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Das IWWIT-Plakat zum Welt-Aids-Tag

Mit zarten 18 steigt Marcel mit Neugier und Freude ins schwule Leben ein. Der erste Freund, die erste Trennung. Im Sommer 2009 dann die unerwartete Diagnose: HIV-positiv. Der junge Essener geht in die Offensive und verarbeitet die neue Situation, indem er die Welt über ein Blog teilhaben lässt. Nun ist er nun das Dezember-Rollenmodell für die Präventionskampagne ICH WEISS WAS ICH TU. In Auszügen veröffentlichen wir seinen persönlichen Bericht.

Ich hatte jemanden kennen gelernt, und die Sache entwickelte sich in Richtung Beziehung. Alles lief super und nach ein paar Wochen hatte ich das Gefühl, dass er das auch so sah. Deswegen habe ich mich darauf eingelassen, ohne Kondom mit ihm zu schlafen. Ich hatte Vertrauen zu ihm und in meiner vorherigen Beziehung war ja auch alles gut gegangen. Ich habe gedacht: Wenn er mich mag, dann will er mir nicht wehtun. Wenn er HIV-positiv wäre, würde er keinen ungeschützten Sex mit mir haben. Dass es Leute gibt, die gar nicht wissen, dass sie HIV-positiv sind, daran habe ich nicht gedacht.

Ich glaube, dass sehr viele Ansteckungen auf so eine Weise entstehen: Man vertraut jemandem, aber es gibt eigentlich noch gar keine richtige Beziehung und man weiß noch nicht genug vom anderen. Oder der Partner geht eben doch fremd. Es gibt Leute, die oberfl ächlich lieb und nett wirken, aber in Wirklichkeit ist denen egal, was mit dir passiert. Deswegen möchte ich gerade jungen Leuten erzählen, wie wichtig es ist, sich in solchen Situationen zu schützen.

Ich selbst habe sogar damals noch gedacht, dass es besser wäre, wenn wir ein Kondom benutzen würden. Nach dem Sex kamen dann auch Zweifel und Ängste auf. Die hab ich dann aber erst mal verdrängt: Warum sollte ausgerechnet ich bei diesem einen Mal zur falschen Zeit am falschen Ort mit der falschen Person Sex gehabt haben? Nach zwei Wochen kamen die ersten Symptome: eine Grippe und eine Entzündung der Mundschleimhaut. Obwohl ich meinem Arzt davon erzählt hatte, was passiert war, gab er mir einfach nur Antibiotika. Die haben auch erst mal geholfen - aber die Angst blieb. Na ja, ich hab dann einen Test gemacht. Und der war positiv.

Mit meinen Eltern bin ich zur Aids-Hife gegangen

Als ich auf dem Gesundheitsamt mein Ergebnis bekommen hatte, bin ich direkt nach Hause gefahren und habe mich schlafen gelegt. Ich war traurig, klar - aber das richtige Gefühlschaos kam erst ein paar Tage später. Ich habe mich erst mal zurückgezogen, mit niemandem gesprochen. Irgendwann hat meine Mutter mich gefragt, was denn los sei, warum ich mich so abschotte. Und da habe ich es ihr gesagt. Das war ein sehr emotionaler Moment. Meine Eltern sind dann mit mir zur Aidshilfe gegangen. Es hat ihnen geholfen, Informationen zu bekommen. So ging es mir selbst ja auch: Ich habe mit professionellen Leuten geredet und dabei mehr und mehr über HIV erfahren. Für mich war es genauso wie für meine Eltern: Mit jedem Schritt wurde es ein bisschen leichter.

Am Anfang habe ich noch gedacht: Ich bin selber schuld - total blöd, naiv und dumm. Heute denke ich, dass nichts davon zutrifft. Ich habe halt einen Fehler gemacht - und das ist einfach nur menschlich. Viele anderen machen den gleichen Fehler und haben vielleicht einfach Glück. Andere machen andere Fehler, nur dass die nicht so schwere Folgen haben. Wenn mir heute jemand erzählen will, ich sei Opfer meiner Dummheit oder Naivität, dann denke ich: "Leck mich, pass lieber auf dich selber auf!"

