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Proteste in Kairo (4. Februar 2011) (Bild: monasosh / flickr / by 2.0)

Der schwule ägyptische Blogger IceQueer erlebte die Revolution in Ägypten hautnah mit - und glaubt an eine demokratische Zukunft.

Derzeit verfolgt die Staatsmacht in Ägypten Homosexuelle mit Paragrafen gegen "Sittenlosigkeit". Schwule hoffen, dass demokratische Reformen ihre Lage in den nächsten Jahren verbessern - so auch der 22-jährige Blogger IceQueer, der seit 2008 über sein schwules Leben in Ägypten schreibt. Er sprach mit Dan Littauer von Gay Middle East.

Du warst am Dienstag am Tahrir-Platz. Was ist passiert?
Ich hatte Glück, denn die Demo an diesem Tag war sehr friedlich. Die Polizeigewalt war bereits vorbei und Mubaraks Schläger haben erst am Donnerstag die Demonstranten attackiert. Alle waren guter Dinge. Ich fand toll, wie vielfältig - und endlich vereinigt - Ägypten ist! Ich hielt ein Schild hoch mit der Aufschrift "säkular" auf Arabisch, English und Französisch. Meine Freunde (Heteros, Schwule, Mädels, Christen und Muslime) hielten ähnliche Schilder hoch. Das ist ein Protest für das Volk und nicht für eine Partei oder Religion. Es hat sich wie europäischer Karneval angefühlt.

Welche Veränderungen wollen die Leute sehen?
Unsere Schlachtrufe lauteten: Freiheit, soziale Gerechtigkeit und Demokratie. Alles wird sich zum Besseren wenden, wenn Mubarak und sein Regime endlich weg, das Parlament aufgelöst und der Notstand beendet ist, sowie freie Wahlen von Richtern des obersten Gerichtshofs überwacht werden.

Wird es jetzt einen Übergang zu Demokratie in Ägypten geben?
Ich hoffe das, aber wir müssen erst die Klischees loswerden und die mittelalterliche Ideologie, der leider viele Menschen in Ägypten nachrennen, weil sie keine richtige Bildung genossen haben. Der 25. Januar wurde von den Gebildeten möglich gemacht, der politisch interessierten Jugend in Ägypten.

Manche Beobachter sind besorgt, dass der Einfluss der Muslimbrüder wachsen könnte. Wie realistisch wäre das?
Ich glaube nicht, dass die Muslimbrüder einen großen Einfluss auf die Mehrheit der Ägypter und auf Ägypten haben werden.

Es ist wohl noch zu risikoreich oder sogar kontraproduktiv, direkt für schwul-lesbische Rechten während der Proteste zu werben. Wie siehst du das?
Schon ein Ende des Regimes oder Freiheit zu fordern, überfordert viele Leute hier. Was würde dann erst passieren, wenn wir nach schwul-lesbischen Rechten fragen?

Kannst die die Lage von Schwulen und Lesben im Ägypten der letzten Jahre beschreiben?
Unsere Community ist so vielfältig wie in anderen Ländern der Welt. Es gibt viele soziale und kulturelle Unterschiede, von tiefkonservativ bis ultraliberal. Dank der westlichen Medien, die wir im Internet und Fernsehen empfangen, verstehen heute mehr Leute ihre Sexualität und lernen, sie zu akzeptieren. Hier ist die Jugend schon viel weiter als die ältere Generation.

Kann man schwul und out sein in Ägypten?
Es kommt auf den eigenen Charakter an, auf die soziale Schicht, aus der man kommt, auf Freunde und Familie. Ich bin offen gegenüber meinen Eltern und allen meinen heterosexuellen Freunden.

Wie treffen Schwule sich eigentlich?
Meist über Dating-Websites im Internet. Es gibt auch schwule Partys in Privathäusern.

Es ist etwas bezeichnend, dass der Tahrir-Platz auch als Treffpunkt für Schwule bekannt ist, oder?
(lacht) Ja, darüber habe ich schon mit meinen Freunden gewitzelt. Ich sagte: 'Wenn ich vor einer Woche vorgeschlagen hätte, uns am Tahrir-Platz zu treffen die Kasr-El-Nil-Brücke hinüber zu laufen, hättet ihr mich für einen ganz schmierigen Schwulen gehalten.'

