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Der Film ist auch die Liebesgeschichte von Frank (r.) und Jake

Pünktlich zum Welt-Aids-Tag startet der Film "House of Boys" in deutschen Kinos. Er erzählt vom schwulen Leben und Sterben in den 80ern.

Von Norbert Blech

Keine Minute ist vergangen, und man fühlt sich in "House of Boys" schon in den 80ern. Die Mode, die Innenausstattung, die Musik - alles passt, ohne aufgesetzt zu wirken. Im ersten Teil des Films treffen wir den Schüler Frank, der seine Homosexualität offensiv ausleben will, was sich in seiner Heimat in Luxemburg, in Schule, Freundeskreis und Elternhaus jedoch als schwierig herausstellt.

Also flüchtet Frank, dargestellt von dem hevorragenden, in seinem Enthusiasmus den Film tragenden Briten Layke Anderson, nach Amsterdam und landet durch Zufall in jenem "House of Boys", einem Stripclub, in dem er schnell eine Anstellung als Tänzer findet und Freundschaften schließt - unter dem wachsamen Auge des Clubbesitzers "Madame" (Udo Kier).

Leider beginnt die aus zahlreichen Töpfen geförderte deutsch-luxemburgische Koproduktion hier, sich zu verlieren. Regisseur Jean Claude-Schlim setzt viele Klischeeszenen ein; den alt-schwulen, femininen "Bösewicht", der allein im Zimmer voll auf Oper abgeht, hat man öfter gesehen, als man selbst in der Oper war. Es gibt Klischeerollen, etwa den Tänzer, der aus Jugend und Schönheit herauswächst. Und kindliche Szenen: Es ist nett von Ralf König, eine Animation beizufügen. Und unnötig. Man hat das alles schon gesehen, in diesem Film mit seinen Längen gleich mehrfach, nur besser.

Der Mittelteil: Schwächen und Längen


Das Filmposter (Bild: Filmlichter)

Der Film verschenkt vor allem viel Zeit für die Shows der Boys, die weder cinematographisch und gelungen sind noch unterhaltsam oder trashig - sie wirken wie das lustlose Vorspiel in einem osteuropäischen Porno, ohne damit glaubwürdiger zu werden. Der Song "In Dreams" ist nach David Lynchs "Blue Velvet" unantastbar und Udo Kier beweist sich einmal mehr als unbrauchbar. Was hätte allein das britische Allround-Talent Stephen Fry aus seiner Rolle machen können, der im Film als väterlicher Doktor gut, aber auch verschenkt besetzt ist?

Nein, dieser Mittelteil überzeugt nicht, das "House of Boys" lässt einen ziemlich desinteressiert und gelangweilt zurück, lediglich der britische Schauspieler Steven Webb sorgt als Angelo für Unterhaltung (er ist übrigens mittlerweile der Lebensgefährte von Stephen Fry). Szenen, in denen die Boys sammt kümmerndem Schwulenmuttchen am Frühstückstisch sitzen, lassen die Möglichkeiten des Films erahnen, hätte er einfach eine jungschwule WG zum Thema gehabt.

Es schadet diesem Teil des Films zudem, dass die zweite Hauptrolle, der bisexuelle Tänzer Jake (Benn Northover), nicht wirklich sympathisch, unnahbar rüberkommt. Das wirkt zwar authentisch, die Liebe, die Frank für ihn zunehmend empfindet, wird vom Zuschauer aber nicht nachvollzogen.

Und das Sterben geht weiter

Doch vielleicht rettet dies den Film: der Leidens- und Sterbensprozess von Jake, der den dritten, gelungensten Teil des Films ausmacht, ist unerwartet heftig und emotional, driftet aber nie in Kitsch ab, trifft den Ton und ist authentisch. Dass das Publikum eine Distanz zu Jake aufgebaut hat, macht die teils schwer auszuhaltenden Szenen erträglich.

