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Die Fotos stammen aus dem Film L´Escorte - Der Callboy, erhältlich auf DVD von Pro-Fun Media

Jörg ist in der Kölner Callboy- und Stricherszene kein Unbekannter. Für queer.de erzählt er, warum er trotz kostenloser Online-Dates auf Sexarbeiter nicht verzichten will

Notiert von Micha Schulze

Es gab Zeiten, da habe ich über 1.000 Euro im Monat für Stricher und Callboys ausgegeben. Das waren natürlich Spitzenzeiten, da hatte ich dreimal die Woche oder mehr jemanden bei mir. Eine Session kostet zwischen 50 und 100 Euro, da kann sich jeder die Frequenz selbst ausrechnen. Nur rund um Weihnachten habe ich noch mehr Geld für Jungs ausgegeben, und das lag nicht etwa daran, dass das Weihnachtsgeld auf meinem Konto ankam. Rund um Heiligabend kann ich einfach nicht alleine sein.

Ich bin jetzt 41 Jahre alt. Komme aus Köln, bin in Köln geboren. Ich lebe allein, direkt in einer Wohnung am Zoo und am Rhein mit einer schönen Aussicht. Meine auffälligste Eigenschaft ist sicher mein Übergewicht. Im Moment wiege ich um die 145 Kilo. Genau kann ich das gar nicht sagen, weil die meisten Personenwaagen nur bis 130 Kilo zählen. Eine uralte öffentliche Waage an einem S-Bahnhof in Berlin hat zumindest letzten Monat 145 Kilo angezeigt, aber die war wahrscheinlich nicht geeicht. Vor einigen Jahren brachte ich es schon mal auf 170 Kilo, bis mich mein Arzt dazu ermahnte, abzuspecken, wenn mir mein Leben lieb wäre.

Nie groß um den Preis gefeilscht

In der Kölner Callboy- und Stricherszene bin ich kein Unbekannter. Ich habe niemals groß um den Preis gefeilscht, deshalb sind die Jungs immer gerne mit mir mitgegangen. Einige haben sich auf Dauer etabliert. Einen Callboy aus Düsseldorf kenne ich bereits seit sechs Jahren. Bei ihm zahle ich immer noch den alten Preis von 50 Euro, und er liefert dafür erstklassige Arbeit. Bei ihm kann ich mich total fallen lassen, er macht genau das Richtige, es ist nie langweilig, er macht genau das Richtige. Er ist auch jemand, der nie auf die Uhr guckt, obwohl er meist vor Ablauf der Stunde das Haus verlässt, weil ich so schnell komme. Wir kennen uns sehr gut mittlerweile, ich war schon bei ihm in der Wohnung und habe auch seine Freundin kennengelernt, mit der er zusammenlebt. Seit einiger Zeit erledige ich seine Buchhaltung und kenne dadurch auch seine finanziellen Verhältnisse. Er ist ein absoluter Profi, der nicht in den einschlägigen Magazinen oder Portalen inseriert. Er vermarktet sich nur durch Mund-zu-Mund-Propaganda.


In der Kölner Stricherbar Monte Christo hatte ich meine erste Begegnung mit dem gewerblichen Bereich. Ein Typ interessierte mich sehr: Er war einer von denen, die nicht sofort vor mir wegliefen. Ich dachte, der mag mich wirklich. Ich ignorierte die Warnung eines guten Freundes und ging mit dem Burschen und ziemlich vielen Illusionen nach oben ins Stundenzimmer. Sexuell war es zwar ganz nett, aber es ging eben doch nicht um Liebe, sondern nur um das Geschäft. Als es vorbei war, hatte ich das begriffen.

Doch diese Geschichte lehrte mich, wie einfach es ist, zumindest meine sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen. Das ist ja nicht anders, als im Supermarkt ein Stück Butter im Regal auszusuchen und dann an der Kasse zu bezahlen. Einen Jungen im Monte Christo aufzulesen ist dasselbe wie Einkaufen bei Plus. Und manche Leute gehen halt ganz gerne shoppen...

Wenn das Gewicht schon nicht stimmt, dann wenigstens das Einkommen

Ich habe meine Chancen immer sehr realistisch einschätzen können. Gerade in Köln wird dem Körperkult gehuldigt und man trägt die Nase sehr hoch / weit oben, da habe ich mit meiner Statur in der Szene überhaupt keine Chance. Allein die vielen Blicke, wenn ich nur eine Bar betrete, die mir sagen: Was will der Dicke denn hier? Da habe ich mir gesagt: Wenn das Gewicht nicht stimmt, dann muss ich eben dafür sorgen, dass mein Einkommen stimmt.

Momentan habe ich meine Ausgaben für Callboys deutlich reduziert. Es gibt nur ein paar Jungs, die regelmäßig kommen, etwa ein- bis zweimal in der Woche muss ich meine Geldbörse zücken. Das liegt zum einen daran, dass meine Ansprüche gewachsen sind. Einen Junkie würde ich heute nicht mehr mitnehmen. Ein Callboy muss den Mund aufmachen und nicht nur im besoffenen Zustand arbeiten können. Ich achte da jetzt mehr auf Qualität, wie ich mittlerweile auch lieber im Kaufhof als bei Aldi einkaufe.


