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Offen schwules Paar im Knast: Steven und Philipp aus dem Film "I love you Philipp Morris"

In Gefängnissen und auf Bohrinseln haben heterosexuelle Männer gleichgeschlechtlichen Sex und stehen offen dazu.

Von Sascha Blättermann

Als Stephen Donaldson, Dozent an der amerikanischen Columbia University, sich in den achtziger Jahren aus wissenschaftlichen Gründen mehrfach ins Gefängnis einliefern ließ, traute er seinen Augen kaum. "Es ist denkbar", sagte er schon in einer Vorlesung im Jahre 1993, "dass die Gesellschaft der Gefangenen in den USA, die die höchste und ständig steigende Inhaftierungsrate haben, als der Welt größtes schwules Ghetto beschrieben werden könnte."

Donaldson sah heterosexuelle Männer, die von ihrer Freundin besucht worden sind und danach innerhalb der Gefängnismauern wie selbstverständlich eine Beziehung zu einem Mann hatten. Warum taten diese Männer das? Hatten sie eine heimliche homo- oder bisexuelle Identität? Waren sie unter Zwang? Und warum waren die Beziehungen zwischen zwei Männern im Rahmen der Gefängnismauern akzeptiert?

Ein kaum erforschtes Phänomen


Die Justizvollzugsanstalt als schwules Ghetto: shirtloser Knacki hinter Gittern

Also forschte Donaldson nach, las sich wochenlang durch Studien und wissenschaftliche Aufsätze und stellte fest, dass das Phänomen allgemein nicht sehr gut erforscht war, obwohl man schon im späten 19. Jahrhundert feststellte, dass manche Individuen niemals gleichgeschlechtliche Aktivität zeigen, egal wie lange und wie intensiv sie heterosexuellen Kontakt entbehren. Andere wiederum schon. Und so ließ sich Donaldson erneut ins Gefängnis einliefern...

Heute, dreißig Jahre später, ist das Phänomen besser erforscht, wirklich verstanden aber ist es immer noch nicht. "Situative Homosexualität" nennt man das zeitweilige Tendieren zum anderen Geschlecht, aber auch "Gelegenheitshomosexualität" oder "Notstandshomosexualität".

Man weiß inzwischen, dass diese Erscheinung vor allem in Umgebungen vorkommt, in denen nur Menschen des gleichen Geschlechts leben, zum Beispiel in Haftanstalten, auf Schiffen oder auch auf Bohrinseln. Doch weiterhin stehen Fragen offen, so auch diejenige, inwiefern aktives Sexualverhalten interne Wünsche ausdrückt und durch externe Umstände beeinflusst wird. So wird immer mehr klar, wie komplex das System der sexuellen Orientierung ist.

Grundsätzlich geht man heute davon aus, dass durch sexuelle Handlungen, die gegen die eigene Orientierung stehen, diese Orientierung nicht verändert wird. Auch weiß man inzwischen, dass gleichgeschlechtliches Sexualverhalten in Situationen gegengeschlechtlicher Entbehrung gerade bei Männern in ihrer sexuell aktivsten Zeit öfter vorkommt, auch in anderen Kulturkreisen. Dabei ist besonders überraschend, dass so ein Verhalten oft gar nicht als homosexuell angesehen wird.

Männlichkeit wird durch sexuelle Eroberung bewiesen


100% hetero: Manche Knackis lassen niemals einen anderen Mann in ihre Zelle, auch wenn sie viele Jahre keinen Sex mit einer Frau hatten

Das sah auch schon Stephen Donaldson nach seiner erneuten Einlieferung. Er stellte fest, dass es in der Gesellschaft in seinem Gefängnis eine strikte Trennung zwischen aktiver und passiver Rolle gab. "Die sexuelle Penetration eines anderen männlichen Gefangenen durch einen Mann wird durch die Subkultur gerechtfertigt und als männliche, statt als homosexuelle Verhaltensweise angesehen. Wenn sie keine Bereitschaft zeigten, ihre Männlichkeit durch sexuelle Eroberung zu demonstrieren, wurde ihr Status als Mann angezweifelt, was sie zum Ziel von Zurücksetzungen machte."

