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Ludwig Wittgenstein, fotografiert von Ben Richards, September 1947 in Swansea, Wales, (Bild: Wittgenstein Archive, Cambridge)

"Verortungen eines Genies" heißt die umfangreiche Ausstellung in Berlin anlässlich des 60. Todestages des schwulen Philosophen

Von Carsten Weidemann

Der Philosoph Ludwig Wittgenstein (26.4.1889 -29.4.1951) gilt als einer der einflussreichsten Denker des 20. Jahrhunderts. Sein großer Bekanntheitsgrad verdankt sich unter anderem seinem charismatischen Wesen, das vor allem im Rekurs auf den Genie-Begriff des ausgehenden 19. Jahrhunderts verständlich wird.

Wittgenstein hat nicht nur philosophische Werke verfasst, die bis heute maßgeblich sind, sondern ihm eilt auch der Ruf, eine außergewöhnliche Persönlichkeit gewesen zu sein, voraus: Er verfasste sein berühmtestes Werk, den "Tractatus logico-philosophicus", in den Schützengraben des 1. Weltkriegs, verschenkte das beträchtliche elterliche Vermögen und gab seine Studien auf, um als Klostergärtner und Dorfschullehrer zu arbeiten.

Seine Lebenspartner und Krisen wurden in die Ausstellung integriert

Anlässlich des bevorstehenden 60. Todestages Wittgensteins widmet ihm das Schwule Museum Berlin eine umfangreiche kulturhistorische Ausstellung, die am 17. März 2011 eröffnet wird. Leben und Werk Wittgensteins werden bewusst gemeinsam betrachtet. Auf der Grundlage von Ray Monks Biografie "Wittgenstein. Das Handwerk des Genies" wurden Hinweise auf seine Homosexualität, seine Lebenspartner und emotionale Krisen seriös und sinnvoll in die Ausstellung integriert.

Die Ausstellung "verortet" Wittgenstein zudem in mehrfacher Hinsicht: Zum einen geht es um eine Einordnung in die europäische Kultur- und Geistesgeschichte mit ihren ganz unterschiedlichen intellektuellen Strömungen: Wittgenstein pflegte Freundschaften mit dem Architekten Adolf Loos und dem Literaturkritiker Karl Krauss, den britischen Logikern Bertrand Russell und G. E. Moore ebenso wie mit den Philosophen des "Wiener Kreises" um Moritz Schlick; er schätzte den pazifistischen Schriftsteller Rabindranath Tagore und befand sich zugleich in engem Austausch mit dem Marxisten und Wirtschaftstheoretiker Piero Sraffa.

Wittgensteins Suche nach dem "richtigen Leben"


Ludwig Wittgenstein (re.) mit Francis Skinner in Cambridge, Aufnahme eines Straßenfotografen (Bild: Wittgenstein Archive, Cambridge)

Der Ansatz der "Verortung" ist jedoch auch buchstäblich zu verstehen: Wittgenstein wechselte häufig seine Wohnorte, pendelte regelmäßig zwischen seiner Geburtsstadt Wien, seinem Studien- und Lehrort Cambridge, sowie seinem Rückzugsort Skjolden in Norwegen. Die Ausstellung macht diese verschiedenen Lebens- und Denkorte, mit den jeweiligen Freundes- und Kollegenkreisen, in denen Wittgenstein seine Gedanken erörterte, anschaulich.

Wittgenstein hat sich selbst und seine Positionen immer wieder in Frage gestellt und ist im Laufe seines Lebens zu stark divergierenden Ergebnissen gekommen. Kennzeichnend ist jedoch sein stetes Ringen um Aufrichtigkeit und Klarheit und seine Suche nach dem "richtigen Leben". Die Gegensatzpaare "Askese oder Sinnlichkeit" und "Sprechen oder Schweigen" bilden daher Leitmotive des Ausstellungs-Parcours', die sowohl auf theoretische als auch private Konflikte und Lösungsansätze verweisen.

Ludwig Wittgenstein. Verortungen eines Genies, Eröffnung am Donnerstag, den 17. März 2011 um 19 Uhr im Schwulen Museum, Mehringdamm 61 (Eingang 1. Hof), Berlin, Laufzeit: 18. März bis 13. Juni 2011