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Produzierte und moderierte in den 1990er Jahren die TV-Sendung "Liebe Sünde": Matthias Frings (Bild: Aufbau Verlag)

In seinem neuen Roman "Ein makelloser Abstieg" wirft ein bekannter TV-Moderator das Handtuch.

Von Angelo Algieri

Weg. Verschwunden. Ohne Vorwarnung. Der bekannte TV-Moderator Simon Minkoff zieht sich aus der Öffentlichkeit plötzlich zurück. Nachdem er den Bayerischen Fernsehpreis moderiert hat und auf den Zenit seiner Karriere stand. So beginnt der Roman "Ein makelloser Abstieg" von Matthias Frings. Protagonist Simon, 40 Jahre alt, beantwortet keine Fragen, keine E-Mails, keine Telefonate mehr. Der Presse teilt er lediglich mit, dass er aus "persönlichen Gründen" nicht mehr seine Talk-Sendung "Mensch Minkoff" moderieren werde.

In der Öffentlichkeit kann er sich kaum bewegen, ohne gleich erkannt oder gar von der Boulevard-Presse verfolgt zu werden. Mit seiner langjährigen Freundin Vivian flieht er für zwei Wochen nach Malta. Eine Handvoll deutscher Touristen werden ihn dort erkennen, was erträglich ist. Doch der erhoffte zweisame Urlaub wird das nicht. Denn Vivian zieht sich apathisch ins Hotel zurück. Simon reagiert zunächst mit Unverständnis, doch nach der Reise muss er feststellen: Vivian ist Alkoholikerin! Ein Schock für Simon. Vivian lehnt jede Hilfe ab. Er versucht es immer wieder und weiß am Ende nicht mehr weiter. Bis ihn der schwule Arzt dazu rät, sich von Vivian zu trennen, um ihr so zu helfen.

Gesagt, getan: Simon zieht von der gemeinsamen Wohnung in Berlin-Kreuzkölln alleine in den Prenzlauer Berg um - in einer weniger hippen Ecke. Die Geschichte bekommt ab hier eine neue Wendung. Die Perspektive der Dritten-Person wird in den darauffolgenden Kapiteln vermehrt durch einen Ich-Erzähler vermengt: Gregor Böhm, freier Journalist, wohnt im Haus gegenüber von Simon. Monate später beschließt er, Simon zu beschatten. Er wittert einen gut bezahlten Exklusivauftrag. Denn Simons abrupter Abgang ist in der Öffentlichkeit immer noch ein Rätsel. Ob Gregor es schaffen wird, ihn zu interviewen? Oder ihn gar zu erpressen? Geld kann Gregor jedenfalls gut gebrauchen...

Die teils grotesken Auswüchse der Mediengesellschaft

Es bleibt bis zum Schluss unterhaltsam und spannend: Die im ersten Teil herrschende Beziehungsproblematik Simon/Vivian wird im zweiten durch die Konstellation Simon/Gregor abgelöst. Wer jetzt eine schwule Romanze erwartet, den muss ich gleich enttäuschen. Autor Frings, selbst schwul und zusammen mit Elmar Kraushaar Autor des Coming-out-Klassikers "Männer. Liebe", hat eine ganz unschwule Geschichte geschrieben. Ihm geht es um die Reflexion über die Mediengesellschaft und ihre teils grotesken Auswüchse. Allerdings ist nicht ein einseitiges Medien-Bashing zu erwarten. Denn Frings porträtiert die Medienproduzenten auf der einen Seite als auch die Moderatoren mit ihren Eitelkeiten auf der anderen.

So beschreibt Frings sehr präzise unter welchen Druck ein Moderator mit einer Sendung steht: Quoten, Kosten, Werbeslots. Wenn die nicht stimmen, wird verjüngt, schneller geschnitten, dramatische Geschichten ausgesucht - Sex and Crime sells! Die relevante Werbegruppe der 18-34-Jährigen soll - gerade bei den privaten Sendern - mit hohen Quoten erreicht werden. Doch zu einer vollständigen Medien- und Werbenutte möchte Simon nicht werden - eins der Gründe, weswegen er die reflexhafte Flucht angetreten war.

Youtube | Kostprobe: Matthias Frings liest aus seinem Roman

Ein großartiger Stilist


Frings´ ausführliche, wortgewandte als auch facettenreiche Sprache sind ein wahrer Lesegenuss

Figur Simon steht stellvertretend für einen jeglichen Moderator im deutschen Fernsehen. Man denke an Beckmann, Kerner oder auch an Frings selbst. Der 58-jährige Autor hat u.a. in den 1990er Jahren "Liebe Sünde" produziert und teils moderiert. Seine Erfahrungen in der Medienbranche sind im Buch eingeflossen: mit plastischen, atmosphärischen Beschreibungen und realistischen Dialogen.

Daneben beweist Frings eindrücklich, wie im vorhergehenden Buch "Der letzte Kommunist" (die Biografie über Ronald M. Schernikau), dass er ein großartiger Stilist ist. Seine ausführliche, wortgewandte als auch facettenreiche Sprache sind ein wahrer Lesegenuss. Vergleichbar ist der Stil mit dem des norwegischen Autors Karl Ove Knausgård - in diesem Frühjahr ist sein vielbeachteter Romanband "Sterben" auf Deutsch erschienen.

Ein Manko bleibt: In Frings' Roman endet die Geschichte bedauerlicherweise für die meisten Figuren gut. Happy End, sozusagen. Da hätte ich mir von Frings mehr Mut gewünscht: mehr Kante, mehr Schärfe, mehr Scheitern! Vorgemacht hat es der österreichische Schauspieler Michael Dangl in seinem letztjährigen erschienen Roman "Rampenflucht". Darin beschreibt er - ähnlich wie Frings - den plötzlichen Abgang eines Mimen von der Premierenbühne. Dangl legt den Finger in die Wunde der Theaterpraxis. Und: Dangl relativiert nicht. Frings Roman wird wohl nicht für den Diskussionsstoff sorgen, den die Medienbranche gut gebrauchen könnte. Schade!

Matthias Frings: Ein makelloser Abstieg. Roman. Aufbau, Berlin 2011. 456 S. 19,95 €



#1 FoXXXynessEhemaliges Profil
#2 KlausKAnonym
  • 14.05.2011, 15:33h
  • Als Aids seinen Höhepunkt erreicht hatte und die Aidshilfen für Safesex warben, war es Matthias Frings, der gegen diese Safesex-Werbung an schrieb.
    Ich muss die Bücher von diesem "Schriftsteller" nicht lesen.
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#3 vingtans
  • 15.05.2011, 02:52h
  • ich find den autor als menschen sehr unsympathisch, aber er schreibt sehr gut.

    ich hab "der letzte kommunist" geliebt.
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#4 wanderer LEAnonym