Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse Tagesbild TV Termine
© Queer Communications GmbH
http://queer.de/?11350

Zwei neue Ausstellungen im Schwulen Museum Berlin: "First Service" unterläuft herkömmliche Erwartungen an queere Kunst, Christoph Burtscher verrätselt HIV-Blutbilder aus dem Labor

Von Carsten Weidemann

Inwieweit beeinflusst die sexuelle Identität eines Menschen dessen künstlerische Produktion? Die Ausstellung "First Service" im Schwulen Museum Berlin will sich dieser Frage über die Positionen von acht Künstlern annähern und bildet damit den Auftakt zu einer Ausstellungsreihe mit zeitgenössischer Bildender Kunst.

Vorgestellt werden schwule und lesbische Künstler – die meisten in Berlin beheimatet – aus den Bereichen Malerei und Zeichnung, Foto-, Video- und Objektkunst, Plastik und Installation, die sich in ihren Arbeiten sowohl mit Sexualität und Identität als auch mit Themen auseinandersetzen, die nicht explizit diesen Fragestellungen zugeordnet sind und herkömmliche Erwartungen an schwul-lesbische Kunst unterlaufen. Das Schwule Museum beabsichtigt, auf Dauer ein Archiv künstlerischer Statements zusammenzutragen, das die Vielfalt queerer Kunstproduktionen erfasst und kommentiert. Diese Sammlung soll aufzeigen, welche Aspekte schwulen und lesbischen Selbstverständnisses in die Prozesse aktueller Kunstproduktion einfließen.

Die künstlerischen Strategien und Methoden sind dabei ebenso individuell und vielfältig wie die inhaltlichen Positionen selbst: D-L Alvarez (Film, Zeichnung) befragt Konzepte der Wahrnehmung: er überführt das Pressefoto zweier Katzen, die ihrem Besitzer einst das Leben retteten, ins Medium der Zeichnung und filmt Cruiser und Fußgänger auf der Löwenbrücke im Tiergarten. Jon Campbell (Malerei) entfremdet in malerischen Prozessen die Porträts von Freunden und erfindet surreale Landschaften und Bilderzählungen.Jean-Ulrick Désert (Cyanotypie/Digitaldrucke) thematisiert die Tabuisierung männlicher Prostitution und befragt im historischen Verfahren der Cyanotypie, einem Vorläufer der Blaupause, die preußische Geschichte eines nubischen Jungen und dessen Nachfahren. Amir Fattal (Fotografie/Objekt) inszeniert einen privaten Playroom als Landschaftsporträt und Stilleben und konstruiert aus leuchtenden Alibertschränken ein multidimensionales "Loch".

Grit Hachmeister (Installation/mixed media) kombiniert wandfüllend eine Vielzahl von Zeichnungen, Fotos und Objekten, die die Themenfelder der Sexualität und Selbstbefragung und -verortung im Spannungsfeld von Körper-, Beziehungs- und Geschlechtsinszenierungen umkreisen. Dennis Kuhlows (Skulptur) Figuren im Hasenkostüm wirken selig oder aggressiv und eröffnen eine Vielzahl an Projektions- und Assoziationsräumen. Sein Selbstbildnis reflektiert auf multiplen Ebenen die Gesetze tradierter Bildpräsentation. Sophie von Stillfrieds (Malerei/Skulptur) großformatige Bildausschnitte offerieren Figurenszenen im Spiel begrenzter Sichtbarkeiten und subjektiver Intimität. Sascha Weidner(Fotografie) komponiert in einer Wandinstallation einen lyrisch-melancholischen Bild-Track, im Dickicht eines Pariser Parks entdeckt er den verborgenen Tatort illlegaler Handlungen.

"Arbeiten an einem Wunder" heißt eine zweite neue Ausstellung im Schwulen Museum. Christoph Burtscher erzählt in neun SW-Bildern von persönlicher Hoffnung auf Schutz und Heilung, von geheimnisvoller, vorübergehender Besserung – die Geschichte eines persönlich erlebten Wunders.

Dafür bedient sich der gebürtige Österreicher fotografischer "HIV-Blutbilder" – großformatiger Aufnahmen aus dem medizinischen Labor, wobei er die Fotografien mittels unterschiedlicher Techniken wie Ausschnittvergrößerungen, Doppelbelichtung und SW-Transformation der ursprünglichen Farbfassung abstrakter macht und verrätselt. Den konkreten Bildinhalt verraten nunmehr ausschließlich die einzelnen Bildtitel, die Untersuchungsdatum und Ausmaß der Viruslast mitteilen. Als Klammer für diese Blutbilder verwendet Burtscher Darstellungen von Heiligen - in der christlichen Bild- und Erzähltradition unverrückbar verbunden mit Wunderlegenden.

Christoph Burtscher bedient sich im vorliegenden Kontext zwar der vielschichtigen Ikonografie katholischer Heiligenlegenden und bewegt sich damit innerhalb einer christlich-moralischen Metaphorik. Aber er wendet sie bewusst gegen die Perversion kirchlicher Deutungsmacht, die AIDS als "neuzeitliche Pest" und Ausdruck einer apokalyptischen, göttlichen Gerichtsbarkeit gegen Schwule gesehen hat – und vielfach noch immer sieht. Beide Schutzpatrone – der heilige Christophorus und der heilige Sebastian, im Mittelalter auch Schutzheilige gegen die Pest – eignen sich hervorragend für homoerotische Sehnsüchte und Projektionen.

Beide Ausstellungen werden am 13.11.09 um 19 Uhr eröffnet. "Arbeiten an einem Wunder" läuft bis 04.01.10, "First Service" bis 01.03.10. Ort: Schwules Museum, EG, Mehringdamm 61, 10961 Berlin, tgl. außer Di 14-18 Uhr, Sa bis 19 Uhr