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Plakat zum Film: "Die Jungs vom Bahnhof Zoo" läuft ab 24. Februar auch in ausgewählten Programmkinos an

Rosa von Praunheim Doku "Die Jungs vom Bahnhof Zoo" feierte Premiere auf der Berlinale. Im Interview erzählt der Regisseur von seinen Recherchen auf dem schwulen Straßenstrich.

Von Christos Acrivulis

Wie kamen Sie auf das Thema männliche Prostitution?

Vor zweieinhalb Jahren verliebte ich mich in einen jungen Mann, Oliver, der 6 Jahre als Streetworker bei der Berliner Stricherhilfe SUB/WAY berlin e.V. (2010 umbenannt in Hilfe-für-Jungs e.V.) arbeitete. Das vereinfachte die Recherchen. Ich lernte Lutz Volkwein, den Leiter von SUB/WAY berlin, kennen und seinen Kollegen Wolfgang Werner, der zusammen mit der Sozialarbeiterin Karin Fink das beeindruckende Fachbuch "Stricher" geschrieben hat. Ungewöhnlich war auch, dass ich auf sehr viel Offenheit bei den Wirten der Berliner Stricherkneipen "Tabasco" und "Blue Boy" stieß.

Wie ist es Ihnen gelungen, mit den Strichern Kontakt aufzunehmen?

Zuerst war ich sehr ängstlich, denn meine Meinung war von gängigen Klischees geprägt, wie zum Beispiel, dass Stricher per se kriminell seien. Dann lernte ich bei meinem Filmrecherchen in der Szene Daniel kennen, einen meiner Protagonisten im Film. Er kommt zwar aus einem sehr schwierigen Elternhaus, aber er klaute nicht, war liebenswürdig, verlässlich und sehr offen. Ich interviewte ihn immer wieder über einen langen Zeitraum hinweg, ohne zu wissen, ob der Film jemals Geldgeber finden würde.

Wie konnten Sie Ihren Film finanzieren?

Wie bei allen meinen Filmen war das ein längerer Prozess. Mein erstes Skript war sehr theoretisch, überfrachtet mit Informationen und nicht sehr emotional. TV Sender fanden es zu gewagt und lehnten es gleich ab. Nur Barbara Denz vom NDR glaubte an den Film und dann kam Jens Stubenrauch vom RBB dazu, der schon meinen erfolgreichen Film "Meine Mütter" co-produziert hat. Einen Sender für einen Film zu finden, ist die Voraussetzung für das Einreichen bei Filmförderungen und ich hatte Glück, dass das Medienboard Berlin-Brandenburg und das BKM mir Geld gaben. Es waren alles kleine Summen, aber ich bin es gewohnt, Low-Budget-Filme zu drehen.


Stricher und Protagonist Daniel am Bahnhof Zoo: "liebenswürdig, verlässlich und sehr offen"

Was war schwieriger: Stricher oder Freier für den Film zu finden?

Freier zu finden ist besonders schwierig, sie halten sich sehr zurück und sind schamhaft. Selbst in der Schwulenszene werden Freier zum Teil verachtet, weil sie für Sex bezahlen. Ich hatte das grosse Glück, dass der Schauspieler und Regisseur Peter Kern mir ein schamlos offenes Interview gab. Ich bewundere ihn dafür. Er erzählt von seiner Einsamkeit, seiner Sehnsucht nach Zärtlichkeit und meint, dass die Stricher kein Problem mit seiner "monströsen" Figur haben. Freier können dick oder behindert sein. Wichtiger ist für die Jungs, dass sie von den Freiern menschlich behandelt und korrekt bezahlt werden.

Wie verlief die Kontaktaufnahme zu den rumänischen Strichern?

Das schien zuerst unmöglich, da ihre Familien offiziell nicht wissen dürfen, was sie hier in Deutschland machen. Homosexualität ist in Rumänien ein riesiges Tabu und gilt gemeinhin als Schande. Mein Freund Oliver machte mich mit seinem Kollegen, dem Streetworker Sergiu Grimalschi, bekannt, der selber Rumäne ist, viele Fremdsprachen beherrscht und fast alle osteuropäischen Stricher in Berlin kennt. Er erzählte mir von einem Dorf in Rumänien, aus dem fast alle jungen Männer in Berlin auf den Strich gehen, und stellte mir Ionel vor, einen attraktiven Roma, der aus diesem Dorf stammt. Wir begleiteten ihn mit der Kamera dorthin. Anfangs fürchteten wir uns vor der Reise, hatten Angst um unser Leben und unsere Kamera, aber alles ging gut und wir wurden freundlich in Ionels Heimatdorf aufgenommen. Die Mutter von Ionel ist taubstumm und war überglücklich, ihren Sohn wiederzusehen. Wir trafen viele junge Männer, die wir aus dem Internet kannten. Sie haben Sexworker-Profile auf GayRomeo und anderen Portalen, aber es war nicht möglich, mit ihnen in ihrem Dorf darüber zu sprechen. Das Thema ist dort tabu. Wenn man die ungeheure Armut vor Ort erlebt, weiss man, aus welcher Not heraus diese jungen Männer hier anschaffen.

