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Nachkriegsdeutschland

Angeklagt nach Paragraf 175


Ein 16-Jähriger lässt sich von einem anderen Mann verführen - und landet vor Gericht

Wolfgang Ehmer thematisiert in seinem Roman "Anderer Welten Kind" die staatliche Schwulenverfolgung in der Bundesrepublik der 50er Jahre

Von Angelo Algieri

Der § 175 StGB führte im Nachkriegsdeutschland zu vielen Verurteilungen. Die höchste Anzahl an verurteilten Männern gab es Ende der 1950er Jahre: 1957: 3.124, 1958: 3.182 und trauriger Höhepunkt 1959 mit 3.520 Verurteilten. Soweit die anonymen Zahlen des Statistischen Jahrbuches. Doch haben wir heute noch eine Vorstellung, was es heißt, mit einem Paragrafen zu leben, der die "Unzucht zwischen Männern" verfolgt?

Eine emotionale und plastische Annäherung, wie sich dieser Paragraf im Wirtschaftswunderland der jungen Bundesrepublik auswirkte und welche verheerenden Folgen es für Einzelne bedeutete, zeigt der Autor und Historiker Wolfgang Ehmer, Jahrgang 1947, in seinem Roman "Anderer Welten Kind". Er ist im Berliner Querverlag erschienen.

Herbst 1957: Der 16-jährige Protagonist Christian, der in einem Lübecker Vorort wohnt, hat eine geheime Leidenschaft: Er zeichnet gerne. Er möchte seine Zeichnungen dem freigelassenen Kunstfälscher Malskat - den es wirklich gab - zeigen. Er geht zu seinem Atelier. Doch stattdessen trifft er Malskats schwulen Assistenten Ricky. Dieser zeigt ihm die Malerei des Meisters. Und auch eines von Rickys Kunstwerken: nackte Jünglinge, die im Wasser toben, sich gegenseitig blasen und küssen. Ein schockierendes Bild für Christian. Zumal (Homo-)Sexualität vollkommen tabuisiert ist.

Beim ausgelassenen Fotoshoot kommt es zum schwulen Sex

Verstört und doch irgendwie angezogen von diesem Bild geht Christian nach Hause; behält sein Geheimnis für sich. Er trifft sich daraufhin ein paar mal mit Ricky, der ihm weitere Kunstwerke in Lübeck zeigt. Christians Absicht: über Ricky Malskat kennenzulernen. Während Ricky immer geiler auf Christian wird. Kurz nach Weihnachten lädt Ricky Christian in seine Wohnung ein. Einem Foto des Schweizer Homomagazins "Der Kreis" nachahmend, stylt Ricky Christian als Halbstarken. Der 16-Jährige fühlt sich wie James Dean: rebellisch und selbstbewusst. Auch Ricky verkleidet sich: als Frau. Beide albern und schießen Fotos, bald küssen sie sich und haben Sex.

Ihr Geheimnis währt jedoch nicht lange: Die eindeutigen Fotos werden entdeckt, als die "obszönen" Bilder von Ricky auffliegen. Christian wird von der Polizei in der Schule verhört - in Anwesenheit seiner Mutter. Mit dem Versprechen, nicht vor Gericht und somit der Öffentlichkeit auszusagen, gesteht Christian den schwulen Sex mit Ricky. Die Eltern sind geschockt, empfinden es als Schande. In der Schule wird Christian gemobbt. Auch wenn sein bester Freund zu ihm hält, fühlt er sich immer mehr isoliert und unverstanden. Als er doch vor Gericht aussagen soll, sieht Christian nur eine Lösung: Selbstmord.

Was uns der Autor Ehmer auftischt, ist bittere Kost: Bestrafung und Verächtung von Homosexualität von Staatswegen, gegarnt mit der Prüderie der 50er Jahre. Traurige Geschichten, wie sie tatsächlich in der Nachkriegszeit stattgefunden haben. Selbstmord war für Jugendliche und Männer in einer solchen Lage ein Ausweg. Und es traf, ähnlich wie bei Christian, Jugendliche, die sich ihrer sexuellen Identität noch nicht sicher waren. Als er mit Ricky Sex hat, ist Christian mit Helga zusammen. Das große Verdienst dieses Romans: Er zeigt sehr plastisch, welche absurden Auswirkungen - mittelbar und unmittelbar - der beschämende Paragraf hatte.

Die dramatische Geschichte erstickt im ausufernden Detailreichtum


Die Abschaffung des §175 war eines der Hauptziele der jungen westdeutschen Schwulenbewegung

Doch Empörung oder gar Wut nach der Lektüre: Fehlanzeige. Denn Ehmer bleibt leider mit seiner Sprache und Stil im Mief der 50er Jahre hängen. Lange Sätze, gepaart mit ausufernden Detailkenntnissen - von der Inneneinrichtung bis hin zu den Kleidungen -, erstickt die eigentliche dramatische Geschichte des Jugendlichen.

