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  • 11. Juni 2004, noch kein Kommentar

Nein, die berühmte Likörpraline mit der Piemontkirsche wird hier nicht als Souvenir gehandelt. Dennoch hat die Region durch die Süßigkeit in Deutschland Berühmtheit erlangt. Dass die Stadt Turin mitten drin liegt, das wissen die Wenigsten. Zeit wird es, das Kleinod am Rande der französisch-italienischen Alpenregion kennen zu lernen. Jetzt, wo die sportinteressierte Welt wegen der Olympischen Winterspiele dorthin blickt. Spürt man doch hier sehr viel an italienischer Geschichte auf, isst man hier doch das beste italienische Eis und überhaupt fühlen sich hier die Männer gut an.

Doch bevor wir in die Kneipen und Keller steigen, wäre etwas frische Luft bei einem Stadtrundgang angesagt. Eine sanfte hügelige Landschaft erhebt sich auf der rechten Seite des Po-Flusses, der sich hier träge durchschlängelt. Auf der linken flachen Seite breitet sich die Stadt aus, die mit sehr viel alter Bausubstanz vor allem aus dem 18. Jahrhundert aufwarten kann. Besonders typisch sind die hohen Arkaden, unter denen man rund 18 Kilometer weit trockenen Fußes durch die Innenstadt laufen kann. Das Wetter in dieser nordwestlichen Ecke Italiens ist zwar in der Regel mild und sonnig, doch wenn die Wolken an den Bergen erst einmal fest hängen, kann es tagelang gießen. Von 1861 bis 1865 war Turin Hauptstadt des Königreiches Italien, das sieht man an den vielen barocken Prachtbauten. Insgesamt wirkt die Großstadt mit seinen rund 900.000 Einwohnern etwas altmodisch und betulich, Hektik herrscht hier nirgends.

Turin war nach dem 2. Weltkrieg eine Wiege des italienischen Films, auch dieser Historie fühlt sich die Stadt verpflichtet. Deshalb gibt es seit 2000 das nationale Kinomuseum, untergebracht auf 3.200 Quadratmetern in einem monumentalen Turm, dem Mole Antonelliana. Eine beeindruckende multimediale Schau über gut 100 Jahre Kinogeschichte steckt in dem Wahrzeichen der Stadt. Kein Wunder, dass die gemeinsame Klammer für die schwul-lesbische Community ebenfalls das Kino ist. Alljährlich findet hier das schwul-lesbische Filmfestival statt, ein mittlerweile wichtiger internationaler Treffpunkt für Filmschaffende und Kinogänger. 2005 feierte das Team um Direktor Giovanni Minerba den 20. Geburtstag des Events, dass viele Homo-Touristen anzieht. "Wir haben uns damals geärgert, dass gar nichts Schwules im Kino lief. Also haben wir die Filme hierhin geholt", erklärt der ehemalige Metzger seinen Jobwechsel zum Film-Mäzen. Eine hochpolitische Arbeit, die er da tut, wie zahlreiche bei ihm eingegangene Morddrohungen zeigen.

Friedlich geht es in der Cruising-Bar "Castro-Zone" zu. Räucherstäbchen glimmen auf der von Flaschen und Sandwiches überbordenden Theke im ersten Stock. Mit all den Zeitschriften und den Tischchen sieht es eher aus wie in einem stinknormalen italienischen Café. Gecruist wird jedoch im Keller, ein muffiges Gewölbe, das auch ein paar Räucherstäbchen gebrauchen könnte. Für den Wochenend-Touri ärgerlich ist die Zwangs-Clubmitgliedschaft, die hier jeder für zehn Euro Jahresgebühr eingehen muss. Gesetzliche Regelungen in Italien sorgen leider dafür, dass Orte, an denen Sex stattfindet, nur als Club geführt werden können. Das gilt auch für die Saunen, von denen es in Turin gleich vier gibt. In der Regel weist nur ein kleines Schild auf den Eingang der Schwitzhütten hin, man will und muss unauffällig bleiben. Sehr viel rein schwule Szene gibt es darüber hinaus nicht, das Café Lerri mit seinem trutschig schrillem Kneipen-Gewölbe und den auf Tischen tanzenden Transen ist eines der Highlights. Italienische Sprachkenntnisse sind von Vorteil, damit kommt man besser als mit Englisch klar. Manchmal hilft aber auch ein Lächeln, süß wie eine Piemontkirsche.