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Was haben wir Schwürziger nicht sehnsüchtig darauf gewartet, dass einmal das Telefon klingeln würde und das Objekt der Begierde dran wäre? (Bild: tylerdurden1 / flickr / by 2.0)

Oliver Witt beschreibt in seinem Roman "Schwürzig!" die Generation der Schwulen über 40. Wir veröffentlichen als Leseprobe das Kapitel "Call Me On The Telephone: Leben ohne Internet"

Von Oliver Witt

Die jungen Schwulen stehen heute vor einem der letzten großen ungelösten Rätsel der Menschheitsgeschichte: wie war es den Schwürzigern bloß möglich, in den Achtzigern ohne Internet, Gay- Portale und Handy zu leben und sich trotzdem zu daten? Wie fanden sie zusammen auf diesem großen weiten Planeten ohne globale Vernetzung und Chatrooms?

Nun, es ging ganz gut und es war gar nicht so schwer. Das Dasein ohne Internet und den ganzen elektronischen Schnickschnack hatte durchaus Vorteile und wirkt bis heute nach. Wenn wir damals jemanden treffen wollten, mussten wir uns auf die weißen Tennissocken machen, in irgendein Café gehen oder einen Club, um das Objekt der Begierde tatsächlich zu treffen. Und das ohne Angst, einer Fake-Persönlichkeit zu begegnen. Heute machen sich die Leute im Internet jünger, hübscher, reicher, länger, muskulöser. Und am Schluss hat man sich dann mit einem unbeeindruckenden armen Würstchen verabredet, dass sich im Chat einfach nur interessant machen wollte.

Man sah sich damals noch "in reality"

So funktionierte das damals nicht. Man sah sich "in reality" auf einer Party oder in einer Disco und wenn man Interesse aneinander hatte, verabredete man sich, traf sich und erzählte sich, was man voneinander wissen musste. Erst dann wurden eventuell weitreichende Entschlüsse getroffen, die einen in die Horizontale brachten. Heutzutage weiß man eben nicht mehr, wer oder was einem wirklich begegnen wird. Man kann wochenlang mit einem hübschen, intelligenten Kerl gechattet haben, dessen Foto aber leider das seines besten durchtrainierten Freundes aus dem Fitness- Studio ist. Dies soll jetzt keine Leier werden nach dem Motto "Zu Opas Zeiten war alles besser", aber die Dating- Szene ohne Internet und Handy war eigentlich ganz schön. Erstens musste man sich mit den Leuten wirklich unterhalten, um sie kennen zu lernen. Zweitens blieb die Spannung aufeinander länger erhalten, weil man nicht überall und jederzeit erreichbar war. Und drittens bekam man im Falle des Falles auch noch Liebesbriefe. Wer hebt sich denn heute schon liebevolle e-mails oder SMS auf? Kein Mensch.


Man sah sich in einem Café oder in einer Disco und wenn man Interesse aneinander hatte, verabredete man sich, traf sich und erzählte sich, was man voneinander wissen musste (Bild: Filmplakat "Coffee Date")

Es geht im Jahr 2010 alles schneller und unpersönlicher. Die Schwürziger sind aber immer noch zu reizen durch gute Gespräche, Humor, manchmal spielt sogar die Intelligenz eine Rolle. Versuchen Sie mal, diese Charaktereigenschaften im Internet herauszufiltern. Das ist so gut wie unmöglich und selbst wenn, dann haben Sie immer noch nicht die lächelnden Augen und den lächelnden Mund einer Person gesehen. Diese Dinge sind aber ganz entscheidend, wenn man sich in jemanden verlieben will. Was haben wir Schwürziger nicht sehnsüchtig darauf gewartet, dass einmal das Telefon klingeln würde und das Objekt der Begierde dran wäre? Tagelang lief man mit gesenkten Haupt herum, weil der neue Liebste einen scheinbar vergessen hatte, nur um dann überglücklich zu sein, wenn der ersehnte Anruf endlich kam. Hat uns diese Warterei geschadet? Brauchten wir wegen der hormonellen Achterbahnfahrten eine Therapeuten? Nein. Es war so, wie es war. Anders kannten wir es gar nicht.