Darüber hinaus ist das Ende spätestens nach 50 von 400 Seiten vorhersehbar: wie langweilig! Es fehlen eindeutig die Brüche - im Plot wie im Verhalten der Figuren. So versucht der Autor, uns jeden verständlich zu machen. Man kann sich etwa über Christians Vater, der in der SS war und sich immer noch in den 50er Jahren mit den alten Kameraden trifft, nicht ärgern. Denn Ehmer erklärt uns genau, weswegen der Vater aus biografischen Gründen so geworden ist und handelt. Man kann sich an einzelnen Figuren nicht reiben. Alles bleibt verständnisvoll harmonisch: wie schrecklich! Wolfgang Ehmer heftet sich zu nahe an Erwartetem (teils Klischeehaftem) und an der Historie fest. Mehr Mut zur Fiktion, weniger historische Details wären besser gewesen. Auch eine Kürzung und Straffung hätte diesem Roman gut getan.

Der in Köln lebende und verheiratete Autor hätte einen empörenden Diskussionsbeitrag zur Entschädigung von Prozessopfern des § 175 in der bundesrepublikanischen Nachkriegszeit liefern können. Eine verpasste Chance!

Wolfgang Ehmer: Anderer Welten Kind. Roman. Querverlag, Berlin 2011. 421 Seiten. 14,90 €



#1 JoonasAnonym
  • 29.09.2011, 14:37h
  • Nicht nur, dass der Nazi-Paragraph 175 auch nach dem Krieg noch Jahrzehnte existierte und erst Beginn der 90er endgültig abgeschafft wurde, sondern die Opfer des § 175 sind weder rehabilitiert noch entschädigt worden.

    Das ist ein Skandal!!
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#2 ad tributumAnonym
  • 29.09.2011, 14:51h
  • "Das große Verdienst dieses Romans: Er zeigt sehr plastisch, welche absurden Auswirkungen - mittelbar und unmittelbar - der beschämende Paragraf hatte."

    50er

    "beschämende"

    Ist das Adjektiv von Ehmer oder Algieri?
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#3 FoXXXynessEhemaliges Profil
#4 Knueppel
  • 29.09.2011, 15:20h
  • In einer norddeutschen Kleinstadt aufgwachsen, habe ich als Jugendlicher mitbekommen, wie ein schwuler Geschäftsmann, der ein Doppelleben als "heterosexueller" Ehemann und Familienvater führte, nach dem Auffliegen seiner Tarnung systemathisch in den Selbstmord getrieben wurde.

    Bigotterie, Homophobie und engstirniges Denken der "Ureinwohner" hat mich dazu getrieben dieses Kaff zu verlassen und ich habe mir geschworen nie wieder in einer Kleinstadt oder gar einem Dorf zu leben ...
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#5 Kristian
  • 29.09.2011, 15:35h
  • Nicht, dass viele Schwule etwas aus dieser Geschichte gelernt haben (siehe Umgang mit Homopädophilen usw)...
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#6 Fiete_Jansen
  • 29.09.2011, 15:46h
  • Antwort auf #1 von Joonas
  • Ein Skandal? BRD "rechtsstaatlicher" Normalzustand!

    Und warum wurde 1994 der §175 ersatzlos gestrichen?

    Ein herzlicher Dank geht dabei wieder einmal an den "Unrechtsstaat" Deutsche Demokratische Republik.

    Nur durch die erzwungene Rechtsangleichung an DDR Recht wurde dieser Schandparagraph gestrichen. CDU/CSU und FDP haben sich nach der Annektierung noch jahrelang dagegen gestreubt.
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#7 atheistAnonym
  • 29.09.2011, 15:47h
  • Antwort auf #3 von FoXXXyness
  • ...und eine besprechung (boykottaufruf, habe ich gelöscht), die katholisch getauft und sehr sozialdemokratisch wirkt.

    " Mehr Mut zur Fiktion, weniger historische Details wären besser gewesen. "

    "Eine verpasste Chance!"

    erinnert an scharrrrfe demarchen und urteile ewiger jusos.
    schon immer: die schärrrfste aller waffen!
    heldenspielzeug.

    @ algieri

    warum dieses buch?
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#8 geesthachtAnonym
  • 29.09.2011, 16:00h
  • Wow !!! Auch der Ehmer?????

    "Was bei dieser Fülle an Figuren, die für eine Zeit in gemeinsame Schicksale hineingeschrieben sind, erstaunt: Die Erzählung schweift an keiner Stelle ins Kolportagehafte ab. Das wahrhaftig Banale, das nicht dicht am zeitgeschichtlichen Topos verhaftet ist, wird konsequent gemieden.

    Ehmers „30 Tage“ (einzelne Tagesausschnitte, die innerhalb der Jahre 1940 bis 1943 beschrieben sind) können als gelungenes Beispiel, wenn nicht als Lehrstück gelten, wie man es machen kann: am täglichen Mitleben und -leiden und an kleinen Freuden der Romanfiguren eine ganze Zeit erfahrbar zu machen."

    www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=12432
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#10 suspektAnonym
  • 29.09.2011, 17:35h

  • @kristian

    jaja. du glaubst immer noch, dass der missbrauch von kindern irgendwann der sexualität unter erwachsenen legalisiert wird.

    vergiss es! auch ich als schwuchtel nin durchaus in der lage kinder zu schützen! sei dir sicher!
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