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In "Immer wieder samstags" hinterfragt Rainer Hörmann die Rituale und Mechanismen der Szene

Der Berliner Autor Rainer Hörmann rechnet in seinem neuen Buch "Immer wieder samstags" mit der Gay Community ab.

Von Angelo Algieri

"Oh nein! Bitte nicht einer dieser bitteren Schwulen, die über den jetzigen Zustand der schwulen Welt nur schwarz sehen!", so könnte man nach den ersten Seiten des Buchs "Immer wieder samstags" des Journalisten und Autors Rainer Hörmann, Jahrgang 1964, aufstöhnen. Der Titel ist zum einen die Anlehnung an sein vorhergehendes Buch "Samstag ist ein guter Tag zum Schwulsein" (2005 ebenfalls im Berliner Querverlag erschienen) und zum anderen an den Schlagerhit "Immer wieder sonntags" von Cindy & Bert.

Bereits im "verbalem Vorglühen", wie Hörmann sein Vorwort nennt, bereitet er den Leser pointiert und bissig-ironisch auf verschiedene unverstandene Entwicklungen vor: Etwa, dass die Gleichberechtigung der Homo-Ehe zu viele Ressourcen bindet. Oder den Überdruss medialer Jagd nach dem ersten schwulen Fußballer.

Vom "Christopher Street Day" zum kommerziellen "Pride"

Die ersten Kapitel werfen den Blick nach innen. So hinterfragt Hörmann beispielsweise Rituale oder Normen der Gay-Event-Kultur. Er unterscheidet hierbei zwischen Folklore und "Fakelore". Als Folklore im besten Sinne bezeichnet er den CSD. Hingegen wäre die Umbenennung der Parade in "Gay-Pride" eine "Fakelore", wenn die "Wurzeln und Herkunft so überformt sind", dass sie nicht sichtbar seien, so Hörmann. Pride diene nicht nur der besseren globalen Vermarktung, sondern er vermittle eine Haltung, ein Gefühl ohne Geschichte. Somit ein passives, sinnentleertes Konzept. Im Gegensatz zum Wort Christopher Street Day: Hier wird daran erinnert, wofür gerungen worden sei. Eine der starken Analysen dieses Buches.

Des Weiteren prangert der Autor die "Normierungs-Maschinerie" der Gay Community an. Wobei er vor allem an die institutionalisierte Anpassung denkt, wie etwa die Charta der Veranstalter des Kölner CSD, die seit 2009 von allen Wagen-Teilnehmern und Fußgruppen unterzeichnet und befolgt werden muss. Dadurch solle beispielsweise die eingeforderte Toleranz "nicht durch maßlose Provokation" strapaziert werden. Und wer sich an dem Werte-Kanon nicht halte, dem drohen Sanktionen. Es solle, so Hörmann, der gute Homosexuelle von oben auferlegt werden. Eine fatale Entwicklung.

So listet der in Berlin lebende Autor und Blogger viele seiner Aufreger auf. Neben der inneren Betrachtung, auch den Blick auf die Mehrheitsgesellschaft und ihren Blick auf uns. So verweist er etwa auf eine Kolumne von Henryk M. Broder, der sich von Schwulen bedroht fühlt. Folgerichtig konstatiert Hörmann Broder eine Minderheiten-Paranoia. Doch auch auf die einstigen Feindbilder scheint nicht mehr Verlass zu sein: Selbst die Würdenträger der katholischen Kirche haben nichts gegen Schwule und Lesben. Allerdings hauen sie regelmäßig auf sie ein, jedoch mit gewiefter Pressetaktik, wie Hörmann präzise aufzeigt. Die Diskriminierung geschieht so in subtiler und perfider Form.

Eingestreute Interviews u.a. mit René Powilleit und Bernd Gaiser


Rainer Hörmann ist als Redakteur, Lektor sowie in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit tätig (Bild: Jim Baker)

Besonders hervorzuheben sind die vier Interviews, die zwischen den Kapiteln gestreut sind. Allen voran die mit René Powilleit und Bernd Gaiser.

Powilleit, Jahrgang 1988, engagiert sich nicht nur bei manCheck, IWWIT und ist in einem Unternehmen Betriebsratsvorsitzender, sondern er ist auch CDU-Mitglied. Ein hochspannendes Interview, das zeigt, wie sich Jungschwuppen entgegen der landläufigen Meinung in der Gesellschaft und Community engagieren.

Mit Gaiser, Jahrgang 1945, hingegen interviewt Hörmann einen älteren Schwulen. Gaiser ist Sprecher von "Lebensart Vielfalt" und Mitorganisator des queeren Mehrgenerationenhauses, das in Berlin entstehen wird. Darüberhinaus setzt er sich für einen Dialog zwischen jungen und älteren Schwulen ein. Ein aufschlussreiches Interview. So betont Gaiser, dass er für die jüngere Generation viel Verständnis habe, wenn sie sich noch nicht für das Altern interessiere: "Man lebt in den Tag hinein - was ich früher ja auch getan habe." Sympathisch und unverkrampft.

