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Animierte Grafik auf der Homepage von Looks e.V.

Immer mehr Notlagen-Sexarbeiter halten sich in Köln auf, viele davon kommen aus Osteuropa. Ein Besuch beim Kölner Stricher-Projekt Looks e.V.

Von Dennis Klein

"In Köln gibt es ungefähr 1000 Jungs, die anschaffen gehen. Wir erreichen von ihnen ungefähr 500 pro Jahr", erklärt Sabine Reinke, seit über zehn Jahren Geschäftsführerin des eingetragenen Vereins Looks. In einem unscheinbaren 50er-Jahre-Bürogebäude in der Altstadt hilft sie mit ihrem kleinen Team aus Sozialarbeitern hilfsbedürftigen männlichen Prostituierten - oder wie es hier heißt: "Jungs, die der Notlagenprostitution nachgehen". In den Räumlichkeiten im zweiten Stock sieht es nach größtenteils nach einem üblichen Büro aus, ein Korridor führt zu mehreren Arbeitszimmern mit vollbeladenen Schreibtischen. Ein halbes Dutzend Wasserkästen engt den Gang ein, darüber warnt ein Poster mit der Aufschrift "Quit the Shit" vor Cannabiskonsum. Daneben liegt ein kleines Badezimmer mit Dusche sowie eine winzige Küche, am anderen Ende befindet sich das größte Zimmer: ein rund 30 Quadratmeter großer Aufenthaltsraum für die Jungs. An einer Ecke steht ein großer Esstisch, an der anderen ein Schreibtisch und ein Bett.

Für die Jungs ist der Verein zwei Mal die Woche eine feste Anlaufstelle. Dienstags- und Donnerstagsnachmittag greifen in der Regel 15 bis 25 Jungs auf das Angebot zu. Dort essen sie gemeinsam mit den Sozialarbeitern und Pädagogen, die so in familiärer Atmosphäre mit ihren Klienten ins Gespräch kommen. Die Essenszutaten werden von der Kölner Tafel angeliefert, einer Sozialeinrichtung, die Essen an Bedürftige verteilt. "Wir versuchen, Verelendung zu verhindern", beschreibt Reinke ihre Arbeit. Das bedeutet: Die Jungs sollen hier die Möglichkeit erhalten, zu duschen, Wäsche zu waschen und sich auszuruhen. Auch erhalten sie kostenlos Kondome und Gleitgel sowie eine medizinische Grundversorgung; ein Arzt berät sie regelmäßig anonym und bietet Tests für sexuell übertragbare Krankheiten an.

Viele denken, dass Stricher gut verdienen

Brauchen die Jungs so viel Beistand? Diese Frage treibt offenbar immer wieder die Kölner um, wenn die Lokalpresse über Looks e.V. berichtet, weiß Reinke: "Dann hagelt es Anrufe, dass wir Steuergelder verschwenden". Dabei würden viele Leute denken, dass Stricher ja ohnehin gut an ihren Kunden verdienen. Dem ist aber meist nicht so: "Viele haben vielleicht ein Mal in zwei Wochen einen Freier. Je nach Notlage ist man auch bereit, mit den Preisen weiter runterzugehen - oder ungeschützten Sex zu haben. Das ist leider üblich in der Szene", erzählt Reinke.