Aber dadurch, dass Treffen oder Gespräche nicht ständig und überall möglich waren, freuten wir uns mehr darauf und nahmen das Gesagte mit unters Kopfkissen. Nächtelang wurde gegrübelt über die nebulösen Sätze, die der Angebetete von sich gegeben hatte. War es nun Liebe oder doch nur ein One- Night-Stand? Diese Spannung konnte man aber erst am nächsten Tag zum Mondscheintarif abbauen, wenn man miteinander telefonieren konnte und die Eltern nicht in Hörweite waren. Heute würde man wahrscheinlich mitten in der Nacht eine SMS schicken und auf eine Antwort hoffen. Niemand hat mehr die Geduld, abzuwarten und nimmt sich die Zeit, Gefühle zu überdenken. Alles muss hier und jetzt, gleich und sofort passieren. Keine Warterei, alles muss schnell gehen. Kommt jemand mal fünf Minuten zu spät, rrrummms, hat er schon eine SMS auf seinem Handy mit der unglaublich intelligenten Frage: "Wo bleibst du denn?"

Konkret, klar und konstruktiv

Wir Schwürziger haben da ein anderes Tempo. Wir mögen es konkret, klar und konstruktiv. Lästige SMS lehnen wir ab. Ein Standardsatz, an dem man jeden gut gereiften Schwürziger erkennt, lautet: "Ich finde, wir sollten über ein paar Sachen mal persönlich reden." Was habe ich verliebte Leute schon wüste Botschaften in ihr Handy donnern sehen, wenn es gerade mal krachte in der Beziehung. In der Zeit hätte man locker ein Gespräch führen können, in dem alle Probleme vom Tisch gekommen wären. Ein weiterer Nachteil der modernen Technik ist die ständige Terminverschieberei, etwas, das wir Schwürziger auch nicht so sehr schätzen. Hatte man sich in den Achtzigern verabredet, ging man auch hin. Es sei denn, man bekam die Windpocken oder war überfahren worden. Alles andere galt nicht als Ausrede. Heute, im Zeitalter der SMS und e-mails, lässt es sich trefflich lügen, wenn es darum geht, Dates zu verschieben. Man hat plötzlich, zwei Stunden vorher, keine Lust mehr auf das Treffen? Prima, dann schicke man einfach eine SMS oder e-mail, in der man erklärt, man habe noch einen beruflichen Sondertermin und könne unmöglich heute Abend zum gemeinsamen Essen erscheinen. Ich glaube, die Lügenquote liegt heute extrem hoch, was Begründungen für Absagen angeht.


Oliver Witts Roman "Schwürzig" ist als Book-on-demand sowie als E-Book erhältlich

In den Achtzigern war das noch ein wenig komplizierter. Kein Internet, kein Handy. Die spontane Lüge fiel also aus. Es gab nur zwei Möglichkeiten: entweder erreichte man sein Date am Telefon und sagte ab oder man ging trotz allem hin, eben weil man niemanden erreicht hatte. Es gab natürlich auch noch die dritte Möglichkeit, ohne Absage überhaupt nicht hinzugehen, aber dann hatte man bis in alle Ewigkeiten verschissen und das wollte man dann ja nun doch nicht riskieren. Heute läuft alles auf eine ständige Verfügbarkeit hinaus und das ist nichts für uns Schwürziger. Wir brauchen unsere kleinen Nischen und Pausen, sind dafür aber auch bereit, frisch gestärkt zu Gesprächen aufzutauchen und richtig zuzuhören. Wir tauschten damals nicht so schnell die Menschen aus. Passte uns etwas nicht am potentiellen Partner, wurde darüber geredet. Heute haben viele gerade noch Zeit für ein Speed-Dating oder den Chatroom und wundern sich, warum sie keinen Liebsten finden. Ich behaupte, weil sich die meisten keine Zeit mehr nehmen.