Trotz der teils guten Analyse von Phänomenen und Entwicklungen der schwulen Welt fällt Hörmanns Blick jedoch begrenzt auf die schwule Szene in den Großstädten, vorrangig Berlin und Köln. Spannend wäre noch zu erfahren, wie die schwule Welt sich in der "Provinz" entwickelt. Auch Schwule mit Migrationshintergrund kommen nicht vor. Hier wäre die Frage etwa, wie sich die schwule Welt mit ihr verändert. Des Weiteren kommt das Internet viel zu kurz vor sowie welche Entwicklungen hier abzusehen sind - jenseits von Gayromeo & Co. Bei aller Kritik über Mainstream-Veranstaltungen, warum verschont Hörmann den alternativen CSD oder alternative Veranstalter?

Dennoch: Hörmann erweist sich in diesem Buch erneut als analytischer Kritiker und Kommentator der schwulen Welt in den Großstädten. Dieses Buch ist ein Muss für jede kommende Homo-Diskussion!

Rainer Hörmann: Immer wieder samstags. Was die schwule Welt zusammenhält, 192 Seiten, Querverlag, Berlin 2011, 14,90 €

Terminhinweis

Buchpremiere am Mittwoch, den 23. November 2011 um 19 Uhr im Schwulen Museum Berlin, Mehringdamm 61, Kreuzberg, Eintritt frei.


#1 lucdfProfil
  • 16.11.2011, 22:16hköln
  • Es wäre nicht schlecht, dass die Gay Community bestimmte Entwicklungen kritisch betrachtet und einiges in Frage stellt. Die schwule Szene ist oft nur noch kommerziell und ziemlich enttäuschend im Endeffekt. Emanzipation, Freiheit, Solidarität, Offenheit, Souveränität, Toleranz in den eigenen Reihen.... ähm.... das klappt noch nicht ganz! Nein ich bin nicht verbittert.... noch nicht.... aber sehr oft genervt!
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#2 vingtans
  • 16.11.2011, 22:59h
  • ich hab mich längst von der szene abgewand.

    die szene propagiert sex und dessen vermarktung.
    damit hörts auf.
    mehr bedürfnisse stillt man dort nicht.

    wer braucht den szenen, wenn man keinen sex sucht?!
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#3 schwulenaktivist
  • 16.11.2011, 23:08h
  • Ich kann zu Büchern nur empfehlen: Weiterbildung ist nachhaltiger als Einbildung (im Internet! :P
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#4 Mister_Jackpot
  • 16.11.2011, 23:15h
  • Die Frage ist doch: Was ist die Gay Community" überhaupt?" ...d.h. was verbindet uns ausser unserem schwulsein? Das Problem ist, dass es kein Zusammengehörigkeitsgefühl mehr gibt, da Schwulsein offiziell ja nicht mehr verboten ist. Da kommt dann am ende doch die menschliche Natur durch, nach dem Motto: Jeder (auch jeder Schwule) ist sich selbst der Nächste!"...nur in konkreter Not wird "zusammengehalten"! Leider....
    Wir können nur versuchen in einzelnen Grüppchen inerhalb der schwullesbischen Gemeinschaft etwas zu erreichen....also durch einzelne Interessengruppen. Ein umfassendes Zusammengehörigkeitsgefühl ist meiner Ansicht nach heutzutage aufgrund der stark fragmentierten (auch homosexuellen) Gesellschaft nicht mehr möglich. Eine Folge der Individualisierung aller Menschen in unserer globalisierten (vor allem westlichen) Welt. Es gibt mittlerweile anscheinend mehr das uns unterscheidet als das was uns verbindet. Ein schwuler Banker kann z.B. nichts mit einem schwulen Hartz IV Empfänger anfangen. Ein gut trainierter Schwuler wird sich eher selten mit einem molligeren Schwulen verpartnern etc... Wir müssen uns also alle selbst fragen in welchen Schubladen wir alle mittlerweile denken und ob wir nicht selbst mittlerweile innerhalb unserer "Minderheit" ein kleines Abbild der Mehrheitsgesellschaft geworden sind ohne es zu bemerken. Erst wenn wir uns über all das bewusst werden können wir an die Sachthemen herangehen....
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#5 mannikoelnAnonym
  • 17.11.2011, 00:14h
  • "Die Charta der Veranstalter des Kölner CSD ... soll den "guten Homosexuellen" von oben auferlegen". Bei so einem Schwachsinn schwillt mir der Kamm!

    Der Autor verwechselt da die "institutionalisierte Anpassung" mit dem schlichten menschlichen Anstand. Wenn man den allerdings aus den Augen verliert, kann man so einen Kram zusammenschreiben. Was daran "analytische Kritik" sein soll, erschließt sich mir nicht.

    Der CSD ist eine öffentliche (politische!) Veranstaltung im öffentlichen Straßenraum. Leider gab und gibt es da immer wieder Hohlköpfe, die meinen, nicht nur ihre Regenbogenfahne und Forderungen, sondern auch ihren Sex dort zur Schau tragen zu müssen und dabei jegliches Maß verlieren.

