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Heißt Bruno´s bals Tino´s? Ex-Chef Bruno Gmünder (li.) und sein Nachfolger Tino Henn vor dem Gmünder-Shop am Berliner Nollendorfplatz (Bild: Brigitte Dummer/Bruno Gmünder Verlag)

Es war eine kleine Sensation, die monatelang im Hintergrund vorbereitet und inzwischen offiziell bestätigt worden ist: Bruno Gmünder verkauft seinen Verlag (queer.de berichtete). Die Bilanzen der vergangenen Jahre weisen für die Verlags-GmbH solide Umsätze um die neun Millionen Euro aus. Nun folgt Gmünder dem Motto: "Wenn es am Schönsten ist, hört man auf." Den Staffelstab reicht er an ein völlig neues Gesicht in der Verlagslandschaft weiter. Tino Henn will mit zwei weiteren Gesellschaftern die Erfolgsgeschichte fortschreiben. Christian Scheuß stellt Tino Henn im Interview vor.

Tino, wenn man so einen großen Verlag kaufen möchte, was muss man denn dafür so auf den Tisch blättern?

Tja, Bruno wird wohl die nächsten 200 Jahre mit Champagner auf einer Südsee-Insel sitzen können. Nein, ernsthaft: Wir haben für beide Seiten einen akzeptablen Deal hinbekommen, bei dem ich noch atmen kann und Bruno nicht das Gefühl hat, sein Lebenswerk verscherbelt zu haben. Wir haben noch genug Luft, um über mögliche Neuinvestitionen ins Geschäft nachdenken zu können.

Lässt sich denn die atembefreiende, lebenswerkbejahende Summe zumindest eingrenzen, indem man sagt, wie viele Stellen die Kaufsumme hat?

Das könnte ich tun, aber damit wäre immer noch unklar, ob ich die Stellen in Euro, Cent oder gar Pfennig angebe. Letztlich ist der Preis für die Öffentlichkeit nicht so wichtig.

Im Ruhrgebiet kennt man den Namen Tino Henn, du hast dort in verschiedenen Städten eine Reihe von Pflegediensten aufgebaut. Und in Köln bist du denjenigen ein Begriff, die mit der Aids-Hilfe zu tun haben, in deren Vorstand du bist. Was sollte man noch an Background über dich wissen?

Ich habe Medizin und BWL studiert. Vor zehn Jahren habe ich damit begonnen, in NRW Pflegedienste aufzubauen und damit meine Erfahrungen als Unternehmer gesammelt. Vor rund sechs Jahren kam ich zur Kölner Aids-Hilfe und bin dort im Vorstand für den Bereich Personal und Finanzen zuständig. Vor drei Jahren ist man bei der Deutschen Aids-Hilfe auf mich aufmerksam geworden, und seitdem bin ich auch dort für die Finanz- und Personaldinge im Vorstand zuständig. Durch all das bin ich ganz gut in der Community vernetzt, und als schwuler Mann bewege ich mich darin auch viel und gern. Über die DAH habe ich vor etwa zwei Jahren Bruno Gmünder kennengelernt und wir sind mittlerweile sehr gute Freunde geworden.

Vom Pflegedienst zur Medienbranche, das ist ein interessanter Wechsel. Der Bruno Gmünder Verlag ist ja kein "Pflegefall", oder?

Nein, absolut nicht! Es ist ein immer noch junges Unternehmen. Mit 30 steht es ja noch im vollen Saft. Mich drängte es immer, etwas für die Community zu tun. Zunächst ehrenamtlich bei der Aids-Hilfe. Das mache ich sehr gerne und deswegen wuchs in mehr die Idee, dass ich mich auch im geschäftlichen innerhalb der Szene verwirklichen möchte. Erst dachte ich an eine schwule Sauna, habe das aber wieder verworfen. Eines Tages sprach ich mit Bruno über dessen Zukunftspläne. Dabei kam heraus, dass er darüber nachdachte, für sein Haus eine geeignete Nachfolge zu finden. Wir einigten uns darauf, dass ich mir den Verlag einmal genauer ansehe. Ich habe dort quasi ein Praktikum absolviert, um das Geschäft kennenzulernen.


Aus alten Tagen: Bruno Gmünder (mi) mit Partner Christian von Maltzahn (re.) und Torso-Chefredakteur Michael Föster (li).