Schwürziger sind vielleicht manchmal etwas langsamer und gründlicher, dafür aber wirklich interessiert. Viele von uns haben die heißesten Abenteuer hinter sich und möchten sich ausgiebig unterhalten, weil sie etwas über ihre neueste Eroberung erfahren wollen. Das wiederum hat etwas mit Qualität zu tun. Wir mögen es etwas intensiver und anspruchsvoller. Natürlich nutzen auch wir die Vorteile der modernen Kommunikationstechnik. Sie hilft einem ja auch, wenn man sich mitten in der Walachei aus dem eigenen Auto ausgeschlossen hat. Aber die wirkliche Begegnung ist immer noch das Wichtigste - und die sollte nach Möglichkeit auch ein wenig länger dauern als zehn Minuten.

Tiefe Gespräche ohne Handy-Gebimmel

Wir leben in einer Zeit, in der es überall bimmelt, klingelt und dröhnt. Das Lautstärkeempfinden der Schwürziger ist da ein bisschen sensibler. Schließlich sind wir in einer Welt aufgewachsen, in der uns nicht jedes Handy in der Bahn eine andere Melodie entgegenplärrte. Wer sich also mit einem Schwürziger einlässt, bekommt sozusagen gratis eine Insel der Entspannung, eine Welt, in der geredet wird, ohne dass 30 Mal das Handy bimmelt. Wer das antiquiert findet - bitte schön. Ich bin mir sicher, dass das eine Qualität ist, die wieder entdeckt werden wird. Ich gebe zu, wenn ich in den Achtzigern die Möglichkeit gehabt hätte, mit einem Handy zu telefonieren, würde ich wahrscheinlich heute noch dem Anbieter Millionen schulden. Prinzipiell freue ich mich aber immer noch über die Zettel, Briefe und Zeichnungen, die man sich damals als Frischverliebte geschenkt hat. Eine SMS kann dagegen nur schwer anstinken. Und eine ausgedruckte e-mail ist irgendwie auch technisch und unromantisch.

Wir Schwürziger verbinden beide Welten miteinander: Technik und Gefühl. Eine gute Mischung. Auch wenn ich mich jetzt anhöre wie eine gute alte Ratgebertante: offen für die Welt zu sein und sich nicht nur vor dem Computer zu platzieren, das gibt dem Leben Würze. Nicht virtuell, sondern realistisch muss es sein.

Oliver Witt: Schwürzig! Von Kerlen, Krisen und anderen Kleinigkeiten, Roman, 192 Seiten, Verlag "tredition", Hamburg 2010, 14,90 €



#1 MinkAnonym
#2 SH78Anonym
  • 20.10.2010, 08:54h

  • Aber wirklich. Wenn das Werbung für das Buch sein sollte, ging sie gründlich daneben.
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#3 bananasEhemaliges Profil
  • 20.10.2010, 10:17h
  • Die Wahrscheinlichkeit, das man dachte "Augen zu und durch und das Licht kann ich ja aus lassen" war früher auf jeden Fall geringer, als wenn ein Gayromeo-Fake an der Tür klingelt.
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#4 LorenProfil
  • 20.10.2010, 10:39hGreifswald
  • Als Ü40er mag ich dieses Lied immer noch und mach möglichst mein eigenes Ding, mal Moden oder neuen Entwicklungen folgend, mal auch nicht.
    Muss halt jeder selbst wissen, wie er glücklich wird. Ganz einfach - oder auch nicht.

    www.youtube.com/watch?v=FS2belEBXyM
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#5 schwulenaktivist
  • 20.10.2010, 12:30h
  • Der Kommentar, dass halt jeder selber wissen müsse, wie er glücklich wird, halte ich für typisch unter Männern, die Sex miteinander praktizieren. Und das sind weit mehr als "nur" Schwule...
    Ich denke, dass wir heute die gleichen Probleme haben wie früher ohne Internet. Sie werden nur anders abgehandelt. Der Betrugsmöglichkeiten gab es auch damals genug. Der Vergleich im Text hinkt ziemlich. Ich habe aber nicht die Absicht, hier detailliert den Gegenbeweis anzutreten.
    Der Autor erliegt einfach seinen romantischen Erinnerungen.