Zum anderen habe ich seit einiger Zeit immer mehr Dates, ohne bezahlen zu müssen. Ein Bekannter hatte mir mal den Tipp gegeben, dass es eigene Portale für Übergewichtige und ihre Verehrer gibt, er machte mit mir eine Fotosession und dann legte ich ein Profil mit Nacktbildern auf eurowoof.com an. Wenn ich online bin, bekomme ich dort am Abend bis zu zehn Mails. Wenn der Absender einigermaßen aussieht, antworte ich ihm. Aus aller Welt erhalte ich Komplimente für meinen Bauch und meine Brüste. Wirklich interessante, teilweise sehr schnuckelige Männer aus Kanada oder Schweden wollen mich extra in Köln besuchen kommen. Einige meinen allerdings auch, ich sei nicht dick genug.

Dass ich auf diesen Portalen so begehrt bin, hat meinem Selbstwertgefühl natürlich gutgetan. Aber absolut happy bin ich deswegen auch nicht. Im Grunde genommen suche ich nach wie vor nach einer richtigen Liebesbeziehung mit Bestand, nach Geborgenheit und Nähe, nach jemandem, den man immer dann in den Arm nehmen kann, wenn man ihn braucht.

In all den Jahren habe ich gelernt, Sex und Liebe zu trennen. Dort, wo ich Liebe empfinde, kriege ich im Moment keinen Sex. Und die Männer, mit denen ich schlafe, geben mir keine Liebe. Ideal wäre es schon, beides miteinander zu verbinden. Aber ich bin, wie gesagt, mit 41 nicht mehr der Jüngste, dazu kommt mein Gewicht - und ich sehe nicht ein, warum ich auf Sex verzichten sollte, nur weil das gerade mit der Liebe nicht klappt.

Ich lege mich auf den Rücken und lass mich bedienen

Bei den Dates, die ich über die Online-Portale klarmache, wollen meine Partner oft eine passive Rolle einnehmen, was ja eigentlich eher mein Part ist. Das ist immer wieder eine neue Herausforderung für mich: Ich muss einfach mehr arbeiten bei diesen Dates. Bei den Callboys liege ich ja meist auf den Rücken und lass mich bedienen, nun bin ich selbst gefragt. Bei diesen Treffen geht selten richtig die Post ab, da ist mehr Kuscheln angesagt, aber das ist auch mal ganz nett.

Der positive Effekt ist, dass ich dabei deutlich Geld spare und mir auch mal einen längeren Urlaub leisten kann. Derzeit habe ich ein bis zwei Dates in der Woche, die mich nichts kosten. Und ich habe auch schon mehreren Männern eine Abfuhr erteilt, wenn ich das Gefühl hatte, dass ein Treffen in zu viel Arbeit ausarten könnte. Das hätte ich mir früher niemals träumen lassen - da habe ich alles genommen, was sich mir angeboten hat.

Ganz auf Callboys möchte ich jedoch nicht verzichten, das ist sexuell schon etwas anderes. Ich hatte vor Kurzem eine kleine Liaison mit einem Rollstuhlfahrer, wir haben uns sehr gemocht, aber im Bett fehlte immer etwas. Kurz nach einer Begegnung mit dem Rolli-Fahrer traf ich dann mal wieder meinen Callboy aus Düsseldorf und merkte sofort den Unterschied: Schon die erste Berührung elektrisierte mich. Es war viel schöner, viel netter, ich kann es nicht beschreiben. Er nimmt eine sehr dominante Rolle ein, das ist wohl der Unterschied.



#1 TimmometerProfil
  • 22.01.2011, 16:23hNordeifel
  • Ich danke Jörg für diesen ehrlichen Bericht. Ja ich finde, genau sowas bereichert dieses Portal.

    Wenn möglich, dann bitte mehr davon!

    Wie seid Ihr an Jörg gekommen? Hat er einfach so geschrieben? Ist es das Ergebnis eines Interviews, das nicht gleich wieder als solches daherkommt?

    Mir hats gefallen!

