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Schwuler Knutschen in Bogotá: Mit einem Flash-Mob demonstrierten Aktivsten im März 2011 für die Anerkennung homosexueller Partnerschaften – das Verfassungsgericht gab ihnen im Juli Recht (Bild: LGBT-UniAndes / flickr / by 2.0)

Von wegen "Kühlschrank Kolumbiens", wie die Küstenbewohner ihre Hauptstadt in 2.640 Meter Höhe über dem Meeresspiegel nennen: In Bogotá geht es heiß her!

Von Robert Niedermeier

Ein kecker Blick, Disko-Lichter zucken, ein Lächeln und schon gerät der Fernsehproduzent nach einem freundlichen "Guten Abend" ins Plaudern. Der Kolumbianer mag anfangs dreißig sein, ein enges weißes Hemd betont die sportliche Figur des Latinos und seine grün-braunen Augen funkeln attraktiv. Das wird ein schöner Flirt – inmitten dieser schrill-bunten Hölle.

"Inferno", die Hölle, lautet der Name des angesagten Promi-Clubs an der Calle 82 im Norden der Innenstadt Bogotás. Ein Tanztempel, der mit Dance- und Salsa-Hits sowie feurigguter fleischhaltiger Küche ein zumeist gemischtgeschlechtliches Publikum unterhält. Die Neubekanntschaft ist jedoch ein Homo, heißt Pedro und heute Nacht mit Arbeitskollegen unterwegs: Kostümbildner, Drehbuchschreiber, Cutter, einige jüngere Komparsen – und selbst einer der Hauptdarsteller der erfolgreichen Telenovela "La Pola" ist mit von der Partie.

Das Ensemble isst, tanzt, lacht zusammen und allesamt reden sie unaufhörlich aufeinander ein. Morgen dreht die Crew Szenen für die kolumbianische Fernsehserie, die das Leben der historisch verbrieften Nationalheldin La Pola dramatisiert nacherzählt. "Ein großer Erfolg", sagt Pedro, der nach einem weiteren kühlen amerikanischen Bier zugibt, lediglich im Producer-Team mitzuarbeiten. "Der Chef ist daheim bei Frau und Kindern", erzählt Pedro, rückt näher und fragt frech, ob sein deutsches Gegenüber noch Single sei.

Abschied vom Kokain- und Blut-Image


Performance im Club "Inferno": Wildfremde Gäste werden mit viel Tamtam als "Kuriosester Gast" gehuldigt (Bild: Robert Niedermeier)

Plötzlich tänzelt ein halbnackter, lediglich mit einer textilarmen, feinen Toga umschürzter und blass geschminkter Typ herbei. Ein zweiter spielt Schalmei, ein dritter wirft Blütenblätter über das Plauderpärchen herab. Pedro ist peinlich berührt. "Amor, Amor", ruft der Halbnackte den Namen des altgriechischen Liebesgottes und meint die innig im Gespräch vertiefen Männer an der Bar. Für das quirlige Performance-Team ist es nur eine weitere Station ihrer interaktiven Clubanimationstour. Besonders gut gekleidete, prominente Star-Gäste oder eben vermeintliche Liebespärchen, werden in jeder Nische des weitläufigen zweistöckigen Club-Restaurants aufgelauert und plötzlich mit viel Tamtam überraschend als "Kuriosester Gast" gehuldigt. Gar mit Applaus gekrönt, wenn der lustige Überfall an den Tischen oder auf der vollen Tanzfläche erfolgt.

Pedro, von den offensichtlich schwulen Clubunterhaltern glasklar als vom selben Ufer auserkoren, wirkt nicht amüsiert. Er scheint noch nicht recht angekommen zu sein: In einer neuen Zeit, die Kolumbien mehr und mehr zum Guten verändert. Das Land löst sich aus der Kettenreaktion von Gewalt und Gegengewalt komplizierter Fehden reicher Smaragd-Clans, Drogenkartellen oder wahlweise roten Revolutionären im Westen und Süden des mit tiefen Dschungeln, großen Flüssen und hohen Gebirgen gut bestückten Riesenlandes. Die Not lässt nach, die Kirche verliert zusehends an Einfluss. Der wirtschaftliche Aufschwung gedeiht kontinuierlich, schafft einen breiten Wohlstand und mehr Sicherheit auf den Straßen der Millionenmetropolen im Hochland oder an der Karibikküste.