Doch: Dass sich die Männer dem gleichgeschlechtlichen Sex hingeben, kann auch an vorangegangen Vergewaltigungen liegen. Sie haben sich ihrem "Daddy", wie es Donaldson nennt, ergeben. Manche Männer durchleben während ihrer Haft eine Art Anpassungsprozess und erfahren ihr persönliches "Coming Out" oder leben danach bisexuell weiter. In den meisten Fällen haben solche Wandlungen aber mit schweren Vergewaltigungstraumata zu tun.

Auch deswegen sind die Anstrengungen, die Männer unternehmen, um eine Beziehung hinter den Gitterfenstern zu beginnen, entsprechend hoch. Diese Beziehungen dienen meist der Triebbefriedigung, können sich aber im Laufe der Zeit auch zu einer Art "Liebe" entwickeln. Dabei dient der Partner als eine Art Entspannungsinsel, bei der er sich nicht der Konkurrenz im Gefängnis hingeben muss und Gefühle zeigen kann.

Der Sex aber, das sagen die meisten Gefangenen in den bisher gemachten Studien, sei draußen besser.

Der Autor dieses Artikels unternimmt im Rahmen des Themenschwerpunktes Homosexualität der vhs Tübingen am Donnerstag, den 25. November 2010, um 20:15 Uhr, eine Reise in die schwule Kulturgeschichte. Der Eintritt ist frei.



#1 CarstenFfm
#2 schwulenaktivist
  • 23.11.2010, 12:35h
  • "Situative Homosexualität" nennt man das zeitweilige Tendieren zum anderen Geschlecht, aber auch "Gelegenheitshomosexualität" oder "Notstandshomosexualität".

    Dies ist der krampfhafte Versuch, die grundsätzliche Möglichkeit von Sex zu beiden Geschlechtern zu leugnen.

    Frauen haben auch Sex mit Männern und sind nicht schwul. Ja, und Schwule haben auch Sex mit Frauen und sind nicht hetero...

    Die Probleme der Betroffenen sind rein ideologischer Kopf-Natur. Nicht Probleme der Sexualität. Das sehen wir ja auch daran, dass viele Homosexuelle "hetero" Beziehungsmuster leben.
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#3 FranziAnonym
  • 23.11.2010, 13:07h
  • Ein hetero Kumpel vertrat einmal die Meinung: "Loch ist Loch!" Das klingt jetzt wahrscheinlich sehr "krass", soll aber eine sehr "verbreitete" Meinung sein !? :-)

    Ich stelle mir als "schwuler" Knacki das Leben in einer Justizvollzugsanstalt nicht so "rosig" vor, wie es oft in schwulen "Wichsvorlagen" spannend beschrieben wird !!

    Als Schwuler, so habe ich im Net gelesen, ist Man(n) das "Opfer" !! Als Neuinsasse einfach "Frischfleisch" !! Nötigung und auch Vergewaltigungen bestimmen ot das Leben im Knast !! Und dabei kann Man(n) sich wohl seinen "Geschlechtspartner" nicht unbedingt "aussuchen" !! Und ob der sich vorher seinen Schlüpfer gewechselt, ein Deo benutzt, und frisch geduscht ist - lasse ich einfach mal dahin gestellt - und wage ich einfach mal zu bezweifeln !!

    Ot soll es auch für ein Päckchen Tabak, ein paar Rasierklingen oder eine Tüte Kaffee zum gleichgeschlechtlichen Sex zwischen Heteros kommen !!

    Fazit für mich - lieber "anständig" bleiben, und nicht in den Knast kommen :-)
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#4 eMANcipation*Anonym
  • 23.11.2010, 13:16h
  • Kurz zusammengefasst:

    Das, was in unserer Gesellschaft vorherrscht,

    ist in einer Vielzahl der Fälle als

    "situative Heterosexualität" bzw. als Zwangsheterosexualität

    zu bezeichnen.

