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In seiner Erzählung "Ein lebendiger Tag" besucht Holger Doetsch in 24 Stunden all jene Orte Berlins, die ihn bewegt haben – von der Apollo-Sauna bis zum Alten St. Matthäus-Kirchhof

Von Micha Schulze

Schon der Titel hat mich an Mario Wirz denken lassen. "Biographie eines lebendigen Tages" hieß der Prosaband des HIV-positiven Betroffenheitslyrikers von 1994, mit dem er sich nach zwei Jammer-Jahren doch wieder ein klein wenig mit dem Leben hat anfreunden können. Holger Doetsch nun hat seine Erzählung "Ein lebendiger Tag" genannt – und auch darin geht es um Tod, Aids, Liebe und nichts weniger als den Sinn des Lebens. Ein Zufall?

"Läßt sich ein Mensch darüber definieren, was er an einem einzigen Tag tut, denkt und sagt? Holger Doetsch ist zutiefst überzeugt davon", schreibt der Fotograf Karl Mai zum Geleit. Und so hat der Berliner Autor aufgeschrieben, was ihm am 26. März 2009 so alles wiederfahren ist – von 2:17 Uhr, als er viel zu früh in seiner Wohnung in der Elberfelder Straße aufwachte, bis 1:15 Uhr schon am nächsten Tag. Natürlich geht es in der Erzählung nicht um einen x-beliebigen Zufalls-Mittwoch mit Schrippenholen, Treppenplausch und dem Wechseln einer Glühbirne. Doetsch hat seinen Sondertagesablauf exakt geplant, und so klappert er all die Berliner Orte ab, die in seinem Leben eine größere Rolle gespielt haben – von der Apollo-Sauna bis zum Bundesjustizministerium.

Der Hintergedanke dabei, den Holger Doetsch sympathisch ehrlich verrät: Er will die Kontrolle über das Bild behalten, das über ihn in Erinnerung bleibt, wenn er eines Tages nicht mehr ist. Ob das Ergebnis zu seiner Zufriedenheit ausfällt, sei dahin gestellt. "Herr Doetsch war ein eitler und doch ständig an sich selbst zweifelnder Mann mit einer Schwäche für Bücher und junge Männer sowie großer Angst vor dem Tod", könnte man es in einem einzigen, zugegebenermaßen bösen Satz zusammenfassen.

Doch das Leben ist vielfältiger als ein Satz oder auch ein ganzer Tag. In Doetschs Biografie gibt es zahlreiche ungewöhnliche Stationen. So wurde der "Wessi" im April 1990 Sprecher des DDR-Jugendministeriums - also nur wenige Monate vor der Wiedervereinigung und seiner Abwicklung. Und ein Jahr später gründete er die "Schwule Gruppe in der Union", aus der später die LSU hervorgehen sollte. Auch echte Schicksalsschläge trafen ihn: Seine große Liebe Maximilian kam bei einem Unfall ums Leben.

Der Tod ist denn auch der rote Faden in Doetschs Erzählung, die "Angst vor dem Verschwinden des Menschen" und was nach dem Ableben einmal von ihm bleibt, vor allem von ihm ganz persönlich. Nichts möchte der heute 46-Jährige dem Zufall überlassen: Bereits vor vier Jahren hat er sich auf dem Alten St. Matthäus-Kirchhof im Ortsteil Schöneberg seine eigene Grabstelle gekauft und dort eine Tafel mit der Inschrift "Die Liebe höret nimmer auf" platziert.

Einer von Doetschs künftigen Friedhofs-Nachbarn wird Napoleon Seyfahrth sein, jener genial-freche, an den Folgen von Aids gestorbene Autor, der nie jammerte, sondern ätzte und lebte, sich den eigenen Sarg ins Wohnzimmer stellte, ihn bei Partys als Kühlmöglichkeit für Getränke und sonst als Wäschetruhe benutzte. Napoleons Kultbuch "Schweine müssen nackt sein" ist "fernab jeglicher Betroffenheitslyrik", stellt Holger Doetsch lapidar fest und man fühlt seinen Respekt und seine Zustimmung.

135 Fußnoten gibt es am Ende der Erzählung mit Quellenverweis auf zahlreiche Schriftsteller, Philosophen und Autoren. Mario Wirz ist nicht dabei.

Holger Doetsch: Ein lebendiger Tag. Nora Verlag, Berlin 2010, Taschenbuch, 130 Seiten, 14 €, limitierte Hardcover-Version 30 €, wovon 8 € einem Kinderhilfsprojekt der Deutschen Aids-Hilfe zukommen.



#1 DramolettenqueenAnonym
#2 hwAnonym
#3 FranzAnonym
  • 29.09.2010, 01:05h
  • Das Buch ist der absolute Wahnsinn! Ein unbedingtes Muss für jeden, der einmal Berlin von einer ganz bestimmten Seite kennenlernen möchte.
    Aber auf für jeden der einmal einen recht interessanten Menschen kennenlernen möchte-Holger Doetsch!

    Absolut empfehlenswert!
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