Ich versuche jetzt, mit der HIV-Infektion zu leben, so gut es geht. Dazu gehört für mich auch, darüber zu sprechen, privat genauso wie auf Facebook, in meinem Blog und in meinem Youtube-Kanal. Ich will mich nicht verstecken, weder in der Familie und bei Freunden noch bei der Arbeit. Ich möchte erreichen, dass sich die Menschen mit HIV auseinandersetzen und Vorurteile abbauen. Im Netz habe ich bisher keinen anderen HIV-Positiven in meinem Alter gefunden, der aus seinem Leben erzählt. Also tue ich das. Meine Offenheit hilft auch mir selbst, es ist ein bisschen wie eine Therapie. Wenn ich über meine Erlebnisse erzähle oder schreibe, kann ich sie gleichzeitig mit ein bisschen Abstand betrachten und sortieren.

Heute empfinde ich wieder Lust beim Sex

Natürlich frage ich mich auch, warum ich so offen sein kann und kaum schlechte Erfahrungen mache. Ich denke, das liegt einfach daran, dass ich mit mir Reinen bin. Man muss sich selber akzeptieren, dann ist es einfacher, mit dem Druck von außen umzugehen. Meine Erziehung hat viel dazu beigetragen, dass ich so selbstbewusst bin. Meine Eltern haben mir beigebracht, nicht auf die anderen zu achten, sondern auf mich. Es geht nicht um das, was man nach außen darstellt, sondern um das, was man ist, um die Persönlichkeit. Nur weil ich damit so offen mit meiner Infektion umgehe, erwarte ich das aber nicht von jedem. Es ist nicht notwendig, anderen davon zu erzählen, um zu wissen, was man wert ist und sich zu akzeptieren.

Ich stehe noch ganz am Anfang mit meiner Infektion: Das Testergebnis habe ich im Sommer 2009 bekommen, infiziert habe ich mich relativ kurz davor. Bis auf ein paar kleine Ausnahmen geht es mir gesundheitlich sehr gut. Eine Therapie mache ich noch nicht, denn meine Blutwerte sind recht gut. Was sich als erstes verändert hat, war mein Sexleben: Ich hatte wochenlang keinen Sex. Ich habe mich nicht einmal selbst befriedigt. Irgendwie hatte ich Angst vor dem, was da passiert, wenn ich einen Orgasmus habe. Ich habe mein Sperma und auch mein Blut gehasst und ich wollte eigentlich nie wieder Sex haben. Schließlich konnte da wer weiß was passieren, dachte ich.

Das hat eine ganze Zeit angehalten. Beim ersten Onanieren nach dem Testergebnis hatte ich nicht nur Lustgefühle, sondern ich habe mich auch geekelt. Aber dann ist eine Last von mir abgefallen: "So schlimm ist es nicht." Heute empfinde ich beim Sex wieder Lust. Aber ich achte sehr auf mich - denn ich möchte das Risiko einer Co- Infektion mit irgendeiner anderen Krankheit so gering wie möglich halten. Bevor ich mit jemandem Sex habe, sage ich ihm immer, dass ich HIV-positiv bin. Ich sage es, sobald ich das Gefühl habe, da könnte was laufen. Das war am Anfang nicht einfach - aber inzwischen habe ich keine Angst mehr davor, einen Korb zu bekommen. Ich kann sogar verstehen, wenn jemand einen Rückzieher macht, denn ich weiß selber nicht, wie ich früher damit umgegangen wäre.