Immer wieder trifft sie neue Jungs, die neu in die Stadt gekommen sind. "Den klassischen Stricher gibt es zwar nicht, aber es gibt Merkmale, die viele gemein haben". Sie erklärt, dass die Notlagenstricher hauptsächlich drei Gruppen zuzuordnen sind: Erstens die Gruppe der Schwulen, die in instabilen Verhältnissen aufgewachsen sind. Viele von ihnen haben die meisten Zeit ihres Lebens in Heimen verbracht. Viele Klienten haben kein gutes Coming-out gehabt. In der Stricherszene kann das aber gelebt werden", berichtet Reinke. Zweitens die Gruppe mit "pädokriminellen Vorerfahrungen". Reinke: "Wenn sie zu alt und uninteressant für den pädokriminellen Täter geworden sind, dann ist der Schritt in die Prostitution sehr naheliegend, weil die Vergangenheit noch nicht verarbeitet wurde". Bis zur Hälfte der Notlagenstricher sind Opfer dieser Täter geworden, schätzt Reinke. Dabei gibt es Überschneidungen zur dritten Gruppe, die inzwischen rund zwei Drittel aller Looks-Klienten ausmacht: Jungs mit Migrationshintergrund. Ihr Anteil hat sich in den vergangenen Jahren, insbesondere seit Öffnung der EU nach Osten, stetig erhöht.

Viele ausländische Stricher müssen ihre Familien ernähren


Die meisten stammen aus Dörfern in Osteuropa, berichtet Reinke. Die bettelarmen Jugendlichen oder jungen Erwachsenen steuern Deutschland ursprünglich in der Hoffnung an, im Bau oder auf dem Gaststättengewerbe zu arbeiten. Sie sollen nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Familien zu Hause ernähren. Allerdings konkurrieren sie hier immer mehr mit dem deutschen Niedriglohnsektor, der in den vergangenen Jahren immens ausgebaut wurde. Eine formale Ausbildung haben sie nicht - zumindest keine, die hierzulande anerkannt wird. Den Jungs bleibt dann nur der Straßenstrich, obwohl sie selbst of heterosexuell sind.

Die zweitgrößte Gruppe der ausländischen Stricher kommt aus Lateinamerika. Diese Jungs reisen meist über Spanien in die EU ein. Sie haben häufig einen anderen Beweggrund als Migranten aus Osteuropa: Viele schwule Südamerikaner wollen dem dort verbreiteten Machismo entfliehen. Tatsächlich ist - trotz des hippen Images von Rio und Co. - schwules Leben dort meist nicht möglich. Aber auch sie leiden oft unter Geldnot, und bleiben so in der Szene verhaftet. In Brasilien notierte eine schwul-lesbische Menschenrechtsorganisation etwa 190 Hass-Morde an Homo- oder Transsexuellen allein im Jahr 2008, die Dunkelziffer wird um einiges höher liegen. Einheimische Aktivisten warnen daher in den Medien vor einem "Homocaust".

Auch minderjährige Stricher kommen zu Looks

Immer mehr Stricher halten sich daher in Köln auf. Dabei gibt es auch immer wieder Minderjährige, die bei Looks auftauchen. Gerade den Jüngeren will der Verein helfen, aus dem Bereich auszubrechen: "Wir gehen davon aus, dass jemand das in jungen Jahren körperlich und physisch nicht unbeschadet überlebt", so Reinke.

Die Jungs zu erreichen, ist jedoch harte Arbeit. Dabei verlassen sich die Looks-Leute nicht nur auf Mund-zu-Mund-Propaganda in der Szene, Streetworker tauchen selbst in die Lebenswelt der Jungs ein. In Köln gehen sie in die alteingesessenen Stricherkneipen der Altstadt, erkundigen sich in Clubs, Agenturen oder Pornokinos, ob sie dort unter anderem mit Aids-Präventionsarbeit vor Ort helfen können. Auch hier gehört das Verteilen von Kondomen zu einer der Hauptaufgaben

Denn HIV ist noch immer eines der größten Gefahren der Szene. Gerade die ausländischen Jungs, die noch nie eine der deutschen Präventionskampagnen erlebt haben, wissen erschreckend wenig über das Virus: "Wir haben es mit Menschen und Mythen zu tun. So spritzen sich viele Osteuropäer Paraffin in den Schwanz", erklärt Reinke. Paraffin wird etwa als Lampenöl verwendet, auch Feuerspucker schätzen die Brennbarkeit des Stoffes. In den Penis gespritzt kann das Kohlenwasserstoffgemisch allerdings gefährliche Infektionen auslösen. "Sie glauben, dass mit dem Zeug die Männlichkeit verstärkt wird. Es kursieren auch Ammenmärchen, dass das gegen HIV schützt. Da müssen wir die Jungs aufklären, ohne sie als rückständig zu behandeln".