Wie viele von den Strichern sind heterosexuell?

Von den rumänischen Strichern, die einen Großteil der Stricherszene in Berlin ausmachen, sind die meisten heterosexuell. In ihrer Gemeinschaft gilt schwuler Sex als Schande. Sich penetrieren zu lassen, ist besonders verachtet. Die Jungs geben an, dass sie beim Analverkehr aktiv sind, also beim Sex in der "Männerrolle" bleiben, oder sich sogar nur anfassen lassen. Dass auch mehr passieren kann, erfährt man nur in vertraulichen Gesprächen. Letztendlich bestimmt das Geld die Regeln.


Filmemacher Rosa von Praunheim: Sein Freund, ein ehemaliger Streetworker, brachte ihn auf das Thema männliche Prostitutio

Wie ist es für einen heterosexuellen Mann möglich, schwulen Sex zu haben?

Für die Jungs ist es ein Geschäft ohne grosse Emotionen oder Liebe. Sie lernen schnell und versuchen, beim Sex an etwas anderes zu denken. Andere kapitulieren nach nur ein paar Malen, weil sie sich zu sehr ekeln, manche empfinden es auch als angenehm, sich befriedigen zu lassen.

Wie lange können die Stricher den Job machen?

In der pädosexuellen Freierszene sind die Jungs höchstens so lange interessant, bis sich ihre Geschlechtsreife ausgebildet hat. In der öffentlichen Prostitutionsszene können sich die Stricher durchaus bis Mitte 20, Anfang 30 halten. Der Umstieg in ein mehr oder weniger bürgerliches Leben gelingt nur den wenigsten. Viele bleiben ihr Leben lang von schlecht bezahlten Aushilfsjobs und sozialen Hilfeleistungen abhängig. Es fehlt ihnen an Schulbildung und Struktur im Alltag, wichtige Vorrausetzungen, um eine Ausbildung beginnen zu können. Einige sterben früh an Aids oder Drogen.

Wie verhält es sich mit minderjährigen Strichern?

Ich zeige das am Beispiel von Daniel Rene, der von seinem 6ten Lebensjahr an von dem Hausmeister seiner Schule missbraucht wurde. Er lernte in dessen Umfeld verschiedene pädosexuelle Männer kennen, die ihn manipulierten und untereinander weiterreichten. Mit 14 wurde er von ihnen auf den Strich am Bahnhof Zoo geschickt. 70% seiner Einnahmen musste er abgeben. Als er 18 wurde, verloren sie das Interesse an ihm. Daniel Rene wurde von den Freiern, die er damals als seine Freunde betrachtete, plötzlich fallen gelassen und fühlte sich verraten. Als vor ein paar Jahren der Pädo-Zirkel, in dem er früher verkehrte, aufflog und die Männer verhaftet wurden, wurde ihm bewusst, was ihm angetan wurde. Jetzt ist er 30 und seelisch am Ende. Mit Hilfe von Lutz von SUB/WAY berlin versucht er, das Geschehene zu verarbeiten und wieder besser im Leben klar zu kommen.

Was haben Sie aus der Arbeit mit Ihren Film gelernt?

Ein Statement von Sergiu hat mir gut gefallen. Er sagte, dass er sehr viel Respekt vor Strichern hat, besonders vor den osteuropäischen. "Sie kommen aus unvorstellbarer Armut, müssen oft viele Grenzen überwinden, um zu uns zu kommen. Sie leben auch hier zusammengepfercht in kleinen Wohnungen und machen eine Arbeit, die in ihren Heimatländern verachtet wird. Das sollten wir uns klar machen, bevor wir diese Menschen verurteilen".

Youtube | Trailer zum Film
Galerie:
Die Jungs vom Bahnhof Zoo
6 Bilder


#1 Timm JohannesAnonym
  • 14.02.2011, 12:46h
  • Sehr schwieriges Thema...

