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  • 21. Juli 2004, noch kein Kommentar

Inmitten der Wüste Nevadas liegt die größte Entertainment-Metropole der Welt. Auch schwule Besucher haben ihren Spaß

Von Micha Schulze

Joe hätte es gewusst, aber Joe werden wir erst später kennen lernen. Am McCarran Airport nehmen wir das Taxi von Bill, einem dicken Schwarzen, der von einem Blue Moon Hotel und von einem Westwood Drive in Las Vegas noch nie etwas gehört hat. "Das ist kein Kasino, oder?" Wir zeigen ihm die Anzeige aus dem Spartacus. Bill funkt die Zentrale an, übersetzt "Male Resort" mit "Gentlemen's Club", zehn Minuten später erklärt eine Dame per Funk den Weg. Sind wir denn die einzigen der jährlich über 35 Millionen Touristen, die in einem schwulen Hotel unterkommen wollen?

"Wir haben erst vergangenes Jahr eröffnet", entschuldigt sich Mike, der mit dem Blue Moon eines von fünf Gay-Resorts in Las Vegas betreibt - bei insgesamt rund 125.000 Hotelbetten. Mitte Mai, zum jährlichen Pride Festival, ist es ausgebucht. Mike führt uns herum: In der Dampfsauna, die wie fast alles hier rund um die Uhr in Betrieb ist, sitzt ein rot aufgedunsener Mittvierziger, offensichtlich seit Stunden. Im "Fernsehraum" in der ersten Etage sucht ein Gast Entspannung mit Jeff Stryker, im Pool kuscheln zwei Bären. Das einzige, was wirklich auffällt, sind die fehlenden slot machines. Wo wir doch bereits am Flughafen über die ersten Automaten gestolpert waren.

Auf dem Stadtplan liegt das Blue Moon zentral: Nur eine halbe Meile Luftlinie zum Strip, dem glitzernden Boulevard mit all den großen Hotels und Kasinos, so dass wir unseren ersten Ausflug zu Fuß unternehmen. Nach knapp zwei Stunden Zickzackmarsch durch ödes Industriegebiet, nach mehreren Unter- und Überführungen, erreichen wir todmüde den Strip. Sämtliche Shows haben längst begonnen, und auch die neun Stunden Zeitunterschied verbessern unsere Laune nicht unbedingt. "Ihr seid hierher gelaufen?", wundert sich der Taxifahrer auf der Tour zurück ins Blue Moon, und schüttelt über die dummen Europäer den Kopf.

Vegas ist mehr als eine große Kulisse

Immerhin haben wir jetzt mehr von Las Vegas gesehen als viele andere Touristen. Die meisten buchen pauschal, werden am Flughafen mit einem Bus (oder einer Super-Strech-Limousine) eingesammelt und am Strip wieder ausgeladen, wo alles, was zum perfekten US-Urlaub gehört, in Fußreichweite liegt: der Black-Jack-Tisch, McDonalds, mittelmäßige Oben-ohne-Shows, überteuerte Achterbahnen, mit Bier gefüllte Plastik-Bowls, Miniatur-Eiffeltürme, Starbucks - und natürlich Slots. Erst wenn man in eine Seitenstraße abbiegt, kann man ahnen, dass Vegas (die Einheimischen lassen das "Las" weg) mehr als große Kulisse ist.

Sogar einen schwulen Buchladen gibt's, lesen wir im Q Vegas Bugle, dem lokalen Homoblatt, das auch im Hotel ausliegt. Zum "Get Booked" soll uns diesmal ein Taxi bringen. Doch der Wagen, den wir vom Zimmer aus bei Desert Cab geordert haben, lässt auf sich warten. "Der Taxifunk ist oft überlastet, zudem kommen viele Wagen nicht, wenn sie die Adresse nicht kennen", entschuldigt sich Mike - und zückt Joes Handynummer. Joe ist einer der drei offen schwulen Taxifahrer der Stadt und hat sein Mobiltelefon immer auf Empfang. Joe kommt prompt und soll seitdem unser ständiger Begleiter sein. Joe kennt nicht nur das Blue Moon, sondern auch die Happy-hour im Badlands Saloon und die Türsteher vom FreeZone Night Club. Zur Pauschale von 2,20 Dollar pro Fahrt und 30 Cent pro fünftel Meile ist er Taxifahrer und Guide zugleich.

Das Get Booked liegt in der Paradise Road, wobei die Gegend östlich des Strip alles andere als paradiesisch ist. Der Laden dagegen schon. Vollgestopft mit Büchern, Videos, Postern und Geschenken ist er das inoffizielle Switchboard für die lokale Gay Community. Inhaber Wes arbeitete früher in einem Hotel am Strip - so wie rund die Hälfte der rund anderthalb Millionen Menschen im Großraum Las Vegas im Entertainment-Business beschäftigt ist.

Die einarmigen Banditen sind weder gay- noch heterofriendly

Zum Erhalt dieser Arbeitsplätze haben wir inzwischen mit etlichen Dollars beigetragen, weitaus mehr als geplant. Aber "Gambeln" ist nicht nur Touri-Attraktion, sondern steckt auch den Einheimischen im Blut. So kann man sich selbst in den Szenebars den Slots und Pooltischen kaum entziehen. Besonders gayfriendly sind die einarmigen Banditen nicht: Unabhängig von der sexuellen Orientierung rauben sie alle Spieler gleichermaßen aus. "Das einzige, was man tun kann, um den Verlust klein zu halten, ist das Spielen am 1-Cent-Automaten", hat uns Joe immerhin gewarnt.

Vom Gay Pride bekommt man in der Stadt nicht viel mit. Die Homo-Parade mit nur wenigen Tausend Teilnehmern steht nicht im offiziellen Eventkalender, das Marketing über die Stadtgrenzen hinaus hält sich in Grenzen. Auch wenn das große New York New York Hotel zu den Sponsoren gehört, sind Entertainment am Strip und Gay Pride verschiedene Welten. Joe ermöglicht es uns, ständig hin und her zu pendeln zwischen hektischer Glitzermetropole und gemütlichem schwulen Kleinstadtcharme. Und so macht Vegas erst richtig Spaß: Mittags Gay Casino, anschließend Liberace-Museum, am Abend Homo-Parade in Downtown, am nächsten Tag die Star Trek Exhibition im Hilton.

Drei Tage Vegas rauschen vorbei wie die Dollars in die Slots, doch mit Blick ins Portemonnaie sind auch wir nicht unglücklich, bald wieder abreisen zu müssen. Anders als Stephen Gately wissen wir zwar noch immer nicht, wie eine Gay Wedding Chapel von innen aussieht, auch ein schwules Rodeoturnier haben wir verpasst und der kleinen Apollo Sauna keinen Besuch abgestattet.

Ausgerechnet am Abreisetag hat Joe Besuch von seinen Eltern bekommen und kann uns nicht zum Airport bringen. Doch nur zehn Minuten nach dem Anruf bei der Taxizentrale fährt diesmal ein Wagen am Blue Moon Hotel vor. Es ist Bob, der dicke Schwarze, der uns bereits vor drei Tagen am Flughafen aufgelesen hat. Ob uns die Girls von Vegas gefallen haben, fragt er. Wir lächeln: Immerhin kennt er jetzt den Westwood Drive.