Das Tourismusministerium geht indes offensiv und ironisch mit dem Kokain- und Blut befleckten Image aus der Vergangenheit um: "Kolumbien, das einzige Risiko ist, dass Du bleiben willst", lautet der neueste Claim der Fremdenverkehrswerber. Kolumbien hat sich gewandelt, selbst große Reiseunternehmen wie Dertour bieten Touristen seit 2010 Pauschal-Angebote an.

Homo-Ehe, Zone Rosa und Gay Hills

Kolumbiens Schwule und Lesben haben in den letzten Jahren viel erreicht. Der Verfassungsgerichtshof hat erst im Juli entschieden, dass der Kongress ein Gesetz zur Anerkennung von Homo-Paaren verabschieden muss.
In den großen Städten blüht die Szene, doch Pedro prägt die stark vom Katholizismus beeinflusste Erziehung seiner Eltern. "Ich bin noch nicht soweit wie meine Regierung", gibt er zu: "Ich sehe nicht schwul aus, warum soll ich es dann allen erzählen. Ich bin Junggeselle und frei, das reicht." Der Flirt verliert an Fahrt, doch der Alkohol macht's wieder wett…

Draußen vor dem mehrstöckigen Bachsteingebäude, das die Nachtleben-Institution Andrés D.C. beheimatet, zu dem auch das "Inferno" gehört, zieht eine schwule Männergruppe weiter. Hinaus in das auf Touristen-Karten als "Zona Rosa" zu findende Stadtgebiet. Tatsächlich reihen sich in der Umgebung der Chapinero Alto die explizit lesbisch-schwulen Lokale, weshalb die Gegend als Gay Hills oder ChapiGay bekannt ist. Ein etwas weiter im Süden liegendes Quartier weiter, in der nach Quadraten aufgeteilten Stadt, beginnt die "Zona G". Der Buchstabe steht zwar nicht für Gay, sondern Gourmet, doch ein schwulenfreundlches Viertel ist es allemal.

Bei einer Fahrt durch Bogotá ändern sich die vorbeiziehenden Bilder schlagartig. Die Stadt ist trotz der fortschreitenden sozialen Reformen nach wie vor zweigeteilt. Im Südwesten hausen die Armen, besonders im Norden zeigt sich Bogota als ein lebensfrohes, modern-urbanes Terrain für die Mittel- und Oberschicht.

Die "Cachacos" aus dem "Kühlschrank Kolumbiens"


Fast wie damals am Prenzlberg: Die Avenida Jiménez de Quesada ist die Hochburg der alternativen Szene Bogotás (Bild: Robert Niedermeier)

"Der Kühlschrank Kolumbiens", so nennen die Menschen aus den Karibikstädten die Hauptstadt Kolumbiens. Die Leute von Barranquilla und Cartagena, die Costeros, meinen die gut gekleidete, wohl auch etwas steife Bevölkerung im Norden Bogotás, wenn sie mit Witz über die schicken "Cachacos" aus dem kühlen Süden lästern.

Hoch über den Meeresspiegel auf 2.640 Metern im landesinneren auf einer von drei Bergketten (Kordilleren) gelegen, wurde Bogotá zu Zeiten der spanischen Eroberer nicht nach klimatischen Erwägungen, sondern nach strategischen Gesichtspunkten zum Zentrum des neuen Territoriums aufgebaut.