Die große Angst vor den Behörden


Für viele Jungs erscheinen außerdem scheinbar banale Probleme des Alltags unüberwindlich. "Keiner traut den Behörden, wenn er weder Krankenversicherung noch Personalausweis hat und nicht weiß, wo er morgen schlafen soll.", so Reinke. Selbst "etabliertere" Stricher hätten Vorbehalte, da sie Angst vor Besuchen von Ordnungs- und Finanzamt haben. Da nützt es nichts, dass seit einer Gesetzesreform im Jahr 2002 Prositution nicht mehr sittenwidrig und damit ein Job ist, bei dem man Zahlungssäumige notfalls auch verklagen könnte. Reinke sagt, dass dies gestandenen Sexarbeitern mit Steuernummer und Berufsunfähigkeitsversicherung hilft, nicht aber ihren Jungs: "Unsere Klienten leben so außerhalb der Systeme, dass diese Gesetze für sie vollkommen irrelevant sind." Meisten hätten diese ohnehin keine Strichermentalität. "Die sagen sich: 'Ich halte mich in der Szene auf, übernachte bei jemandem, muss dann ein bisschen Sex machen und krieg etwas Geld'. Sich selbst würden sie nie als Prostituierte bezeichnen". Sie nennen sich einfach "Jungs".

Looks e.V. versucht, den Jungs zurückzuhelfen in ein "normales" Leben. So gibt der Verein Unterstützung, Papiere für die Anmeldung einer Wohnung zu beschaffen. Andere Jungs erhalten regelrechte Trainingsstunden, wie sie sich durch den Behördendschungel schlagen. So könnten viele etwa eine Grundsicherung durch Hartz IV erhalten, beantragten diese aber nicht - oft aus Unkenntnis oder Scham. Außerdem stammen viele aus sozial schwachen Verhältnissen oder dem Ausland und leiden daher unter Lese- und Rechtschreibschwächen.

Der Ausstieg aus der Szene ist schwer

Ein Ausstieg aus der Stricherszene ist aber selbst mit allen Papieren schwierig: "In der Szene finden eben die sozialen Bezüge statt", berichtet Reinke. "Dort kann man leben und muss sich nicht verstecken. Deshalb ist es schwer, dort rauszukommen." Im neuen Leben angekommen ist es für Aussteiger schwierig, dieses Leben zu erhalten. So hat mancher seine Wohnung schnell verloren, weil Kleinigkeiten schiefgelaufen sind. Einer erschien etwa nicht zu einer Hartz-IV-Maßnahme, musste Kürzungen an seinen Bezügen hinnehmen und konnte die Wohnung dann nicht mehr bezahlen. Auch Drohbriefe von Inkassobüros führen zu Panikreaktionen. "Das normale Leben wird als sehr anstregend erlebt", beschreibt Reinke die Situation.

Das Hilfskonzept von Looks, das ähnlich auch in anderen Großstädten angeboten wird, ist bereits mehrfach ausgezeichnet worden. Teilweise wird es aus kommunalen Mitteln aus den Bereichen Gesundheit und Jugend gefördert. Die Mittel reichten allerdings nicht aus, um die Infrastruktur bereitzustellen. So könnten die Streetworker noch mehr Jungs erreichen, wenn sie ausreichende Mittel zur Verfügung hätten. Looks ist daher auf Spenden angewiesen; der Erlös lässt aber zu wünschen übrig, erklärt Reinke: "Leider spenden nicht so viele Leute für eine Einrichtung, die mit Menschen arbeitet, die anschaffen gehen. Viele denken, dass sie viel Geld verdienen würden, was einfach nicht stimmt". Ein weiteres Problem: Es ist einfach gesellschaftlich eher angesehen, sich für Kinder, Senioren oder notleidende Tiere einzusetzen als für Stricher.



