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Roman "Straße der Stufen"

Kiffen und Vögeln in Marokko


Tavels Roman erschien 1968 in den USA und ein Jahr später auch in Deutschland. Männerschwarm hat sich jetzt an eine Neuausgabe gewagt

Ein junger, schwuler Amerikaner entdeckt in den 60er Jahren Tanger: Der Männerschwarm Verlag hat eine Neuauflage von Ronald Tavels Roman "Straße der Stufen" veröffentlicht.

Von Angelo Algieri

Zib und Zuck - Schwanz und Arsch. Auf Arabisch. Über sie wird überraschend offen gesprochen: Im Roman "Straße der Stufen" des schwulen US-amerikanischen Autors Ronald Tavel. Sein Werk erschien erstmalig 1968 in den USA und ein Jahr später bereits in Deutschland. Der Hamburger Männerschwarm Verlag beschert uns in diesem Herbst mit einer Neuauflage.

Tavel (1936-2009) unternahm Anfang der 1960er Jahre eine Europa- und Marokko-Reise. Wie die berühmten Schriftsteller der Beat-Generation um Allen Ginsberg, William S. Burroughs und Jack Kerouac zog es ihn nach Tanger. Die marokkanische Hafenstadt stand bis 1956 unter internationaler Verwaltung. Tangers Attraktivität für Autoren waren weniger wirtschaftliche Privilegien, sondern günstige Lebenshaltungskosten, Drogen und (homo)sexuelle Freiheiten. Als Tavel jedoch Anfang der 60er Jahr kam, befand sich Tanger seit der Eingliederung in das Königreich Marokko am wirtschaftlichen Abstieg - und mit ihr der freiheitliche Flair der Stadt. Dieser Niedergang sowie Tavels Reiseerlebnisse flossen in diesem Roman ein. Tavel wurde allerdings als Drehbuchautor und Dramatiker bekannt. So schrieb er für Andy Warhol etliche Drehbücher, darunter das zum Film "Chelsea Girls" (1966) mit der legendären Sängerin Nico.

Reden, saufen, kiffen und "nickien"

Wie anfangs angedeutet, strotzt dieser Roman vor geballter männlicher Kraft, Erotik und Sex - wohlgemerkt homosexuellen Sex, in Tanger vor 50 Jahren. Im Mittelpunkt stehen die Protagonisten Mark und Hamid. Ähnlich wie der Autor, landet der 18-jährige US-Amerikaner Mark nach einer Europareise in Tanger. Dort lernt er Hamid kennen. Er ist etwas älter als Mark, arbeitsloser Tischler und Dieb. Zu Beginn beschützt Hamid ihn vor seinen Diebesfreunden. Sie haben bald Sex und verlieben sich. Allerdings sind die Freunde von Hamid auch auf den smarten Ami scharf. Mark verbringt mit ihnen viel Zeit in Bars und Cafés: Sie reden, saufen, kiffen und "nickien" (ficken).

Das Gerede seiner Freunde über Marks Zib und Zuck, macht Hamid rasend eifersüchtig. Er rauft sich, bringt aus Ehrverletzung schon mal einen um. Mark bekommt davon wenig mit. Doch ihre Beziehung entwickelt sich zu einem Horrortrip: Sie misstrauen einander. Nach einem Jahr Aufenthalt in Tanger, fährt Mark gemeinsam mit Hamid nach Amerika. Hält dort die Beziehung?

Autor Tavel beschreibt sehr präzise die Welt der "kleinen Leute". Besser gesagt: die Welt der kleinen Männer und Gauner. Außenseiter wie in den Texten von Jean Genet oder Pier Paolo Pasolini. Das Besondere an Tavels Roman: Er lässt neben den Protagonisten mehrere andere Figuren die Geschichte über Mark und/oder Hamid erzählen. Diese Figuren können etwa Freunde, Widersacher oder Stricher sein. Der Leser wird quasi zum Ermittler, der verschiedene Zeugen hört. Dabei lässt Tavel sozio-kulturellen und sprachlichen Background mit einfließen - ohne klischeehaft oder kitschig zu wirken. Diese reichhaltige Stimmenvielfalt ist eine atmosphärischen Annäherung an die Stadt; vor allem eine Hommage an die arabische mündliche Erzähltradition.

