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Kein moralisches Drogen-sind-scheiße-Buch, aber auch kein Rausch-Ratgeber: "Porträt eines Süchtigen als junger Mann"

Der S. Fischer Verlag hat mit "Porträt eines Süchtigen als junger Mann" die schockierende Autobiografie des amerikanischen Literaturagenten Bill Clegg auf Deutsch veröffentlicht.

Von Angelo Algieri

Erfolgreich - sexy - schwul - und: süchtig. Nach Crack und Alkohol. Das war der amerikanische Literaturagent Bill Clegg. Seine Autobiografie "Porträt eines Süchtigen als junger Mann" ist nun auf Deutsch im S. Fischer Verlag erschienen.

Der gutaussehende Bill Clegg, damals 34-jährig, entschwindet eines Tages aus seinem "normalen" Leben, in dem er doch eigentlich alles hatte: einen verständnisvollen Partner, Freunde und beruflichen Erfolg. Doch Clegg gibt seine eigene New Yorker Literaturagentur auf. Grund: Seine Cracksucht hat von ihm ganz Besitz ergriffen. Er verkriecht sich mit knapp 80.000 US-Dollar in unterschiedlichen Hotelzimmern, meist in Manhattan. Sein verzweifelter Freund Noah versucht ihn per Handy zu erreichen. Doch zwecklos. Denn er hat sich schon mit Crack und Flaschen von Wodka versorgt. Seine Paranoia zwingt ihn von einem Hotel zum anderen zu gehen - für knapp zwei Monate. Soweit der Haupterzählstrang.

Vom Pinkelproblem zur Bilderbuchdrogenkarriere


Schrieb sich die Wahrheit vom Leib: Bill Clegg

Hingegen beschreibt der zweite Erzählstrang Episoden aus der Kindheit. Cleggs traumatisches Erlebnis: Bis zur Pubertät kann er nicht richtig pissen. Er muss sich um den Urindruck zu entledigen, einen Tanz vor der Schüssel veranstalten. Dabei pisst er daneben. Diese Scham und Peinlichkeit versucht er vor den Eltern zu kaschieren - am Anfang gelingt es ihm nicht. Doch entwickelt er im Laufe der Zeit erfolgreiche Strategien, um nicht aufzufallen.

Der dritte Erzählstrang erzählt von seinen ersten Erfahrungen mit Alkohol, Sex, Drogen, aber auch von der ersten Begegnung mit der Literatur. Der Zeitraum erstreckt sich von der Pubertät bis hin zu seiner Selbständigkeit mit knapp 30 Jahren. Seine ersten Male: Alkoholtrinken bereits mit 12 Jahren; zur Highschoolzeit: Crystel Meth, Kiffen und Sex mit bester Freundin; mit 25 Jahren: Sex mit Männern und erste Erfahrung mit Crack. Kurz: eine Bilderbuchdrogenkarriere.

Showdown dieser Autobiografie ist Cleggs verunglückter Selbstmordversuch: Mit seinem letzten Geld kauft er sich Crack, Wodka und Schlaftabletten. Im Suizid sah er den letzten Ausweg aus Sucht und Schmach. Doch im letzten Augenblick retten ihn Noah und ein Privatdetektiv. Im Krankenhaus und auf Reha schreibt er sich die Wahrheit vom Leib. Daraus entstand diese Autobiografie.

Youtube | Interview mit Bill Clegg im US-Kabelfernsehen

Die komplett nüchterne Beschreibung einer Sucht

Nein, Autor Clegg hat kein moralisches Drogen-sind-scheiße-Buch geschrieben. Denn der Stil hat einen sterilen, dokumentierenden Charakter. Erstaunlich, weil Clegg seine eigene Geschichte aufschreibt. Wahrnehmungsverben und -adjektive: Fehlanzeige. Zudem kommen Emotionen so gut wie gar nicht vor. Als ob Clegg kein Mitleid oder Mitgefühl vermitteln will. Allerdings auch kein Ekel oder Abscheu.

