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Das Rammstein-Album "Liebe ist für alle da" ist ab Mittwoch nur noch für Erwachsene da. Auf den Index geriet es auf Antrag von "Zensursula", Familienministerin Ursula von der Leyen.

Von Christian Scheuß

Vor zwei Jahren sah es das Gremium bei der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) noch locker. Ein Jugendpfleger hatte dort einen Antrag gestellt und verlangte, das komplette bisherige Werk der Band "Rammstein" auf den Index zu setzen. Die Texte seien obszön und Gewaltverherrlichend. Der Ausschuss, der in Bonn sitzenden und dem Familienministerium unterstellten Behörde mochte der Argumentation nicht folgen. Die fünf Studio- und zwei Livealben blieben auch für unter 18-Jährige käuflich erwerbbar.

Als Mitte September mit "Pussy" die erste Single des kommenden Albums mit dem Titel "Liebe ist für alle da" veröffentlicht wurde, war schnell klar: Die Metall-Rocker machen keineswegs auf Rosenstolz. Im Gegenteil. Die Bandmitglieder fummeln sich im zugehörigen Video als Transen, Zuhälter und SM-Sklaven auf, singen über das Reinstecken von dicken Schwänzen ins Sauerkraut, tanzen um halbbekleidete Frauen herum, die ihre Beine spreizen und in verwaschenen schnellen Zwischenschnitten sieht es so aus, als ob dort Hardcore-Sex zu sehen ist. Das Video war eindeutig zu heiß für MTV, stattdessen lief es zunächst auf der Website eines Pornoanbieters. So weit, so bekannt. Es ist halt Rammstein, die gerne mit Provokation vermarkten und in den Songtexten wie eh und je kein Blatt vor den Mund nehmen.

Für das von Ministerin Ursula van der Leyen geführte Familienministerium war damit der Bogen überspannt. Man stellte einen Indizierungsantrag, und die Bundesprüfstelle hörte jetzt strenger hin. Beim Song "Ich tu dir weh", in dem unter anderem über Stacheldraht im Harnkanal gesungen wird, war die Schmerzgrenze erreicht. Dem Antrag wurde stattgegeben. Laut Rammstein sei dies konkret wegen des Songs "Ich tu dir weh" und wegen des Plattencovers erfolgt. Man verbreite damit - so zitiert die Band die Behörde - jugendgefährdende Darstellungen von SM-Praktiken und animiere zu ungeschütztem Geschlechtsverkehr.

Der genaue Wortlaut der Entscheidung ist auf Anfrage von queer.de noch nicht öffentlich einsehbar. Das Indizierungsverfahren folgt einem strikten Prozedere, nachdem erst die "Verfahrensbeteiligten" schriftlich benachrichtigt werden müssen. Doch fest steht: Ab dem 11. November 2009 gibt es das Album nur noch für Erwachsene unter der Ladentheke zu kaufen, das Cover und der indizierte Songtext dürfen nicht mehr veröffentlicht werden.

Schaut man sich die bisherigen Veröffentlichungen der seit 1994 existierenden Gruppe an, wirkt die jetzige Indizierung willkürlich. Denn Sänger Till Lindemann hat mit seinem immer gleichen Atemwegs-Infektions-Sprechgesang bereits alle Tabus durchgegurgelt: Sadomasochismus (Bück dich, Bestrafe mich, Feuerräder, Rein Raus und Ich tu dir weh), Homosexualität (Mann gegen Mann), Inzest (Spiel mit mir und Tier), Missbrauch (Wiener Blut, Tier und Halleluja), Nekrophilie (Heirate mich), Pyromanie (Benzin und Hilf mir), Kannibalismus (Mein Teil und Eifersucht), und Gewalt beim Sex (Wollt ihr das Bett in Flammen sehen). Wo genau im auf dem Index stehenden Song zu ungeschütztem Sex aufgerufen wird, eschließt sich nicht. Und warum indiziert man wegen der Darstellung von SM-Praktiken, einer Sexpraktik, die bekanntlich einvernehmlich zwischen entscheidungsfähigen Menschen stattfindet? Warum nicht wegen möglicherweise menschenverachtender Darstellungen oder frauendiskriminierender Passagen?