    Die angebliche heterosexuelle Norm / Mehrheit ist nichts anderes als eine soziale Konstruktion bzw. ein Herrschaftskonstrukt.
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#5 eMANcipation*Anonym
  • 23.11.2010, 13:24h
  • Antwort auf #2 von schwulenaktivist
  • "die grundsätzliche Möglichkeit von Sex zu beiden Geschlechtern zu leugnen."

    Wobei es hier zu differenzieren gilt:

    Geleugnet wird nie die Möglichkeit der gegengeschlechtlichen Sexualität, sondern immer nur die der Homosexualität.

    Oder anders formuliert:

    Die Bekehrung von Homosexuellen wird nicht geleugnet, sondern ist mindestens unterschwellig immer erwünscht!
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#6 CarstenFfm
#7 Carsten CologneAnonym
  • 23.11.2010, 14:01h
  • Antwort auf #2 von schwulenaktivist
  • "Frauen haben auch Sex mit Männern und sind nicht schwul. "

    Häh?

    Männer haben auch Sex mit Frauen und sind nicht lesbisch.

    Übrigens ist die Kategorie "situativer Homosexualität" kein "krampfhafter Versuch, die grundsätzliche Möglichkeit von Sex zu beiden Geschlechtern zu leugnen", sondern eine zusätzlliche Kategorie zur Bisexualität. Nicht jeder Heterosexuelle, der situativ Homosexuell ist, ist auch bisexuell. Weder von den Erfahrungen noch von den Empfindungen außerhalb der Notsituation.

    Das ist (nicht erst seit Fausto-Sterling) völlig unbestritten in der soziologischen Genderforschung und psychologischen Geschlechter-Psychologie.

    Nur weil manche sich nicht vorstellen können, dass situative Homosexualität eine eigene Kategorie neben Bisexualität ist (die manchmal, aber nicht immer zusammenfallen) heißt das nicht, dass es nicht so ist.
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#8 seb1983
  • 23.11.2010, 14:06h
  • Ich denke die Loch is Loch Geschichte wird bei vielen Männern irgendwann halt ziehen.

    Weniger extrem: Bekannte die schon in Afghanistan waren meinten dass die Frauen, die einmal da waren, immer wieder hin wollten, da selbst Top Kerle, die sie hier nicht mal mit dem Arsch angucken nach ner Zeit ankämen und jede Horrorbraut umschmeicheln.
    Wie heißts so schön: Primitiv aber glücklich
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#9 CarstenFfm
  • 23.11.2010, 15:34h
  • Antwort auf #8 von seb1983
  • Kenn ich irgendwie... ich hab Physik studiert 90% Männer (und trotzdem nur wenige Schwule)... die wenigen Frauen ehr häßlich und kriegen trotzdem alle einen ab.

    Zum Thema:

    Was würde unsereiner tun, wenn er sehr lange Zeit nur mit Frauen eingesperrt wäre?

    Also ich weiß weis es nicht, habs nie ausprobiert.
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#10 julian21
  • 23.11.2010, 16:25h
  • Antwort auf #2 von schwulenaktivist
  • "Die Probleme der Betroffenen sind rein ideologischer Kopf-Natur. Nicht Probleme der Sexualität. Das sehen wir ja auch daran, dass viele Homosexuelle 'hetero' Beziehungsmuster leben."

    Was verstehst du unter "Heterobeziehungsmuster"? Monogam und nach dem Ernährerprinzip lebend?

    Seit wann ist das ein Privileg für bzw. ne Erfindung von Heteros?

    Diese Kategorien sind doch total unnötig. Wie viele Heteros gibt es denn, die, so wie der große Teil der Schwulen heutzutage, promiskuitiv leben? Dass sind doch vor allem in jungen Jahren sehr viele.

    Außerdem kann man schwer sagen wie Homosexuelle heute leben würden, wenn sie schon seit Anbeginn der Zeit immer akzeptiert gewesen wären. Vielleicht genauso monogam?

    Meine These: Je mehr Homosexualität zur Selbstverständlichkeit wird, desto mehr setzen sich auch unter uns vielfältigere Lebensformen durch (Stichwort: Der schwule Spießer) und desto weiter entfernen wir uns vom Klischee.
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