Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse Tagesbild TV Termine
© Queer Communications GmbH
http://queer.de/?12573

Das Testergebnis als tödlicher Dolchstoß? Das Foto zeigt ein französisches Präventionsplakat mit dem Untertitel "HIV-positiv"

Ulrich, 42 Jahre, bekam 2003 sein positives Testergebnis. Im neuen Buch "Positiv: Leben mit HIV und Aids" spricht er über seine Erfahrungen mit dem Virus. Wir dokumentieren Auszüge.

Wie war es denn bei dir, als du dein Ergebnis bekommen hast?
Hölle (lacht). Tausend Wolken fielen zusammen. Ich konnte einfach nicht damit umgehen. Ich konnt nicht mal heulen. Das war eigentlich das Schlimmste daran. Am liebsten hätt ich heulen wollen, aber es ging nicht. Konnt ich nicht. Ich war wie versteinert.

Kannst du den Moment, wo du das Ergebnis bekommen hast, näher beschreiben?
Ja, bei mir war es so, dass ich im Mai 2003 sehr schwer krank geworden bin. Ich hab innerhalb von sieben Monaten dreißig Kilo verloren. Und ich war bei einem Internisten, der mich immer wegen eines Hefepilzes in der Speiseröhre behandelt hat. Heute weiß ich, dass das eigentlich ein Hundert-Pro-Zeichen ist. Der Arzt ist aber leider nicht drauf gekommen, obwohl er mich ein halbes Jahr vorher wegen einer Gürtelrose und ein Jahr vorher wegen Pfeifferschem Drüsenfieber behandelt hatte. Damals war mir das vollkommen unklar, was das heißt, heute weiß ich das. Und nachdem ich dann irgendwie fünf oder sechs Monate ständig irgendwelche Kolibakterien-Tabletten nehmen musste, sich aber nichts verbessert hat und ich nichts essen konnte, hab ich dann den Arzt gewechselt und bin zu einem andern Internisten gegangen. Der hat mich angeguckt und zu mir gesagt, also Junge, entweder ist das psychosomatisch oder du bist HIV-positiv.
Das Zweite schied für mich vollkommen aus, das konnte gar nicht sein. Ich lebte damals seit sieben oder acht Jahre in einer Beziehung, also irgendwie schied das für mich vollkommen aus. Und dann hat er gemeint, na, wenn du dir so sicher bist, dann können wir ja den Test machen und so haben wir den Test gemacht. Das war freitags nachmittags und montags musste ich hin, das Ergebnis abholen und tja, als ich in die Praxis reinkam, guckte der Arzt mich an und sagte so, setz dich erst mal. Und selbst da hab ich noch nicht geschnallt, was los ist. Er hat mich angeguckt und gesagt, das Ergebnis ist positiv. Und das konnt ich irgendwie überhaupt nicht einordnen. Das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich wirklich total ratlos war, weil ich nicht wusste, was jetzt kommt.


Ulrich: "Wenn du keinen Partner hast, der dich auffängt, stehst du mit dem Rücken an der Wand"

Und was kam?
Ja, was kam? Also er hat mir dann die Adresse von einer Schwerpunktärztin gegeben und da bin ich dann hingefahren. Aber zuerst bin ich nach Hause gefahren und hab ich erst mal meinen Freund angerufen und ihm das gesagt. Das ist ziemlich schwer, dem eigenen Partner zu sagen, dass da was los ist. Man weiß ja auch nicht, hat's ihn genauso erwischt oder nicht? Ja und dann habe ich meine Eltern angerufen, auch ziemlich schwieriges Problem: Die Mutter anrufen und ihr DAS sagen. Ziemlich heftig. Alles an einem Tag erledigt, ja. Ich hab die schlimmsten Dinge gleich hintereinander weggemacht.
Dienstags bin ich dann in die Schwerpunktpraxis, mein Freund ist damals mitgegangen. Und die Ärztin hat so'n paar Bluttests gemacht und mir dann eröffnet, dass ich nicht nur positiv bin, sondern dass ich auch schon drei opportunistische Krankheiten hab. Tja, das war kurz vor Weihnachten. Wir wollten eigentlich Weihnachten in Urlaub fahren, und ich hab keine anderen Sorgen gehabt, als sie zu fragen, ja, aber ich kann schon nach Rügen fahren, oder?
Meine Ärzte meinte dann (lacht), KÖNNTE sein, ich glaub, die hat sich innerlich gefragt, ob der Mann Weihnachten überhaupt noch lebt. Also das war ziemlich schlimm. Ich hatte 4 T-Zellen. Da war gar nichts mehr. Da war nicht mehr viel Leben drin. Ich sollte dann ins Krankenhaus und das wollte ich natürlich nicht, wer will schon ins Krankenhaus? Ich hab mich gewehrt bis zum geht nicht mehr und dann jeden Tag drei Blutkonserven gekriegt. Dann ging's langsam wieder aufwärts, zumindest soweit, dass ich durch diese Bluttransfusionen einigermaßen stabil wurde und wieder atmen konnte. Das war so schlimm vorher, dass ich nicht mal die Treppe zu unserer Wohnung hoch gehen konnte.

