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(Bild: Deutsche Grammophon / Universal Music)

Der Pianist Francesco Tristano hat eine beeindruckende Melange bedeutender Klavierwerke von Bach, eigenen Zwischenspielen und Stücken von John Cage aufgenommen.

Die Unterschiede zwischen Johann Sebastian Bach und John Cage liegen auf der Hand. So offensichtlich sind sie, dass man meinen könnte, Tristano habe sich bewusst für ein kontrastreiches Albumprogramm entschieden. Zum Teil stimmt das auch. Bloß, dass der Künstler auch in diesem Fall nicht die Provokation um ihrer selbst willen gesucht hat. Vielmehr ist dieses Album etwas für den zweiten oder dritten Blick. Im Vordergrund steht Tristanos eigenwilliger und sehr persönlicher Umgang mit den musikalischen Wegbereitern Bach und Cage. Sein Bach ist bei aller Genauigkeit der Interpretation lebendig und klingt auffällig drahtig und perkussiv. Daran hat sicherlich auch der metallische, mitunter harte Klang der Aufnahme seinen Anteil.

Die Mitarbeit von Produktionspartner Moritz von Oswald kommt bei Tristanos Cage-Einspielungen noch deutlicher zum Tragen. Auf Präparation des Instruments wird zugunsten von Nachbearbeitungen per Studiotechnik verzichtet. Von Oswald und Tristano gehen hierbei subtil, aber sehr effizient zu Werke. Etwa Tristanos träumerische Interpretation von John Cages In a landscape erinnert im Klang von Ferne an Gamelan Musik. Die Interludes von Tristano selbst wirken durch gezielten Einsatz von Effekthall entrückt und körperlos. Und dem abschließenden Bach Menuet II from French Suite n. 1 wurde durch Filtertechnik der Klang einer Spieluhr verliehen.

Youtube | Doku zum Album ''bachCage''

Tristano lässt Bach und Cage organisch ineinander fließen


(Bild: Deutsche Grammophon / Universal Music)

Und ein weiterer, tieferer Aspekt kommt bei diesem Album zum Tragen. Denn mit seiner subjektiven Auswahl der Stücke lässt Francesco Tristano Bach und Cage organisch ineinander fließen, verwischt Grenzen und stellt Gemeinsamkeiten heraus. Die Meister verbindet ein mathematisch orientierter Kompositionsansatz. Tristanos Stückauswahl und deren, zum Teil auch live schon erprobte Folge, basiert auf tonalen Übereinstimmungen, auf zyklischen Strukturen oder der polyphonen Anlage als Duette. Darüber hinaus findet Tristano jedoch auch eine, durch eigene Kompositionen vermittelte, spirituelle Gemeinsamkeit der beiden Komponisten. Eine Abstraktion jenseits klassischer Systematik und romantischer Narrativität.

Nicht zuletzt darin sieht er die Aktualität von Bach und Cage begründet. Vielleicht ist Tristano einer der ersten Vertreter einer neuen Generation von Musikern, die keiner Schule mehr angehören. Musiker, die alles wissen und alles beherrschen, um es dann im entscheidenden Moment wieder loszulassen. Diese Generation nimmt es als gegeben hin, dass praktisch das gesamte Repertoire jemals aufgenommener Musik per Internet zur Verfügung steht. Die unterschiedlichsten Musiken stehen dekontextualisiert und gleichsam demokratisch nebeneinander. Das mag verwirren, aber es erlaubt einen frischen, unbelasteten Blick auf das Vorhandene. Und Künstler wie Francesco Tristano können es sich zur Aufgabe machen, neue Zusammenhänge herzustellen und neuen Sinn zu stiften. (cw/pm)