Zur Sommerfrische ins Warme fuhren damals wie heute wohlhabende Hauptstädter ins malerische Villa de Leyva hinunter – auf immerhin noch hochalpinen 2.149 Höhenmetern und heißen Quellen im Umland. "In diesem fast fünfhundert Jahre alten Kurort drehen wir morgen. Die legendäre La Pola bewohnte dort während des Unabhängigkeitskrieges ein Stadthaus", erzählt Pedro am nächsten Morgen in der Altstadt Bogotás. Die Komparsen, in historischen Uniformen gezwängt, warten in der Sonne. Lehnen sich lässig an der aufgewärmten Wand des Außenministeriums in der Nähe des Theaters Colón. Sie warten geduldig auf ihren nächsten kurzen Einsatz. Pedro ist müde: "Die letzte Nacht war lang."

Gelegenheit zum Amüsieren gibt es schließlich genug in Bogotá. Südlich der Gourmetzone verläuft die Carrera Séptima. Die Flaniermeile markiert die Grenze von Alt- und Neustadt. Dort tobt das Leben. Immer wieder wird der komplette Boulevard aufgrund von Volksfesten für Autos gesperrt. "Die Straßenkünstler, die dann auftreten, leben gleich hier ums Eck", weiß Pedro. In Begleitung spaziert er links an dem schicken Hotel im Kolonialstil vorbei und berichtet: "Gentrifizierung ist ein Thema." Die Studenten hätten das Quartier vor über zehn Jahren unterhalb des 3.152 Meter hohen Berges Monserrate für sich entdeckt. Die vielen kleinen nahen Unis, das historische Zentrum und die grünen Nebelwälder in unmittelbarer Nähe, zudem eine sinkende Kriminalitätsrate; das macht die Gegend begehrt. "Die Mieten steigen", rechnet Pedro vor beim Flanieren entlang der bunten Fassaden mit verspielten Balkonen.

Punkfrisuren, Tattoos und Nippelringe

Ein alternativer Lebensstil bestimmt bislang das Künstler-Quartier, vergleichbar mit Teilen Berlins, Oslos oder Barcelona. Punkfrisuren, Tattoos, Nippelringe und urige Cafés, chaotisch wirkende Kunstgalerien und eine historische Bausubstanz verbreiten ein Flair, das in den Neunzigern im Berliner Prenzlauer Berg vorherrschte.

"Hier leben viele Homosexuelle", traut sich Pedro das wenig katholische Wort laut auszusprechen und meint die vielfältige, links-alternativ und intellektuell geprägten Alltagswirklichkeit entlang der Avenida Jiménez de Quesada.

Hier oben an der natürlichen Grenze der acht Millionen Einwohner zählenden Stadt, tragen die Straßen Namen berühmter Persönlichkeiten, die auch in der Telenovela "La Pola" als romantisierte Rollen auftauchen. Oben auf dem Monserrate hallen die Kirchenglocken der zum Kloster gehörenden Pilgerkapelle "Zum gefallenen Herren" dröhnend mit Lautsprecher verstärkt ins Tal auf die Stadt hinab. Die Queer gepolte Harmonie am Fuße des Berges stört das nicht.

Nur Pedro errötet schon wieder. Der schwule aber zugleich erzkatholische Erwachsene hat ein großes Graffiti entdeckt. Batman knutscht in inniger Umarmung seinen Robin. Der hübsche Pedro lächelt verlegen. Scheinbar eingeschüchtert im Schatten des hohen Berges mit dem mächtigen weißen Klostergebäudes.

Youtube | CSD auf Kolumbianisch: Video vom Marcha del Orgullo Gay Bogotá am 26. Juni 2011


#1 FoXXXynessEhemaliges Profil
  • 08.08.2011, 14:45h
  • Die meisten Menschen verbinden mit Kolumbien in aller Regel zwei Begriffe: Kaffee, die Drogenmafia und Sängerin Shakira. Aber das Land und auch die Hauptstadt Bogotá haben schöne Seiten und diese wurden im Artikel auch ausführlich beschrieben. Das macht Lust auf Urlaub!
  • Antworten » | Direktlink »
#2 AkkileinAnonym