Weitere Besonderheit: Clegg beschreibt genau wie die Suchtparanoia überhand gewinnt und er die Strategie des Kaschieren und Verblenden meisterhaft beherrscht und nachzeichnet. Wobei er präzise aufzeigt, dass er dieses Kaschieren sehr gut aus seiner Kindheit mit dem Urinproblem gelernt hat.

Allerdings gibt es in diesem Buch einige Schwächen: Man bekommt den Eindruck, dass Clegg selbst nicht weiß, welche Form er seiner Drogenerfahrung geben möchte. Für eine Autobiografie fehlen Daten oder wahre Namen statt der Pseudonyme. Hingegen ist dieses Buch für einen autobiografischen Roman zu wenig literarisch. Auch fehlen Reflexionen oder im Rauschzustand brillante oder verwirrende Gedanken. Ich hätte mir ein konsequentes Konzept gewünscht.

Zudem überzeugt die im sterilen Dokumentationsstil ab und an eingestreute bedeutungsschwangere, bildreiche Sprache nicht. Etwa "entrollender Drache" für ausbreitender Crackrauch. Ein Übriges ist auch der teils behäbigen und holprigen Übersetzung von Malte Krutzsch geschuldet.

Clegg, Jahrgang 1974, hätte sich ein Beispiel an Hunter S. Thompson ("Angst und Schrecken in Las Vegas") oder Karl Ove Knausgård ("Sterben") nehmen sollen, wie eigene Erfahrungen in eine konsequente Form gegossen werden können. Trotz des spannenden, schockierenden Drogenthemas in der Manhattaner High-Society, bleibt Clegg weit unter seinen Möglichkeiten. - Ist diese Autobiografie mit Mitte dreißig vielleicht nicht doch zu früh geschrieben worden?

Bill Clegg: Porträt eines Süchtigen als junger Mann. Aus dem Amerikanischen von Malte Krutzsch. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011. 19,95 €



#1 FoXXXynessEhemaliges Profil
#2 PierreAnonym
  • 17.09.2011, 17:17h
  • Ist klar, dass Massenkommentare hier ausbleiben, weil das Thema 'Sucht' in fast keiner anderen Gruppe so verleugnet wird, als bei Lesben und Schwulen.
    In erster Linie sind dies die traditionellen Drogen (Alkohol, Zigaretten), aber natürlich sind in den letzten 30 Jahren noch andere Suchtmittel hinzu gekommen.
    Fast überall, wo sich Schwule treffen, spielt z. B. Alkohol eine große Rolle.
    Ist es bei Heterosexuellen schon schwierig, bei Betroffenen eine eigene Einsicht zu entwickeln, so ist dies bei Schwulen fast unmöglich.
    Nach dem Motto "Lieber Nass untergehen als trocken glücklich sein" wird oft bis zur absoluten Isolation und zum Tode gesoffen.
    Ein eigener Versuch, innerhalb schwuler Communities
    Sucht-Selbsthilfe zu installieren, isr kläglich gescheitert. Dies verträgt sich keinesfalls mit Erkenntnissen, dass Suchtmittelabhängigkeit bei Lesben und Schwulen überdurchschnittlich hoch ist.
    Nur wenige schwule / lesbische Suchtmittelselbsthilfeprojekte laufen einigermaßen erfolgreich. Meistens nur in sehr großen Städten.
    Leider wird das Thema von den meisten bis zum bitteren Ende verleugnet, aber den Effekt kennen wir ja auch von anderen Verhaltensweisen (Bareback).
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#3 Malte KrutzschAnonym
  • 21.09.2011, 13:29h
  • "Ein Übriges ist auch der teils behäbigen und holprigen Übersetzung von Malte Krutzsch geschuldet."

    Na ja, ich fand meine Übersetzung nicht
    holprig und behäbig, sonst hätte ich
    das geändert. Malte Krutzsch
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