Die Fans sind empört

Viele Fans der umstrittenen Provokateure sind empört, und sehen darin einen weitere Bevormundung der Familienministerin, die seit ihrem missglückten Versuch der Einführung von Internetsperren bei Kinderpornographie bereits den Spitznamen Zensursula hat. Das Internet und die Tauschbörse auf dem Schulhof werden dafür sorgen, dass der Versuch, die Jugend vor was auch immer per Verbot zu schützen, ins Leere laufen wird.

Auf jeden Fall landet damit zum ersten Mal eine CD, die auf Platz 1 der deutschen Album-Charts steht, auf der schwarzen Liste. Und die Aufmerksamkeit für Rammstein steigt in ungeahnte Höhen. Stacheldraht im Harnkanal? Da kann selbst die ganz doll verrückte "Crazy Love" von Michael Buble (Platz 2 der Album-Charts) nicht mithalten.



20 Kommentare

#1 Jan W.Anonym
  • 10.11.2009, 16:32h
  • Ich bin der Ansicht, dass die bisherigen Erscheinungen von Rammstein nicht eine Rechtfertigung für dieses Album darstellen.

    Wir müssen bei aller Toleranz bedenken, dass unter 18-Jährige häufig psychisch noch nicht ausgereift sind und nicht sicher abschätzen können, was gefährlich oder ungefährlich ist. Genau wie Killerspiele gehört soetwas nicht an Kinder und Jugendliche ausgeteilt.
    Die Ansicht, dass es sich ohnehin auf den Schulhöfen verbreiten wird, rechtfertigt nicht das Kindern zugänglich zu machen. Dann könnte man gleich losgehen und Pornos in den Schulen verteilen.

    Im Übrigen handelt es sich hierbei eher um einen Artikel der als "Kommentar" markiert werden sollte.
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#2 dummfugAnonym
  • 10.11.2009, 17:13h
  • Mal ganz ehrlich, bei allere Toleranz, ich frage mich so manches mal, ob viele Dinge auch von meiner Nichte gesehen werden sollen.

    Natürlich - Eltern sollten gemeinsam mit Ihren Kindern im Internet surfen.
    Wichtig - Ihnen beibringen, was menschenverachtend ist und was Toleranz bedeutet.
    Erklären - wie man mit Konsumgütern, Alkohol und anderen Drogen umgeht.
    Ein charakterlich gestärkter Mensch kann dann sicherlich gut mit Darstellungen umgehen, die ihm mehr als unangenehm sind.

    Aber die Realität sieht anders aus.

    Toleranz ist leider genauso ein Fremdwohrt wie Kultur und Kunst. Wertesysteme wandeln sich immer in einer Gesellschaft, aber wie viele Jugendliche wissen überhaupt noch etwas irgendwie zu bewerten? (mal davon abgesehen das dann auch noch in Worte zu fassen)

    Ich will NICHT spritzendes Blut tagsüber im Kinderfernsehen sehen. Ich will NICHT ein SM-Pornomagazin im Ärztewartezimmer finden.
    Und die Anzahl lebensgefährlich alkoholisierter Jugendliche in Notaufnahmen sprechen auch für sich.
    Selbst bei den Berichten aus Kriegsgebieten überlegen Reporter, welche Gräueltaten sie im Bild den Zuschauer zumuten können - dabei ist es natürlich unumstößlich, ja ein MUSS, über diese Dinge zu berichten. Aber dahinter steckt eine Botschaft!

    Wenn also in einem Musikvideo Alltagssituationen mit Szenen vermischt werden wie Waffenbenutzung, Drogenkonsum, Schlägen auf Personen, Anzünden von mit benzinübergossenen Menschen und keine klare Aussage und damit Wertvermittlung gemacht wird (z.B. Rammstein: Du hast / Sehnsucht) dann finde ich das sehr bedenklich. Denn auch hier steckt doch wohl eine Botschaft dahinter!