Dem luxemburgerischen Regisseur Jean-Claude Schlim gebührt Dank, jüngere Generationen an eine Zeit zu erinnern, die in dieser Form vergangen, vielleicht auch schon vergessen ist. Kaum ein junger Schwuler wird sich vorstellen können, was es bedeutet, dass plötzlich diese Krankheit auftaucht, die damals ein fast sicheres Todesurteil bedeutet. Was es bedeutet, dass Freunde erkranken, sterben, und man selbst nicht weiß, ob man bereits infiziert ist und wie es überhaupt zu der Infektion kommt.

Leider wird der Film zum Abschluss albern: da wird in Einblendungen erklärt, wieviele Menschen bislang an Aids gestorben sind. Das ist ein unnötiger und scheiternder Versuch, mehr Betroffenheit zu erzeugen, zumal dieses kleine House of Boys dann doch nur ein sehr kleiner Teil der globalen Aids-Krise ist. Wenn dann im Abspann auch noch Gesichter von Prominenten gezeigt werden, die an Aids verstorben sind, bekommt diese Ende etwas Anmaßendes. Nein, das ist nicht DER Aids-Film.

Filme noch aus der Zeit, etwa "Longtime Companion" oder "Abschiedsblicke", erzählen die Geschichte besser. Und "Und das Leben geht weiter", dessen Buchvorlage von Randy Shilts Pflichtlektüre nicht nur für Szenejournalisten sein sollte, durfte sich sogar den hier unpassenden Abspann leisten. Der Film, der den Beginn der Aids-Krise in den USA erzählt, läuft übrigens in der Nacht zum Donnerstag in der ARD.

Auch "House of Boys" ist im gewissen Sinn ein Historienfilm, was seine Berechtigung hat, gerade zum Welt-Aids-Tag. Doch bleibt er belanglos. Regisseur Schlim sagt, er wolle mit dem Film junge Leute "wachrütteln". Doch er leistet nur einen schauerlichen Blick zurück, der der jungen Generation keine Antworten bietet. Für diese hätte er die Geschichte im Jetzt erzählen, auf Bareback-Sex, auf die Kombinationstherapie und ihre Nebenwirkungen eingehen müssen.

Was für junge Schwule übrig bleibt, ist das Gefühl der Gnade der späten Geburt, wie es sich vielleicht auch in anderen Bereichen des schwulen Lebens einstellt. Wenn das den Blick auf ältere Menschen und HIV-Positive in der Szene verändert, ist schon viel gewonnen.

House of Boys (LUX/D 2010), 117 Minuten. Regie: Jean-Claude Schlim, Darsteller: Layke Anderson, Udo Kier, Eleanor David, Benn Northover, Steven Webb, Ross Antony, Stephen Fry

Youtube | Der deutsche Trailer zu "House of Boys"
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House of Boys
7 Bilder


#1 konsolAnonym
  • 01.12.2010, 10:29h

  • Danke für das tolle Review....werde mir den film doch nicht anschauen, evtl. erst auf dvd
  • Antworten » | Direktlink »
#2 eMANcipation*Anonym
  • 01.12.2010, 11:15h
  • "Was für junge Schwule übrig bleibt, ist das Gefühl der Gnade der späten Geburt, wie es sich vielleicht auch in anderen Bereichen des schwulen Lebens einstellt. Wenn das den Blick auf ältere Menschen und HIV-Positive in der Szene verändert, ist schon viel gewonnen."

    Was aber auch schon lange klar sein sollte, ist die Tatsache, dass junge Schwule dringend und zur Steigerung der Überlebenschancen eine ganz andere Darstellung schwulen Lebens und junger Identidikationsfiguren brauchen, die ihnen von den Massenmedien weiterhin gezielt vorenthalten werden.

    Und was machen WIR, außer weiterhin brav GEZ-Gebühren zu bezahlen und den penetranten Heterosexismus, der inzwischen schon Kindern immer aggressiver eingehämmert wird, für völlig normal zu halten???
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#3 Jeff Mannes MacbAnonym
  • 01.12.2010, 15:05h
  • Naja, da sieht man wieder mal, wie stark doch Geschmäcker auseinander driften können.