14 Kommentare

#1 FoXXXynessEhemaliges Profil
  • 07.11.2010, 16:21h
  • Notlagen-Sexarbeiter - wieder mal ein Vorschlag für das "Unwort des Jahres"! Schlimm ist auch, daß es jede Menge Gay-for-Pay-Stricher sind, vielleicht auch noch minderjährig! HInzu kommt auch noch die HIV-Infektionsgefahr, der sich manche Stricher und deren Kunden aussetzen. Gut, daß es dafür in einigen Städten Sozialarbeiter gibt, die sich diesen Opfern der Gesellschaft annehmen!
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#2 puckAnonym
  • 07.11.2010, 17:19h
  • Ich glaube die Zahl ist viel größer, die Mehrheit der männlichen Prostitution wird über das Internet abgewickelt. Und das sind nicht alles teure Callboys und Taschengeldaufbesserer die sich übers Internet verkaufen, auch dort gibt es Ausbeutung von Jungs in Notlagen.

    Das keiner für Stricher spendet liegt auch daran, das für die Gesellschaft männliche Prostitution immer noch ein Tabuthema ist.
    Viele denken das ist ein rein"schwules" Problem und vergessen die vielen bisexuellen und ungeouteten Freier. Es sind auch viele Familienväter dabei die sich einen Jungen/ jungen Mann auf dem Strich oder per Internet suchen.
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#3 puckAnonym
  • 07.11.2010, 17:33h
  • Antwort auf #1 von FoXXXyness
  • Also wenn die Jungs wegen Notlagen auf den Strich gehen spielt es keine Rolle ob sie in Wirklichkeit schwul, bi oder hetero sind.
    Glaubst du ein schwuler Junge findet es toll von teilweise abartigen alten Säcken angefasst zu werden?
    Heterosexuelle Frauen die aus Notlagen auf den Strich gehen, finden es auch sicher nicht toll mit den Freiern Sex zu machen.
    Das ist ein großes Problem, das schwulen Jungs unterstellt wird sie würden alle freiwillig und gerne auf den Strich gehen, was natürlich nicht stimmt!
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#4 eMANcipation*Anonym
  • 07.11.2010, 18:15h
  • "Viele schwule Südamerikaner wollen dem dort verbreiteten Machismo entfliehen. Tatsächlich ist - trotz des hippen Images von Rio und Co. - schwules Leben dort meist nicht möglich."

    Also, ich weiß nicht, woher ihr eure "Informationen" bezieht, aber in Rio und Brasilien ist schwules Leben überwiegend nicht nur möglich, sondern ich habe es selbst fast zwei Jahre gelebt. Nicht nur in Rio, sondern auch Salvador da Bahia, Belém, Joao Pessoa, natürlich Sao Paulo, Santa Cruz do Sul... Genauer gesagt habe ich dort eine Offenheit in Sachen Homosexualität erlebt, wie sie mir zuvor in meinem Leben nirgendwo begegnet war.

    Und zwar keineswegs in den abgeschotteten Ghettos der Oberschicht, sondern überall zwischen Favelas und Mittelschichtsvierteln. Also, verbreitet hier bitte keinen Unfug. Da sind ja sogar konservative Mainstream-Blätter besser informiert:

    "In den Straßen und an den Stränden gehören händchenhaltende Männer und Frauen längst zum Alltag. „Was mir an Rio gefällt, ist, dass ich in keine Schwulen-Bar [die es übrigens in üppiger Zahl gibt, eM.] gehen muss. Rio ist sehr offen, und wir werden so akzeptiert, wie wir sind. Keiner schert sich um die sexuelle Orientierung des anderen“, erklärt der Finne Seppo Suomela. Der Reisejournalist kam 2003 in die Stadt, als er für eine philippinische Zeitschrift die Sambaschulen während des Karnevals fotografierte. Zwei Jahre später zog er nach Brasilien.

