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Auch Diven können gehörig abstürzen... (Bild: Salzgeber Medien)

Regisseur Cam Archer ("Wild Tigers I Have Known") hat in seinem neuen Film bildgewaltige Fantasien über Identität und Sein geschaffen.

Von Carsten Weidemann

Colleen West steht am Ende ihrer Karriere als Schauspielerin. Der letzte Vorhang des Theatertriumphs "Star Witness" ist gefallen, ihre Affäre mit dem jugendlichen Schauspielkollegen Harvey beendet, das letzte Fernsehinterview gegeben. Ihr Agent schickt Grüße aus dem nicht mehr interessierten Hollywood. Die Diva zieht sich in eine Hütte in den Bergen zurück und versucht, von Baulärm und aufdringlichen Nachbarn gestört, das "Scheißjahr" zu vergessen. Sie hat Angst vor der Einsamkeit und davor, nichts mehr zu verlieren zu haben...

Die ergreifende Geschichte über einen alternden Hollywood-Star ist Cam Archers zweiter Spielfilm nach seinem aufsehenerregenden, von Gus van Sant produzierten Spielfilmdebüt "Wild Tigers I Have Known". Erneut verzichtet er auf eine lineare Erzählung, lässt Beobachtung, Reflexion, Traumsequenzen und Spielszenen in halluzinierenden Bildern ineinander fließen und mit einem kunstvollen Sound-Design aufladen. Erneut arbeitete Archer dabei mit dem Kameramann Aaron Platt und seinem Bruder, dem Komponisten Nate Archer, zusammen. Mit seinen faszinierenden Schwarzweiß- Bildern, seiner experimentellen Erzählstruktur und der grandiosen, an ihrer eigenen Karriere angelegten Darstellung durch Ellen Barkin in der Hauptrolle sorgte "Shit Year" bei seiner Uraufführung in Cannes 2010 für Aufsehen.

Youtube | Offizieller Trailer

Die erotische Schauspielerin, der jugendliche Lover

Ellen Barkin in einem experimentellen Indie- Spielfilm als alternde Ex-Hollywood-Diva zu besetzen, ist eine originelle Casting-Idee, die doppelbödig mit der Frage spielt, wie viel von Barkin eigentlich in Colleen West (oder umgekehrt: wie viel Colleen West eigentlich in Ellen Barkin) steckt. Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere Mitte der 1980er bis Mitte der 1990er Jahre war Ellen Barkin eine der erfolgreichsten weiblichen Stars in Hollywood - zumeist besetzt als erotische, selbstbewusste Herausforderung für Männer wie Dennis Quaid (The Big Easy), Al Pacino (Melodie des Todes), Mickey Rourke (Johnny Handsome), Gabriel Byrne (Siesta) oder Laurence Fishburne (Bad Company). Immer wieder glänzte sie aber auch mit schrägen Rollen in Independent-Filmen. Cam Archer hatte sich sehr bewusst für die entschieden, nachdem er einen ganz besonderen Traum hatte, in dem ihm ein Schatten große Angst einjagte: "Monate später übertrug ich dieses Bild auf die Figur der Colleen West, einer Schauspielerin, die durch Verlust und Enttäuschung emotional in einzelne Teile zerbrochen war. Sie sollte für mich den Schatten jagen."

Menschen, die berufsbedingt vortäuschen, jemand anderes zu sein, faszinieren Archer. "Ich mag, dass man von ihrem Erfolg als Schauspielerin nur sehr wenig erfährt, obwohl es eindeutig ist, dass sie in der Vergangenheit wie in der Gegenwart durch ihre Arbeit, ihr Handwerk definiert war und ist. Wird einem das genommen, was einen definiert, oder wird man davon abgehalten, das zu tun, was man am besten kann, wird das, was einen zusammenhält, brüchig." Cam Archer zeigt auf jeden Fall, das er als eines der interessantesten Regietalente des amerikanischen Independent-Kinos bezeichnet werden muss. Das möge ihm niemand so bald nehmen...