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Dr. Dirk Sander, Schwulenreferent der DAH (Bild: DAH)

Die Deutsche AIDS-Hilfe (DAH) hat einen Band mit 30 Interviews frisch HIV-Infizierter Schwuler veröffentlicht. DAH-Schwulenreferent Dirk Sander plädiert für einen Blick ohne Hysterie.

Von Dirk Sander

Folgt man manchen schwulen Szenediskursen, so scheint HIV-Prävention ganz einfach zu sein. Normativ und alarmistisch wird einfach zwischen Kondomnutzern (Präventionserfolg!) und Kondomverweigerern (Bareback! Präventionsversagen!) unterschieden. Die erste Gruppe verhielte sich rational und gesundheitsbewusst, die zweite irrational, naiv und krank. Besonders junge Schwule ("bis 30") seien in ständiger Gefahr. Betont wird von den Wortführern, dass man es selbst "immer mit Kondom" treibe, die jeweils Anderen würden das aber nicht (durchgängig) tun. Den "amtlichen" Präventionisten wird empfohlen, verstärkt Kondomisierungskampagnen mit Todesbedrohungsszenarien zu starten, diese sollten Kondomdistanzierte "mal richtig wachrütteln".

Wie zum Beweis werden alle Jahre wieder in Skandal heischenden Fernsehberichten Männer (auch mal nicht erkenntlich hinter Schattenwänden) vorgeführt, die vor wackelnden Kameras behaupten, andere oder sich selber mit HIV infizieren zu wollen. Zunächst ertönen musikalisch Molltöne, Friedhofsansichten ploppen auf, dann befinden wir uns durch einen abrupten Szenenwechsel auf einer schwulen Party: Erhitzt wirkende Männer umschwirren einander im wahlweise Stroboskopgeblitz oder Schummerlicht. Aus dem begleitenden Kommentar erfahren die irritierten Zuschauer, dass die HIV-Infektionen seit Jahren "bei Homosexuellen dramatisch" steigen würden. Schuld daran sei eine "(neue) Sorglosigkeit", die aufgrund verbesserter Therapiemöglichkeiten nun unkontrolliert um sich greife, und das "obwohl Aids immer noch tödlich" sei. Was man davon zu halten hat, zeigen die Moderatorinnen oder Moderatoren am Ende durch die offenbar im Metier weit verbreitete mimische Kunst an, die Augenbrauen bis fast an den Haaransatz hochziehen zu können.

"Homofeindliche Verallgemeinerung eines Randphänomens"


Die Broschüre gibt es als Download

Diese Verallgemeinerung von epidemiologisch irrelevanten Randphänomenen stellt eine homo- und sexualfeindliche Manipulation dar, die mit der Realität nichts zu tun hat. Aus quantitativen sozialwissenschaftlichen Trendanalysen wissen wir, dass das Schutzverhalten seit Jahren unverändert hoch und der Anstieg der Neuinfektionen auf ein komplexes Ursachenbündel zurückzuführen ist (Schmidt/Bochow 2009). Epidemiologische Daten verweisen auf Transmissionen während des Primärinfekts (wenn die Infektion noch nicht erkannt und die Viruslast hoch ist) und die zusätzliche Vulnerabilisierung der immer noch hauptbedrohten und -betroffenen Gruppe der schwulen und bisexuellen Männer durch leicht übertragbare bakterielle Infektionen, welche Schleimhautdefekte verursachen (allen voran die Syphilis). Aus einer gerade publizierten Erhebung geht darüber hinaus hervor, dass die vermeintliche "Sorglosigkeit" (der Anderen!) erheblich überschätzt wird. Psychologen sprechen bei diesen falschen Wahrnehmungen und Zuschreibungen von "pluralistic ignorance", welche aber, wenn ihnen nicht widersprochen wird, zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden können (Drewes 2010).

HIV-Prävention, heute sinnvoll erweitert durch den Blick auf andere interagierende Infektionen, ist dabei alles andere als einfach. Programme und Maßnahmen werden langfristig in Partizipation mit den Zielgruppen anhand von wissenschaftlichen Daten und plausiblem "community knowledge" geplant, umgesetzt und begleitend evaluiert. Hierzu werden u. a. die von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung beauftragten Wiederholungsbefragungen zum Sexualverhalten von Schwulen und Bisexuellen herangezogen (zuletzt: Bochow/Schmidt/Grote 2010). Herausgestellt wird dort, dass riskante Kontakte im Zusammenhang mit Drogenkonsum für die Prävention relevant seien, das Internet als das zunehmend wichtigste Informations- und Kommunikationsmedium der Zielgruppe zukünftig mehr in der Prävention auch interaktiv genutzt werden sollte; es werden die Trends der Verbreitung unterschiedlicher Risikomanagementstrategien beschrieben, bestimmte Paarkonstellationen als besonders vulnerabel erkannt und zahlreiche Empfehlungen für Präventionsansätze diskutiert.