    Wenn zB ein "Masterchen" meint, sein nacktes "Hundchen" über die Straße zwischen Familien mit Kindern durchschleifen zu müssen und sein "Pfauenrad" schlagen zu müssen, welches so groß ist, das es in die eigenen vier Wände nicht passt, geht mir das auch auf den Senkel.
    Zu Hause im Treppenhaus oder im Vorgarten sind die Memmen vor und nach dem CSD-Wochenende die braven Nachbarn mit ALDI-Tüte und zur Schwiegermama fahren sie in Schlips und Kragen.
    Aber beim CSD! Da lassen sie's dann hirn- und rücksichtslos krachen, weil sie da ja keiner kennt.

    DAS nenne ich eine fatale Entwicklung, wenn jegliche Rücksichtnahme und Toleranz von uns Schwulen außer Acht gelassen werden, wir selber aber am lautesten "Intoleranz !" schreien, wenn sich dann jemand völlig zu Recht darüber aufregt.

    Aber wir Schwulen (und Lesben) werden ja unterdrückt und müssen mal den Dampf aus dem Kessel lassen ? OK ! Ja ! Dafür gibt's die eigenen 4 Wände und die Clubs, wo wir machen können, was wir wollen. Der Heumarkt ist jedenfalls nicht der Platz DAFÜR !
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#6 finkAnonym
  • 17.11.2011, 09:19h
  • Antwort auf #2 von vingtans
  • wer offene augen hat, der sieht, dass "die szene" nicht nur aus clubs und darkrooms besteht, sondern auch aus aids-beratung, sport- und freizeitgruppen, coming-out-gruppen, schulaufklärungsprojekten, wissenschaftlichen projekten und diskussionen, ehrenamtlich organisierten veranstaltungsreihen, kino-gruppen usw. usw. usw.

    und wer braucht diese szene? offenbar viele menschen, nicht zuletzt jugendliche, die immer noch probleme haben, ihre identität zu entdecken und zu behaupten. und letztlich die ganze gesellschaft, die immer noch dringend der aufklärung in fragen sexueller identitäten bedarf.

    wer in der szene nichts anderes sieht als "sex und seine vermarktung", der hat meines erachtens schlicht ein massives wahrnehmungsproblem. das kann man aber nicht der szene anlasten.
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#7 Sascha GrachtnerAnonym
  • 17.11.2011, 09:33h
  • Antwort auf #5 von mannikoeln
  • Hallo,

    in einigen Punkten pflichte ich bei.

    Aber das der Kölner "ColognePride" wie er sich nun nennt politisch ist, das möchte ich hier mal mehr als in Frage stellen. Politische Ansätze mögen noch erkennbar sein, das war es dann aber auch.

    Schaut man sich mal auf der WebSite des ColognePride um wird man ganz schnell eine tolle Entdeckung machen. Der Veranstalter des sog. Straßenfestes ist eine GmbH und nicht der KLuST eV selber! Jeder der in der Schule etwas aufgepasst hat sollte wissen, dass eine GmbH auf Gewinnmaximierung aus ist und ein eingetragener Verein lediglich kostendeckend arbeiten darf.

    Lediglich die Parade kann man noch mit viel Gutwollem als politisch motiviert ansehen.
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#8 vingtans
#9 BurgerBerlinProfil
  • 17.11.2011, 09:58hBerlin
  • Vielleicht kann man einen Vergleich bemühen. Zu beginn der Bio-Lebensmittel war dies nur einem kleinen überzeugten Kreis zugänglich. Man ging in kleine verstaubte Läden und kaufte überzeugt verdreckte Kartoffeln und wollte noch die Welt verändern. Durch die gesellschaftliche Akzeptanz kann man die Bio-Lebensmittel heute überall kaufen. Die Masse braucht keine ideologische Überzeugung - bzw. möchte diese überhaupt nicht mehr.
    Gleiches passierte in der Schwulenszene - man muss nicht mehr in die "Schmuddelecke gehen" um seine Orientierung auszuleben. Natürlich wird so mancher "Aktivist" über diese Beliebigkeit enttäuscht sein. Vielleicht sogar zu Recht. Im Bereich "Bio-Lebensmittel" muss man sich auch die Frage stellen, ob man unbedingt "Bio-Kartoffeln" aus China kaufen muss.
    Ein berechtigter Standartsatz ist oft - "Dafür haben wir nicht gekämpft" - Vielleicht geht die Mehrheit den einfachen Weg - bei der Kartoffel sicherlich aus monetären Gründen und in der Schwulenszene möchte man sich nicht einem "Kampf" widmen, sondern dem "Vergnüngen". Aber "Vergnügen" ist nicht alles und ab und an sollte man sich erinnern - die Freiheiten sind keine Selbstverständlichkeit !!
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#10 NiklasAnonym
  • 17.11.2011, 10:11h
  • "So verweist er etwa auf eine Kolumne von Henryk M. Broder, der sich von Schwulen bedroht fühlt."

    Henryk Broder fühlt sich von allem bedroht, was nicht 100% seiner eigenen Meinung und Lebensweise folgt.

    Und das schlimme: er will auch alles, was ihm nicht passt unterdrücken.
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