Ein Reinschnuppern reicht aber noch nicht aus, um zu wissen, wie das Mediengeschäft läuft...

Ich weiß natürlich nicht, wie man einen Bildband produziert oder am besten ein Magazin erstellt. Dafür gibt es im Verlag Michael Taubenheim, der seit 20 Jahren dabei ist und die Geschäfte mit Bruno führte. Er sorgt für die nötige Kontinuität. Ich werde mich schwerpunktmäßig erst einmal um die internen Strukturen kümmern. Ich möchte, dass alle Mitarbeiter an einem Strang ziehen und dass die Kommunikation untereinander reibungslos klappt. Aber danach will ich mich auch in die inhaltliche Ausgestaltung einbringen. In der Geschäftsführung sind wir künftig zu dritt. Ich als Vorsitzender bin das Gesicht nach außen, Michael Taubenheim ist dabei. Bruno selbst wird uns natürlich auch weiterhin mit Rat und Tat beistehen. Das war mir sehr wichtig. Er ist aber nicht mehr geschäftlich operativ tätig, hält aber noch einen kleinen Anteil am Unternehmen. Mit diesem Rückhalt durch Michael und Bruno habe ich auch die Sicherheit, dass ich nicht einen Laden übernehme, bei dem sich hinterher herausstellt, dass das Dach leckt. Und mit deren Erfahrung im Rücken kann ich in das Geschäft hinein wachsen. Dritter Mehheitsgesellschafter ist Nik Reis, mein derzeitiger Freund und bald auch Ehemann. Wir wollen im August vor das Standesamt.

Dann wird der Gmünder Verlag ja fast so etwas wie ein Familienbetrieb. Wird es einen Namenswechsel geben? Tino Henn klingt auch nicht schlecht...

Nein, warum sollte man eine so gut eingeführte und weltweit bekannte Marke ersetzen? Es wird bei Bruno Gmünder bleiben.

Hinter der Marke stecken ja mehrere Firmen, die Verlags-GmbH und die Handelsgesellschaft, hinzu kommen diverse Beteiligungen an anderen Unternehmen. Wird sich da etwas ändern?

Es ist in der Tat ein großes Geflecht an Firmen, aber erst einmal wird sich an den Strukturen nichts ändern.

Du übernimmst den Verlag in einer Zeit des Umbruchs in der Medienwelt. Zeitungen laufen die Leser und die Anzeigenkunden weg, die wandern alle ins Internet. Das gedruckte Buch ist bedroht durch das E-Book und den Tablet-PC. Die Margen für DVDs fallen in den Keller, weil es inzwischen Tauschbörsen und Streamingdienste gibt. Ist die Übernahme keine riskante Geschichte?

Wenn ich das Gefühl gehabt hätte, es bricht alles zusammen, wäre ich nicht eingestiegen. Ich bin überzeugt davon, dass wir in der schwulen Community immer die eigenen Medien brauchen. Die werden in Zukunft sicherlich anders aussehen, und das Internet wird - auch bei Gmünder - eine stärkere Rolle spielen. Es wird zum Beispiel Apps für den Spartacus geben, das Magazin Männer wird weiterentwickelt, im Bereich Reisen lässt sich noch viel ausdenken. Sicherlich wird es in 20 Jahren den Spartacus nicht mehr als dickes gedrucktes Buch im Regal geben, aber einen Bildband oder ein aufwändig produziertes Hochglanz-Magazin, das kann kein iPad ersetzen. Was ich mir persönlich als inhaltliche Vision wünsche: Der Verlag soll wieder mehr meinungsbildend werden, das ist meiner Beobachtung nach in den vergangenen Jahren etwas zu kurz gekommen. Wir wollen ein Sprachrohr für die Community werden und ihnen eine Plattform bieten. Wir werden das Schwulsein nicht neu erfinden, aber ich will für Schwule relevante und interessante Medien entwickeln.



#1 Timm JohannesAnonym
  • 07.06.2011, 14:51h
  • Interessantes Interview mit guten Fragen und Antworten

    Tino Henn hat Recht, wenn er sich nicht zur Verkaufssumme äußert. Das ist auch nicht so wichtig zu wissen. Auch das er den Namen des Verlages beibehält, ist eine richtige Entscheidung. Da der Name etabliert und extrem bekannt ist.

