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Der französischer Romanautor, Dramatiker und Poet Jean Genet starb 1986 in Paris. Das Foto zeigt ihn drei Jahre vor seinem Tod. (Bild: Wiki Commons / Peripitus / CC-BY-SA-3.0)

Der marokkanisch-französische Schriftsteller Tahar Ben Jelloun zeichnet ein eindrucksvolles Porträt seines schwulen, oft falsch verstandenen Dichter-Kollegen Jean Genet.

Von Angelo Algieri

Ihn interessierten nicht die Hetzjagden gegenüber Schwulen etwa auf Kuba, in der Sowjetunion und Iran. "Er hat sich in jedem Fall immer von den Bewegungen oder Vereinigung der Homosexuellen in Frankreich oder sonst wo ferngehalten." Denn: "Es war nicht sein Kampf."

Das schreibt der heterosexuelle marokkanisch-französische Schriftsteller Tahar Ben Jelloun, Jahrgang 1944, über den schwulen französischen Autor und Provokateur Jean Genet (19.12.1910 bis 15.4.1986). Jellouns Buch "Jean Genet, der herrliche Lügner" ist im niedersächsischen Gifkendorfer Merlin Verlag erschienen. Verdienstvoll: Dieser Verlag bringt die komplette Werkausgabe von Genet heraus.

Jelloun beschreibt in seinem Buch in erster Linie seine Begegnungen mit Genet. Sie trafen sich zum ersten Mal im Mai 1974 und daraufhin unregelmäßig für die nächsten zehn Jahre. Bei ihren Treffen in Paris oder im marokkanischen Tanger diskutierten sie. Niemals über Genets Werke, sondern über Verrat, Narzissmus und allen voran über die Entrechteten. Doch Genet sprach nicht nur darüber, sondern unterstützte etwa die Bürgerrechtsbewegung "Black Panthers" in den USA, die Einwanderer in Frankreich und vor allem die Palästinenser.

Genet stand auf der Seite der Rechtlosen

Beiden verband, dass sie keine Heimat hatten: Genet ist als Waise aufgewachsen, die Palästinenser haben bis heute keinen Staat. "An dem Tag, an dem die Palästinenser einen Staat haben, werden sie mich nicht mehr interessieren", sagte er gegenüber Jelloun.

In Jordanien besuchte Jean Genet Ende der 60er Jahre Flüchtlingslager für Palästinenser. Bei dieser Gelegenheit lernte er den PLO-Präsidenten Yassir Arafat kennen. Seitdem pflegte er regelmäßigen Kontakt zur PLO in Paris. Erschüttert war Genet, als er während des Bürgerkriegs in Libanon 1982 die Leichen des Massakers von Sabra und Chatila gesehen hatte. Palästinensische Flüchtlinge wurden von christlichen Milizen wahllos umgebracht: mindestens 800 Tote, darunter Kinder und Frauen. Er verarbeitete diese schrecklichen Bilder in einem imposanten Zeitschriftenartikel.

Doch diese palästinensische Sympathie brachte ihn den Vorwurf des Antisemitismus - auch heute noch. Jelloun weist diesen Vorwurf weit von sich. Denn Genet stand auf der Seite der Rechtlosen und verteidigte sie gegen den Staat. In diesem Fall gegen den israelischen Staat.

Eklatant wurde es, als Genet gegen den deutschen Staat schrieb. Sein wohlwollendes Vorwort, das der französischen Ausgabe von Schriften der Baader-Meinhof-Gruppe vorstand, erschien Anfang September 1977 in der Abendzeitung "Le Monde" - auf der Titelseite. Ein Sturm der Entrüstung brach aus. Und das am Vorabend des "Deutschen Herbstes, nur kurz vor der Entführung und Ermordung Hans Martin Schleyers durch die Rote Armee Fraktion und des Hijackens des Flugzeuges "Landshut". Jelloun hatte Genet in jenen Tagen niemals so niedergeschlagen, einsam und unverstanden gesehen.

Genet blockte immer ab, wenn es um sein Liebesleben ging


Ein persönliches und facettenreiches Portrait des "späten" Genet

Natürlich geht es in diesem Buch auch um Genets Freund und Ex-Freunde. Allerdings nichts Spektakuläres. Denn Genet blockte Jelloun immer ab, wenn es um sein Liebesleben ging. Zwar lernte Jelloun Mohamed kennen, doch es war ihm nicht gelungen, ob Genet nun mit Mohamed zusammen war. Fest steht nur, dass Genet ihn geliebt und ausgehalten hat. Er hat Mohameds Heirat mit seiner Cousine finanziert und ihnen ein Haus im marokkanischen Larache, wo Genet heute begraben liegt, bauen lassen. Als Mohamed ein Sohn bekam, bestimmte Genet, dass sie ihn Azzedine nennen sollen - nach dem Vornamen eines ermordeten PLO-Vertreters.

Jelloun gelingt in seinem Buch ein persönliches und facettenreiches Portrait des "späten" Genet zu zeichnen. Es ist ein ruhiger, aber engagierter und einfühlsamer Genet. Jedoch auch ein widersprüchlicher, grober und unfairer Zeitgenosse. Doch immer noch anders als der "junge" Dieb Genet. Und anders als seine sinnlichen Figuren voller Erotik etwa in seinem Roman "Querelle de Brest". Während er in den jungen Jahren schrieb, um aus dem Gefängnis herauszukommen, verfasste Genet sein letztes Buch "Ein verliebter Gefangener" aus politischem Engagement heraus.

Kleiner Wermutstropfen: In der deutschen Fassung hätten die angedeuteten politischen Ereignisse in Fußnoten erklärt werden können. Man kann nicht von jedem erwarten, dass er sich mit der französischen Politik oder im Nahost-Konflikt der 70er und 80er Jahre restlos auskennt. Zudem ist die Übersetzung von Christiane Kayser zwar gut, doch wirkt sie in einigen Passagen verstaubt.

Trotzdem: Durch Jellouns einfache und teils flotte Sprache glückt ihm ein durch verschiedene Textformen spannendes und informationsreiches Buch. Es ergänzt nicht nur die Edmund-White-Biografie von 1993, sondern sie birgt neue Anekdoten und Erkenntnisse.

Eine Hommage an Genet - ohne ihm ein Denkmal zu setzen. Ganz nach Genets Geschmack!

Tahar Ben Jelloun: Jean Genet, der herrliche Lügner. Deutsch von Christiane Kayser. 160 Seiten, Merlin Verlag, Gifkendorf 2011, 22 €



#1 FoXXXynessEhemaliges Profil
  • 01.11.2011, 17:40h
  • Jean Genet hat über sein Liebesleben nur wenig preisgegeben und das war auch gut so, getreu dem Motto "Sie dürfen alles fragen, aber - Gott sei Dank - nicht alles wissen"!
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#2 Geert
  • 02.11.2011, 20:42h
  • Antwort auf #1 von FoXXXyness
  • Dass hier einige Schwuppen für den richtigen Beitrag von FoXXXyness rote Punkte verteilen, zeigt einmal mehr, dass Homosexualität nicht vor Dummheit schützt! Das Leben, das Jean Genet in Tanger gelebt hat, ist auch nicht annähernd mit einem "gay" Lifestyle in Europa des Jahres 2011 zu vergleichen!
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#3 alexander
#4 WaltherAnonym
#5 FoXXXynessEhemaliges Profil