    Darüber einen Film zu drehen, ist wichtig und richtig. Aber so ein Film kann auch schnell "danebengehen". Ich muss ihn mir daher erst anschauen, um eine Meinung mir zum Film zu bilden.
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#2 FoXXXynessEhemaliges Profil
  • 14.02.2011, 14:37h
  • Gut, daß jemand einmal eine Dokumentation über männliche Prostituierte gedreht hat! Schade nur, daß einige davon "gay for pay" sind!
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#3 JeromeMucAnonym
  • 14.02.2011, 15:10h
  • Antwort auf #2 von FoXXXyness
  • Ob gay for pay oder wirklich gay, die Orientierung spielt keine wesentliche Rolle. Am Bahnhof Zoo gehen die Stricher aus Armut oder Drogensucht anschaffen. Als homosexueller Junge ist man auch nicht scharf auf die wesentlich älteren, unattraktiven Freier, ich spreche aus Erfahrung. Frauen die sich aus Notlagen prostituieren unterstellt man auch nicht das es ihnen gefällt nur weil sie mehrheitlich die selbe sexuelle Orientierung haben wie ihre Freier.
    An die Freier der Jungen: Schämt euch nicht dafür das ihr Geld für Sex zahlt, aber dafür das ihr Notsituationen ausnutzt. Es gibt genug Jungs auf Onlineplattformen und wenn man sucht auch wo anders, die ohne Zwang ihre Dienste anbieten.
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#4 jojoAnonym
#5 Benedictus
  • 14.02.2011, 15:59h
  • Antwort auf #3 von JeromeMuc
  • Nur mal so angemerkt: Nicht jeder homo- oder heterosexuelle Mann kommt auf die Idee, aus welcher Notsituation auch immer, seinen Körper als Ware anzubieten. 

    Es soll tatsächlich Leute geben, die aus Geldnot unbequeme, harte, schlechtbezahlte, körperliche Arbeit in Fabriken, Baustellen, Feldern oder sonstwo aufnehmen. 

    Also wird demnach auch kein Mann gezwungen, aus einer Not heraus sich nur für die einzige Lösung festzulegen, sich zu prostituieren. 

    Und von Zuhältern unter männlichen Prostituierten, die sie dazu zwingen, habe ich, anders als bei den weiblichen, auch noch nichts gehört. Soweit ich weiß, sind die meisten Stricher ihr eigener Boss und sind frei, zu entscheiden, was sie machen, um sich aus ihrer Notlage heraus zu befreien.

    Aber wenn sie sich dann "dafür entscheiden" dann darf man den Freiern auch nicht den Vorwurf machen, wenn sie ein vorhandenes Angebot nutzen. Und scheinbar ist es für die Jungs lukrativer und bequemer, dies als andere illegale, halblegale oder legale Dinge zu tun, mit dem aber der überwiegendere andere Rest ihrer Kollegen seinen Unterhalt bestreitet...

    Der einzige Vorwurf, den man den Freiern machen könnte, ist, dass sie sich an Minderjährigen vergreifen. Aber dazu müssten die Jungs ihre Freier auch mal anzeigen. Oder Passanten, die mitbekommen, dass sich soetwas auf dem Bahnhof Zoo anbahnt. Aber wo kein Kläger...
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#6 beobachter-2Anonym
  • 14.02.2011, 16:57h
  • Antwort auf #5 von Benedictus
  • Ein Papst wird keine Lehre annehmen, denn der hat ja immer recht, genauso wie damals die Partei. Aber was soll denn verwerflich sein an Sex mit Jugendlichen (d.h. Minderjährigen)? Die sind sexuell ausgereift und wissen was sie wollen. Kriminalisiert worden in Deutschland ist Prostitution von Jugendlichen zum 01.11.08, aber nur auf Druck der USA über die EU. Diese Kriminalisierung nenne ich verwerflich.
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#7 Benedictus
  • 14.02.2011, 18:14h
  • Antwort auf #6 von beobachter-2
  • Dass pädophil Veranlagte glauben, dass ihre "Kinder" und "Jugendlichen" quasi ausgereifte Erwachsene wären, die nur darauf gewartet hätten, mit alten, dicken Daddies ins Bett zu gehen, habe ich schon gehört. Aber auch wenn ich ansonsten eine sehr liberale Einstellung habe, gibt es auch bei mir Grenzen, z.B. Themen wie den 
    Sex zwischen Freier und einem Minderjährigen, die ich nicht diskutieren muss und auch nicht will. Für mich wäre das eine grobe Beeinflussung in der wichtigen Entwicklungsphase eines Menschen, die einen dann für immer prägen kann. Das ist aus meiner Sicht ein Missbrauch. Daher bin ich mit der jetzigen Gesetzgebung sehr zufrieden.

