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Das "Gay Liberation Monument" an der New Yorker Christopher Street und knapp gegenüber dem Stonewall Inn erinnert an einen gemeinsamen Kampf (Bild: Norbert Blech)

Wer glaubt, an dem Stonewall-Aufstand seien nur Schwule beteiligt gewesen, sollte das nochmals nachlesen.

Von Norbert Blech

Der Streit um den "Christina Street Day" in München ist offiziell beendet, ausgestanden jedoch noch lange nicht. Neben der ungelösten Frage einer besseren Sichtbarkeit von Lesben auf dem CSD stand und steht die gesamte schwul-lesbische Zusammenarbeit auf dem Prüfstand.

Zunächst überraschte der Anlass der heftigen Auseinandersetzung. Der Grad zwischen lustig-leicht und peinlich-albern mag schmal sein, doch die Namensänderung in "Christina Street Day" ist weit entfernt von der Biestigkeit, mit der die Umbenennung teilweise diskutiert wurde. Das eigentliche Thema bleibt: In der Berichterstattung finden Lesben beim CSD kaum statt.

Dabei werden sie, in Gesellschaft und Recht, nicht weniger diskriminiert als schwule Männer (als Frauen sogar deutlich mehr). Ein Coming-out einer 15-Jährigen ist nicht einfacher als das eines 15-Jährigen. Und auch Homo-Medien sind zu stark auf den schwulen Blick ausgerichtet. Darunter auch Queer.de, obwohl jeder dritte Facebook-Fan der Seite weiblich ist.

Das könnte sich ändern, (nicht nur) viele Lesben fanden einige Leser-Kommentare auf Queer.de aggressiv und abstoßend (und beteiligten sich leider nicht an der Diskussion). In vielen Kommentaren, aber auch auf Facebook und in der Münchner Szene entlud sich ein Gewitter, das zeigt, dass es offenbar mehr Stammtischdenken in der Szene über Lesben gibt, als man glauben mag. Und vielleicht einen nicht immer rosigen Alltag.

Gewiss, es gibt Klischee-Kampflesben oder Ultra-Feministinnen, die ein gemeinschaftliches Zusammenleben erschweren. Es gibt aber auch genügend Dummschwule, für die selbiges gilt. In Wahrheit feiern und arbeiten Schwule und Lesben im ganzen Land zumeist problemlos miteinander, ergänzen sich. Und streiten gelegentlich. Aber mir ist eine inhaltlich diskutierende Lesbe lieber als eine Partyhusche, die sich nirgendwo engagiert.

Vor allem der erbitterte Streit um den Lesben-Kuss im Homomahnmal hat viel Erde verbrannt, unnötigerweise. Hätte man nicht auf ein so simples Symbol wie einen einzigen Kuss gesetzt, wäre der Streit in seiner üblichen Berliner Epik vermeidbar gewesen - die begleitende Tafel erwähnt Lesben angemessen, ohne in die Gefahr einer Geschichtsverfälschung zu geraten.

Die ist nun in den letzten Tagen auf der Schwulenseite eingetreten. Lesben haben sich nicht an die Schwulenbewegung "drangehangen", wie behauptet wurde, sie waren von Anfang an ein unverzichtbarer Teil einer gemeinschaftlichen Bewegung. In Deutschland waren sie seit den ersten CSDs an vorderster Stelle dabei und Mitgründer vieler Schwulen- und Lesbenzentren. Das lief gerade in den ersten Jahren nicht immer reibungslos, weil die gleichzeitige und aus der Zeit erklärbare teils radikale Feminismusbewegung nicht ohne Verluste in die Homo-Bewegung integrierbar war, ändert aber nichts an der Tatsache.

Ein Geschichtsexkurs


Die lesbische Fotografin Kai Lahusen bei einer Homo-Demo 1969. Sie hat das Teaserbild zu diesem Artikel fotografiert, das Schwule und Lesben 1965 bei einer Demo vor dem Weißen Haus zeigt. (Bild: Nancy Tucker / Lesbian Herstory Archives)

Und auch in Amerika waren Lesben an der Bewegung von Anfang an beteiligt, seit den Fünfzigern in den zunächst noch zögerlichen politischen Gruppen (ihr Anfang in der Mattachine Society war noch rein männlich, es folgten aber recht schnell gemischte Organisationen und reine Frauengruppen wie die Daughters of Bilitis, denen übrigens vorgeworfen wurde, eher mit der recht konservativ-braven Mattachine Society zu paktieren als Teil der Feminismusbewegung zu sein). 1965, vier Jahre vor Stonewall, demonstrierten Schwule und Lesben gemeinsam vor dem Weißen Haus und anderen Regierungsbehörden in Washington. Auch andere öffentliche Proteste waren so gut wie nie rein schwul.