    Da ist eine Indizierung von unserer Zensur-Ulla von den Laien tatsächlich mal NICHT übers Ziel hinaus geschossen.
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#3 Good ol friendAnonym
  • 10.11.2009, 17:23h
  • Das betreffende Video mit dem vielsagenden Titel "Pussy" ist billigster und einfältigster Heterosexismus im Stile genau der einseitigen Zwangsindoktrination, die Kindern und Jugendlichen inzwischen ohne Rücksicht auf Verluste von kleinauf aufgedrückt wird. Dadurch entsteht keine Freiheit für diese jungen Menschen, sondern es geht durch diese aggressive und einseitige Zwangssexualisierung sogar massiv Freiheit verloren. Ich bin daher ebenfalls der Meinung, dass hier allmählich sehr deutliche Grenzen aufgezeigt werden sollten.
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#4 MaximoEhemaliges Profil
  • 10.11.2009, 19:17h
  • Solche geschmacklosen Textinhalte berechtigen aus meiner Sicht noch lange nicht für eine Indizierung. Der Konsument sollte diesen Schrott einfach nicht mehr kaufen. Leider ist diese Indizierung eine zusätzliche Werbung für Rammstein.
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#5 LorenProfil
  • 10.11.2009, 19:49hGreifswald
  • Jau, Rammstein haben es mal wieder geschafft.
    Zwischen absichtlicher Geschmacklosigkeit und
    einem Brachialhumor, der die Pochers und Barths
    dieser Republik sehr blass werden lässt, changie-
    rend, haben sie es auf den Index geschafft und
    von den Moralhütern dieses unseres Landes eine
    unfreiwillige Promotion kassiert. Dass das 1000-
    malige Anhören des indizierten Liedes wohl weni-
    ger Schaden anrichten wird als das 1-malige An-
    sehen eines Grand Prix der Volksmusik, das ist
    der Zensurbehörde wohl entgangen. Dass Verbote
    häufig Neugier erst wecken, ist eine altbekannte
    Tatsache. Dass der Medienkonsum von Kindern
    und Heranwachsenden von ihren Eltern und Er-
    ziehern begleitet werden sollte (wenn möglich
    auch mit Neugier und Aufgeschlossenheit!),
    kann ein Garant sein für das Abwenden ver-
    meidlicher Gefahren, die in manchen Medien ver-
    mutet werden, vor allem dann, wenn diese Be-
    gleitung eingebettet ist in eine Erziehungshal-
    tung, die die Persönlichkeit und die Analyse-
    und Kritikfähigkeit der Kinder und Heranwach-
    senden stärkt.
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#6 LorenProfil
  • 10.11.2009, 20:26hGreifswald
  • Und nochmal im Original, weils so schön passt :

    "Sie waren sprachlos
    So sehr schockiert
    und sehr ratlos
    Was war passiert
    Etwas fassungslos
    und garantiert
    Verständnislos
    Das wird zensiert

    Sie sagten grundlos
    Schade um die Noten
    So schamlos
    Das gehört verboten
    Es ist geistlos
    Was sie da probieren
    So geschmacklos
    Wie sie musizieren
    Ist es hoffnungslos
    Sinnlos
    Hilfslos
    Sie sind gottlos

    Wir waren namenlos
    Wir haben einen Namen
    Waren wortlos
    Die Wore kamen
    Etwas sanglos
    Sind wir immer noch
    Dafür nicht klanglos
    Das hört man doch
    Wir sind nicht fehlerlos
    Nur etwas haltlos
    Ihr werdet lautlos
    Uns nie los"

    (Rammstein, Los, 2004)

    Sie sollten dieses Lied ohne weiteren Kommentar an die Zensoren und die
    werte Frau Ministerin schicken.
    Ich mag sie. Nein, nicht die Frau Ministerin
    und ihre Helfershelfer.
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#7 herve64Profil
  • 10.11.2009, 20:29hMünchen
  • Ui, fühlte sich unsere Zensurschl wohl angemacht von der Passage "Schönes Fräulein, woll'n wir mehr Blitzkrieg mit dem Fleischgewehr?"? Es bezog sich aber sicherlich nicht auf sie, denn die dürfte von ihren sieben Blage ziemlich ausgeleiert sein.
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#8 Good ol friendAnonym
  • 10.11.2009, 21:27h
  • Bei aller Liebe zu deinem wohlklingenden Plädoyer für "Neugierde" und "Aufgeschlossenheit", @Loren,

    aber hier geht es um nichts anderes als knallharte geschäftliche Interessen, die mit einer immer aggressiveren Zwangssexualisierung junger Menschen, und zwar ausschließlich in die heterosexistische Richtung bedient werden sollen.

    Dass damit auch die sexuelle UNfreiheit, nicht die Freiheit, dieser Altersgruppe massiv vorangetrieben wird, sollte demjenigen, der an anderer Stelle von sexueller Freiheit und Gleichberechtigung spricht, nicht entgehen.