Der Männerschwarm Verlag entmündigt leider den Leser


Ronald Tavel in jungen Jahren. Der 1936 geborene Autor starb 2009 auf einem Flug nach Bangkok

Des Weiteren arbeitet Tavel mit faszinierenden formalen Mitteln. In der Episode, in der Hamid und Mark sexuell verschmelzen, wechselt Tavel zu einem Gedicht, das die konkrete grafische Form eines Hanfblattes hat. Eindrucksvoll und pointiert kann man die rauschende Verschmelzung zwischen Orient und Okzident nicht besser beschreiben - ein wahrer, genialer Kunstgriff!

Es gibt zwar noch mehr davon. Doch nicht in dieser Version des Männerschwarm Verlags. Sie ist leider eine light Version - weder vom Autor so beabsichtigt noch die Urfassung. Verleger Bartholomae erläutert im Nachwort, dass seine Version einem "Kerntext" entspricht, der die kraftvollen marokkanischen Erlebnisse Marks eingrenzt. Er sei als "eigenständige literarische Leistung" zu präsentieren, weil er über "klar überlegene" Gestaltungsmittel verfüge, so der Verleger weiter.

Mutlos und arrogant ist diese Entscheidung. Mutlos, weil es eine Urfassung gibt, die komplett hätte erstmalig übersetzt werden können. Rowohlt hat es vorgemacht: 2010 ist die Urfassung von "On the Road" von Jack Kerouac auf Deutsch erschienen. Arrogant, weil der Verleger sich anmaßt, einen "Kerntext" selbst zu schneidern. Nach dem Motto: Ich mache mir den Roman, wie er mir gefällt. Arrogant auch deshalb, weil er im Nachwort von "überlegenen" Gestaltungsmitteln spricht. Andere Ausdrucksformen, wie grafische oder experimentelle Lyrik, Travestien oder Sure-Zitate sind somit für den Verleger unterlegene Ausdrucksformen? Eine wahnwitzige Unterscheidung!

Arrogant zudem, weil Bartholomae den Leser nicht zutraut, selbst zu entscheiden, ob Gestaltungsmittel für den Roman gelungen sind. Jeder kann im Übrigen auch eine Passage überspringen, wenn ihm eine Form nicht gefällt. Doch das sollte bitteschön auch jedem selbst überlassen werden. So aber entmündigt der Verleger den Leser!

Um es klar zu sagen: Tavels Roman ist eine wundervolle Wiederentdeckung! Schade nur, dass der Männerschwarm Verlag die große Chance verpasst hat, die Urfassung zu übersetzen und damit wahre Pionierarbeit zu leisten!

Ronald Tavel: Straße der Stufen. Roman. Aus dem Englischen von Joachim Bartholomae und Otto Wilck. 328 Seiten, Männerschwarm Verlag, Hamburg 2011, 19,90 €.



#1 Mark & DollarAnonym
  • 11.10.2011, 10:37h
  • " Er ist etwas älter als Mark, arbeitsloser Tischler und Dieb. Zu Beginn beschützt Hamid ihn vor seinen Diebesfreunden."
    ( Angelo Algieri)

    _____________

    "Als Ausländer ist Mark überall, wohin er kommt, eine Sensation, sofort sammelt sich um ihn ein Gefolge von arbeitslosen Handwerkern, Bettlern, Schuhputzern und Herumtreibern, für die Mark selbst mit seinem Budget von drei Dollar am Tag ein reicher Mann ist."

    www.tikla24.de/buch-strasse-der-stufen-beschreibung.html
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#2 MarekAnonym
  • 11.10.2011, 11:42h
  • NEIN danke!

    Zensur braucht niemand!

    Wenn der Verlag meint, nur eine zensierte Version zu veröffentlichen, hoffe ich, dass er darauf sitzen bleibt und für die Zukunft lernt.

    Was man dem Leser zumuten kann oder nicht, soll bitte jeder Leser für sich selbst entscheiden. Da brauche ich keine Bevormundung durch einen Verlag, der das Original nach eigenem Gusto zusammenkürzt.

