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Ein Sexarbeiter kann sein Honorar gerichtlich einklagen: Die Illustrationen sind Szenenfotos aus dem Filmklassiker "L´Escorte - Der Callboy" (Bild: Pro-Fun Media)

Die "Sittenwidrigkeit" wurde 2002 zwar aus dem Gesetzbuch gestrichen - doch viele Callboys arbeiten noch immer in einer Grauzone.

Von Carsten Weidemann

Am 1. Januar 2002 trat das "Gesetz zur Regelung der Rechtsverhältnisse der Prostituierten" (ProstG) in Kraft. Damit war ein wichtiger Schritt getan, um den die Hurenverbände jahrelang gekämpft hatten. Der im Jahre 1901 eingeführte und schwammige Begriff der "Sittenwidrigkeit", der bis dahin im § 138 des Bürgerlichen Gesetzbuches stand, er wurde endlich gestrichen.

Wer heute als Hure oder Callboy arbeitet, genießt wesentlich bessere rechtliche Rahmenbedingungen. Es beginnt bei den Verträgen, die jetzt mit Kunden verbindlich abgeschlossen werden können. Will der Freier für die erbrachte Leistung nicht löhnen, kann er vor Gericht auf Zahlung verklagt werden. Auch die Strafbarkeit der "Förderung von Prostitution" wurde gestrichen. Damit können nun Bordellbesitzer für die anschaffenden Frauen und Männer vernünftige Arbeitsbedingungen mit sauberen Zimmern und sanitären Einrichtungen anbieten. Und, darüber sind besonders die Aids-Hilfen froh, sie können ihren Sexarbeitern Kondome und Gleitgel zur Verfügung stellen. Selbst das galt - je nach Weltfremdheit des Richters oder Ordnungsamtes - bereits als Förderung der Prostitution.

Im Puff kann man bis zur Rente arbeiten


Das Finanzamt verdient mit: Sexarbeiter sind steuerpflichtig (Bild: Pro-Fun Media)

Wer als Sexarbeiter in einem Bordell oder Club per Arbeitsvertrag einsteigt, genießt die Vorzüge einer ganz normalen sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung. Es wird in die gesetzliche Kranken-, Renten-, Arbeitslosen-, Pflege- und Unfallversicherung eingezahlt. Zugleich haben aber die Huren und Callboys mehr Freiheiten als zum Beispiel Büroangestellte. So sind sie nicht vollständig an die Anweisungen ihres Arbeitgebers gebunden. Nach wie vor dürfen sie sich die Kunden selbst aussuchen oder ablehnen. Sie können frei entscheiden, welche Dienstleistungen sie anbieten wollen, und können nicht wegen "schlechter Leistung" belangt werden. Wer will, kann jederzeit fristlos kündigen. Der Gesetzgeber hatte damit vor allem den Schutz der Sexarbeiter im Blick. Denn der Zwang zur Prostitution ist nach wie vor strafbar. Ebenso wie die Ausbeutung von Prostituierten, die Zuhälterei, ein damit verbundener Menschenhandel oder die Zuführung von Jugendlichen.

Komplett zufrieden sind die Hurenverbände noch nicht mit der nun seit acht Jahren geltenden Regelung. Denn viele noch immer ungeklärte Detailfragen im Arbeitsrecht und bei den Sozialversicherungen verhindern, dass die Prostitution wirklich umfassend als Beruf oder Erwerbstätigkeit anerkannt wird. Es gibt nur einen Bereich, bei dem das problemlos klappt: Bei den Steuern. Sexarbeiter waren schon zu Zeiten der Sittenwidrigkeit steuerpflichtig. Und manche Stadt nutzt das Prostitutionsgewerbe auch als lukrative Einnahmequelle. Zum Beispiel die Stadt Köln, die darin sogar eine lange Tradition nachweisen kann. Bereits im Mittelalter, als Colonia nur 20.000 bis 40.000 Einwohner zählte, kamen jährlich bis zu einer Million Gäste, die man damals aber nicht Touristen sondern Pilger nannte. Die pilgerten nach dem Besuch der Messe in den nächsten Puff. deren Betreiber zahlten Steuern an die Stadt, die peinlich genaue Listen mit den Namen der Huren führte. Köln hat 2007 eine Vergnügungssteuer eingeführt, die damit "spezielle Filmvorführungen sowie die gezielte Einräumung der Gelegenheit zu sexuellen Vergnügungen und das Angebot sexueller Handlungen gegen Entgelt, die Veranstaltung von Sexmessen und Erotikmessen besteuert."