Allerdings stellen sich für ein weiterführendes Verständnis des Infektionsgeschehens auch Fragen, die mit der Methode der quantitativen Erhebung und Analyse nicht beantwortet werden können. Auch die Autoren der oben angeführten Studie stellen fest, dass bestimmte Zusammenhänge, die in einem quantitativen Ansatz in ihrer Relevanz beschrieben werden, die individuellen Dynamiken und Kontexte riskanten Handelns nicht beschreiben können.

Wir freuen uns deshalb ganz besonders, dass wir mit diesem Sonderband "Kontexte von HIV-Neuinfektionen bei schwulen Männern" eine wichtige Ergänzung und Erweiterung für das nicht pathologisierende Verständnis von präventivem Handeln vorlegen können. In der vorliegenden vom Bundesministerium für Gesundheit geförderten und von Dr. Michael Bochow durchgeführten qualitativen Untersuchung wurden 30 narrative, leitfadengestützte biographische Interviews mit frisch HIV-infizierten Schwulen durchgeführt. Das Sample kann im Hinblick auf das Alter, die Herkunft, die Bildungsabschlüsse und die Lebensstile der Befragten als heterogen bezeichnet werden. Im kontrastierenden Fallvergleich konnten fünf Typen aus dem Material herausgearbeitet und zahlreiche Empfehlungen für die Prävention und Beratung erarbeitet werden.

Die Kontexte, in denen Risikokontakte erfolgten, sind dabei vielschichtig. Kein einziges Interview verweist auf einen Infektionshintergrund, der durch intentional praktiziertes "barebacking" bestimmt war. Anhand der Ergebnisse lässt sich festhalten, dass ein kontinuierlicher Bedarf an einer Ausdifferenzierung von Präventionsansätzen nötig erscheint, die den unterschiedlichen Lebensstilen von schwulen und bisexuellen Männern gerecht werden. Auch die verschiedenen individuellen Bedeutungszuschreibungen von HIV und AIDS sollten in der Prävention adäquater berücksichtigt werden. Deutlich wird auch, dass Präventionskampagnen, die lediglich monothematisch den Kondomgebrauch betonen, als überholt betrachtet werden können.

Das Vorwort von Dr. Dirk Sander haben wir mit freundlicher Genehmigung der DAH übernommen. Der Band "Kontexte von HIV-Neuinfektionen bei schwulen Männern" ist kostenlos bestellbar und steht als PDF zum Download parat



#1 HeidiAnonym
  • 27.06.2011, 10:11h
  • ja, ja, ja - natürlich ist Bareback nur ein Randphänomen. Man muss ja nur die Barebackclubs bei GayRomeo zählen.....
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#2 FoXXXynessEhemaliges Profil
  • 27.06.2011, 10:18h
  • Es gibt noch viel zu tun und hoffentlich wird es so bald wie möglich ein Heilmittel gegen AIDS geben!
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#3 chrisProfil
  • 27.06.2011, 10:43hDortmund
  • Also ein Randphänomen ist Barebacking auch in Deutschland bestimmt nicht. Die Überschrift wir auch mit Sicherheit nicht die sexuelle Ausübung innerhalb von Beziehungen berücksichtigen.