    FINGER WEG von sowas!!
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#3 JensAnonym
  • 11.10.2011, 13:18h
  • Gerade um das Lebensgefühl einer Zeit und eines Ortes dem Leser authentisch vermitteln zu können ist es wichtig den Autor als Zeitzeugen erzählen zu lassen und keine abgeänderte Version durch einen Verlag zu schaffen, der sich dadurch anscheinend mehr Auflagen erhofft?

    Nichts ist langweiliger als Bücher und Filme die aus angeblich "dramaturgischen Gründen" modernisiert und somit das Original verfälscht wurde.
    Passt aber in eine Gesellschaft die nicht mehr denkt, sondern konsumiert.
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#4 FoXXXynessEhemaliges Profil
#5 vingtans
#6 stromboliProfil
  • 12.10.2011, 07:33hberlin
  • ich erinnere, mich den roman anfang 70ziger gelesen zu haben.. und ihn selbst auf einer reise in marokko 1971 als reiselektüre mitgeführt zu haben...
    Das buch kam im olympia-press unter dem titel "STUFEN" heraus!
    Vieleicht sollten interessierte danach im internet-antiquariat suchen

    btw...
    eigentümlich das fehlen jeglicher hinweise in wikipedia zu dem buch ( engl.org. "Street of stairs ") und seine homosexualität..
    weder in der engl. noch in der deut. version .
    Reinigt man so die literaturgeschichte von unliebsamen inhalten (?); ich finde so was äusserst ärgerlich!

    en.wikipedia.org/wiki/Ronald_Tavel

    de.wikipedia.org/wiki/Ronald_Tavel

    Hier mal ein link der alle interessieren dürfte :

    www.glbtq.com/

    wo der versuch unternommen wird, queer-geschichte zu sammeln und weiter zu geben,
    aber über Tavel nichts zu finden...
    habs dann noch mal auf seiner homepage versucht:

    www.ronaldtavel.com/about.html

    wo auch, quasi als fußnote, der roman angesprochen wird.
    Sehr ergiebig ist das alles nicht!
    Schade!
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#7 Martin FrankAnonym
  • 16.10.2011, 19:29h
  • Ohne sich die Mühe zu nehmen, dass vollständige Manuskript von Ronald Tavels "Strasse der Stufen" gelesen zu haben, verlangt Angelo Algieri, dass der Männerschwarm Verlag das vollständige Manuskript hätte übersetzen und verlegen sollen. Hat Angelo Algieri recht?

    Ich habe "Street of Stairs" in der von Ronald Tavel selbst gekürzten Version und nun in der neuen von Joachim Bartholomae ausserordentlich sorgfältig herausgegebenen, erweiterten Fassung gelesen. Da das vollständige Originalmanuskript im Netz verfügbar ist, sehe ich nicht ein, warum eine wunderbare Liebesgeschichte einem abstrakten Wunsch nach Vollständigkeit geopfert werden sollte.

    Männerschwarms "Strasse der Stufen" ist nicht für Anglisten gedacht -- die können Englisch und lesen das Werk im Original. Die neue deutsche Ausgabe ist für Menschen gedacht, die eine wunderbare, moderne Liebesgeschichte lesen wollen. Die Beziehung zweier Menschen aus zwei Kontinenten mit ekstatischen Höhen und mörderischen Tiefen.

    Dem Männerschwarm Verlag und Joachim Bartholomae gebühren vorallem Dank für eine hervorragende Übersetzung.
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#8 RudiAnonym
#9 papahemProfil
  • 10.09.2012, 09:52hWien
  • Ohne das Buch jetzt gelesen zu haben, und rein auf die Kritik bezogen, dass der Herausgeber sich anmaßt, den "Kern" herauszuarbeiten: Die flattrige Aufregung erscheint künstlich, wenn man berücksichtigt, dass dies seit Jahr und Tag mit Theaterstücken und Opern so gemacht wird, das eigentlich jede literarische Übersetzung schlussendlich nicht mehr als eine (hoffentlich gelungene) Interpretation, eine Annäherung an das Original ist.
    Sich hier aufzuplustern, zu rufen: "Ja was erlaubt sich denn der?", kommt mir vor, als würden persönliche Animositäten vor Publikum ausgetragen. Eine Diskussion, in wie weit ein Herausgeber Einfluss nehmen kann/darf/soll, auf ein zu übersetzendes/übersetztes Werk, kann man auch in einem anderen Ton und mit anderen Mitteln führen.
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