Wie geht's dir heute mit der Krankheit?
Blendend. Aber nur dadurch, dass ich sie angenommen hab. Ich hab irgendwann den Schalter umgelegt. Vorher hab ich im Krankenhaus oder zu Hause gelegen und immer nur gesagt, ich hab das da. Mein Lebensgefährte hat dann zu mir gesagt - und das war ziemlich intelligent von ihm -, wenn du nicht lernst, die Krankheit anzunehmen und darüber auch zu sprechen, dann wirst du nie damit klar kommen. Und das stimmte wirklich. In dem Moment, das war glaube ich so nach einem Vierteljahr oder so, wo ich sagen konnte, ja, ich bin HIV-positiv und ja, so schlimm es klingt, ich habe Aids. In DEM Moment ging der Schalter rum und seitdem kann ich ganz gut damit leben. Das heißt, ich lebe heute so gut damit, dass ich sogar ehrenamtlich im HIV-Bereich arbeite und dass ich auch andere Leute unterstützen kann.


Offen, ehrlich, mutig: Im neuen Buch "Positiv. Leben mit HIV und Aids" erzählen positiv getestete Männer und Frauen vom Alltag mit der Erkrankung, ihren Gefühlen und ihren Bewältigungsstrategien

Was hat dir dabei geholfen? Oder wer hat dir dabei geholfen?
(Seufzt) Ja, das ist schwer zu sagen. Ich glaube, achtzig Prozent hat mein Kopf bewegt, aber er hat sich bewegt, weil ich wusste, dass da jemand ist, für den ich's machen will, nämlich für meinen Lebensgefährten. So eine stabile Beziehung hilft in der Phase extrem. Das gibt Kraft. ALLEIN hätte ich in der Zeit nicht sein mögen. Ich hab damals meinen Job verloren, WEIL ich so krank war und weil mein Arbeitgeber das ausgenutzt hat damals, muss man ganz klar sagen. Ich hab's blöderweise damals unterschrieben und bin dann raus und du BIST dann raus. Dann hast du noch das Problem der wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die auf dich zukommen können. Bei mir war das zum Beispiel so, dass meine private Krankenversicherung mir nach vier Wochen Krankentagegeldzahlung die Krankentagegeldversicherung gekündigt hat, mit der Begründung, dass ich sowieso nie wieder gesund und im Berufsleben sein würde und deshalb auch keine Krankentagegeldversicherung mehr brauch. Das hat dann ein zweieinhalbjähriges Gerichtsverfahren nach sich hergezogen mit dem Ergebnis, dass ich in drei Instanzen gewonnen habe. Ich könnte da ein Buch davon schreiben, von dem, was ich in den drei Jahren durchgemacht hab, das ist gigantisch.
Wenn du da keinen Partner hast, der dich auffängt und du nicht so viel Rücklagen hast, dass du das durchstehst, dann stehst du mit dem Rücken an der Wand. Und das sind halt Dinge, die mich aufgefangen haben und die mir die Kraft gegeben haben, das zu werden, was ich heute bin, weil das ist einfach so.

Das Interview ist ein Auszug aus dem Buch: Positiv. Leben mit HIV und Aids, hrsg. von Phil C. Langer, Jochen Drewes und Angela Kühner, 220 Seiten, Balance buch+medien verlag, 15,95 €, 1 € pro Buch geht als Spende an die Deutsche Aids-Hilfe



#1 ImanuelCortezProfil
  • 11.08.2010, 14:37hKarlsruhe
  • Was leider unbeantwortet bleibt, ist die Frage der Ansteckung ! Also er war einige Jahre in fester Beziehung & hat deshalb HIV ausgeschlossen. Dann ist er doch positiv & geht mit seinem Partner zu weiteren Tests.. mmkay da ich diesen Punkt immer am wichtigsten finde WIE es passiert ist,wäre das schon wenn es hier auch zu lesen wäre...
  • Antworten » | Direktlink »
#2 eMANcipation*Anonym
  • 11.08.2010, 15:15h
  • Antwort auf #1 von ImanuelCortez
  • Hier geht's aber ausnahmsweise mal nicht darum, den moralischen Zeigefinger gegen unverantwortliche Schwule zu erheben, die ja nur ihre gerechte Strafe bekommen,

    sondern um die Frage, wie ein Mensch mit der Diagnose "sterbens- / todkrank" umgeht und lebt. Eine Diagnose, die ja das Potenzial hat, Menschen überhaupt erst krank zu machen.

