.de/maischberger/sendung.asp?datum=03.11.2009&st
    artseite=true
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#9 Good ol friendAnonym
  • 04.11.2009, 14:25h
  • Antwort auf #6 von LoeweBoy1987
  • Für junge Schwule, die gerade mit ihrem Coming-Out zu kämpfen haben, war die Werbung für Homo-Umpoler nichts anderes als ein brutaler Schlag ins Gesicht und ein widerlicher Akt psychischer Gewalt!

    Und genau so ist das von diesen Gewalttätern auch gedacht!
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#10 LarsAnonym
  • 04.11.2009, 14:54h
  • Erst Sendung schauen und dann urteilen. Als ich die Ankündigung auf der ARD-Website las, dachte ich auch, wie man so einem Psychologen eine Plattform geben könne. Letztlich hat er dann gesagt, dass er niemanden therapieren oder umpolen will und es wurde klargestellt, dass es sich auch nicht im eine therapiebedürftige Krankheit handelt. Er bietet wohl eher eine Art Orientierungshilfe für Leute, die mit dem "schwulen Leben" unzufrieden sind (was man angesichts weit verbreiteter Oberflächlichkeit in "der Szene" sogar ansatzweise nachvollziehen kann). Das kann man alles bedenklich finden, es klang zumindest bei weitem nicht so dramatisch wie in der Sendungsankündigung.

    Und der Herr Geis hat sich selbst so dermaßen disqualifiziert und blamiert - außer seinen Ansichten aus der Mottenkiste und irgendwelchen Haarspaltereien um den Begriff "sexuelle Identität" hatte er nichts zu bieten. Hat sich um Kopf und Kragen geredet, kam mega unsympathisch und verstaubt rüber. Besser geht's doch gar nicht ;-)

    Die Sendung kann man sich übrigens in voller Länge auf der Sendungswebsite ansehen.
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