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Benedikt XVI. im Bundestag

Die brandgefährliche Rede des Papstes


Viele waren über die Rede des Papstes im Bundestag erleichtert. Doch eine kritische Sicht auf seine klassische Naturrechtslehre blieb aus

Ein Gast-Kommentar zur Rede von Benedikt XVI. im Deutschen Bundestag.

Von David Berger

Die Rede Papst Benedikts XVI. im Bundestag hat quer durch fast alle Parteien und Medien sehr schnell großen Zuspruch gefunden. Man zeigte sich erleichtert, dass der Papst nicht durch antisemitische, homophobe oder frauenfeindliche Thesen aufgefallen und ganz im akademisch-ruhigen Ton theoretischer Erwägungen geblieben ist.

Auf der Basis dieser Erleichterung blieb eine kritische Sicht auf die vom Papst in den Mittelpunkt gestellte klassische Naturrechtslehre weithin aus oder sie wurde gar völlig falsch als Plädoyer für die ökologische Bewegung interpretiert. Die Rede war alles andere als das. Sie war eine große Apologie für das klassische, vormoderne Naturrecht, das die Basis aller politischen Entscheidungen sein muss - und zwar jenseits aller demokratischen Meinungsfindung. Dabei wurde bewusst mit dem sehr weiten Begriff des Naturrechts gespielt, der - wie der Begriff "Natur" auch - äußerst dehnbar ist. So ist allbekannt, dass etwa das antike Naturrecht, dass der Papst hoch leben lässt, die Sklaverei als im Naturrecht verankert sieht.

Mittelalterliche Lehre als wichtigste Argumentationsbasis


Outete sich im April 2010 in der Frankfurter Rundschau als homosexuell: David Berger

Dass diese mittelalterlich-frühneuzeitliche Naturrechtslehre, die heute kein ernst zu nehmender Wissenschaftler mehr vertritt, für Benedikt die wichtigste Argumentationsbasis in fast allen heiß umstrittenen Fragen ist, hat offensichtlich keiner bemerkt: die Minderbewertung der Frau in der Kirche, die Ächtung der Homosexuellen, die Verteufelung der künstlichen Verhütungsmittel usw. So wird besonders im Bereich der Homosexualität vom Papst und anderen kirchlichen Dokumenten immer wieder deren Widernatürlichkeit unterstrichen.

Die Berufung auf das Naturrecht bildet sogar die Basis nicht mehr nur praktizierte Homosexualität, sondern sogar die Veranlagung strikt abzulehnen: Schon die homosexuelle Veranlagung ist für den Papst etwas, was gegen die von Gott ursprünglich gewollte Natur steht (Licht der Welt, 180). Dass diese in staatlichen Zusammenhängen nicht mit der Bibel, sondern mit dem Naturrecht begründet wird, macht die Sache umso gefährlicher. Denn dieses vom Papst postulierte Naturrecht ist nicht demokratischen Abstimmungen anheim gegeben und völlig unabhängig von religiösen Bekenntnissen. Es bindet alle Menschen und Völker aller Zeiten vor jeder demokratischen Abstimmung. Wo ein Staat sich nicht an diese von Benedikt favorisierte Rechtsbasis hält und z.B. gleiche Recht für gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften einführt, wird er zur "Räuberbande" (Benedikt zitiert hier Augustinus). Das Naturrecht bildet die ideologische Basis für den Vatikan, auf der er auf völkerrechtlichen Konferenzen mit Staaten wie Saudi-Arabien und dem Iran eng zusammen arbeitet, um dort einen Abbau von Frauen, Religionskritiker und Homosexuelle diskriminierenden Gesetzen zu verhindern.

Wenn man diese Zusammenhänge bedenkt, die sich eindeutig aus dem gesamten Denken Benedikts und den Interventionen des Vatikans in den letzten Jahren in gesellschaftlichen Fragen ergeben, ist man sehr verwundert, wie positiv diese Rede auch von jenen aufgenommen wurde, die seit vielen Jahren eben jene menschenverachtenden Aktionen des "Heiligen Stuhls" hart kritisieren."

Dr. theol. habil. David Berger war früher Herausgeber der Zeitschrift "Theologisches" mit einer Professur an der Päpstlichen Akademie des Heiligen Thomas von Aquin. Nach seinem Coming-out im April 2010 wurde er dort entlassen. Im Mai 2011 entzog ihm das Erzbistum Köln zudem die kirchliche Lehrberechtigung zur Erteilung von katholischem Religionsunterricht.



