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Der Krimi spielt im nationalsozialistischen Berlin im Jahr der Olympiade

Darf man einen unterhaltsamen Kriminalroman über die Schwulenverfolgung im Dritten Reich schreiben? Horst Bosetzky wagte sich mit "Es geschah in Berlin 1936" an das Thema.

Von Angelo Algieri

Wie kann man in einem Unrechtsstaat agieren, ohne dass man eine menschenverachtende Ideologie bedient? In genau dieser Gratwanderung befindet sich Hermann Kappe. Er ist Mordkommissar in Berlin. Im Jahr 1936. Hitler und seine Schärgen sind seit drei Jahren an der Macht. Es ist das Jahr der Olympischen Sommerspiele. Die Nazi-Diktatur gibt sich kurz vor den Spielen betont friedlich.

Das ist die historische Rahmenhandlung im Kriminalroman "Mit Feuereifer. Kappes 14. Fall" von Horst Bosetzky. Die Krimiserie spielt immer in Berlin und ist einem Jahr gewidmet. Begonnen hat man mit dem Jahr 1910 und im zwei-Jahres-Rhythmus ermittelt Hermann Kappe. In diesem Frühjahr sind die Jahre 1934, 1936 und 1938 im Berliner Jaron Verlag erschienen.

Im Juni 1936 wird Wanzka, ein mit der Polizei kollaborierender schwuler Krimineller, am Stößensee in Berlin tot aufgefunden. Der Mordkommissar vermutet zunächst, dass das Geheime Staatspolizeiamt (Gestapa) dahintersteht. Genauer: das Homosexuellenreferat, das im Mai 1935 entstand. Kappe weiß, dass diejenigen, die in diesem Sonderdezernat arbeiten, nicht zimperlich mit Schwulen umgehen. Einige von ihnen handelten bereits rabiat - auch in den eigenen Reihen. Etwa in der "Nacht der langen Messer" am 30. Juni/1. Juli 1934. In jener Nacht hat Hitler Röhm und andere hohe schwule SA-Offiziere umbringen lassen. Die Nationalsozialisten verkauften diese "Säuberung" in der SA als Vereitlung des "Röhm-Putschs".

Das schwule Paar Rudolf und Martin wird erpresst


Der frühere Hochschullehrer Horst Bosetzky, Spitzname -ky, hat zahlreiche Krimis veröffentlicht

Doch Kappes Spur führt bald nach Berlin-Wilmersdorf zum Modeatelierbesitzer Rudolf Guhrau und dem 1.500-Meter-Läufer und Anwärter auf eine olympische Goldmedaille Martin Kammholz, der mit Helga verheiratet ist. Aus Wanzkas Aufzeichnungen geht hervor, dass Martin und Rudolf ein Paar sind. Martin und Helga hingegen führen eine Scheinehe. Das wusste Wanzka und erpresste sie. Der verkappte Sozialdemokrat Kappe müsste sie eigentlich vernehmen: Sie hatten ein triftiges Tatmotiv. Doch er weiß auch: Wenn er sie vernimmt, wird das Gestapa hellhörig und wird sie ins Konzentrationslager bringen lassen oder gar töten. Kann er das mit seinem Gewissen vereinbaren?

Kurz darauf öffnet sich eine andere Spur. Sie führt zum Täter und zum Show-down. Das geschieht am selben Tag, als Martin Kammholz das Finale im 1.500-Meter-Lauf bei den Olympischen Spielen bestreiten soll. Doch er tritt nicht an: Ein Denunziant hat von Kammholz und Guhrau ein Foto gemacht, als sie sich küssten.

