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Das martialische Logo der ägyptischen Muslimbruderschaft

In Ägypten bereitet sich die Muslimbruderschaft als erste Gruppierung auf demokratische Wahlen vor – könnte diese Gruppe den ohnehin verfolgten Homosexuellen im Land weiter schaden? Wahrscheinlich nicht.

Von Dennis Klein

Für viele sind die Muslimbrüder das neue Schreckgespenst. Es wird befürchtet, dass die islamische Bewegung nach dem Sturz Hosni Mubaraks die Macht an sich reißen und ihr Land zum neuen Iran macht. Gerade die Äußerungen über Schwule stimmen nachdenklich: So erklärte die Partei nach der Aufführung des Films "The Yacoubian Building", dass alle Szenen mit schwulen Inhalten gegen "ägyptische Werte" verstießen. Als das Mubarak-Regime 2002 insgesamt 52 Männer in einem Massenverfahren wegen Homosexualität aburteilte, sprangen die Muslimbrüder sogar dem verhassten Apparat bei: "Homosexualität ist gegen alles, für das Ägypten steht", erklärte damals Parteisprecher Essam Elarian. Und wenn die Partei für die Achtung von Menschen- und Minderheitsrechten wirbt, wird immer erklärt, dass Homosexuellen als einziger Gruppe diese Rechte nicht zustehen würden.

Mit diesen homophoben Äußerungen sind die Muslimbrüder allerdings keine Scharfmacher, sie sprechen – leider – der Bevölkerung nach dem Maul: Laut einer Umfrage des Pew Global Attitudes Projects aus dem Jahr 2007 wollen nur ein Prozent der Ägypter Homosexuelle akzeptieren. Selbst im Vergleich zu anderen Ländern in der Region ist das ein extrem hoher Grad an Homophobie: In Jordanien sind immerhin sechs Prozent für Akzeptanz, im Libanon sind es 18 Prozent (Deutschland: 81 Prozent).

Parlamentsmehrheit unwahrscheinlich


Die Proteste in Kairo sorgten Anfang Februar für den Sturz des Mubarak-Regimes (Bild: monasosh / flickr / by 2.0)

Auch der Glaube an Gott hat in Ägypten einen ganz anderen Stellenwert als hierzulande: 99 Prozent der Ägypten denken, dass sich nur Menschen moralisch verhalten könnten, wenn sie die Geschichten ihres heiligen Buches akzeptierten. Dennoch hat die Bruderschaft nicht die Mehrheit der religionsvernarrten Ägypter hinter sich: Bei bisherigen Wahlen konnten Parteimitglieder als unabhängige Kandidaten um die 15 Prozent bei Wahlen erzielen, darunter allerdings auch viele Proteststimmen. Analysten erklärten, es sei unwahrscheinlich, dass die Muslimbrüder mehr als ein Viertel der Stimmen auf sich vereinigen können. Erst am Wochenende haben sie außerdem mitgeteilt, bei der vom Militär versprochenen Wahl keine Parlamentsmehrheit und nicht die Präsidentschaft anzustreben.

Es besteht jedoch die Gefahr, dass sich die Lage im Land destabilisiert und sich der Kurs der bestorganisierten Oppositionsgruppe verhärtert: Wenn zum Beispiel die ohnehin mangelhafte Lebensmittelversorgung zusammenbricht, könnte die Partei zum Sprecher der Protestbewegung werden. Die Hauptwählergruppe der Muslimbrüder sind schon jetzt sozial Schwache, die außer ihrer Religion nicht viel besitzen.

Türkei als Vorbild

Die Muslimbruderschaft wurde bereits 1928 gegründet – wenige Jahre, nachdem England seine Besatzung Ägyptens beendet hat. Damals rief sie hochmoralisch dazu auf, "Suff und Prostitution" der früheren Kolonialmacht auszumerzen. Auch "Juden raus"-Parolen gehörten zum Repertoire. Die junge Garde der Vereinigung ist aber – im Gegensatz zu den alten Mitgliedern – nicht mehr für die Einrichtung einer islamistischen Diktatur nach iranischem Vorbild, sondern orientiert sich eher an der türkischen AKP. Die Regierungspartei von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan hat sich von ihren islamistischen Wurzeln entfernt und bildet nun eine stabile Regierung in einem einigermaßen stabilen System, das viele demokratische Elemente besitzt. Die AKP hat auch kein Problem damit, dass Homosexualität in der Türkei – anders als in fast allen islamisch dominierten Ländern – legal ist.

Für Schwule und Lesben wäre ein Wandel der Muslimbrüderschaft wie bei der AKP das beste mögliche Ergebnis: Denn die Organisation wird – wie die Christdemokraten in Europa – wohl nie zum Vorreiter von Homo-Rechten, denn dazu sind die historisch bedingten Vorurteile wie in den anderen traditionellen monotheistischen Religionen zu stark. Aber sie könnten ein ähnlich demokratisches Verständnis entwickeln wie die AKP, die sich vom Islamismus entfernt hat. Außerdem könnte sie so "werteorientierte" Wähler auffangen, die sonst radikalere Lösungen bevorzugen würden. Dazu sind aber stabile wirtschaftliche Verhältnisse und ein einigermaßen demokratisches Regierungssystem notwendig – und beides ist noch nicht gesichert. Ohne diese Voraussetzungen sieht es ganz schlecht aus für Ägyptens Schwule und Lesben.