Der Aufstand in der Christopher Street war auch nicht, was gerne übersehen wird, die erste LGBT-Revolte Amerikas. Im August 1966 kam es in San Francisco zur Compton's Cafeteria Riot, als sich Transsexuelle gegen die Behandlung in einem Café wehrten. Der Protest verlagerte sich schnell und für zwei Tage auf die Straße, an ihm nahmen hauptsächlich Transsexuelle, aber auch Schwule, Lesben und Stricher statt. Bereits im Mai 1959 gab es Krawalle zwischen der Polizei und Lesben, Schwulen und Transgendern in Los Angeles, nachdem sich Drag Queens und Stricher gegen Polizeiwillkür in ihrem Treffpunkt Cooper's Donuts wehrten.

Der historische Vergleich des Stonewall-Aufstands mit der späteren Gay-Pride-Bewegung hängt auch schief, weil er in seiner Spontanität andere Ziele hatte. Es ging um Polizeigewalt, nicht um gleiche Rechte. Es ging auch darum, sichere Plätze für Schwule und Lesben zu schaffen - das Stonewall Inn, das der Mafia gehörte und gelegentlich die eigenen Besucher erpresste, gehörte nicht dazu. Bei den Protesten wurde ein Boykott der Kneipe gefordert, und viele heterosexuelle Bewohner des Greenwich Village beteiligten sich an den Ausschreitungen, weil sie genug von Mafia und Korruption hatten.

Zahlreiche Lesben, die zusammen mit Schwulen in dem Viertel wohnten, waren in den Folgenächten bei den Krawallen aktiv. Das Stonewall Inn war hauptsächlich eine Schwulenbar, doch zu den Besuchern jener Nacht, die sich als erste gegen die Polizei wehrten, gehörte - neben vor allem Drag Queens und Transgendern - eine "butche Lesbe", wie diverse Augenzeugen später berichteten. Ein Teilnehmer erzählte dem Historiker David Carter, zu dem Aufstand sei es unter anderem deswegen gekommen, weil die Polizisten bei der Razzia lesbische Frauen unsittlich berührten.

CSD: Von Schwulen und Lesben begründet


Spiegelbild der damaligen Entwicklung: bei den neu entstehenden Gay-Pride-Bewegungen wie hier in Moskau 2008 sind Lesben unter den wenigen Teilnehmern dabei (Bild: Gayrussia.ru)

Direkt nach Stonewall gründeten Schwule und Lesben gemeinsam die "Gay Liberation Front", die erste Gruppierung, die die sexuelle Orientierung im Namen trug. Viele weitere LGBT-Gruppierungen wurden in New York und landesweit gegründet (erst später trennten sich einige lesbische Gruppen aus der US-Bewegung ab und orientierten sich mehr am feministischen Umfeld).

Vier Aktivisten, zwei Schwule und zwei Lesben, stellten ein Manifest vor, in dem sie einen "Christopher Street Liberation Day" forderten, der jedes Jahr am letzten Samstag im Juni in New York stattfinden sollte, flankiert von gleichzeitigen Demonstrationen in anderen Städten. Ein Jahr später war es soweit, in New York, Los Angeles und Chicago. Diese neue Gay-Pride-Bewegung erfasste schließlich die Welt und auch Deutschland.

Die heutigen Gay Prides sind davon weit entfernt, aus politischen Demonstrationen wurden Paraden mit Wagen von Ikea, Burger King und Parteien, die gegen die Gleichstellung sind. Ich freue mich bei CSDs immer am meisten über die Fußgruppen, die das vielfältige Vereinsleben der jeweiligen Stadt aufzeigen. Ob Gesang, Tanz oder Sport: Lesben sind dabei in Massen ebenso vertreten wie in gemischten Gruppen.

Diese Gruppen zeigen die Gemeinsamkeit, Vielfalt und Stärke der Szene, und es sind nicht nur die Medien, die das oft übersehen. Lesben haben jedes Recht in dem Verlangen, auch mal in den Vordergrund zu treten. Das gilt, nicht nur aufgrund ihrer Beteiligung an der Geschichte, auch für Transgender. Ein ihnen gewidmeter CSD ist ebenfalls überfällig.