Übersetzt und gekürzt von Carsten Weidemann



#1 Mister_Jackpot
  • 06.02.2011, 17:31h
  • Finde ich sehr ermutigend so etwas mal direkt aus erster Quelle von einem Schwulen aus einem überwiegend muslimischen Land zu hören. Es scheint sich also sogar dort in Punkto Offenheit etwas zu tun und es zeigt mir wieder einmal wie sehr wir hierzulande unsere Vorurteile gegenüber Menschen aus anderen Kulturkreisen hegen und pflegen.
    Vor allem finde ich gut, dass alle Bevölkerungsgruppen dort gemeinsam aufgestanden sind. Und dieses Interview strahlt auch sehr viel positive Energie auf mich aus....wir als Schwule haben auch hierzulande eigentlich die Verpflichtung Solidarität zu zeigen mit unseren schwullesbischen Mitmenschen in anderen (auch muslimischen) Kulturkreisen, denn nur wenn wir selbst keine Vorurteile gegenüber anderen Kulturkreisen haben können wir auch selbst erwarten akzeptiert zu werden...dieser ägyptische schwule Blogger macht es vor wie man mit einer richtigen Einstellung zum Leben Grenzen überwinden kann...zum Glück ist das jetzt ein reales Beispiel, sonst kämen hier nachher wieder einige Spezis, die behaupten das wäre nur Gutmenschengelaber....dabei ist es ganz einfach nur Logik! Vollkommen ab von irgendwelchen politischen Überzeugungen. Ich hoffe für ihn und für alle anderen Schwulen und Ägypter überhaupt, dass der demokratische Wandel auch wirklich kommt und diese Muslim Brüder nicht doch zu viel Einfluss auf eine neue Regierung gewinnen können...
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#2 FloAnonym
  • 06.02.2011, 17:47h
  • Wollen wir hoffen, dass Ägypten den Wandel zu einem rechtsstaatlichen, demokratischen, säkularen, freiheitlichen und pluralistischen Staat hinbekommt...
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#3 FoXXXynessEhemaliges Profil
  • 06.02.2011, 17:51h
  • Bleibt nur zu hoffen, daß in Ägypten nach dieser Revolution auch wirklich demokratisch wird und nicht wie im Iran ein Gottesstaat errichtet sowie die Scharia eingeführt wird!
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#4 Mister_Jackpot
  • 06.02.2011, 18:04h
  • Antwort auf #3 von FoXXXyness
  • Da ist sie wieder..die negative Einstellung! Kaum hat mans ausgesprochen sind die Spezis auch schon zur Stelle! LOL.....Und der Iran ist nicht direkt ein Gottesstaat, sondern wird ganz einfach von einem politisch motivierten Diktator unter dem Deckmäntelchen einer angeblichen religösen Moral unter der Knute gehalten. Ich denke aber dass die Zeiten vorbei sind....dafür haben viele Ägypter schon zu viel westliche Luft geschnuppert als dass sie das zulassen würden von einem ins nächste Unterdrückungssystem zu wandern...wir leben nicht mehr 1979 und die Gesellschaften ansich auch in islamischen Ländern sind viel zu ausdifferenziert als dass sie das zulassen würden, was im Iran vor mehr als 30 Jahren geschah....übrigens tragen die Briten eine gehörige Mitschuld an der damaligen islamischen Revolution im Iran.....schade dass unsere lieben Westvertreter hier das allzu gern unter dne Teppich kehren und dann mit rechts vs. links Diskussionen versuchen von historischen Tatsachen abzulenken...in Ägypten gibt es eine vollkommen andere Ausgangslage. Ich hoffe einfach auf freie Wahlen in Ägypten, denn Mubarak hin oder her...er war nicht mehr haltbar sonst hätte es jetzt auch nicht diese Mega Protestwelle gegeben.....
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#5 FBAnonym
  • 06.02.2011, 18:12h
  • Antwort auf #2 von Flo
  • Gesichtbuch mit 's':

    Vergleichbare Aufstände nach Brot und Freiheit
    gab es in Deutschland 1847/48. Das waren die Massen für den bürgerlichen Revolutionsversuch.