    Klar ist aber, dass man die Übertragung von HIV heute eben nicht mehr nur auf Kondomnutzung oder Nicht-Nutzung herunterbrechen darf. Wäre ja auch zu einfach was? Ein passiver Deep Throat könnte bei anderen STDs schon der falsche gewesen sein auch ohne AV. Wir können uns jedenfalls sehr glücklich schätzen, dass die Deutsche Aufklärung greift und die Neuinfektionen vergleichsweise gering sind. Auch wenn jede Diagnose eine zu viel ist.
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#4 BurgerBerlinProfil
  • 27.06.2011, 11:06hBerlin
  • Wahrscheinlich ist die Quote derer, die safer Sex betreiben, wirklich um ein vielfaches höher. Wen interessiert aber der Sex im heimischen Schlafzimmer. Die Medien gieren doch nach dem außergewöhnlichem – und dazu gehört auch die bekannte Schadenwand mit sexuell Amoklaufenden Barebackern, die alles mögliche an Viren nur so um sich schleudern. Sowas möchte doch der Fernsehzuschauer sehen. In der ganzen Diskussion liegt auch eine gewisse Scheinheiligkeit. Bei Gayromeo gibt es unzählige Mitglieder, die sich für „Safer Sex Immer“ in ihrem Profil aussprechen. Allerdings gibt es im verborgenen dann noch ein Zweitprofil mit ganz anderen Vorgaben. Da wird aus „Safer Sex Immer“ mal schnell die Einstellung „nach Absprache“. Gleiches gilt für eventuelles kurzes Vergnügen im Darkroom. Vielleicht nach dem Motto – wird schon nix passieren. In dem Bereich sind die Schwulen zwischenzeitlich ähnlich wie die Heten. Der kurze schnelle Gang zur Nutte mit ungeschütztem Verkehr ist da ja auch fast Standard. Am WE kann man in Berlin in bestimmten Clubs auch die seltsame Wandlung eines Sachbearbeiters mit Anbauwand auf Ratenzahlung zur Fickstute mit weit geöffneten Arsch beobachten. Das ganze wird noch durch entsprechende Billigsaufangebote gefördert. Da muss man sich nicht wundern, wenn die Infektionszahlen weiter ansteigen und gleichfalls Hepatitis im Vormarsch ist. Erschreckend ist auch das Verhalten der Touristen, die dann alles mögliche in ihre Heimatländer schleppen. Man hat halt viel Geld für die Reise bezahlt und möchte auch größtmöglichen Spaß und außerdem muss man keine Angst haben gesehen zu werden. Letztendlich liegt in diesem Treiben eine große Gefahr. Die Kosten für die Medikation von Geschlechtskrankheiten und im besonderen HIV – sind immens hoch und werden von der Allgemeinheit getragen. Falls man irgendwann einen Schuldigen für die Kostenexplosion sucht, wird man auch vor Schwulen nicht halt machen und deren Sexualverhalten an den Pranger stellen. Natürlich muss dies nicht der Wahrheit entsprechen aber es ist immer einfacher auf eine Minderheit einzudreschen.
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#5 HennesAnonym
#6 stromboliProfil
  • 27.06.2011, 11:31hberlin
  • Antwort auf #5 von Hennes
  • es entscheiden sich beide gruppen nach den selben kriterien der risikoeinschätzung mit dem unterschied, die einen sind positiv, die anderen noch nicht!
    Hoffen wir, dass es so bleibt!
    Jedes heteropaar ohne gummi ist ebenso barbacking betreibend, auch wenn ihnen der begriff nicht geläufig... eben "rational und gesundheitsbewusst die einen, die zweite(n) irrational, naiv und ... ";
    wobei der begriff des sich "krank" verhaltens, eine unverschämtheit ist!
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#7 chrisProfil
  • 27.06.2011, 11:45hDortmund
  • Antwort auf #5 von Hennes
  • #6 Stromboli hat recht.
    Der Begriff ist natürlich für den Ein oder Anderen unterscheidlich behaftet. Ich habe hier schon einmal eine Diskussion losgetreten, weil ich der Meinung bin, dass man in einer treuen, langjährigen Beziehung auf Safersex verzichten kann. Als Barebacker würde ich mich deshalb im allgemeinen Sinne selbst nicht sehen, auch wenn es Objektiv eigentlich richtig wäre. Aber das zeigt doch, dass das Wissen über die Sache wirkt. Die Bezeichnung wäre für mich nämlich ein negativer Makel mit einem fiesen Beigeschmack an Krankheit.
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#8 Nicht vernichtenAnonym
  • 27.06.2011, 12:07h
  • Antwort auf #4 von BurgerBerlin
  • Um Deine kruden Thesen einigermaßen glaubhaft zu verkaufen, müssten die Infektionszahlen in Deutschland schon anders aussehen.
    3.000 HIV-Neudiagnosen und ca. 3.000 Syphilis-Infektionen p.a. sprechen bei einem Volk von 82 Mio. Menschen nicht gerade dafür, dass halb Deutschland wild, wüst und barebackend durch die Gegend vögelt.

    Ich will diese Infektionszahlen nicht verharmlosen, aber mancher Beitrag zu diesem Thema hat wohl mehr mit Hysterie und Panik zu tun, als mit den realen Bedingungen.

    Wenn es um Sex geht, dann gibt es bei uns immer den (moralischen) Aufschrei. Ca. 400 Aids-Tote, die es pro Jahr in unseren Gefilden noch gibt, sorgen für einen riesigen Hype und die wildesten Zuschreibungen hinsichtlich des Sexlebens anderer Leute. Dass in Deutschland pro Jahr etwa 75.000 (!) Menschen an den Folgen von Alkoholmissbrauch sterben, kratzt keine Sau. Ich habe noch nie erlebt, dass man sich über die Trinkgewohnheiten anderer Leute vergleichbare Gedanken machen würde und dieses Trinkverhalten derart skandalisiert.

    Es wird alles nicht so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Das gilt gerade auch für den Bereich der Sexualität - völlig überbewertet, maßlos überschätzt und immer sind es die anderen, die die wildesten Dinge tun.
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#9 romeoAnonym
  • 27.06.2011, 12:28h
  • die bareback-clubs bei gayromeo, auf die immer derart geschimpft wird, gehen doch offen mit ihrer praxis um. also, was soll`s. zumeist treffen sich positive um miteinander spaß zu haben.

    und mal ehrlich, wenn ich mich infizieren würde, würde ich mir dieses vergnügen auch gönnen.
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#10 BurgerBerlinProfil
  • 27.06.2011, 12:42hBerlin
  • Antwort auf #8 von Nicht vernichten
  • Aber saufen ist "Allgemeingut" und ein Bestandteil aller Gruppen in der Gesellschaft und natürlich gleichfalls ein Problem. Die Masse hat aber den Nachteil sich immer die Schwächsten zu suchen. Vielleicht ist dieses Verurteilen auch ein Ausdruck des Neides auf das freizügige Sexualverhalten dieser Minderheit. Aber letztendlich bleibt die Gruppe aufgrund ihres Verhaltens angreifbar.
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