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Harmloses Cover: In Nick Burds Roman "Die Wonnen der Gewöhnlichkeit" wird nicht nur gefönt, sondern auch gekifft und gewichst

Sehnsucht, Langeweile, Drogen, Sex und Musik: Nick Burds Debütroman "Die Wonnen der Gewöhnlichkeit" hat das Lebensgefühl junger Schwuler in der US-Provinz eingefangen.

Von Angelo Algieri

"Das ist der Sommer", denkt der 18-jährige Dade. Er hat gerade sein Highschoolabschluss hinter sich und genießt den Sommer in seiner Kleinstadt im US-Bundesstaat Iowa. Er kann es kaum erwarten, aus dieser miefigen Stadt wegzukommen und im College im Staat Michigan zu studieren. Doch der Sommer entpuppt sich besser als gedacht... Das und vieles mehr steht im Debütroman "Die Wonnen der Gewöhnlichkeit" des 28-jährigen US-amerikanischen Autors Nick Burd. Er ist im Münchner dtv premium erschienen.

Ich-Erzähler und Protagonist Dade beendet eine zweijährige (Sex-)Beziehung zu Pablo, der in der Football-Mannschaft spielt. Grund: Pablo versteckt ihre Beziehung in der Öffentlichkeit. Zudem hat Pablo eine unausstehliche Freundin. Und was Dade überhaupt nicht mag, ist, dass sich Pablo ihn dann "nimmt", wann er will - meist nachts, wenn er getrunken hat. Schließlich trennt sich Dade von ihm. Auch weil er den "sexy Loser" und Drogendealer Alex kennen lernt. Alex ist 21 Jahr alt und wahnsinnig hübsch - Dade hat sich sofort in ihn verliebt. Eine schöne Romanze fängt an. Mit vielen Hochs und einigen Tiefs. So eine Beziehung hat sich Dade schon immer gewünscht. Doch der Sommer geht bald zu Ende und der Wegzug Dades schwebt wie ein Damokles-Schwert über ihnen...

Die eigene Leere mit dem Wasser des Pools füllen


Deutlich ansprechender: Umschlag der US-Taschenbuchausgabe. Ein Hardcover (mit wieder anderem Motiv) erschien bereits 2009

Hach! Es klingt nach schwuler, kitschiger Schmonzette - ist es aber nicht! Dieser Coming-out- und Coming-of-Age-Roman besticht durch seine exzellente Charakterbeschreibung der Figuren, allen voran die Gefühlswelt des Protagonisten. Es ist leicht, sich in ihm hineinzuversetzen. Denn es ist nicht immer alles Friede, Freude, Eierkuchen. Dade ist im Grunde ein Melancholiker, der sich seiner inneren Leere bewusst ist. Er würde so gerne seine Leere mit dem Wasser des Swimmingpools seiner Eltern füllen. Stattdessen füllt er sich ab - nicht nur mit Bier, sondern auch mit Tequila, Wodka und Martini. Zudem wird im Roman viel geraucht und gekifft. Und klar: Sex und Pornos ("Wichsfantasien 1-5") dürfen nicht fehlen. Burd tut gut daran andere Heranwachsende aufzuzeigen, als man sie von vielen gegenwärtigen US-amerikanischen Fernsehserien oder Filmen kennt. Zudem beschreibt Burd das Lebensgefühl der jungen Erwachsenen über Musik. Dade und Alex sind Fan der fiktiven, britischen Indie-Rock-Gruppe Vas Referens, die das Stück "Die Wonnen der Gewöhnlichkeit" spielen.

Hinter diesem Musik- und zugleich Romantitel verbirgt sich mehr: Wir steigen schon ein, als Dade schon lange wusste, dass er schwul ist. Das eigene Coming-out hat er schon hinter sich: eine Normalität, eine Selbstverständlichkeit. Sein öffentliches Coming-out, darunter das vor seinen Eltern, erleben wir mit ihm. Doch es wirkt weit unaufgeregter als bei vielen Romanen oder Filmen bisher. Dade begreift auch in der Öffentlichkeit mit Alex, wie gewöhnlich man seine Liebe zeigen kann. Etwa als sie auf einer Terrasse bei einer Haus-Party stehen und sich küssen und Händchen halten. Anfeindungen, die er zuvor gespürt hatte, bekommt er in diesem freien Augenblick nicht.

Abschied vom klassischen Coming-out-Roman


Der 28-jährige Autor Nick Burd wird in den USA als Ausnahmetalent gefeiert. "Die Wonnen der Gewöhnlichkeit" ist sein Debütroman (Bild: Eric Luc)

Es zeichnet sich wohl ein Trend ab, dass schwule Literatur mit jungen Erwachsenen als Protagonisten nicht mehr das Entdecken ihrer sexuellen Vorlieben im Mittelpunkt steht. Viel mehr stellt das Schwulsein eine Selbstverständlichkeit dar, mit der Mann andere Herausforderungen annimmt. Wie in diesem Roman oder beispielsweise der junge Protagonist in Gunther Geltingers Debütroman "Mensch Engel".

Burds Roman ist vielschichtig. Denn er zeigt auch, dass zerrüttete Verhältnisse im Mittleren Westen und in der Mittelschicht selbstverständlich geworden sind - nicht nur ein Phänomen der Großstadtbewohner. Vater und Mutter von Dade sind ehemalige Hippies. Während der Vater kein Problem hat, Limousinen zu verkaufen, hat sich die Mutter mit der Kleinstadt, in der sie seit einigen Jahren von einer Farm umgezogen sind, nie richtig anfreunden können. Sie fühlt sich verraten von ihren einstigen Idealen und von ihrem Mann. Denn Dades Vater hat ein Verhältnis mit einer anderen Frau. Die Mutter dröhnt sich zu mit Tabletten - auch ein Phänomen der Provinz mittlerweile.

Der in New York lebende Autor Burd hat mit seinem Debütroman sowohl inhaltlich als auch sprachlich einen unaufgeregten, schönen und spannenden Roman geschrieben - hervorragend und rund übersetzt von Wolfram Stöle.

"Die Wonnen der Gewöhnlichkeit" sollte unbedingt in jedem Strandkorb mitgenommen werden!

Nick Burd: Die Wonnen der Gewöhnlichkeit. Roman. Aus dem Englischen von Wolfram Ströle. dtv, München 2011. 320 Seiten. 14,90 €



#1 FoXXXynessEhemaliges Profil
  • 23.06.2011, 13:40h
  • Das Originalcover gefällt mir besser als das, was im deutschen Buchhandel erhältlich ist!
  • Antworten » | Direktlink »
#2 David FisherAnonym
  • 23.06.2011, 15:16h

  • Und wie lautete noch mal der Titel des Debütromans eines französischen Autors, der vor einigen Wochen/ Monaten hier vorgestellt wurde und der sich ebenfalls mit einem jungen Erwachsenen auseinander setzt? Ich habe leider die entsprechende Notiz verloren, vielleicht kann mir jemand weiterhelfen...
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#3 lukasdAnonym
#4 David FisherAnonym
#5 FoXXXynessEhemaliges Profil