Gelegenheits-Callboys ohne Absicherung


Das älteste Gewerbe der Welt wird meist nicht beim Gewerbeamt angemeldet (Bild: Pro-Fun Media)

Die generelle Frage stellt sich zudem, wer von der bislang erfolgten Anerkennung profitiert. Die zahllosen Gelegenheits-Callboys auf den Escort-Portalen werden ihr Gewerbe sicherlich weder angemeldet haben noch sind sie bei einem Escort-Club unter Vertrag. Und auch die vielen Stricher in den Bars und auf der Straße haben davon nichts. Ebenso die Migranten, die sich hier nach dem Ausländerrecht illegal aufhalten oder deren Aufenthaltsstatus keine Arbeitserlaubnis vorsieht.

Die Soziologen Karin Fink und Wolfgang B. Werner sind in ihrem Buch "Stricher - Sozialpädagogischen Handbuch zur mann-männlichen Prostitution" sehr skeptisch: "Aufgrund der nicht nur schwierigen juristischen Sachlage, wären auch hier Stricher nicht nur finanziell zum Großteil überfordert, die Legalisierung ihrer Tätigkeit in Angriff zu nehmen. Durch die (...) Gesetzgebung ist gerade diese Personengruppe gefährdet, in die Illegalität abtauchen zu müssen, weil sie nicht in der Lage und überfordert sind, sich als Selbständige anzumelden und Steuern sowie Sozialversicherungen abzuführen."



#1 FloAnonym
  • 05.12.2010, 15:32h
  • "Es gibt nur einen Bereich, bei dem das problemlos klappt: Bei den Steuern."

    Ist ja klar: da wo der Staat von profitiert funktioniert es und da werden Probleme sehr schnell gelöst. Aber wo es dem Staat kein Geld bringt, sondern um die Rechte von Menschen geht, wird geschlampt und auch nicht nachgebessert...
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#2 schwulenaktivist
  • 05.12.2010, 15:32h
  • Das Buch der Soziologen ist im Jahr 2005 erschienen! Wer hat das denn jetzt ausgegraben??
    Es muss immer differenziert werden zwischen den einzelnen Prostitutionsbetroffenen. Männer gehören nicht in die Schublade von Frauen - und Migranten nicht in diejenige von Jugendlichen. Diese wiederum nicht in diejenige von Mädchen... Es ist unbedingt darauf zu achten, dass die Opfersymmetrie nicht "politisch korrekt" konstruiert wird. Gerade Freier haben eine schlimme Vergangenheit mit homosexuellen Kontakten, als Opfer von Strichern...
    Frau schreibe über Frauen und Mann über Männer.
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#3 FoXXXynessEhemaliges Profil
#4 BackroomboyAnonym
  • 05.12.2010, 20:29h
  • Von jedem Klempner und Bananenverkäufer wird erwarten, dass er genügend Verstand aufbringt, um sein Gewerbe anzumelden und den gesetzlichen und fiskalischen Anforderungen Genüge zu leisten. Und das soll bei männlichen Prostituierten anders sein? Seitdem Gayportale wie Gayromeo und Gayroyal online sind, hat sich die Zahl der Sexarbeiter vervielfacht. Wer aber den entsprechenden gesetzlichen Schutz in Anspruch nehmen will, sollte auch die Courage aufbringen, zu seinem Gewerbe zu stehen, auch wenn das Steuern und möglicherweise als beschämend empfundene Besuche bei Meldestellen und Gesundheitsbehörden erfordert. Das kapitalistische Prinzip der Lohnarbeit ist und bleibt das eigentlich unmenschliche Prinzip, ob ich nun meinen Ringmuskel oder den Bizeps vermiete.
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#5 vingtans
#6 XDAAnonym
#7 nachtwacheAnonym
  • 06.12.2010, 03:28h
  • Antwort auf #2 von schwulenaktivist
  • "und Migranten nicht in diejenige von Jugendlichen. Diese wiederum nicht in diejenige von Mädchen"

    Du drückst dich oft unklar aus. Du meinst Jugendliche gehören in eine andere Schublade als Mädchen? Und was ist dann mit Jungs?
    Oder meinst du mit "Jugendlichen" die männlichen Jugendlichen und mit "Mädchen" die weiblichen Jugendlichen?
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#8 herve64Profil
  • 11.12.2010, 10:02hMünchen
  • Antwort auf #6 von XDA
  • Das BGB ist ohnehin ein Regelwerk, das von Grund auf komplett runderneuert gehört, angefangen von der sprachlichen Formulierung, die heutzutage stellenweise nur noch zu Heiterkeitsausbrüchen bis hin zum totalen Unverständnis führt, weil kein Schwein sie mehr kapiert, bis hin zu den aufgelisteten Rechts- und Pflichtansprüchen, die noch aus der Zeit von Anno Tobak stammen.
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