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#1 kokAnonym
  • 27.09.2011, 11:57h
  • Ich kann diesen Kommentar nur zustimmen. Ein Papst als "unser allerliebster Opa", wie es der Spiegel mal kurz geschrieben hat, den gibt es nicht. Das Berufen auf die Vatikantreue deutet in die immergleiche Ecke: Machterhalt und Festhalten an uralten Denkmustern und Strukturen.

    Da Herr Berger an einer Akademie ausgebildet wurde, die ausgerechnet den Namen des "Heiligen" trägt, auf den sich unter anderem ein großer Teil die problematische Weltsicht der Kirche zurückführen lässt, würde mich interessieren, wie hier ein Umdenken stattgefunden hat und wie die Kirche umgeht mit Kritik an den eigenen Stützpfeilern. Oder kommen die kritischen Töne erst nach dem Outing?

    Ich fände es gut, wenn die Kirche es irgendwann nicht mehr so leicht hat, sich selbst "sauber" zu halten und auch kritische, moderne und aufgeklärtere Stimmen Gewicht bekommen würden. Aber das ist wohl das gleiche Problem wie mit den schwulen Fußballern ;)
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#2 C. S. BergstedtAnonym
  • 27.09.2011, 11:59h
  • Danke!

    Eine solche Klarstellung vermisse ich in der Presse seit Tagen. Mit Verwunderung verfolgte ich die allseits positiven Kommentare zur Rede des Papstes. Ich konnte es mir nur damit erklären, dass die Parlamentarier und Journalisten nicht in der Lage waren, den tatsächlichen Inhalt der Rede zu verstehen und sich daher von einer scheinbaren rhetorischen Eleganz blenden ließen.

    Die von der katholischen Kirche vertretene Naturrechtslehre ist gefährlich, da sie es der Kirche erlaubt, fast beliebige in der Wirklichkeit (der „Natur“) zu findende Strukturen für gottgewollt und andere für unmoralisch zu deklarieren.
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#3 Geert
  • 27.09.2011, 12:00h
  • Schon als der Name Augustinus fiel, war mir bewusst, was kommen würde: Der Bezug auf die Naturrechtslehre!

    Ich bekam das Gruseln, als ich sah, wie alle Abgeordneten, einschließlich Volker Beck und die Grünen, begeistert Beifall klatschten. Noch schlimmer war es, dass selbst die Medien nicht sofort gemerkt hatten, über was Ratzinger da gesprochen hatte.

    Alle, die sich schwulenpolitisch mit den christlichen Kirchen abkämpfen, sollten hierdurch noch einmal darin erinnert werden, dass in den verschiedenen Kirchen unterschiedlich argumentiert werden muss:
    Während mit Evangelikalen über einzelne Bibelstellen diskutiert werden sollte, ist die Kenntnis über die Naturrechtslehre bei der Diskussion mit katholischen Amtsträgern von größter Wichtigkeit!
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#4 Meleg29Profil
  • 27.09.2011, 12:15hCelle
  • DANKE an David Berger für diese wirklich klärende Darstellung! Hoffentlich wird er mit seiner Sicht von einer breiteren Menge gelesen und beachtet - das wünsche ich ihm!!!

    Und Danke an C.S. Bergstedt (Kommentar #2).

    Es ist ja verfahren ... was sagt die kath. Kirche z.B. zu Homosexualität im Tierreich?
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#5 HHAnonym
  • 27.09.2011, 12:18h
  • Ein sehr guter Kommentar! Auf den ersten Blick war glaube ich jeder von der intellektuellen Wucht der Rede beeindruckt. Beim Nachdenken und zum Teil bei der Klärung, was genau der Papst unter Naturrecht versteht, wurde vielen erst klar, was da eigentlich im Bundestag passiert war. Seit dieser Rede sollte aber auch dem letzten klar geworden sein, dass mit diesem Papst keinerlei Reformen möglich sein werden. Er selbst fühlt sich im Besitz der Weisheit, der katholischen Naturrechtslehre und kann folglich gar nicht anders handeln als er es tut. Insofern ist er schon konsequent. Vermessen ist aber, dass er das katholische Naturrecht als einzig akzeptable Rechtsbegründung akzeptiert und alles andere gesetzte (positives) Recht als Positivismus oder Relativismus geißelt. Als hätte es keine Aufklärung gegeben. Hoffen wir, dass sich diese Organisation entsprechend dem Wunsch des Papstes entweltlicht, gesund schrumpft und auch für die breite Mehrheit der Abgeordneten im Bundestag redundant bleibt bzw. wird.
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#6 goddamn. liberalAnonym
  • 27.09.2011, 12:20h
  • Antwort auf #3 von Geert
  • Tja, solange wir oder zumindest viele von uns denken, unsere Interessen wären bei der eifrig dem raffinierten Römling Beifall klatschenden Claudia Roth gut aufgehoben, brauchen wir uns über NICHTS zu wundern.