    Am Interessanten empfinde ich die letzte Frage und Antwort des Interviews:

    Der Medienumbruch durch das Internet ist extrem und beeinflusst die homosexuelle Community massiv. Das bemerkt man/frau beim Kneipensterben in Köln, Münster, Ruhrgebiet, Hamburg, im Laufe der Jahre und ebenso bei dem Schließen älterer Saunen, die nur dann eine Chance haben, wenn sie den Wellnessbereich "hochfahren". Nur der Partyveranstaltungssektor ist nicht betroffen, da immer noch gern gefeiert, gemeinschaftlich Musik gehört wird und getanzt wird.

    Bei den Medien ist das gedruckte Buch massiv bedroht, da Informationssuche stark und in erster Linie heute über das Internet erfolgt.

    Interessant finde ich diesen Satz:
    "Der Verlag soll wieder mehr meinungsbildend werden, das ist meiner Beobachtung nach in den vergangenen Jahren etwas zu kurz gekommen. "

    Da hat er Recht, denn bisher gab es im letzten Jahrzehnt kaum Internetseiten, wo offen meinungsbildend kulturelle, politische oder gesellschaftliche Inhalte, die homosexuelle Menschen betreffen, diskutiert werden können. Queer bildet da im deutschen Sprachraum eine der wenigen Webseiten im Internet, wo dies möglich ist. Auf anderen Seiten im Internet geht es vorrangig nur um Kontakte zum Chatten, Bildertausch, Videos runterladen, Sexkontakte; aber meinungsbildende Seiten im deutschen Internet mit Diskussionoption für Leser finden sich seltener im Internet.

    Gleichwohl hoffentlich bleibt das gedruckte Buch als Marktlücke erhalten. Schade wenn homosexuelle Belletristik in 20 Jahren nur noch digital erscheint und Jungautoren nur noch im Internet publizieren/schreiben. Aber ich befürchte es wird so kommen.

    Ein hohes Lob an Queer für dieses interesssante Interview.
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#2 Axel SchmidtAnonym
  • 07.06.2011, 15:52h
  • Also, ein großer Visionär scheint er ja nicht zu sein. Interessant wäre es gewesen zu erfahren, wofür man diese gedruckten Medien überhaupt noch gebrauchen soll.

    Bruno packt ein und macht Feierabend. So weit ja noch ganz gut nachvollziehbar. Aber was ist es das will Tino? Meinungen bilden? Nun, da hat er sich ja was vorgenommen.
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#3 Knueppel
  • 07.06.2011, 15:56h
  • So wichtig ich es finde, dass Unternehmen sich mit der "Gay Community" identifizieren und u.a. als Teil dieser in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden, so sehr halte ich den Markt für "die immer gleichen" Body-Magazine für erschöpft.

    Das mag lediglich meine sehr individuelle Einschätzung sein, aber vielleicht auch nicht.

    Beispiel:
    Natürlich sehen "wir" uns gern attraktive Männer an, aber wieviele Magazine braucht es, um gelangweilt von den "Bilderbüchern für große Jungs" nie wieder eines dieser Print-Erzeugnisse zu kaufen?

    Da Gmünder die Grenze zur Pornografie ja wohl nicht überschreiten darf oder will? Gesetzliche Vorgaben? Abgrenzung vom "Schmuddelkram" ...? Bleibt wohl nur die "saubere" Hochglanzversion, die auf Dauer einfach nicht wirklich "interessant" ist.

    Und selbst wenn Pornografie in's Sortiment aufgenommen würde, wer kauft heute noch Porno-DVD's wenn es nahezu alles kostenlos im Internet gibt?

    Wo ich evtl. noch Wachstumschancen sehe, ist im Bereich des Zielgruppen-Fernsehens ... Und am Beispiel des kläglich gescheiterten "TIMM", könnte man(n) lernen bestimmte Fehler nicht zu wiederholen. Ich jedenfalls wünsche mir schon ein schwules TV, mit gut gemachten Regionalberichten von Projekten, Initiativen, Aktionen etc., ergänzt durch schwule Filme und schwule Kultur-Events.
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#4 TimoAnonym
  • 07.06.2011, 16:43h
  • Antwort auf #3 von Knueppel
  • Man sollte es vielleicht als die einzige Möglichkeit sehen der in Mode gekommenen einseitigen Fleischbeschauung entgegenzuwirken.
    Guck dir mal die menschenverachtenden TV Sendungen zur Primetime des italienischen Fernsehens , in dem Video ab Minute 20:40 und ab Minute 22:35, an.