    Um sich einigermassen zu finden, müssen gemeinsame Vorstellungen und Interessen vorhanden sein. Wenn jeder nur seine eigenen Vorstelllungen hat, kann er lange im Heuhaufen suchen...
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#6 gatopardo
  • 20.10.2010, 13:11h
  • Nostalgie spüren wir vielleicht auch nur, weil wir in den 80ern noch knackig genug waren, um einem Sex-Treffen standzuhalten. Wenn man mit fast 70 heute ehrlich ist, sollte man durchaus auch die totale aktuelle Erreichbarkeit loben. Wenn ich mich recht erinnere, so konnte man früher schon mal eine Abmachung verpassen und es gab keinen Weg, sich kurzfristig erneut zu verabreden. Nein, ich möchte weder PC noch Mobiltelefon jemals wieder missen und meine "Goldenen 60er und 70er" gehören zu unseren oft erzählten Geschichten für die Jungs von heute, die das schmunzelnd, aber gerne hören.
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#7 alexander
  • 20.10.2010, 15:36h
  • ich singe mit hilde knef :
    aber schön war es doch, aber schön war es doch und ich möcht es noch einmal erleben, dabei weiss ich genau sowas kann es doch eimal nur geben !

    der direkte kontakt hatte schon was, allerdings wer sich auf blind dates einlässt ohne vorher abzuchecken, was da eventuell auf ihn zukommen könnte ist selbst schuld, auch hier gibt es dank der "moderne " möglichkeiten sich abzusichern !
    mich stört an dieser entwicklung nur, dass die kneipenkultur so enorm darunter gelitten hat und es kaum noch einen netten laden zum quatschen gibt, egal wo !
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#8 stromboliProfil
  • 20.10.2010, 15:51hberlin
  • wenn früher einer, zu später stunde, in der disco mit der nase über den boden kroch auf der suche nach etwas, war es eher meist der verloren gegangene telefonzettel vom schnuckel ne halbe stunde zuvor, als das verlorene briefchen voll koks!
    So ändern sich zeiten und suche!
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#9 SuperMarioEhemaliges Profil
  • 20.10.2010, 16:12h
  • Antwort auf #6 von gatopardo
  • Bei mir ist es noch so, dass ich mich der totalen Erreichbarkeit entziehe. Ich habe zum Beispiel privat überhaupt kein Telefon, weder Mobil noch Festnetz. Liegt auch daran, dass ich es nicht mag, eine Stimme so nah am Ohr zu haben (Bei Musik ist das was anderes). Warum das so ist habe ich psychologisch noch nicht geklärt. Stattdessen renne ich mit einem ipod touch, welcher leicht mit einem iphone zu verwechseln ist, oder einer PSPgo in der Gegend rum und klinke mich damit an irgendwelchen Hotspots ins Internet ein.
    So läuft Kommunikation bei mir hauptsächlich entweder vis-à-vis oder über Emails/Nachrichten, bei denen ich den Zeitpunkt selber festlege, wann ich sie beantworte.
    Seit einigen Jahren lebe ich ganz gut so, gehe aber davon aus, dass sich mein Kommunikationsverhalten irgendwann mal wieder ändert.
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#10 gatopardo
  • 20.10.2010, 16:35h
  • Antwort auf #8 von stromboli
  • Ach je mein Guter, da hätte ich noch so viele andere
    "Plaudereien aus dem Nähkästchen" beizusteuern, die bis zum Ende der 50er Jahre reichen und die mir noch sehr gegenwärtig sind.
    "Paragr.175,Kuppelei und illegale Abtreibung" waren die Damoklesschwerter, die über uns allen hingen. Als das Hallenbad meiner norddeutschen Hafenstadt vorübergehend geschlossen wurde, munkelte man in der lokalen Presse verschämt von Vorkommnissen "widernatürlicher Unzucht" in den Kabinen. Hellhörig wurde ich dagegen immer ganz besonders, wenn es hiess, dass im Stadtpark "Elemente mit einem Doppelleben" verhaftet wurden, die mir signalisierten, dass ich nicht der einzige Schwule vor Ort sein konnte.
    Zwar war ich evang./luth. getauft, habe aber mal einem kath. Pfarrer gebeichtet, dass ich auf Männer stand, nur um ´s loszuwerden.
    Ich weiss nicht, ob ich solche wilden Zeiten im Nachhinein als romantisch bezeichnen soll ?
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