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Erzählt vom idyllischen Leben der weißen Mittelschicht in Neuengland: Michael Downing (Bild: F. Monkiewicz)

Der 11-jährige Scot hat zwei homosexuelle Väter - und steht auf Make-up, Parfüm und singende Haarbürsten. Mit seinem Roman "Frühstück mit Scot" kommt Michael Downing auf Lesereise nach Deutschland

Von Carsten Weidemann

"Ein Kind ist wie eine offene Wunde - man wird ständig darauf angesprochen." Eddie, der Ich-Erzähler des Romans, liebt es, solche Weisheiten zu verbreiten, aber solange sie so schön formuliert sind, nimmt man ihm das nicht übel. Und natürlich hat er recht. Wer ein Kind hat, kommt mit jedem ins Gespräch, und damit kommen wir zur zweiten Dimension dieses Romans, einem Panoptikum unterschiedlichster Gestalten jeden Alters und Geschlechts, die warum auch immer mit Ed, Sam und Scot zu tun bekommen.

Da sind zunächst einmal ein paar Schulfreunde, der dicke schwule Joey, die ständig kotzende Carla und Anton, der Tabletten schlucken muss, um nicht durchzudrehen. Im Grunde natürlich ganz normale Kinder, aber nun einmal Figuren, die in der Literatur selten anzutreffen sind, weshalb es viel Freude macht zu sehen, wie liebevoll Autor Michael Downing jeden von ihnen beschreibt. Andererseits gibt es noch die Rowdis von gegenüber, Toni und Ryan Burlington, und Hank, den kleinen Sohn der Nachbarn, den Scot als Partner seiner Cheerleader-Proben missbraucht.

Als Erwachsene ist da zunächst einmal Eddies Arbeitskollegin und beste Freundin Nula zu nennen, die aussieht, als liefe sie in den Sachen ihres Vaters herum, vorausgesetzt, ihr Vater wäre Ludwig XIV. Dann der Freund von Scots Mutter und Bruder von Eddies Freund Sam, der Möchtegern-Latino Billy, ein Regierungsbeamter mit einem Tick für Lateinamerika, der meint, die unterdrückten Völker befreien zu müssen, aber über die Cocktailparties der Botschaft nicht hinauskommt. Erst will er Scot loswerden, dann will er ihn wiederhaben, er kriegt sein Leben nicht in den Griff und ist ebenfalls eine gehörige Herausforderung für seine Umwelt.

Die Nachbarn sind voller Vorurteile und zugleich die besten Freunde

Unter den Nachbarn sind Joan und Greg zu nennen, gute Freunde von Eddie und Sam, die selbst ein kleines Kind haben und noch eins bekommen. Sie kriegen Angst, dass Scot schlechter Einfluss für ihren Sohn ist, aber obwohl sie einerseits voller antischwuler Vorurteile stecken, bleiben sie enge Freunde und schaffen es, dieses Problem auszuhalten, evtl. eine sehr amerikanische Fähigkeit.

Mildred auf der anderen Seite ist eine resolute Frau, die Scot gewissermaße als seine Oma oder weibliche Bezugsperson adoptiert hat. Sie ist bodenständig und ihr ist nichts menschliches Fremd, als Scot wegen des Tragens von Nylonstrümpfen aus der Schule nach Hause geschickt wird, nimmt sie das ganz gelassen und schickt ihn erst einmal zur Gartenarbeit. Schlimm dagegen Andrea Burlington von gegenüber, die nur mit einer Atemschutzmaske das Haus verlässt...