    Wenn die Betroffenen dann auch in der Community so behandelt werden, als seien sie eigentlich "selbst schuld" an ihrer Situation, dann dürfte das vielen von ihnen endgültig den Rest geben.

    Insofern gefällt mir die Perspektive des Interviews.
  • Antworten » | Direktlink »
#3 MIZAnonym
  • 11.08.2010, 15:59h
  • Antwort auf #2 von eMANcipation*
  • Stimme mit Dir überein, allerdings bedeutet eine positive Diagnose heute nicht mehr sterbens- und/oder todkrank zu sein. Genau das macht ja den Unterschied zwischem dem alten AIDS der 1980er Jahre und der HIV-Infektion von heute aus.
  • Antworten » | Direktlink »
#4 SvenAnonym
  • 11.08.2010, 16:10h
  • Antwort auf #3 von MIZ
  • Einerseits ja, aber andererseits stand es in dem obigen Fall ja schon auf der Kippe. Wurde grade so noch rechtzeitig entdeckt. Deswegen sollte man auch regelmäßig seinen HIV-Status testen lassen, auch wenn man "sicher" ist, dass da nix ist.
  • Antworten » | Direktlink »
#5 GastGastGastAnonym
  • 11.08.2010, 16:48h
  • Also ich habe auch das auch irgendwie vermisst, daß die Frage nach der Ansteckung gestellt wurde,also woher der Autor es hat und ob er jetzt eigentlich seinen Partner angesteckt hat oder nicht? Und nein, damit meine ich nun absolut nicht den moralischen Zeigefinger.

    Aber es ist nunmal auch eine interessante Fragestellung, wo man sich angesteckt hat, diese Frage nimmt ja auch beim betroffenen vermutlich viel Raum ein, dazu noch die Frage ob man seinen Partner angesteckt hat oder von ihm angesteckt wurde, wo man die "Schuld" dafür sucht usw.

    Dieser interessante und wichtige Komplex wurde leider ausgespart, was den Rest natürlich nicht weniger interessant macht...
  • Antworten » | Direktlink »
#6 FoXXXynessEhemaliges Profil
#7 MIZAnonym
#8 ImanuelCortezProfil
  • 11.08.2010, 19:00hKarlsruhe
  • okay ich beziehe jetzt mal deine Antwort nicht wirklich als Reaktion auf mein Kommentar, denn ich spreche und meine sicherlich nicht die Schuldfrage an bzw rede schon garnicht von "jeder ist selbstschuld weil unsafe ficken" usw...
    Es hätte mich nur interessiert ob er von seinem Partner angesteckt worden ist, der ihn beschissen hat oder ob die Ansteckung wohl innerhalb einer offenen Beziehung bei vermeindlich safen Sex passiert ist... Ohne Ansteckung kein HIV und folglich kein AIDS - also finde ich das immer eine sehr wichtige Information...
  • Antworten » | Direktlink »
#9 xdaAnonym
#10 predigerAnonym
  • 12.08.2010, 01:49h
  • leider gibt es auch in deutschland immer noch ziemlich viele fälle, in denen hiv-positive ihre diagnose erst bekommen, wenn aids bereits ausgebrochen ist. also ist ulrichs fall leider gar nicht untypisch.

    der interview-ansatz scheint es gewesen zu sein, den befragten erzählen zu lassen, was ihm am wichtigsten erscheint, insofern finde ich es sehr okay, dass hier endlich einmal andere fragen im vordergrund stehen als der ansteckungsweg.

    zwei aspekte möchte ich noch einmal unterstreichen:

    - die infektion muss in diesem fall eine recht lange zeit vor der diagnose stattgefunden haben, ulrich gehörte also vermutlich lange zeit zu den hiv-infizierten, die von ihrer infektion nicht das geringste ahnten. vermutlich hätte er geschworen, hiv-negativ zu sein. genau diese gruppe sollte beim eigenen risikomanagement immer mit einkalkuliert werden. die welt scheidet sich nicht nur in negative und in positive, die WISSEN, dass sie positiv sind. ein geschätztzes DRITTEL der hiv-positiven weiß nichts von der eigenen infektion - und verhält sich auch so!

    - es schadet nichts, auch dann ab und zu zum test zu gehen, wenn man sich eigentlich für nicht oder kaum gefährdet hält. viele der traurigen probleme, die ulrich hier schildert, kann man so vermeiden.
  • Antworten » | Direktlink »