    Regenbogenflagge am Strand von Ipanema
    „Wir Schwule mögen Feste, und in Rio gibt es viele davon“, meint Jayme Rezende. Er erinnert an den Karneval, an dem es auch Tausende Transvestiten auf die Straßen und in das „Sambódromo“ zieht. Aber auch an das Neujahrsfest, bei dem sich am 31. Dezember Hunderttausende weiß gekleidete Menschen an den Stränden versammeln. Ein Abschnitt am legendären Strand von Ipanema ist fester Treffpunkt für Homosexuelle. Dort weht die Regenbogenflagge. Nur einen Steinwurf entfernt liegt die „Rua Farme de Amoedo“, die „schwulste Straße der Stadt“, wie TripOutGayTravel.com hervorhebt."

    www.focus.de/reisen/reisefuehrer/lateinamerika/rio-de-janeir
    o-dorado-fuer-homosexuelle_aid_451398.html


    p4.focus.de/img/gen/L/A/HBLAbOOl_Pxgen_r_Ax354.jpg

    p4.focus.de/img/gen/O/W/HBOW37gR_Pxgen_r_Ax354.jpg

    p4.focus.de/img/gen/l/i/HBliDzJU_Pxgen_r_Ax354.jpg

    www.focus.de/reisen/reisefuehrer/lateinamerika/rio-de-janeir
    o-dorado-fuer-homosexuelle_did_25917.html


    Man darf zudem davon ausgehen, dass die soziale Entwicklung der letzten Jahre zur Bekämpfung homophober Milieus, wie es sie leider überall auf der Welt gibt, erheblich beiträgt.
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#5 alexander
  • 07.11.2010, 19:04h
  • Antwort auf #3 von puck
  • man wird aber nun mal nicht als stricher geboren !
    ok, schnelles geld um zu überleben, aber es gab auch schon immer andere überlebensmöglichkeiten, insofern ist das keine maxime !
    in köln 1000 stricher, da wird es aber eng !
    ich finde es prima, dass der versuch unternommen wird, solchen jungs zu helfen, nur ist das keine zwangsläufige entwicklung.
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#6 MarioAnonym
  • 07.11.2010, 19:32h
  • Antwort auf #4 von eMANcipation*
  • "Genauer gesagt habe ich dort eine Offenheit in Sachen Homosexualität erlebt, wie sie mir zuvor in meinem Leben nirgendwo begegnet war"

    Während die gesetzliche Situation in Brasilien bezüglich der Gleichbehandlung seit jeher im internationalen Vergleich als besonders fortschrittlich gilt, wird die gesellschaftliche Toleranz als sehr gering beurteilt, was sich besonders in der hohen Anzahl gewalttätiger Übergriffe zeigt.
    Innerhalb der Gesellschaft findet auch heute noch häufig Diskriminierung aufgrund sexueller Identität statt. Laut einem Bericht von Amnesty International wurden im Jahr 2002 126 Homosexuelle ermordet. Brasilien liegt damit weltweit an vorderster Stelle bezüglich Gewalt an Homosexuellen.

    de.wikipedia.org/wiki/Homosexualit%C3%A4t_in_Brasilien

    "Er erinnert an den Karneval, an dem es auch Tausende Transvestiten auf die Straßen und in das „Sambódromo“ zieht."