Autor und Soziologe Horst Bosetzky versteht es, die damalige Atmosphäre treffend einzufangen. Er erzählt plastisch den Alltag im nationalsozialistischen Berlin. Auch dank seines realistischen Stils: So lässt er die Figuren berlinern. Manch einer wird sich an Gerhart Hauptmanns "Der Biberpelz" erinnert fühlen. Zudem reichert Bosetzky den Krimi an mit längeren Passagen aus dem nationalsozialistischen Tagesblatt "Völkischer Beobachter", zitiert Radiokommentatoren und Kappes Kinder lernen in der Hitlerjugend und im Bund Deutscher Mädel antisemitische Sprüche und Reime. Man fühlt sich einerseits unwohl, da die direkten Zitierungen verstören. Andererseits führt uns Bosetzky vor Augen, was es bedeutete, ständig von der Propaganda umzingelt zu sein.

Ein spannender und realistischer Krimi


Zwischen Tarnen und Verstecken: Bosetzky beschreibt die Verhaltensweisen von Schwulen im Dritten Reich

Anerkennend beschreibt Bosetzky Verhaltensstrategien der Schwulen unter der Nazi-Diktatur. Die des Versteckens und Tarnens. Etwa die Scheinehe oder die Mitgliedschaft in der SA, um nicht nach dem verschärften § 175 Reichsstrafgesetzbuch verurteilt zu werden. Und so einer Deportation ins Konzentrationslager Sachsenhausen zu entgehen.

Doch zum großen Bedauern vermisst man bei den schwulen Figuren Rückbezüge in ihrer Biografie, so wie Bosetzky es mit anderen Figuren macht. Bei den schwulen Figuren fehlen Erinnerungen an die Weimarer Republik mit schwulen Bars, Kneipen und Tanzlokalen, etwa das berühmte "Eldorado". Aber auch bekannte Lieder, wie zum Beispiel "Das Lila Lied", oder schillernde Persönlichkeiten haben Bosetzkys Figuren wohl gänzlich vergessen. Zumal der scharfkantige Kontrast des queeren Berliner Lebens zwischen der Weimarer Republik und der Nazi-Diktatur auf diese Weise deutlich hervorgehoben wäre.

Trotzdem hat Bosetzky mit "Feuereifer" einen spannenden und realistischen Krimi geschrieben. Wer ein Berlin-Faible hat, kommt an dieses Buch und der Serie nicht vorbei. Und für all die anderen, die mehr über das schwule Leben der Anfang 1930er Jahre lesen möchten, gibt es immer noch den unschlagbaren Christopher Isherwood.

Horst Bosetzky: Es geschah in Berlin 1936. Mit Feuereifer. Kappes 14. Fall. Kriminalroman. Jaron Verlag, Berlin 2011. 208 Seiten. 7,95 €



Mitch Mitchells letzter Fall

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#1 VolumeProProfil
  • 03.06.2011, 12:31hMönchengladbach
  • Das ist gut, dass mit so einem Buch das Gedenken an die Homosexuellenverfolgung im Dritten Reich aufrecht erhalten wird.
    Leider wird ja das Thema "Holocaust" und Nazi-Unrechtsregime immer nur auf eine Opfergruppe eingeschränkt. Andere Gruppen wie z.B. Homosexuelle oder Kommunisten werden immer gerne mal vergessen. Wobei Homosexuelle als Gruppe ja durch den gleichen Nazi-Paragraf bis weit in die 70er Jahre hinein auch von der Bundesrepublik diskriminiert wurden.
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#2 drumherumAnonym
  • 03.06.2011, 13:06h
  • "...Dass die Mordaktion vom Juni 1934, der der Stabschef der SA, Ernst Röhm, zusammen mit einem Großteil von deren Führungskorps zum Opfer fiel, eine Präventivmaßnahme gegen einen drohenden Putsch gewesen sei, glaubt kaum noch jemand...."

    www.papyrossa.de/sites_buchtitel/gossweiler_putsch.htm

    "..TEIL II: BLUTIGER RICHTUNGSKAMPF

    Nach dem Rückschlag für die NSDAP bei den Wahlen am 6. November 1932 – die Nazipartei
    verlor zwei Millionen Stimmen – mussten Schacht und Thyssen erleben, dass Hitler in Panik
    verfiel und die Nerven verlor...."

