Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse Tagesbild TV Termine
© Queer Communications GmbH
http://queer.de/?12190

Der weißrussische Aktivist Sergey Yenin erzählt von seiner Teilnahme am Slavic Pride in Minsk und seinen zwei Tagen im Gefängnis.

Von Sergey Yenin, Minsk am 19. Mai 2010

Dies ist ein Bericht von den dramatischsten 48 Stunden in meinem Leben als Schwulenaktivist in Weißrussland.

Wir waren zu viert im Taxi. Ich, Logan (ein australischer Filmemacher), Jack (sein Freund) und Chad (ein Fotograf, der an dem Projekt "Walk with Pride" arbeitet). Ich zitterte, als ich an die Pride-Parade dachte und an die paar extremen Stunden, die mir wahrscheinlich bevorstanden. Aber ich wollte nicht, dass meine Freunde sich Sorgen machten. Der Taxifahrer bemerkte, dass mit dem Ort, wo er uns aussteigen lassen sollte, etwas nicht in Ordnung war.

"Was geht hier vor? Wer seid Ihr? fragte er mich. "Touristen, auf dem Weg zum Hotel", antwortete ich. Es handelte sich um den Platz, wo die Parade stattfinden sollte und er befand sich in der Nähe eines Hotels. Logan richtete seine Kamera her und Jack nahm ein Notizbuch und eine Feder in die Hand: "Ich hoffe, dass ich wie ein Journalist aussehe", bemerkte er.

Sieben Taxis blieben in unmittelbarer Nähe stehen und die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Slavic Pride stiegen aus. Der Platz war voller Journalisten, die für die geplante Aktion bereit waren. Es sah wie ein Flashmob aus: wir gingen alle die Straße entlang und plötzlich nahm einer von uns eine 12 Meter lange Regenbogenfahne aus seiner Tasche. Eine Gruppe von Russen nahmen kleinere Fahnen und Poster heraus, ich griff nach der riesigen Fahne und alle liefen los und riefen unsere Slogans: "Homophobie ist krank", "Weißrussland frei von Homophobie" etc.

Die Journalisten hatten nicht umsonst gewartet: Als sie bemerkten, dass die 12-Meter Fahne präsentiert wurde, richteten sie ihre Kameras auf uns. Wir hielten beim Weißrussischen Institut der Künste, breiteten die Fahne aus und riefen unsere Slogans.

Nach einiger Zeit setzten wir unseren Marsch fort. Ich bemerkte zwei Journalisten, die stritten, weil einer am Fotoplatz des anderen stand, und musste lächeln. Vermutlich hatte ich vorher sehr ernst ausgesehen.

Die Polizei trifft ein

Plötzlich blieb ein Polizeiwagen voll mit großen, bedrohlichen Typen stehen. Die Türen gingen auf und eine ganze Armee von Polizisten rannten auf uns zu. Oleg und ich verloren die Beherrschung und liefen zurück. In meinem Kopf geriet alles durcheinander und ich wusste nicht mehr, wohin ich genau lief.

Das einzige Ziel war: weg von diesem Massaker. Als ich an einem der Journalisten vorbei lief, sah ich, dass er mit einem Ei nach uns warf. Er traf nicht, aber ich lief dann noch schneller.

Zwei Polizisten in Zivil waren für mich ein wirkliches Hindernis: ich erkannte nur an dem Walkie-Talkie, das einer der beiden in der Tasche stecken hatte, dass diese Männer von der Polizei waren. Der eine von ihnen stieß mich mit großer Zügigkeit mit dem Knie gegen das Bein und warf mich zu Boden.

Als ich meine Brille richtete, schnappte er mich am Kragen und zog mich eine Weile hinter sich her. Mit einer raschen Bewegung zog er mich auf und stieß mir in den Oberkörper. Ich kann mich noch an sein Gesicht während dieser harten Behandlung erinnern: seine Augen waren voller Ärger und sein Mund war von Hass verformt. Gleichzeitig verstand er, dass ich sein Ziel war und dass ich vielleicht halb so alt war wie er. Er war nicht mehr menschlich...

Ein anderer schnappte meinen Kragen, um mich am Wegrennen zu hindern. Dann sah ich Oleg. Er hatte Schmerzen, weil er an einer Magenentzündung leidet. Keiner kümmerte sich um sein Leiden, die Polizei war nur darauf konzentriert, wie sie uns zu einem Kommissariat bringen konnte. Die Mutter eines unserer Aktivisten erschien plötzlich vor uns und stellte sich als Ärztin vor, um uns aus der Gefahr zu bringen. Sie wurde völlig ignoriert und wir wurden ins Polizeiauto gestoßen.