    Und allen allzu stolzen Atheisten sei ins Stammbuch geschrieben, dass dieser widernatürliche naturrechtliche Ratzingerismus auch ganz gut ohne Gott funktioniert - zumindest in Bella Italia, wie Frau Fallaci und Herr Ferrara belegen, der von Marx zu Leo Strauss rübergewandert ist..

    en.wikipedia.org/wiki/Giuliano_Ferrara
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#7 herve64Profil
  • 27.09.2011, 12:27hMünchen
  • Was mich mehr irritiert als die Papstrede sind die unkritischen Reaktionen darauf, besonders die seitens der Medien. Es wird sich in der Öffentlichkeit viel zu wenig damit auseinander gesetzt, und wenn, dann höchstens mit äußerstem Wohlwollen durch die Springer-Presse oder Herabwürdigung als "erstarrt" oder "stillstehend" und "nichtssagend" durch andere Publikationen. Und die Standing Ovations seitens der Bündnisgrünen zeigen, wie leicht es doch ist, eine angesprochene Zielgruppe um den Finger zu wickeln, so man ein geschickter Rhetoriker ist. Das ist übrigens auch eine Schwäche innerhalb unserer Community, wenn man jeden aufgeworfenen Sachverhalt wohlwollend betrachtet, nur weil darin das Wort "schwul" vorkommt z. B..
    Insofern halte ich diesen Gastkommentar für eminent wichtig hier.
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#8 Ulli_2mecsProfil
  • 27.09.2011, 12:31hHamburg
  • ich stimme Herrn Berger zu - in seiner Analyse bzgl. des Naturrechts, und seiner Bewertung "brandgefährlich",

    Hinzu kommt m.E., dass Herr Ratzinger in seiner Rede (zum wiederholten mal) seine anti-moderne Haltung und Intentionen zum Ausdruck bringt. Er versucht, die Geschichte zurück zu drehen - hinter die Aufklärung, die er m.E. letztlich bekämpft - und damit eine der Grundfesten unserer Gesellschaft.

    Folgt man Ratzingers Argumentation in Sachen Naturrecht, gibt es nur noch einen, der entscheidet - den "spiritus rector", und da der sich so selten verbal äußert, sein 'Stellvertreter', eben Herr Ratzinger in seiner derzeitigen Funktion als Papst. Eine zutiefst anti-demokratische Vorstellung ...

    www.2mecs.de/wp/?p=3815
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#9 JoonasAnonym
  • 27.09.2011, 12:41h
  • Es war ja schon vorher klar, dass der Papst vor seiner Bundestagsrede Kreide gefressen hat und nicht offen gegen Frauen, Homosexuelle, andere Religionen, etc. hetzt.

    Aber auch wenn er das nicht offen sagt, bleiben seine Meinungen und die entsprechenden kirchlichen Vorschriften bestehen. Und: er nutzt viel perfidere Methoden und Tricks, um die Menschen zu manipulieren:

    da wird eine angeblich theoretisch-akademische Rede gehalten, die nur ganz allgemein über Glaube, Recht und Politik handeln soll. Aber in Wirklichkeit hat er nicht weniger als das Ende der Demokratie gefordert! Er postuliert ein (erfundenes) Naturrecht, das über Meinungen und Ansichten von Menschen, und damit auch über Demokratie und Recht, steht.

    Das ist reinstes totalitäres Gedankengut, nur wurde es so verpackt, dass die meisten Parlamentarier und Bürger es wohl nicht bemerkt haben.
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