    www.kurt-gossweiler.de/artikel/roehmput.pdf
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#3 FoXXXynessEhemaliges Profil
  • 03.06.2011, 14:24h
  • Mit diesem Buch betreibt der Autor eine ziemliche Gratwanderung! Sie scheint ihm geglückt zu sein!
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#4 dobrapivo
  • 03.06.2011, 21:37h
  • Antwort auf #1 von VolumePro
  • Ich glaube nicht, dass man da zu viel in einen Topf werfen sollte.
    Die Verfolgung von politischen Gegnern und die Verfolgung von Homosexuellen waren barbarisch, unmenschlich einfach schrecklich. Umso schlimmer die Wirkung die der Nazi-Paragraf bis tief in die Nachkriegszeit entfalten konnte. Soweit so schlecht.

    Aber bei dem millionenfachen Mord in riesigen Mordfabriken an den europäischen Juden beinhaltet eine ganz andere Dimension. Der Antisemitismus hatte beinahe das ganze Volk erfasst und schlug sich in diesem bespielslosen Jahrhundertverbrechen nieder.

    Es erfordert Fingerspitzengefühl, die verschiedenen Opfergruppen nicht gegeneinander auszuspielen. Dazu gehört die Feststellung, dass der Völkermord an den Juden eine andere Dimension und Qualität, neben all den anderen, blutigen Verbrechen welche die Nazis begangen haben.

    Das schließt selbstredend das Gedenken an anderer Opfergruppen nicht aus. Es ist sogar notwendig und richtig. Aber die Relation mag erklären, warum eine Opfergruppe eben präsenter ist als die anderen.
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#5 Prime_EvilEhemaliges Profil
  • 03.06.2011, 21:46h
  • Antwort auf #1 von VolumePro
  • "Gruppen wie z.B. Homosexuelle oder Kommunisten werden immer gerne mal vergessen."

    Mh, Danke dass uns Schwule mit Mauermördern und Gulagkommandanten in eine Topf wirst.

    Also DIESE Kommunisten waren auch keinen Deut besser als die Nationalsozialisten, die hatten nur ein anderes politisches Vorzeichen.

    Wie Kommunisten mit Schwulen umgehen, wissen wir ja - der gute auf jedem T-Shirt eines armen Trottel abgedruckte Ché, war ja auch bekanntlich ein Vorreiter der schwulen Emanzipation. Frag doch mal die von ihm internierten Schwulen? Was ein Held *träum*.
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#6 eMANcipation*Anonym
#7 seb1983
  • 04.06.2011, 15:03h
  • Antwort auf #6 von eMANcipation*
  • Du liest aber auch was du da verlinkst??

    Vorwiegend marxistische Historiker behaupteten, es seien im Wesentlichen die Besitzer und Vertreter von Großunternehmen gewesen, die Adolf Hitler an die Macht gebracht hätten.

    Heute wird die These, die Unterstützung durch Industrielle sei ein entscheidender Faktor für den Aufstieg der NSDAP zur Macht gewesen, von der Lehrmeinung in der Geschichtswissenschaft abgelehnt.

    Der Bielefelder Sozialhistoriker Hans-Ulrich Wehler:
    „Das Ammenmärchen, dass sie sich Hitler und seine Schergen gekauft hätten, ist zwar endgültig widerlegt. Doch kann man sie mitnichten von dem gravierenden Vorwurf freisprechen, alles nur Mögliche zur Zerstörung der Republik beigetragen zu haben."
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#8 LK GeschichteAnonym
#9 doktorProfil
#10 doktorProfil
  • 04.06.2011, 16:02h Kulmbach
  • Antwort auf #7 von seb1983
  • wie erklärst du dir aus bwl-sicht, dass man sich heute für entscheidungen im gebäude des reichstages mehr als 5000 lobbyisten gönnt, die z.t.
    erheblich mehr verdienen als ein abgeordneter ?

    also ca. acht lobbyisten auf einen angeordneten.

    8 : 1
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