34 Kommentare

#1 STHLMAnonym
#2 De_Gelderlander
#3 kokAnonym
  • 01.12.2010, 20:05h
  • Find ich echt super und vor allem auch wichtig, dass er so offen damit umgeht. Das zeigt einmal mehr, dass es eben nicht nur schwarz und weiß gibt, wie es vielen so blümchenhaft vorschwebt. Gutes Rollenmodell!
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#4 bananasEhemaliges Profil
#5 FoXXXynessEhemaliges Profil
  • 01.12.2010, 20:53h
  • Beim Onanieren geekelt - dann hätte er eine Frau werden sollen! Wie kann man sich dabei denn nur so anstellen?
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#6 todesmaskeEhemaliges Profil
  • 01.12.2010, 21:06h
  • Naja, wenn man so jung und hübsch ist wie er, dann ist die Wahrscheinlichkeit, einen Korb zu kriegen, trotz HIV gering. Ist man aber etwas älter und sieht bisschen "verbraucht", dann überlegt man sich 100 mal, ob man sich als HIV-Positiv outen will. Das hängt immer einer Situation ab, in der man sich stets befindet, wie z. B. Beruf, Karriere, Zukunft, Ort, gesellschaftliche bzw. kulturelle Umgebung, ob man sich outen kann bzw. will. Denn die Angst, verlassen oder indirekt diskrimiert zu werden ist, ist ziemlich groß. Ich habe einen Freund, der ebenfalls HIV-positiv ist, er hat Jahren gebraucht, um sich mir gegenüber zu outen. Er hatte nur Angst davor gehabt, verletzt zu werden. Als ich ihn in die Armen genommen habe, hat er geweint vor lauter Erleichterung. Er hat nicht geweint, weil er positiv ist, sondern, weil er Jahren darum gekämpft hat, ob er sich outen soll oder nicht. Und bei mir kann seine erste Erleichterung erlebt.

    Wenn man einen, der sich als positiv outet, mit Euphorie "lobt", stellt man anderen, die sich - aus welchem Grund auch immer -, nicht outet, indirekt in Diskredition.

    Auch meinem poisitiven Freund habe ich nie für seine Outing Lob ausgesprochen. Habe ihm nur gesagt, dass ich mich geschmeichelt fühle, weil er mir seine HIV-Infektion anvertraut hat.
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#7 chrisProfil
  • 01.12.2010, 22:39hDortmund
  • Antwort auf #2 von De_Gelderlander
  • Also ich hätte dir ja gerne den Link gegeben weil ich schon seit geraumer Zeit bei ihm Abonnent bin aber der Meister hat sich wohl ganz überraschend dazu entschieden, seinen YoutTube-Kanal zu löschen und seine Website dicht zu machen. Ziemlich BLÖDER Zeitpunkt Junge!!! So macht man keine HIV gute Aufklärung!
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#8 MedAnonym
  • 01.12.2010, 22:40h

  • Sorry bei dem Artikel könnte ich kotzen - der Typ ist völlig alleine Schuld an seiner Infektion und diesen Vorwurf muss er sich auch gefallen lassen. Ein einfacher Fehler kostet die Sozialgemeinschaft nicht dermaßen viel Geld wie das bei Ihm zwangsläufig früher oder später der Fall sein wird - in einem Land mit schlechterer Gesundheitaversorgung bzw höherem Eogenanteil wäre seine Meinung wohl auch anders. Davon abgesehen finde ich es toll wie offen er mit seiner Infektion umgeht und so andere hoffentlich vor der Wiederholung der von ihm gemachter Fehler zu schützen.
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#9 MIZAnonym
  • 01.12.2010, 23:57h
  • Ich finde den Beitrag auch sehr klasse. Großes Kompliment an Marcel, der so offen und ehrlich über seinen Umgang mit der Infektion spricht.

    Seine Homepage findet man unter: www.vorstadtclown.de
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#10 SaatchiAnonym
  • 02.12.2010, 00:22h
  • schön und interessant geschrieben. Ich hab mich bis jetzt irgendwie immer schützen können, doch die Angst sich zu infizieren ist bei neuen Kontakten leider immer präsent. Das das aber auch in Beziehungen vorkommt, ist umso trauriger und tragischer, weil es dort auch immer zu einem großen Vertrauensverlust kommt.
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