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Genialer Schriftsteller mit etlichen Skandalen: Jean Genet im Jahr 1946 in Paris (Bild: Roger Parry/Schwules Museum)

Am 19. Dezember wäre der französische Schriftsteller Jean Genet 100 Jahre alt geworden. Das Schwule Museum Berlin ehrt ihn mit einer großen biografischen Ausstellung.

Von Wolfgang Theis

Jean Genet (19. Dezember 1910; † 15. April 1986) kultiviert das Böse. Der Päderast, wie Sartre ihn unablässig nennt, um das Skandalon der Homosexualität in seiner abfälligsten Form zu betonen, mutet heute als Begriff seltsam fremd an. Genets autobiografische Romane drehen sich um Diebstahl, Mord, Verrat und Homosexualität.

Cocteau war schockiert und begeistert, hielt sie aber für nicht druckbar. Anfangs in Liebhaberkreisen zirkulierend, wegen ihrer pornographischen Direktheit verpönt und zugleich begehrt, begründen sie den Mythos von Genet, dem ungeliebten Kind der öffentlichen Fürsorge, dem schwererziehbaren Jugendlichen, dem Dieb und Stricher, der sich aus dem ihm vorbestimmten Kreislauf von Vergehen und Strafe durch die Literatur befreit.

Sein Roman "Querelle" war der vorweggenommene Höhepunkt möglicher schwuler Literatur. Ihn vor allem liebten die Schwulen. Lange diente Querelle, trotz der literarischen Qualitäten, als Onaniervorlage - es gab ja kaum anderes. Die deutsche Staatsanwaltschaft verbot den Roman, der 1955 bei Rowohlt erschienen war. Erst 1960 setzte Andreas J. Meyer, Genets deutscher Verleger, die Freigabe von "Notre-Dame-des-Fleurs" durch.

Kleine Exkurse zeigen Genets Liebhaber und Freunde


Genet in einer Zeichnung von Anno Wilms (Mischtechnik auf handgeschröpftem Papier, 2009)

"Saint Genet", Sartres monumentale Einführung, 1952 als Band Eins der gesammelten Werk Genets bei Gallimard erschienen, dominiert den ersten Raum unserer Ausstellung: 168 Zitate zeichnen Sartres Versuch einer "marxistischen Psychoanalyse" nach, die letztendlich zu Genets Verstummen als Romanautor führte. Auf lange Zeit das letzte Wort, ehrfurchtheischend, von schwulen Autoren geschmäht, hat Sartre den Mythos Genet zementiert, auch für Genet selbst.

Dem gegenüber stehen Auszüge aus "Querelle", flankiert von Zitaten zu Genet, von Künstlern, Politikern, Autoren und Schwulenbewegten. Hier werden die voluminösen Erstausgaben präsentiert, hier finden sich Zeichnungen von Cocteau auf Wände appliziert, hier wird den Mythen seiner trostlosen Kindheit und seiner kriminellen Karriere begegnet. Kleine Exkurse zeigen Genets Liebhaber und seine Freundschaft mit Alberto Giacometti, abgerundet durch Buchillustrationen aus dem Merlin Verlag.

In den fünfziger Jahren entstanden die Theaterarbeiten, die Genet zu einem der meistgespielten Autoren auf bundesdeutschen Bühnen werden ließen. Seine Stücke galten als skandalös. Oft kam es zu Missverständnissen, wenn Regisseure die poetischen Metaphern allzu realistisch umsetzten. Genets Einsprüche und Verweigerungen sind legendär. Im zweiten Raum unserer Hommage geht es neben Genets politischem Engagement für die Black-Panther-Bewegung und seinem unglücklichen Einsatz für die RAF vor allem um die Berliner Inszenierungen seiner Stücke. Eine Installation zu Hubert Fichtes "Zeit"-Interview, mit Auszügen aus Fichtes Tagebüchern und Fotos von Leonore Mau ziert die Stirnseite des Raumes.