    Dazu die deutsche Geschichte bis 1949.

    Seit dem Demokratieversuch.

    Ringen, Wandel, Gestaltung,
    Kämpfe, Siege, Niederlagen,
    Anläufe.
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#6 jam jamAnonym
  • 06.02.2011, 18:25h
  • "Meist über Dating-Websites im Internet."

    man kann sich bei

    manjam.com

    einen account anlegen

    und middle east anklicken.
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#7 eMANcipation*Anonym
  • 06.02.2011, 18:30h
  • Antwort auf #2 von Flo
  • Wenn ich menschennahe, zivilgesellschaftliche und wissenschaftlich fundierte Quellen richtig deute, dann sollten wir unbedingt noch die Attribute "sozial" und "nicht-neoliberal" ergänzen!

    >>

    Dabei entsteht in Ägypten derzeit eine wirklich soziale und demokratische Bewegung, die gegen die Schwesterpartei der SPÖ und für demokratische Rechte und eine andere soziale und ökonomische Ordnung kämpft. Bei aller Heterogenität der Protestierenden, die sich aus den verschiedensten Bevölkerungsteilen zusammensetzen, eint sie die Wut über die immer katastrophaleren Lebens- und Arbeitsbedingungen.

    Dabei hatte der "Pharao" jedoch übersehen, dass sich im eigenen Land eine neue Generation Unzufriedener organisierte, denen es nicht um die Scharia, sondern um eine Zukunft mit menschenwürdigen Arbeits- und Lebensbedingungen geht.

    Neue Linke entsteht

    Die Revolution in Tunesien hat nun der ägyptischen Bevölkerung die Angst genommen. Auch hier haben sich die unzufriedenen Jugendlichen, Hausfrauen und Arbeiter selbst organisiert. Die Muslimbruderschaft und andere Organisationen des politischen Islam haben am Dienstag nicht einmal mit zum "Tag des Zorns" gegen das Regime aufgerufen.

    Mit der Verknüpfung von demokratischen mit sozialen und ökonomischen Forderungen, steht diese Bewegung auch für den Beginn einer neuen antiautoritären Linken.

    derstandard.at/1295571033512/Kommentar-der-anderen-Es-geht-u
    m-Brot-und-Arbeit-nicht-um-die-Scharia
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#8 nachbarkeitAnonym
  • 06.02.2011, 19:39h
  • 44% der Universitätsabgänger in Ägypten sind arbeitslos. Entsprechende Anzahl schwul.
    Proletariat/Prekariat mit Bildung.

    Widerstand ist machbar, Herr Nachbar.

    Das macht die Lehre aus Ägypten für neoliberale Büttel und Statthalter allein schon ekelig genug.
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#9 vingtans
#10 GeertAnonym
  • 06.02.2011, 21:06h
  • Früher waren arabische Länder ein Traumziel für Männer, die Männer lieben. Heute gibt es auch dort "Gays", die über Internet und westliche Medien auf sich aufmerksam machen. Die Folge? Die jungen Männer werden dort, wie in Europa und den USA auch, das Wort "schwul" als Schimpfwort schon in den Schulen benutzen und Angst haben einem anderen Mann zu nahe zu kommen. Die "Gays" werden zu einer "Minderheit" werden, die ihre Rechte einklagen. Sie werden sich in Saunen , Darkrooms und Lokalen treffen, die aussehen wie in San Francisco und Amsterdam. Die berühmte arabische mann-männliche Atmosphäre, wo man sich auch gegenseitig zärtlich berühren konnte, ohne dass sich jemand was dabei dachte, wird Vergangenheit sein. Und wenn die erste Gay-Parade mit Lederschwulen, Tunten und nackten Hintern durch Kairo läuft, dann wird auch Ägypten endlich befreit und Teil von McWorld sein....
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