#1 XerosAnonym
  • 16.02.2011, 17:37h
  • Sorry, aber ein bisschen blauäugig ist das schon. Man muss doch nur die eigenen Erklärungen der Muslimbruderschaft lesen und sehen, das sie die Terrororganisation Hamas anleitet, um zu wissen, daß die Gewalt gegen Schwule noch weiter zunehmen wird.
    Vielleicht sollte der Autor tatsächlich mal die Standpunkte der Muslimbrüder in ihren eigenen Worten durchlesen:

    Dokumentiert:
    Standpunkte der Muslimbruderschaft

    www.haolam.de/index.php?site=artikeldetail&id=4483
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#2 GeertAnonym
  • 16.02.2011, 18:02h
  • Ein kurzer Blick in Wikipedia hätte gereicht, um festzustellen, dass Homosexualität in Ägypten NICHT verboten ist! Tatsächlich wurden unter Mubarak andere gesetzliche Bestimmungen (z.B. gegen "Sitte und Moral") angewandt, um zu verhindern, dass eine schwule ("gay") Szene nach europäischem Muster sich entwickelte. In der Praxis werden Ägypter, die mit anderen Ägyptern diskreten(!!!) Sex haben, nicht verfolgt. Was bisher (und wohl auch untern den Muslimbrüdern) verfolgt werden wird, sind schrille, halböffentliche, evtl. über das Internet organisierte, "Gay"-Partys mit Alkohol, Drogen usw. Andere Länder, andere Sitten!
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#3 KonstantinEhemaliges Profil
#4 FoXXXynessEhemaliges Profil
  • 16.02.2011, 18:33h
  • Wenn die Muslimbruderschaft sich für die Achtung von Menschen- und Minderheitsrechten ausspricht, dann sollte das AUCH für die LGBT-Community und die Kopten gelten! Die Muslimbruderschaft kann nicht ohne Weiteres die eine oder andere Gruppe einfach ausschließen!
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#5 GeorgFalkenhagenProfil
  • 16.02.2011, 18:57hBremen
  • Würde jedem schwulen Ägypter einen Unterschlupf bieten, wenn er es bis zu mir schafft.

    Auch einem "Moslembruder". Wir diskutieren das Thema dann mal schön durch. Deklinieren ginge natürlich auch...
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#6 KonstantinEhemaliges Profil
#7 KonstantinEhemaliges Profil
#8 Wyndakyr
  • 16.02.2011, 19:11h
  • Da kann man wohl nur hoffen, das sich da eine Partei bildet, deren vorrangiges Ziel ist, die Wirtschaft des Landes wieder flott zu machen.
    Und das wird nicht von heute auf morgen gehen, egal wer die erste Wahl gewinnt.

    Auch wenn nicht die Muslimbrüder an die Macht kommen, wird man als Schwuler wohl schon froh sein müssen, wenn man vom Staat nur "ignoriert" wird (keine Antidiskrinminierungsgesetze, aber auch keine gezielte Verfolgung oder Anwendung von "Gummiparagraphen" auf Schwule). Schön wärs, wenns besser wird, aber ich bezweifle, das das so schnell was wird.

    Sollten die Muslimbrüder doch irgendwann die Macht haben, kann man nur ahnen, ob die ersten Schlagzeilen sich um Schwulenverfolgung oder Säbelrasseln gegen Israel drehen werden...
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#9 iceman927Profil
  • 17.02.2011, 01:44hBerlin
  • Dieses Gedankengut und diese intolerante Haltung strömt derzeit als aggressiver Jugendüberschuss (youth bulge) an EUropas Küste?
    Wofür auch noch Linke, SPD, Grüne die Arme weit öffnen... (Union, FDP verdeckt)

    Viel Erfolg beim liberalisieren von Islam und Gesellschaft, wofür EUropa gut 40Jahre brauchte.

    Türkei/AKP als Vorbild - wie wars doch:
    "In der Türkei gilt Homosexualität als eine Krankheit, die mit dem Militärdienst unvereinbar ist. Doch vor der Ausmusterung verlangt die Armee Beweise."

    www.spiegel.de/spiegel/0,1518,726903,00.html
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#10 nosferatuAnonym
  • 17.02.2011, 06:18h
  • "Is this the same Clinton who initially supported "stable" Mubarak against the Egyptian street?

    (must read !!!!!!)

    Iran's post-islamistische Generation

    www.atimes.com/atimes/Middle_East/MB17Ak02.html

    "And while she's so revved up, why does she not wish the brave people in Bahrain, Saudi Arabia, Yemen, Morocco, Algeria, Jordan, the United Arab Emirates, Qatar and Libya "the same opportunity that they saw their Egyptian counterparts seize in the last week"?

    Someone should urgently haul Olivier Roy* to Washington so he may teach them one or two things about the post-Islamist generation. "

    *
    Roy also notes how the Muslim Brotherhood (MB) does not embody the young post-Islamist generation's search for another social and economic model; they are conservative in morals and practically neo-liberal in economics.
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