Auf der Wache

Wir saßen auf dem Boden des Polizeikommissariats. Ich fühlte, wie Blut über meine Arme hinunterlief. Mein Shirt war von dunkelroten Flecken übersät. Ich riss mich zusammen und meldete, dass wir einen Rettungswagen bräuchten. Soll ich sagen, dass meine Aussage selbstverständlich ignoriert wurde?

Dann wurden die anderen herein gebracht. Meine Freunde wurden aus dem anderen Polizeiauto gestoßen und gezwungen, ins Polizeikommissariat zu gehen. Sie sahen so zerbrechlich aus neben den großen kräftigen Polizisten. Nach dem kurzen Fußweg folgten die Tritte. Ich konnte nichts tun, außer zusehen. Ich fühlte mich so hilflos.

Dann brachte die Polizei die 12 Meter lange Regenbogenfahne ins Zimmer. Sie legten sie auf den Boden und fingen an, sich über uns lustig zu machen. Einer meiner Freunde erzählte mir, dass sie ihm im Polizeiauto einen Knüppel in den Mund gesteckt hatten und ihm drohten, dass sie ihm den in den Hintern stecken würden, wenn er versuchte, den Knüppel zu lutschen.

Dann brachten sie uns zum Verhör in einen anderen Raum. Wir verbrachten noch zwei Stunden hier. Sie erniedrigten uns die ganze Zeit. Einer von ihnen hielt die ganze Zeit eine Gaskartusche vor mein Gesicht und sagte: "Ich werde dir jetzt deine verdammten Augen verbrennen. " Wir fürchteten uns schrecklich. Wir hätten uns nie träumen lassen, dass der sicherste Ort auf der Welt so unsicher sein kann...

Wir wurden am Montag freigelassen. Auf diesen Moment hatten wir die ganze Zeit gewartet. Zwei Nächte in der Polizeistation erschienen uns wie eine Ewigkeit. Nun, da ich frei bin, kann ich es nicht für mich behalten. Es sieht so aus, als hätte ich in meinem Land keine Redefreiheit, aber ich habe die Freiheit im Internet.

Sergey Yenin ist der Vizevorsitzende der LGBT-Menschenrechtsgruppe GayBelarus.By, jener Gruppe, die den Slavic Pride in Minsk von letztem Samstag mit organisiert hatte. Sergey studiert klassische Philologie und schreibt für "Gay: Good As You", dem einzigen LGBT-Magazin Weißrusslands. Er wurde am Montag zu einer Geldstrafe in Höhe von 17.500 Rubeln (rd. 5 Euro) verurteilt.

Der erwähnte Filmemacher Logan hat selbst einen Augenzeugenbericht geschrieben, er konnte vor einer Verhaftung fliehen. Das Foto von Sergey haben wir der Webseite Walk with Pride entnommen, die eine umfangreiche Galerie zum Slavic Pride bietet - in seinem Blog erzählt der Fotograf Chad, der am Anfang noch mit Sergey im Taxi saß, die Geschichte des Slavic Pride in Fotos.


Queer.de dankt Jutta Zalud von queernews.at für die Übersetzung und Andy Harley von UK Gay News für die Zusammenarbeit der letzten Tage. (nb)



Rio kämpft um seinen schwulen Ruf

Homophobe Gewalt am Rande des Gay Pride in der brasilianischen Metropole Rio de Janeiro bereitet der Community Sorgen.
Rekord-Pride in Taiwan: 30.000 kamen

Die schwule-lesbische Parade in Taiwan hat sich mit ihrer achten Ausgabe zum größten CSD Asiens entwickelt.
Der 10. Oktober 2010 - ein guter Tag für Serbien

Die erste öffentliche Demonstration für die Rechte von Lesben, Schwulen und Transgendern in Belgrad war trotz der rechtsextremen Krawalle ein großer Erfolg. Ein Gastkommentar von Volker Beck.
#1 Drop-The-Pants!Anonym
  • 20.05.2010, 09:50h
  • Das 48-Stunden-Protokoll von Sergei beweist das menschenunwürdige und brutale Vorgehen der weißrussischen Polizei. Mir zieht es die gesamte Magengrube zusammen, wenn ich das ganze lese. Ich hoffe, daß sich Amnesty International dieses Protokoll des Grauens und der Abscheu gründlich durchliest. Das Gleiche gilt auch für Human Rigths Watch! Die brutalen Polizeimethoden erinnern an das Vorgehen von SS und Gestapo in der Zeit des Nationalsozialismus! Ich bin ziemlich erschüttert!
  • Antworten » | Direktlink »
#2 KameliendameEhemaliges Profil
#3 HugoAnonym
  • 20.05.2010, 18:47h
  • Es passiert mitten in Europa und der Westen schaut wieder einmal weg. Von unseren Politikern hört man zu dem Theama auch nichts.
  • Antworten » | Direktlink »