Scot ist die Schikanen seiner Mitschüler gewohnt


Ich-Erzähler Ed ist nicht nur schwuler Vater, sondern auch ein geistreicher Plauderer

Und natürlich außerdem und vor allem Scot. Niemand weiß, woher all die ungewöhnlichen Verhaltensweisen und Vorlieben stammen, aber er verfolgt sie unerbittlich und mit der größten Selbstverständlichkeit. So hat er z.B. von einer netten alten Frau ein Bettelarmband vererbt bekommen, das sind diese Armbänder mit vielen kleinen Anhängern, und weil er sich denkt, dass außer ihm jedermann die Frau vergessen hat, trägt er das Armband, auch wenn er weiß, dass seine Mitschüler ihn deshalb schikanieren werden. Das ist er schließlich gewöhnt, das schreckt ihn nicht ab. Zwar bringt er jede normale Situation durch unerwartete Reaktionen zum Explodieren, aber dafür haben dann alle etwas dazugelernt, was Vorurteile und Ängste betrifft.

Das alles wird sehr lebendig und gefühlvoll erzählt. Ed, der Ich-Erzähler, ist ein Typ von geistreichem Plauderer, wie wir es in Deutschland kaum kennen. Er liebt die Rhetorik und die verblüffende Formulierung, und dadurch bekommt die Geschichte genau das Maß an Power und Witz, das das Lesen - abgesehen von der rundum klugen Geschichte -zu einem großen Vergnügen macht.

"Frühstück mit Scot", 2007 von Larie Lynd wundervoll verfilmt, ist alles andere als ein Kinderbuch. Der Autor erzählt vom scheinbar idyllischen Leben der weißen Mittelschicht in Neuengland, wo er geboren wurde. Nach seinem Abschluss am Harvard College 1980 arbeitete Michael Downing als Redakteur für das italienische Kunstmagazin FMR und verschiedene andere Zeitschriften. Sein Werk umfasst mehrere Theaterstücke, Romane und Sachbücher. "Frühstück mit Scot" ist seine erste Übersetzung in die deutsche Sprache.

Termine der Lesereise:
Wien, 24.11, 20 Uhr, Buchhandlung Löwenherz, Berggasse 8
Hamburg, 25.11, 18 Uhr, Das Dorf, Lange Reihe 39
Leipzig: 26.11., 20 Uhr, Lehmanns Buchhandlung, Grimmaische Str. 10
Stuttgart: 27.11., 20 Uhr, Kings Club, Calwer Str. 21
München: 28.11., 20 Uhr, SUB, Müllerstr. 43



#1 reiserobbyEhemaliges Profil
  • 22.11.2010, 13:30h
  • Wow, wie süß... danke für den Tipp, ist bestimmt ein tolles Buch, freu mich schon auf den Film;-)
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#2 beobachter-2Anonym
#3 kaysiProfil
  • 22.11.2010, 20:53hBangor
  • Ich freu mich das Breakfast mit scot endlich nach Deutschland kommt, ich hab den Film schon 1 1/2 Jahren auf DVD
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#4 FoXXXynessEhemaliges Profil
  • 22.11.2010, 22:06h
  • Singende Haarbürsten - da ist mir der von Otto so persiflierte sprechende Föhn doch viel näher!
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#5 beobachter-2Anonym
#6 beobachter-2Anonym
  • 24.11.2010, 02:32h
  • Weil ich hier keine Antwort kriege auf meine Frage: Das kostet 7,50 Euro Eintritt statt wie in schwulen Buchläden nichts, es wird von vier verschiedenen Autoren gelesen, der Laden ist faktisch die Universitätsbuchhandlung. Könnte also sein, das richtet sich in immerhin der Stadt, in der "Queer" das Licht der Welt erblickte, nur an die sehr wenigen Leute, die fließend Englisch können?!
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#7 Ilovelife
  • 25.11.2010, 03:41h
  • @Foxxyness

    Wenn die singenden Haarbürsten auch Micky- Krause-Texte singen (z.B. "Jan Pillemann Otze" oder "Geh doch zuhause du alte Scheisse") könnt ich die gut gebrauchen: als Schmähgeschenke für ungeliebte Personen zu Weihnachten.
    Für entferntere, deshalb meist besonders verärgerte Bekannte als exzellenter Gruß geeignet: die Ratzinger- Postkarte!

    @queer.de: Mögt ihr mal was über schwule "Schmähgeschenke" zum Fest bringen? Ich hab da dieses Jahr so merkwürdig Bock drauf
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