    Man muss nicht seine Befriedigung darin sehen, das Jüngste was möglich ist, zu bekommen. 
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#8 alexander
  • 14.02.2011, 18:42h
  • Antwort auf #6 von beobachter-2
  • du hast recht, kriminalisierung hat noch NIE etwas gebracht !
    speziell unsere brd hat sich ja in den letzten jahrzehnten um kriminalisierung verdient gemacht, besonders im jugendschutz !
    wir sind eine "verbots republik" geworden !

    was jeder denkende mensch vorher wusste, dümmer geht´s nimmer, bringen tut es eh nichts !
    aber es bringt viel alibi-motivation für dennunzianten und unsere unfähigen regierenden.

    anstatt das übel an den wurzeln zu packen, geht man den bequemen und "kostengünstigeren" weg, nach dem motto: seht her, wir tun doch was !
    vor allem unsere regierenden "däm"lichkeiten sind in dieser besonderen form der unfähigkeit spitze !!!
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#9 beobachter-2Anonym
  • 14.02.2011, 18:46h
  • Antwort auf #7 von Benedictus
  • Falls Du vielleicht doch Zugang findest zu seriösen sexualwissenschaftlichen Lexika, sei Dir eine Begriffsklärung bezüglich "pädophil" ans Herz gelegt. Von Pädophilie gesprochen werden darf nur bei Bezug auf vorpubertäre Kinder, alles andere ist unwissenschaftlich.

    Wer mit wem ins Bett gehen will, da sollten sich andere strikt heraushalten. Bist Du etwa erst mit 18 sexuell erwacht?
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#10 Ilovelife
  • 14.02.2011, 20:28h
  • Erstmal danke an queer.de, dass ihr über Berlinale-Filme schreibt. Und dann gleich noch ein Interview mit Praunheim

    So, genug des Schleimens.
    Habe gestern noch intensiv die queeren Berlinaletips bei der Siegessäule studiert. Und ich muss sagen: leicht enttäuschend. Leider auch, was die Thematik des Praunheim- Streifens angeht.

    Filme zum Thema Männerprostitution- auf der Berlinale nix wirklich Neues. "Drifter" (2009) behandelte auch schon mal so ziemlich alles rund um den Bahnhof Zoo, inklusive (männlicher) Prostitution zwecks Drogenbeschaffung. 2005 war es LaBruce's "Cycles of porn", der sich mit der Callboy- und Pornstarszene in L.A. befasste.

    Kein Wunder, dass R.v.P. Startschwierigkeiten bei der Finanzierung hatte: das Thema ist schlicht und einfach "ausgelatscht".
    Genau wie Coming- Out- Geschichten aus Brandenburg, diesmal "Stadtlandfluss", auch wieder in Brandenburg, auch wieder auf dem Land, ich hoffe für die ZuschauerInnen bloß, dass er nicht so kotzlangweilig wird wie "Rückenwind" 2009.

    "Sie kommen aus unvorstellbarer Armut, müssen oft viele Grenzen überwinden, um zu uns zu kommen." Okay, unter diesem Aspekt würde ich mir den Film noch ansehen. Und ich hoffe, dass R.v.P. das Bewußtsein bei den Zuschauern hierfür noch ein bisschen schärfen kann.
    Wirkliches Interesse an (schon wieder) einem "Stricherstreifen" hab ich aber irgendwie nicht. Und wer meint, sich an von anderen Erlebtem aus der Welt der männlichen Prostitution aufgeilen zu müssen, ist mit Cem Yildiz' Buch "Fucking Germany" sicher besser bedient

    Bei allem, was ich so über die queeren Berlinalestreifen gelesen habe, scheinen in diesem Jahr vor allem gute Trans- und Lesbenfilme dabei zu sein- interessierten Zuschauerinnen sei es gegönnt.
    Das Schlangestehen am Potsdamer Platz fällt für mich dieses Jahr wohl flach, einzig "We were here" (Doku über Aids in San Francisco) finde ich sehenswert, da koof ick die Karte denn übers Internet... viel Spaß denen, die sich auch die anderen, auch die hier besprochene Doku, ansehen wollen.
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