    Transvestiten ja, aber Schwule? Transvestiten sind in Brasilien weit weniger geächtet als passive Schwule und passive Bisexuelle:
    Die einschlägigen Experten nennen den brasilianischen Mann eminent bisexuell, der die Sexualität genitalisiert, auf den Penis reduziert, als ob andere Ausdrucksformen nicht existieren. Lebten zwei Männer ihr Schwulsein aus, sehe sich der Aktive nicht als „Bicha“, das sei der Passive, der deshalb auch noch verachtet werde. Lateinamerikas Kultur stuft häufig den aktiven Bisexuellen als dollen Macho ein; in Kolumbien wird er regelrecht glorifiziert, tolerieren Frauen seinen Verkehr mit Schwulen, in Brasilien nicht. „Mit einem anderen Mann Sex zu machen, zugeben, daß man dann eben schwul ist – das ist schmerzhaft“, sagt der renommierte Sexualwissenschaftler Marcos Ribeiro. Mit einem Travesti hat man weniger Konflikte.

    www.ila-web.de/brasilientexte/homosexuelle.htm

    Ich finde das traurg das Männer die gerne Sex mit Männern wollen, sich nur an als Frauen zurecht gemachte Männer herantrauen, weil das gesellschaftlich eher akzeptiert ist.
    Wo erkennst du da eine offene Gesellschaft? Hört sich für mich eher heterosexistisch an.
    Von den vielen Morden an Schwulen ganz zu schweigen.
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#7 PragAnonym
  • 07.11.2010, 20:03h
  • Hm viele Stricher kommen aus Osteuropa in den Westen und viele Freier reisen aus dem Westen in den Osten.

    Aus einem Interview über Prager Stricherjungen:

    `Jeremias: Wer sind die Kunden der Stricher?

    Sümengh: Überwiegend sind es deutsche und österreichische Familienväter, Holländer, Briten und Amerikaner aus sozial niedrig gestellten Schichten, die es in ihren Herkunftsländern nicht wagen oder es sich finanziell nicht leisten können einen Stricher aufzusuchen. Oft bilden sich ganze Fahrgemeinschaften, die übers Wochenende nach Prag fahren. Mit 3.000 Schilling glauben sie sich dort wie Paschas aufführen zu können, für welche Moral und Recht nicht mehr zu gelten haben. Abschaum trifft Abschaum.

    Jeremias: Existiert parallel dazu noch ein Edelstrich?

    Sümengh: Schon, es gibt ja noch die “Businessmänner", die nette Reisebegleitung und etwas Entspannung bei ihren Geschäftsreisen suchen. Sie lassen sich zuerst das alt-ehrwürdige Prag zeigen, und nach dem Abendessen gibt es dann noch ihren jugendlichen Begleiter zum Dessert.`

    www.tschechien-portal.info/modules.php?file=article&name=New
    s&op=modload&sid=197
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#8 eMANcipation*Anonym
  • 08.11.2010, 00:50h
  • Antwort auf #6 von Mario
  • Wir hatten hier das Thema schon öfter.

    Eine extreme, historisch akkumulierte soziale Ungleichheit, ein traditionell schwacher Rechtsstaat mit entsprechend schwachen Institutionen - daraus ergibt sich natürlich der günstigste Nährboden für Gewalt aller Art, den auch Homophobe, wie es sie überall auf der Welt gibt, in Erwartung von Straflosigkeit ausnutzen. Das wäre hier bei uns zahlenmäßig unter vergleichbaren Bedingungen keinen Deut anders.

    Alles andere, was du schreibst, kann nur jemand schreiben, der noch nie für längere Zeit in Brasilien gelebt hat. Ich habe dort studiert, meine Diplomarbeit geschrieben, Menschen aus nahezu allen Schichten kennen gelernt (vor allem aus den unteren) und insbesondere viel Zeit in den Favelas von Rio de Janeiro, aber auch in den Mittelschichtsvierteln der Südzone Rios verbracht.

    Aber nicht nur in Rio, sondern auch anderswo habe ich überwiegend ein hervorstechehend offenes und sehr selbstbewusstes, nicht selten "freches" Auftreten von Schwulen erlebt, fernab von Klischees und Stereotypen. Das ist mir in vergleichbarer Ausprägung noch an keinem anderen Ort (Europa, Nordosten der USA einschl. New York) begegnet.