#1 PierreAnonym
  • 13.03.2011, 15:08h
  • Nun einen Krieg zwischen Schwulen und Lesben herbei zu reden, ist stumpfsinn.
    Im Gegenteil: Die Zusammenarbeit zwischen Lesben und Schwulen hat höchste Priorität.
    Trotzdem: Man sollte die Kirche im Dorf lassen und diese gleichberechtigte Zusammenarbeit nicht mittels Umbenennung des 'Christopher Street days' symbolisieren.
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#3 KaiAnonym
  • 13.03.2011, 15:32h
  • als ein beispiel schaut mal in einen zeitschriftenladen, die cover der nicht tagespolitischen zeitschriften bestehen fast ausnahmslos aus irgendwelchen tussis, die männermagazine sowieso und die frauenmagazine haben ebenfalls nur frauen als cover als schmink- und modevorbilder. die medien sind so übersättigt mit peneranter weiblicher inszenierung das sogar heterosexuellen frauen in für frauen gemachten medien kein schöner mann sondern eine frau vorgesetzt wird als vorbild wie sie auszusehen hat.
    ich bin froh das es zumindest in der queeren szene mehr um männliche darstellung und um männliche erotik geht, was woanders so gut wie nie zu sehen ist!
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#5 FloAnonym
  • 13.03.2011, 15:49h
  • "dass es offenbar mehr Stammtischdenken in der Szene über Lesben gibt, als man glauben mag. "

    Wieso das denn?

    Wir alle wollen, dass wir alle (inkl. Lesben) gemeinsam für unsere Rechte kämpfen.

    Aber man erreicht keinen Zusammenhalt, indem man sinnfreie, lächerliche und geschichtsklitternde Umbenennungen vornimmt, die noch dazu auch das Andenken an die damals aktiven Lesben in den Schmutz zieht.

    Glücklicherweise ist die schädliche Umbenennung jetzt vom Tisch. Jetzt kommt es drauf an, dass Lesben mit uns gemeinsam für unser aller Rechte kämpfen.
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#6 CatAnonym
  • 13.03.2011, 15:49h
  • Danke!

    Es gibt sie also doch, die Schwulen mit objektivem Geschichtsbewusstsein. Fast hätte ich bei all dem Gekeife die Hoffnung verloren
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#7 beobachterAnonym
  • 13.03.2011, 15:52h
  • Antwort auf #3 von Kai
  • mehr, aber bei weitem nicht genug!
    jungs und junge männer haben es inzwischen viel schwerer, homosexuelles interesse überhaupt zuzulassen. und die von dir genannten, massenmedial getrimmten "tussis", die sich schon mit 14 für den nabel der welt halten und nicht weniger in jedem zweiten satz "schwuchtel" grölen als ihre männliche altersgenossen, mischen dabei kräftig mit. das sind die themen, mit denen sich schwule männer eher beschäftigen sollten, als den christopher street day zu einer veranstaltung zu machen, die ins konzept von allgegenwärtigem heterosexismus/heteropornographisierung passt.

    fakt ist übrigens auch, dass jungs, nicht mädchen, in der schule deutlich und nachweisbar benachteiligt werden. daher kann ich das ständige, undifferenzierte gerede von der stärkeren diskriminierung von frauen, die es eben bei jungen menschen, in sexueller hinsicht und im bildungswesen, NICHT gibt, nicht mehr hören! noch dazu aus dem munde schwuler männer. wobei da auch im alltag nicht selten minderwertigkeitskomplexe durch ganz besonders heteronormiertes verhalten kompensiert werden müssen. besonders lächerlich wirds immer, wenn schwule mit "ladies first" oder ähnlichem anfangen. realsatire eben!
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#8 herve64Profil
  • 13.03.2011, 16:17hMünchen
  • Antwort auf #1 von Pierre
  • Genau so ist es, und um was Anderes ging es bei der Debatte auch gar nicht. Insofern ist der ganze Artikel hier auch m. E. für die Katz, weil das kein Mensch bestritten hat.
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#9 SimonchenAnonym
  • 13.03.2011, 16:25h
  • Antwort auf #8 von herve64
  • Der Grundtenor des Artikels besagt tatsächlich nur Dinge, die selbstverständlich sein sollten.

    Trotzdem gab es gerade am Anfang der Christina-Kontroverse eine Menge Kommentare, die über das Ziel, also die Rücknahme des Namens, weit hinausgingen. Da kann die Aufklärung noch helfen.

    Nebenbei habe ich gar nichts dagegen, wenn es hier öfters eine Geschichtsstunde gibt. Über die Mafia-Connection hatte ich etwa noch nie etwas gehört.
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#10 remixbeb