    www.youtube.com/watch?v=JPJYPgTxUe8&feature=player_embedded

    Dagegen ist ein nackter Mann harmlos und wird weit weniger sexisitisch dargestellt, schon weil bei Schwulen theoretisch jeder Mann das Objekt der Begierde sein kann und es nicht wie bei Heterosexuellen einseitig die Frau ist, die z.B. in Italien nur noch Aufmerksamkeit kriegt wenn sie als "dummes Püpchen" agiert.

    konsumpf.de/?p=11547
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#5 FoXXXynessEhemaliges Profil
  • 07.06.2011, 17:13h
  • Tino Henn tritt ein schweres Erbe an, aber durch sein gutes Aussehen wird er den Gmünder-Verlag durch sicheres Fahrwasser leiten.
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#6 reiserobbyEhemaliges Profil
#7 Knueppel
  • 07.06.2011, 21:37h
  • Antwort auf #4 von Timo
  • Hallo Timo,

    die italienischen Doof-Shows sind mir (leider) nur zu bekannt, weil mein Freund und Lebenspartner italienischer Staatsbürger ist und wir deshalb mehrere italienische TV-Sender via Digital-Kabel abonniert haben ... Von diesen Shows sehen wir aber nur noch den Schluss, wenn wir auf andere Sendungen, wie z.B. "Anno Zero", Michele Santoro (Donnerstag, 09.06.2011, 21:05 Uhr, RAI 2) warten.

    Deinen Kommentar verstehe ich nicht so ganz, denn darüber, dass "ein nackter Mann harmlos" ist, gibt es zwischen uns beiden doch gar keine Diskussion. Ich habe, im Gegenteil, sogar gesagt, dass der Anblick der immer gleichen Body-Magazine extrem langweilend ist.

    Ob nun "aufrechte" schwule Männer fleißig die "harmlosen" Gmünder Bilder-Büchlein kaufen, um, Zitat Timo: "(...) der in Mode gekommenen einseitigen Fleischbeschauung entgegenzuwirken ..." halte ich für sehr unwahrscheinlich, oder?

    Also, wenn mich etwas langweilt (so wie die angesprochenen Bildbände), dann kaufe ich es auch nicht. Meine konstruktiv gemeinte Kritik in Richtung Bruno Gmünder Verlag ging ja auch eher in Richtung "neue Wege" (z.B. TV).

    Gruß
    Knueppel
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#8 MarekAnonym
  • 08.06.2011, 09:05h
  • "Zeitungen laufen die Leser und die Anzeigenkunden weg, die wandern alle ins Internet."

    Und wundern sich dann, dass sie auch dort nicht mehr verdienen.

    Der Anzeigenmarkt ist zwar im Printbereich geschrumpft, aber immer noch größer als man im Web verdienen kann.

    Und das iPad:
    Apple behält 30% aller Gewinne für sich. Egal ob Musik, App, eBook, Zeitung, etc. Sogar an Abos. Und die Verlage erahren nicht mal, wer ihre Abonnenten sind.

    Wer sich darauf einlassen will...

    Und dass gedruckte Medien immer noch lesefreundlicher und augenfreundlicher sind als iPad & Co ist auch nichts neues. Und eine Zeitschrift, Buch, etc. kann auch mal hinfallen, kann am Strand gelesen werden, braucht nicht immer aufgeladen zu werden, etc.
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#9 Knueppel
#10 MarstophProfil
  • 18.06.2011, 18:32hBerlin
  • Schade, ich hab' gerne bei Bruno's eingekauft. Bruno ist ein feiner Mensch, auch wenn wir politisch teilweise meilenweit auseinanderliegen. Das Hochjubeln von FDP und Westerwelle im Gmünder-Verlag (incl. der meisten Mitarbeiter) habe ich z.B. nie verstanden.
    Aber um mein (nicht so üppiges Geld wie es der Mega-Unternehmer Henn hat, was Ihn menschlich aber nicht angenehmer macht) politisch halbwegs korrekt auszugeben, werde ich mir Einkaufen bei "Tino's" wohl künftig verkneifen müssen.
    Weiteren Kommentar spare ich mir lieber, könnte nur bösartig ausfallen. www.taz.de/1/leben/koepfe/artikel/1/schwul-und-links-geht-ni
    cht/
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