Genets merkwürdige Faszination für den deutschen Faschismus


Szene aus Fassbinders Verfilmung des Genet-Romans "Querelle" (Bild: Roger Fritz/Deutsche Kinemathek)

Von Douglas James Johnson zeigt die Ausstellung zehn Collagen, die sich mit Genets umstrittenem Werk "Pompes Funèbres" beschäftigen.

Genets merkwürdige Faszination für den deutschen Faschismus, das absolut Böse und zugleich Banale, das den "Führer" als Schwulen glorifiziert, die deutschen Besatzer sexualisiert: der deutsche Erbfeind, der das gehasste Frankreich demütigt und den ungeliebten Fürsorgezögling Genet rächt, lobt Sartre als gelungenen Liebesbeweis für Genets Freund und Widerstandskämpfer Jean Decarnin.

Der letzte Teil der Ausstellung zeigt Fassbinders 1982 entstandene filmische Umsetzung von Genets "Querelle". Sowohl das Drehbuch von Werner Schroeter, als auch Fassbinders Fassung, sind neben Plakaten, Fotos, Kostümen und Dokumenten zu sehen. Die Arbeiten von Anno Wilms setzen sich mit Genets "Seiltänzer"-Text auseinander. Hier werden weitere Theateraufführungen, Fotos und Filme gezeigt, die in der letzten Lebensspanne Jean Genets realisiert wurden. Seinem Engagement für die Palästinenser ist eine große Wand gewidmet.

Die Ausstellung konnte durch die großzügige Unterstützung vieler privater Leihgeber aus Berlin und Paris, sowie dem Merlin Verlag in Gifkendorf, der Stiftung Stadtmuseum und der Deutschen Kinemathek Berlin realisiert werden.

GENET. Hommage zum 100. Geburtstag, Ort: Schwules Museum, Mehringdamm 61, Berlin, Eröffnung in Anwesenheit des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit: Mo, 6.12.2010, 19 Uhr, Laufzeit: bis 14.3.2011, tägl. außer Di 14 bis 18 Uhr, Sa bis 19 Uhr, öffentliche Führungen jeden Mi um 18 Uhr.



#1 FoXXXynessEhemaliges Profil
  • 05.12.2010, 19:30h
  • Übrigens: Jean Genet bitte nicht mit "Genever" verwechseln! Von letzterem bekommt man am Tag danach nur einen Brummschädel (Leute wie Berlusconi und Assange scheinen den in Massen getrunken zu haben)!
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#2 gatopardo
  • 06.12.2010, 10:44h
  • Es kommt häufig vor, dass Nichtdeutsche SS und Besatzungszeit sexualisieren, als sei das nichts als eine schwule Orgie gewesen, wie es auch viele meiner ausländischen Freunde behaupten. Nun gut, Genet hatte dazu seine Gründe, auch wenn man sie als verwerflich betrachten muss. Übrigens liebte er "sein" Larache in Nordmarokko, wo er auf eigenen Wunsch begraben liegt. Diese Stadt am blitzblauen Atlantik hat einen überaus dekadenten spanisch-kolonialen Charme, abseits jeglicher Touristenströme und man entspannt sich hervorragend in nur von Männern besuchten Terrassencafés, wo man in Gespräche über "die Besonderheiten des Lebens" mit Einheimischen verwickelt wird, während sich das bunte Treiben auf der Strasse zu allen Jahreszeiten vor unseren Augen abspielt. Das kann durchaus eine Alternative zu den in Europa üblichen Besuchen in Museen,Klöstern und Kathedralen sein.
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#3 Whisky MarocAnonym
#4 gatopardo
  • 06.12.2010, 13:14h
  • Antwort auf #3 von Whisky Maroc
  • Never heard about this film, but I love "kitsch" and simple gay romanticism. Where else we can watch this frequently ?
    Did you see "Notre Dame des Fleurs" ?
    I saw this on different stage in Madrid right after Franco´s death, and it was called "Flowers" with Lindsey Kemp.
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