    Fakt ist: Wir verlieren den Kampf um sexuelle Freiheit und Selbstbestimmung auch und ganz besonders wegen der hier diskutierten, von der Pop-Industrie aufoktroyierten Zwangseinfalt! Die Bilder, die Kinder und Jugendliche da eingetrichtert bekommen, prägen ihr (Selbst-) Verständnis von Sexualität, und alles, was davon "abweicht", ist und bleibt dann eben eine Abweichung und etwas, womit sich der Einzelne automatisch gegen diese (Zwangs-) Illusion stellt, die er von kleinauf als alleinig seligmachend oder besser als vermeintlich unwiderstehlich "sexy" und "geil" verinnerlichert hat. Die Freiheit, seine eigenen innersten Wünsche und Gefühle zu entdecken, diese Selbstentdeckung überhaupt erst zuzulassen und dann das Entdeckte auszuleben, wird unter solchen Bedingungen immer schwieriger.

    Ich finde es daher absolut richtig und notwendig und konsequent, dass sich auch Feministinnen, die diesen Namen verdienen, gegen die Zwangspornographisierung (genauer: ZwangsHETEROpornographisierung) der Massenmedien und der so genannten Jugendkultur wenden.

    Junge Menschen brauchen endlich wieder Freiräume, ihre eigene Fantasie zu entfalten. Erschreckenderweise wird in unserer Gesellschaft - und auch in unserer Community - individuelle Freiheit mit der Freiheit von Medienkonzernen verwechselt, alles, wovon diese sich maximalen Profit versprechen, ohne Rücksicht auf Verluste auch schon Kindern und Jugendlichen aufzudrücken. Diese Vorstellung von Freiheit sollten gerade wir ganz dringend hinterfragen und ablehnen!
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#9 Flugschau70ToteAnonym
  • 10.11.2009, 23:40h
  • Kann man von einer - äh - Band mehr erwarten, die sich nach einem Unglück mit 70 Toten benennt und noch nicht mal den Ort korrekt schreiben konnte/kann?

    Ja, ich weiß, gebt mir rote Bewertungen. Ich wundere mich hier sowieso oft über die Bewertungen! Interessanterweise schreibt hier keiner was, das grün bewertet ist. Warum eigentlich nicht? Es kann doch nicht so schwer sein, eine Meinung in Worte zu fassen anstatt eine unpassende Meinung einfach nur negativ zu bewerten, oder?
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#10 LorenProfil
  • 11.11.2009, 00:49hGreifswald
  • Antwort auf #8 von Good ol friend
  • Bei allem Respekt, mit dem Schaffen von Ramm-
    stein scheinst du dich nicht allzu sehr beschäftigt
    zu haben, sonst würdest du im Bezug auf die Lie-
    der dieser Gruppe wohl kaum von aufoktoyierter
    "Zwangseinfalt" oder "(Zwangs-)Illusion" sprechen.
    Gerade in den Texten von Till Lindemann wird
    Sexualität und Liebe alles andere als "sexy" und
    "geil" dargestellt (etwas, das Spießer schockierend
    finden mögen) und in allen möglichen Varianten
    dargestellt (von schwul über nekrophil bis zu pädo-
    phil, von leidenschaftlich über gewalttätig bis
    romantisch - und ja, mehrheitlich heterosexuell,
    da der Texter heterosexuell ist). Viele Texte sind
    angelegt wie Filmszenen oder Minidrehbücher,
    manche beziehen sich auf tatsächliche Ereignisse,
    manche auf klassische Vorlagen. Dass sie auf
    Jugendliche normierend wirken, halte ich für
    eher unwahrscheinlich. Dass die Lust auf Pro-
    vokation ausgelebt wird, entspricht wohl dem
    Lebensgefühl vieler Heranwachsender (das
    Entsetzen der Eltern steigert den Genuss der
    Rezeption wahrscheinlich, daher play it loud).
    Ich als (u.a.) gelernter Literaturwissenschaft-
    ler finde viel An- und Aufregendes und würde
    mich nicht wundern, wenn z.B. ein Genet auf
    seinem iPhone auch das eine oder andere Lied
    dieser Gruppe gespeichert hätte, wäre es ihm
    möglich gewesen. Man muss aber genau hinhören, auch bei "Pussy", um die Protagonisten
    der Songs und die Situation, in der sie sich befinden, zu verstehen. Ich finde, dass es sich
    lohnen kann, sich mit dieser Form von Kunst
    im Brachialgewand zu beschäftigen.

    Und ja, man kann das natürlich auch ganz anders
    sehen, das liegt in der Natur der Sache und auch
    am Ohr des Hörers.
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