    @Jörg: Ich wünsche Dir viel Glück und vielleicht findest Du ja auch gerade bei den kostenlosen Dates auch mal den Mann fürs Leben.
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#2 chrisProfil
  • 22.01.2011, 17:08hDortmund
  • Also ich möchte ja jetzt nicht übermäßig oberflächlich wirken, aber wenn er in der Vergangenheit offenbar massive Dating- und Selbstwertprobleme auf Grund seiner körperlichen Kondition hatte, warum hat er dann nicht wenigstens versucht, zumindest das körperliche etwas mehr in den Griff zu bekommen? Wäre das nicht der vernünftigere Weg um glücklicher zu werden? Ich muss allerdings auch sagen, dass ich persönlich probeme hätte jemanden dafür zu bezahlen, dass er mit mir ins Bett geht, obwohl er gar nicht auf mich steht.
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#3 porokusiAnonym
  • 22.01.2011, 17:39h
  • Ziehmlich traurig, seinen ganzen Lebensinhalt nur mit Sexdates zu füllen. Sie sind zwar ab und ganz nett und man lernt dabei teilweise sehr interessante Leute kennen. Aber eine Beziehung, Freunde oder Hobbys können sie nicht ersetzen. Sollte alles immer in Balnce sein :)
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#4 herve64Profil
  • 22.01.2011, 18:15hMünchen
  • Antwort auf #3 von porokusi
  • Das kannst du jetzt werten wie du willst. Aber er ist ja nicht der einzige, dem es so geht. Wieviele kriegen z. B. auf Grund ihres hohen Alters keinen Partner mehr? Wenn es ganz dick kommt: nach einer langjährigen glücklichen Beziehung, die deswegen beendet ist, weil der Lebenspartner gestorben ist und man selbst jetzt zu alt für den "Markt" geworden ist?
    Wie viele bleiben ansonsten allein, weil sie z. B. ein schwerwiegendes geistiges oder körperliches Handicap haben?
    Was bleibt einem in so einer Situation anderes übrig, als sich einen gewerbsmäßigen Beglücker zu engagieren, um wenigstens mal ab und zu in den Genuss von Sex zu kommen?
    Insofern hat es schon seine Berechtigung, dass es Stricher oder Escortservices gibt, egal, ob man jetzt darüber begeistert ist oder nicht.
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#5 künstlertypAnonym
  • 22.01.2011, 18:23h

  • tja, da lobe ich mir künstlertypen (wie auch ich). Die habe sinn en masse im leben und brauchen nicht solche ersatzbefriedigungen, um einem mutmasslich recht öden leben halbwegs sinn zu geben. Ich habe im monat nicht so viel, wie j. Für sex ausgibt, bin aber glücklich, da ich etwas schaffe, das bestand hat und aus dem üblichen mittelmass und den meist sinnlosen jobs mit blödsinnigen tätigkeiten hervorsticht.
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#6 gatopardo
  • 22.01.2011, 18:40h
  • Antwort auf #4 von herve64
  • Das sehe ich auch so ! Und selbst wenn man als alter Knacker einen oder zwei junge Partner hat, die auf weisse Haare stehen, dann ist es doch nur natürlich, dass man für sie Verantwortung übernimmt, ganz gleich in welcher Art. Auch ein "Service" , den man direkt bezahlt, gehört zu den ältesten Gewerben der Menschheit und ist keineswegs verwerflich. Besonders bei Zeitgenossen, die keine Minute mit sentimentalen Kontakten verschwenden wollen. Ich habe das hier schon hundertmal gesagt und wiederhole es gerne: Dieses Leben ist ein ständiges Geben und Nehmen und wir müssen daraus das Beste machen. Irgendwann und irgendwie zahlen wir doch alle indirekt für "Gefälligkeiten".
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#7 ottoAnonym
  • 22.01.2011, 18:43h
  • Antwort auf #4 von herve64
  • man kann aber in der situation froh sein, kostenlose kontakte über das netz herzustellen.

    wichtig ist halt, dass man den anschluss halten kann.

    im land der meisten übergewichtigen scheint sich bald für millionen die alterversorgung in luft aufzulösen. na ja, vielleicht gibt es preisgünstige
    wohnheime inetcafes mit breiten plätzen.

    "Policymakers are working behind the scenes to come up with a way to let states declare bankruptcy and get out from under crushing debts, including the pensions they have promised to retired public workers."

    www.nytimes.com/2011/01/21/business/economy/21bankruptcy.htm
    l?_r=3&src=busln


    hier passiert so etwas ganz bestimmt nicht!?
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#8 herve64Profil
  • 22.01.2011, 19:02hMünchen
  • Antwort auf #5 von künstlertyp
  • Na, dann sonne dich mal weiter in deiner arroganten Selbstgerechtigkeit und gebe dich hemmungslos deiner Ersatzbefriedigung hin.
    Irgendwann wirst auch du mal wieder auf den Boden der Tatsachen zurück geholt werden.
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#9 whoAnonym
  • 22.01.2011, 19:02h
  • Antwort auf #7 von otto
  • land der meisten übergewichtigen?

    "XXL als globales Phänomen: 40 Prozent der Männer und 30 Prozent der Frauen werden als übergewichtig eingeschätzt.
    Ein weiteres Drittel der Weltbevölkerung ist fettleibig.
    Die WHO betitelt das Übergewichts-Problem in der Welt als „Pandemisch“. Mexiko und Deutschland sind traurige Vorreiter"
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#10 BAyernlandeAnonym
  • 22.01.2011, 19:16h
  • 50 Euro damit man einen dicken blasen muss halte ich für unglaublich unverschämt! Für mich ist das sexuelle Ausbeutung von sozial Schwachen!!
    Unglaublich!!
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