    Ich habe den Film bisher 8 mal gesehen (In Luxemburg lief der Film bereits vor einem Jahr an) und kann diese Kritik hier ÜBERHAUPT nicht nachvollziehen. Udo Kier in seiner Rolle als "Madame" als "Bösewicht" (sogar zwischen Anführungszeichen) zu bezeichnen passt nur wirklich nicht zur Vermittlung des Films... Und deswegen auch nicht das Klischee (das ich, nebenbei bemerkt, auch noch nicht so oft erlebt habe, wie der Autor es uns hier wahr haben lassen will).

    Auch finde ich die Shows der Boys mehr als unterhaltsam, aber gut, über Geschmack lässt sich ja streiten... Allerdings finde ich es ein bisschen niveaulos (und wo wir gerade bei Klischees sind auch ein bisschen klischeehaft wenn 'ne Schwester so einen bösen Vergleich zieht) wenn man sie als lustloses Vorspiel zu einem osteuropäischen Porno betitelt... Noch dazu doch sehr rassistisch, schön wenn wir Tucken gegen Osteuropäer wettern...

    Ich kann nur sagen: DOCH, der Mittelteil überzeugt in aller Hinsicht, vor allem weil er dem Zuschauer tiefer in die Persönlichkeit der Schauspieler blicken lässt! Und auch in die Rolle des Jake, der alles andere als unnahbar rüberkommt, aber das ist ja auch wieder Geschmackssache...

    Ach ja... wieder Klischees (damit kennt sich der Autor scheinbar aus, muss es aber dennoch kritisieren): Natürlich darf die neuste Story über die Partnerschaft zwischen Webb und Fry nicht fehlen. Das ist ja auch in einer "ernsthaften" Rezension äußerst wichtig!

    An einer Stelle lobt der Autor den Regisseur, dass er die junge Generation an die schreckliche Zeit damals erinnert, an anderer Stelle tadelt er ihn, dass es nur ein schauerlicher Blick zurück wäre... Logik?

    Ich finde es auch alles anders als "albern" (eine solche Wortwahl finde ich in dem Kontext auch sehr unangebracht) wenn am Ende des Films nochmal daran erinnert wird, wieviele Menschen bereits an AIDS gestorben sind.

    Und gerade weil das House of Boys nur ein sehr kleiner Teil der globalen AIDS-Krise war, gibt es überhaupt die Möglichkeit die Zuschauer mehr in die Charaktere hineinschlüpfen zu lassen. Auch ein Philadelphia zeigt nur einen kleinen Aspekt der AIDS-Krise!

    Außerdem, lieber Autor, heißt der Film "Das Leben GEHT weiter" und nicht "Das Leben kann weiter"...

    Ich kann nur allen raten, sich nicht von dieser Kritik beeinflussen zu lassen und sich den Film im Kino anzusehen um sich selbst ein Bild zu machen. Wie gesagt, ich habe den Film 8 mal gesehen(!) und ich kann immer wieder betonen wie wahnsinnig erschütternd, bedrückend, traurig und äußerst gut gemacht der Film ist. Mir und fast allen anderen Zuschauern kamen jedes Mal am Ende die Tränen (was bisher noch kein Film auch nur ein einziges Mal bei mir geschafft hat) und der Film war ein Riesen-Erfolg in Luxemburg. Die AIDS-Hilfe war begeistert, die Presse (anständige Presse) war begeistert, die Zuschauer sowieso, die blieben jedes Mal beim Abspann sitzen bis selbst der letzte Name abgelaufen ist, was ich auch noch nie erlebt habe und überall hörte man Schluchzen. Der Film ist DAS Erlebnis schlechthin. Ich kann wirklich nur sagen: Seht ihn euch an und hört nicht auf diese Möchtegern-Rezension!
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#4 De_Gelderlander
#5 FoXXXynessEhemaliges Profil
#6 janein
  • 07.12.2010, 01:33h
  • Ich finde den Film sehr gut (9/10). Guter Balanceakt zwischen unterhaltenden und ernsten Elementen.
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