Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse Tagesbild TV Termine
© Queer Communications GmbH
http://queer.de/?1230
  • 25. Juni 2004, noch kein Kommentar

"Die Gegenwart ist voller Echos aus der Vergangenheit", sagte Derek Jarman dereinst. Eine Weisheit, die für den Künstler und Filmemacher, der im Februar 1994 an den Folgen von Aids starb, nicht so ganz zutrifft. Denn trotz seines beeindruckenden Schaffens sind seine Echos im zehnten Jahr nach dessen Tod ganz leise geworden. Der britische Dokumentarfilmer Andy Kimpton-Nye hat es sich zur Aufgabe gemacht, als Verstärker zu dienen und hat Anfang des Jahres den Film "Derek Jarman – Life As Art" fertig gestellt. Als Hommage an Jarman wird die Doku in den kommenden Monaten in Europa noch zu sehen sein, in Deutschland womöglich bei den Schwul-lesbischen Filmtagen in Hamburg.

"Ich wollte früher Schauspieler werden, und hörte Anfang der Achtziger, dass Derek Jarman Leute für seine Produktionen sucht. Also klopfte ich bei ihm an", erzählt Kimpton-Nye. Es war ein beeindruckendes Treffen. "Er servierte Tee und Kekse - sehr britisch - und redete dann die ganze Zeit mit Dir, als ob ich ein guter Freund sei." Aus dem Job und der Schauspielerei wurde dann zwar nichts, dafür ist Kimpton-Nye heute ein vielbeschäftigter Produzent und Regisseur für Fernsehmagazine, Dokus und TV-Filme. Was von der Begegnung mit Jarman blieb, das war das Gefühl, einem sehr warmherzigen Menschen begegnet zu sein. Ein Gefühl, dass alle, die Kimpton-Nye im Rahmen der Doku interviewt hat, teilen. Er holte viele aus der Familie, dem Freundeskreis und den Kollegen vor die Kamera, um sie sich erinnern zu lassen: Tilda Swinton und Christopher Hobbs, James Mackay und Simon Fisher Turner, Nigel Terry und Tariq Ali, Peter Tatchell und Jill Balcon. Sie zeichnen allesamt ein Bild voller Liebe und Respekt. Kimpton Nye nähert sich Jarman, den er für ein Genie hält, indem er dessen Stil kopiert. Der junge Jarman begann seine filmerische Arbeit mit einer Super-8-Kamera, die er billig erstehen konnte. Zwischen das Videomaterial schneidet Kimpton-Nye die verwackelten grobkörnigen und fehlfarbigen Aufnahmen, die er während der Interviews mit Super-8 drehte. Die ausgewaschenen Szenen verstärken den Eindruck, dass man hier etwas über jemanden erfährt, der langsam aus dem kollektiven Gedächtnis verschwindet. Leider fand sich keine Sendeanstalt, um die Dokumentation zu produzieren, Kimpton-Nye steckte sein eigenes Geld in den Film. Deshalb sind nur sehr wenige Fotos und Ausschnitte aus Jarmans Filmen zu sehen.

Jarman hatte auch nie genug Geld, um große Produktionen umzusetzen, dafür machten ihn die knappen Mittel sehr erfinderisch. Seine poetische Bildsprache wurde umso gewaltiger, seine Stilmittel waren ungewöhnlich. So ließ er in "Sebastiane", ein homoerotischer Film über den Heiligen "Sebastiane" (1976) alle Darsteller in Latein reden. In "Edward II" (1991) mischte er die schwule Liebesgeschichte des englischen Königs aus dem 14. Jahrhundert mit dem Kampf der Schwulenbewegung gegen die erzkonservative Thatcher-Regierung. In "Wittgenstein" (1993) verzichtet er auf Kulissen und lässt die Schauspieler vor schwarzem Hintergrund über das Leben philosophieren. Und in "Blue" (1993) zeigt er nichts als eine blaue Leinwand, als Symbol seiner durch die Krankheit Aids verursachte Blindheit.

Jarmans Hobby war das gärtnern, Ende der Achtziger kaufte er sich ein kleines Grundstück in der Nähe des Dungeness Beach in Kent. Ein Platz, der im Film "The Garden" beschrieben wurde und an dem Derek Jarman von den Schwestern der perpetuellen Indulgenz noch zu Lebzeiten heilig gesprochen wurde. Den Garten mit dem Häuschen darauf gibt es noch. Ein guter Startpunkt, den auch Andy Kimpton-Nye gewählt hat, um dem Ausnahmekünstler, Aids-Aktivisten, dem Männer- und Blumenliebhaber noch einmal zu folgen ins große unendliche Blau…