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Mutti im Koma, der Sohn findet Masken erotisch (Bild: SalzgeberMedien)

Der portugiesische Regisseur Hugo Vieira da Silva verwandelt Berlin in einen mystischen Ort zwischen Todesnähe und Lebenslust.

Von Carsten Weidemann

Ein Vater und sein halbwüchsiger Sohn kommen nach Berlin. Der Junge hat seine Mutter, die jetzt im Krankenhaus im Koma liegt, niemals zuvor gesehen, und der Vater sieht sich mit einer ungeklärten Vergangenheit konfrontiert. Die fremde, winterlich graue Stadt und die bedrohlich wirkende Klinik verunsichern beide, und auch die Wohnung der Mutter, in der der Junge mit seinem Vater unterkommt, ist bedrückend. Aber es gibt dort eine ebenso geheimnisvolle wie attraktive Mitbewohnerin, die Freundin der Mutter. Eine transsexuelle Thailänderin. Während der Vater auf Heilung hofft, geht der Junge auf Streifzüge in die Stadt. Eine aufgeladene Atmosphäre entsteht zwischen Distanz und Verlangen, zwischen Berührungsangst und Todesnähe, zwischen Langeweile und wilden Skateboard-Fahrten: Ein ungewöhnlicher Blick auf Berlin, eine packende Geschichte vom Erwachsenwerden und vom Älterwerden, eine faszinierende Reise zu den vielfältigen Formen des Begehrens und der Liebe.

Hugo Vieira da Silvas zweiter Spielfilm berührt existentielle Fragen, mit denen sich der portugiesische Regisseur selbst konfrontiert sah. Eine gute Freundin von ihm fiel ins Koma und starb nach einer Weile. Der reglose aber dennoch lebendige Körper und der abrupte Tod waren für den 26-Jährigen sehr bewegend: "Der Tod von Menschen, die uns nahe stehen, ist ein intimer Tod, er berührt uns auf intimste Weise. Und obwohl in seinem Angesicht beginnen zu verstehen, was Tod wirklich bedeutet, ist unser Blick nach innen geworfen, in die tiefsten Schichten unserer Existenz. Die Intimität entsteht, weil wir näher an unsere Gefühle herangeführt werden." Das sei etwas, was unsere Gesellschaft versucht, so gut wie möglich zu vermeiden. "Diese Nach-innen-Gerichtetheit als Weg, einen Weg in die Intimität, ist eines der Hauptthemen von "Swans". Wie soll man etwas akzeptieren, das keine Antwort bereit hält? Wie geht man um mit dem Körper, dem Anderen, dem Tod? Welche Beziehung haben Körper miteinander, auch jene, die nicht im Koma sind: von Freundin, Vater, Sohn und Mutter?"

Youtube | Offizieller Trailer

Kaum Worte, viel Körpersprache

Die Figuren sprechen wenig, da sie nicht wissen, wie sie miteinander umgehen sollen. Dafür drücken sie durch ihre Bewegungen und Taten sehr viel mehr aus. Der verzweifelte Vater, der hofft, der Sohn, der einen Masken-Fetisch entwickelt, die Transsexuelle, die ihren Körper verändert und die Mutter im Koma, die alle drei zusammenbringt. "Swans" ist fast so etwas wie ein Lehrstück in Sachen Körpersprache. Körper und ihre Ausdrucksmöglichkeiten standen bereits 2006 bei da Sivas Debüt-Feature "Body Rice" im Mittelpunkt der Betrachtung.

Der Regisseur hat zudem ein untrügliches Gespür dafür, die beredten Körper in die passenden Kulissen der Hauptstadt - wie zum Beispiel die Gropiusstadt zu setzen: "Berlin ist nicht eine, sondern zehn oder fünfzehn Städte, mit ganz verschiedenen Schichten. Die Gropiusstadt hat für jeden Berliner eine bestimmte Bedeutung. Das hat teilweise auch mit einem filmischen Gedächtnis zu tun. Verbunden mit Ideen sozialer Utopien, dann zeitweise in Vergessenheit geraten, und heute einfach ein bewohnter Ort, etwas verloren, ohne großes Sozialleben. Dort gibt es Dinge, die auf den ersten Blick gar nicht sichtbar sind, man muss erst mal Türen öffnen, um zu sehen, was da stattfindet. Es wirkt leer dort, vor allem im Winter, doch im Untergrund passiert ganz viel."

Galerie:
Swans (Drama, D/P 2010)
12 Bilder