    Jetzt muss es nur mit der überaus positiven sozialen Entwicklung weitergehen, getragen von starken sozialen Bewegungen, die die Regierung der Arbeiterpartei PT unter Lula und bald Dilma regelmäßig in nationalen Konferenzen an der Festsetzung der politischen Prioritäten und konkreter Maßnahmen beteiligt.

    Ich habe übrigens persönlichen Mailkontakt mit dem Präsidenten der brasilianischen Schwulen- und Lesbenvereinigung und bin einigeraßen beeindruckt, wie viele gesellschaftliche Akteure und staatliche Institutionen sich an homopolitischem Fortschritt beteiligen, so z. B. an dem von der Regierung Lula eingeführten Programm "Schule ohne Homophobie".

    Zudem hat die PT inzwischen ein Gesetz gegen Homophobie durch das Abgeordnetenhaus gebracht, das die Diskriminierung auf Grund der sexuellen Identität, einschließlich Beleidigungen und Hassrede, umfassend unter Strafe stellt - sehr viel umfassender, als das bei uns der Fall ist. Es tut sich also auch ganz konkret homopolitisch extrem viel, was der grundsätzlich offenen und toleranten, von enormer Vielfalt geprägten brasilianischen Kultur zunehmend Rechnung trägt.

    Ein demokratischer Rechtsstaat, insbesondere ein Staat mit starken Institutionen, die die soziale Teilhabe Aller sichern, entsteht aber nicht von heute auf morgen und konnte auch in den letzten acht Jahren, noch dazu unter Berücksichtigung der internationalen Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse, nach Jahrhunderten der Politik und Herrschaft für einige wenige, verschärft durch die neoliberale Globalisierung in den 90er Jahren, nicht voll funktionsfähig aus dem Boden gestampft werden. Wir erleben ja bei uns in den letzten Jahren, dass das Zerstören da sehr viel schneller geht als der (Neu-) Aufbau.

    Aber die politischen Fortschritte sind gerade angesichts der Vorgeschichte beachtlich, und ich für meinen Teil kann nur sagen, dass ich die Offenheit im Umgang mit Homosexualität und den Umgang von Schwulen untereinander, wie ich sie ganz real im brasilianischen Alltag erlebt habe, hierzulande häufig vermisse.
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#9 eMANcipation*Anonym
  • 08.11.2010, 12:18h
  • Empirische Bestätigung des von mir Erlebten in einer weltweiten Umfrage zur Einstellung von Jugendlichen gegenüber Schwulen und Lesben im Jahr 2006:

    Einer globalen Umfrage des BBC World Service zufolge sind fast die Hälfte der 15- bis 17-Jährigen der Ansicht, Schwule und Lesben sollten nicht die gleichen Rechte haben wie Heterosexuelle.

    Dazu wurden Jugendliche in acht Städten weltweit befragt (New York, Nairobi, Lagos, Rio de Janeiro, Neu-Delhi, Jakarta, Moskau, London).

    Am homofreundlichsten sind demnach die brasilianischen und amerikanischen Jugendlichen. 74 Prozent der Befragten in Rio sagen, sie seien für die volle Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben

    (New York: 67 Prozent), 25 Prozent sind dagegen (in New York nur 15 Prozent).

    www.queer.de/detail.php?article_id=6100
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#10 ImanuelCortezProfil
  • 08.11.2010, 21:50hKarlsruhe
  • meiner Meinung nach sind die eigentlichen Opfer der Gesellschaft die Freier die es A nötig haben sich einen von der Straße zu holen und B dann auch noch Aufpreis für ungeschützten Sex zu bezahlen.

    Die armen Schweinen ausm Osten machen halt das zu Geld was sie drauf haben : gut aussehen und pimpern.
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